IM Kind

Die Befürworter dieses Vorschlags sind mit sehr fragwürdigen Argumenten in die Debatte gegangen und haben mit ihren Vorschlägen zur möglichen Umsetzung der Kinder-Spitzelei viel über sich selbst offenbart. Wenn man, so fasse ich das zusammen, alles nur schön nach Recht und Gesetz durchführen würde, dann seien Kinder und Jugendliche als »verdeckte Ermittler« kein Problem.

Es ist möglich, dass sich Recht und Gesetz in dieser Weise hinbiegen lassen. Aber in Wahrheit werden die angeworbenen jungen Menschen verbogen. Die DDR hat es auch wie Recht und Gesetz aussehen lassen, dass Schüler, Auszubildende, EOS-Schüler, achtzehnjährige Wehrdienstleistende oder Erstsemester zur Spitzelei für das MfS herangezogen wurden. Es gab nach dieser Zeit genau genommen zwei Arten von Opfern: die Bespitzelten und die deformierten jungen IM. Nicht alle Opfer und nicht alle IM sind heil aus der Sache herausgekommen.

Die DDR war eine sozialistische »Diktatur des Proletariats« — wir leben heute in einer Demokratie. Aber unabhängig vom politischen System wirken Anreize: wenn der Mensch einmal für eine Handlung belohnt wurde, wird sich das Verhalten verstärken. Der Staat schafft mit der Umsetzung solcher Vorschläge einen Anreiz: er schafft Nachfrage für Zuträgerdienste. Und die einmal Belohnten werden sich wieder dafür anbieten. — Ich will mit einer provokativen Frage schließen: Würde eine der Befürworterinnen oder einer der ministerialen Autoren dieses Vorschlags das eigene Kind dafür hergeben?

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18 Kommentare zu “IM Kind”

  1. a.
    16.10.2007 | 0:30

    mit dieser argumentation könnte man genausogut die abschaffung von politessen fordern.

  2. googlehupf
    16.10.2007 | 1:02

    “Würde eine der Befürworterinnen oder einer der ministerialen Autoren dieses Vorschlags das eigene Kind dafür hergeben?”

    War der erste Gedanke der mir kam. Wie werden die eigentlich angeheurt?

  3. stefanolix
    16.10.2007 | 7:28

    Mit dieser Argumentation kann man nicht die Abschaffung der Politessen fordern. Politessen sind erwachsene Menschen und dürften beim ersten Einsatz im Alter von Anfang 20 sein: da kann man eine relativ gefestigte Persönlichkeit voraussetzen. Politessen müssen den Bürgern keine Fallen stellen, sondern nur die Einhaltung von Regeln kontrollieren.

    Ich habe auch keine Ahnung, wie man solche »Testkäufer« anwerben wollte. Ich weiß nur, dass man sicher keine Jugendlichen aus Familien bekommen wird, in denen Moral und bürgerliche Werte eine Rolle spielen.

    Herr Pofalla wollte in jedes Klassenzimmer ein Kruzifix hängen lassen, um damit die christlichen Werte zu stärken. Frau von der Leyen wollte Kinder mit gestärkten christlichen Werten aus genau den selben Klassenzimmern zum verdeckten Heucheln und Lügen anstiften.

    Auch wenn beide Vorschläge inzwischen durchgefallen sind: ich kann dahinter nicht wirklich ein schlüssiges Gesamtkonzept erkennen. Oder ist inzwischen jedes Ministerium verpflichtet, mindestens einen Vorschlag zur besseren Volksüberwachung einzubringen?

  4. R.A.
    16.10.2007 | 10:40

    Irgendwie sehe ich das Problem nicht.
    Ich halte meine Kinder (12 und 14) für durchaus moralisch gefestigt und vor allem intelligent genug, den Sinn einer solchen Sache zu verstehen.

    Und sie müssen ja auch nicht lügen, betrügen und spitzeln, sondern nur in den Laden gehen und neben den normalen Einkäufen eine Flasche Schnaps aufs Kassenband legen.

    Ich sehe nicht, wieso sie damit “deformiert” würden.
    Jedenfalls nicht mehr, als wenn sie mir eine Flasche Wein aus dem Keller holen - so verworfene Wünsche kommen in einem liberalen Haushalt real vor …

  5. stefanolix
    16.10.2007 | 10:57

    Meist geht es ja nicht gleich um Schnaps, sondern um Zigaretten oder »leichtere« alkoholische Getränke. Lügen müssten die Kinder z.B. dann, wenn die Verkäuferin fragt: »Na, bist denn du schon 16?« oder wenn sie einen Ausweis von älteren Geschwistern vorlegen würden. Ich glaube nicht, dass mit verdeckten Testkäufen nur gemeint ist, dass da eine Ware auf das Band gelegt wird.

    Als gefährlich für die weitere Entwicklung empfinde ich, dass die Kinder und Jugendlichen ja schließlich auch irgendwie dafür belohnt werden müssen. Man setzt damit (IMHO) falsche Anreize.

  6. 16.10.2007 | 11:54

    Ich mache mir Sorgen darüber, was den Kindern damit vermittelt wird. Kinder haben noch eine unschuldige Denkweise und würden dadurch in eine Richtung gelenkt, die ihre Entwicklung beeinträchtigt.

  7. stefanolix
    16.10.2007 | 12:37

    Vielleicht hat es auch eine positive Auswirkung: es wird jetzt überall hinterfragt, wo solche Pläne existierten oder wo sogar schon Kinder eingesetzt wurden. Die Sache wird transparenter.

    Übrigens finden solche Käufe ja fast niemals isoliert statt. In der Schlange an der Kasse oder am Kiosk stehen oft Erwachsene. Es tut wirklich nicht weh, gegenüber den Jugendlichen oder gegenüber der Verkäuferin mal ein klares Wort fallen zu lassen.

  8. R.A.
    16.10.2007 | 13:14

    @stefanolix:
    > Lügen müssten
    > die Kinder z.B.
    > dann, wenn die
    > Verkäuferin
    > fragt: »Na,
    > bist denn du
    > schon 16?«
    Mit der Nachfrage hat die Verkäuferin doch schon ihre wesentliche Pflicht getan.
    Wenn das Aussehen der Käufers nicht klar auf unter 16 hinweist, wäre die Frage ja überflüssig.

    > oder wenn sie
    > einen Ausweis
    > von älteren
    > Geschwistern
    > vorlegen würden.
    Ja mit Ausweis wäre die Sache doch erst recht ok für den Laden - den kann und muß der Verkäufer doch nicht prüfen.

    > Als gefährlich …
    > belohnt werden
    > müssen.
    Wenn sie etwas Sinnvolles tun, dann dürfen sie m. E. auch dafür belohnt werden.

    Wohlgemerkt: Ich halte von der ganze Sache nichts, das ist Sommerloch bzw. die übliche Politiker-Profilierung mit Schein-Politik.
    Irgendein Problem wird damit nicht gelöst.

    Aber man sollte jetzt auch die Kinder nicht unterschätzen.
    Wir reden hier nicht von unbedarften Kindergartenkids, sondern von Teenies, die sind schon ganz pfiffig.

    Und die verstehen sehr wohl, daß es grundsätzlich Situationen geben kann, wo falsche Angaben sinnvoll und moralisch gerechtfertigt sein können (das sieht man doch in jedem Kinderfilm - natürlich darf man die Bösen anlügen).

    Ich verstehe durchaus Dein Unbehagen wegen der Ähnlichkeit zu diversen DDR-Methoden.
    Aber das Problem dabei ist eben, wofür die DDR die Kinder benutzt hat.
    Wenn man aber bei moralisch anständigen Zielen bleibt, sehe ich kein Problem.

  9. Robin
    16.10.2007 | 13:20

    Was hat die Bespitzelung des Privatlebens der Bürger durch die Stasi mit dem Vorschlag von Frau von der Leyen zum Jugendschutz zu tun?

  10. R.A.
    16.10.2007 | 13:32

    > Dein Kommentar
    > wartet auf
    > Freigabe durch
    > die Moderation.
    Ui, neue Vorsichtsmaßnahmen.

    Schade, daß das offenbar nötig ist - das nimmt den Diskussionen natürlich die Direktheit.

  11. 16.10.2007 | 14:18

    @R.A.

    Dass mal ein Kommentar in der Moderationsschleife hängenbleibt, ist nichts Neues. Das passiert außerdem automatisch nach irgendwelchen Kriterien (Text des Kommentars u.a.), die Rayson vielleicht besser versteht als ich.
    Warum dein Kommentar hängengeblieben ist, kann ich nicht sagen.

  12. 16.10.2007 | 14:21

    Zum Thema aber:

    @R.A.

    Du siehst - egal, wie geistig reif heute Kinder schon sein können - kein grundsätzliches Problem dabei, wenn der Staat sich für seine - egal, wie moralisch einwandfreien - Zwecke Kinder bedient?
    Ist dann Kinderschutz in anderen Bereichen nicht irgendwann auch obsolet?

  13. 16.10.2007 | 14:23

    PS: Ich vermute mal, dass es am Wort “Teenie” lag, dass der Kommentar hängengeblieben ist.

    qed! Der hing auch fest.

  14. R.A.
    16.10.2007 | 14:54

    @Boche:
    > … ist nichts
    > Neues.
    Für mich schon ;-)

    Werde ich also ohne das T-Wort weiterformulieren.

    > wenn der Staat
    > sich … Kinder
    > bedient?
    “sich bedient” ist eine merkwürdige Formulierung. Die suggeriert schon Mißbrauch und Ausbeutung - das halte ich für problematisch.

    Unser Pfarrer “bedient sich” der Konfirmanden, um die Gemeindezeitung auszutragen.

    Unser Schulleiter “bedient sich” diverser Oberstufenschüler, damit die Neulinge von Mentoren betreut werden.

    Und ich “bediene mich” meiner Kinder, das Unkraut vor dem Haus zu jäten.

    Ich sehe im Prinzip kein Problem damit, wenn Kinder im Rahmen ihrer Möglichkeit auch etwas Nützliches beitragen.
    Selbst wenn der Staat dies organisieren sollte.

    Wir reden hier ja auch (bis auf mein Unkraut ;-) von freiwilligen Tätigkeiten.

    Ich sehe hier wirklich keinen Gegensatz zu Kinderschutz.

  15. 16.10.2007 | 17:09

    @R.A.

    “sich bedienen” finde ich als Vokabel vollkommen passend. Vielleicht, weil ich da Missbrauch und Ausbeutung nicht so stark herauslese wie du.

    Ansonsten haben mir deine Beispiele aber zu denken gegeben. Vielleicht ist es ja dem liberalen Geist geschuldet, dass ich vor staatlichem Kindergebrauch besonders zurückzucke (während mir stefanolix’ DDR-Assoziation allerdings nicht spontan in den Kopf gekommen wäre), während ich in einigen Jahren sicher nichts dagegen habe, auch meine Kinder zum Jäten zu schicken. ;-)

  16. Libertarian
    16.10.2007 | 18:12

    Eriinert fatal an Savonarola, die Uschi v.d.L.

  17. R.A.
    16.10.2007 | 18:14

    @Boche:
    > dass ich vor
    > staatlichem
    > Kindergebrauch
    > besonders
    > zurückzucke
    Kann ich schon verstehen.
    Bei der ganzen Sache kommt es halt sehr darauf an, wie das konkret ablaufen würde (nicht daß ich glaube, daß die Layen sich darüber schon wirklich Gedanken gemacht hat).

    Letztlich muß man sich damit abfinden, daß das Sommerloch inzwischen bis in den Winter geht - eigentlich lohnt sich das gar nicht ernsthaft zu diskutieren.

  18. Florian
    17.10.2007 | 20:39

    Ich finde die Tatsache, dass es sich hier um Kinder handelt, fast schon nebensächlich.

    Ganz grundsätzlich ist es doch, wenn der Staat (auf welchem Wege auch immer) einen Bürger zu einer Straftat verleitet, mit dem ausschließlichen Zweck, ihn dann für diese Tat bestrafen zu können.

    Das mag nur in ganz seltenen Fällen anders sein, wenn der Staat keine Chance hat, in einem bestimmten abgeschotteten Milieu Straftaten überhaupt zu entdecken.
    (Speziell dann, wenn beide Parteien eines Geschäfts eine Straftat begehen und somit keiner von beiden ein Interesse hat, “auszupacken”).

    Ich sehe aber nicht ein, warum es nur mit solchen “Agent provocateur” möglich sein soll, im Einzelfall die Straftat “Verkauf an Minderjährige” aufdecken zu können.
    Auch heute schon kann es doch im Supermarkt Zeugen geben, die das beobachten können.
    Oder Eltern, die ihr Kind fragen, wo sie denn den Schnaps herhaben.
    Oder Supermarkt-Mitarbeiter, die ihren Chef verpfeifen, wenn er seinen Kassiererinnen gesetzwidrige Anweisungen gibt.
    Oder Polizisten, die alkoholisierte Jugendliche fragen, wo sie den Schnaps herhaben (und die Jugendlichen haben doch dann auch den Anreiz, die Wahrheit zu sagen - anders als z.B. im Drogenmilieu ist der Vorgang für den Konsumenten ja straffrei).

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