17. Oktober 2007
Kalkulatorische Moral
Es gab da etwas, das mich schon bei der Diskussion über den Abschuss entführter Flugzeuge gestört hat - ich nenne es einfach mal “kalkulatorische Moral”. Es ist dies eine Position, die glaubt, moralische Dilemmata in einer schlichten Weise über Kalkulationen lösen zu können, ohne andere Aspekte von Moral überhaupt zu berücksichtigen. Im Falle dieser Flugzeugentführung ist der Fall da noch ganz einfach gelagert: Schießt man das Flugzeug nicht ab, sterben die Passagiere und die Menschen, die im Hochhaus sind, schießt man ab, dann eben nur die Insassen des Flugzeuges. Damit eine recht einfache moralische Entscheidung.
Das “Chinesen-Dilemma”, das R. A. hier noch einmal ausgeführt hat, macht die Sache schon komplexer. Denn hier muss ein Unbeteiligter sterben, um vielen anderen das Leben zu retten. Egal, wie man sich selbst in dieser Sache entscheidet, immer noch ist die Fragestellung natürlich sehr hypothetisch und unterkomplex - sie hat einfach sehr wenig mit den moralischen Fragen zu tun, die sich in der realen Welt so stellen. Sie führt lediglich ans Thema heran.
Erheblich komplexer, und der realen Welt entnommen, ist da schon folgendes Zitat von Hayek, das balou ausgegraben hat:
… Sehen Sie, in den nächsten 20 Jahren soll sich die Weltbevölkerung erneut verdoppeln. Für eine Welt, die auf egalitäre Ideen gegründet ist, ist das Problem der Überbevölkerung aber unlösbar. Wenn wir garantieren, dass jeder am Leben erhalten wird, der erst einmal geboren ist, werden wir sehr bald nicht mehr in der Lage sein, dieses Versprechen zu erfüllen. Gegen die Überbevölkerung gibt es nur eine Bremse, nämlich dass sich nur die Völker erhalten und vermehren, die sich auch ernähren können.
Abgesehen von dem Malthusianismus, der sich in diesem Zitat offenbart, und der Frage, worauf sich die Tatsache eigentlich gründet, dass sich das eine Volk ernähren kann und das andere nicht (historische Tatsachen wie gewonnene Kriege und mörderische Verdrängungswettbewerbe), gibt es für mich noch ein weiteres Problem mit dieser Aussage: Sie plädiert dafür, Menschen aufgrund einer gewissen Kalkulation einfach verhungern zu lassen. Das empfinde ich zunächst als widerlich, als pervers.
In den Kommentaren zu balous Beitrag erläutert Rayson die Gedanken hinter diesem Zitat:
Hayek geht davon aus, dass Überbevölkerung Hunger erzeugt. Und er meint beobachtet zu haben, dass auf jeden Versuch, den Hunger durch Umverteilung an die betroffenen Völker zu beseitigen, diese wiederum mit einem noch größeren Bevölkerungswachstum reagieren, so dass am Ende weiterhin immer wieder Hunger steht.
Ich bitte zu beachten, dass mein geschätzter Mitautor Formulierungen wie “er geht davon aus” und “meint beobachtet zu haben” verwendet hat, dass man also nicht davon ausgehen darf, dass er sich diese Logik zu Eigen macht. Für alle “kritischen” Mitleser möchte ich sogar noch einmal betonen, dass Rayson explizit dem Malthusianismus des Hayek-Zitates wiedersprochen hat. Er glaubt also nicht, dass die von ihm aufgeführten Grundannahmen richtig sind.
Was ich aber meine, aus seiner Erläuterung zu verstehen, ist, dass er, wären diese Grundannahmen richtig, Hayeks Überlegungen für gar nicht so falsch halten würde - für das Ziel, den Hunger abzuschaffen, müsste man eben die Völker entsprechend ihrer Fähigkeit, sich selbst zu versorgen, von den natürlichen Einflüssen dezimieren lassen (was für mich immer noch weniger verwerflich ist, als sie abzuschießen). Was ich davon halten soll, weiß ich ehrlich gesagt nicht - ich bin da wirklich unsicher. Das will ich anhand eines Beispieles begründen.
Es ist uns heute möglich, auch schwerst Behinderten immer mehr Hilfen zukommen zu lassen, die ihr Leben verlängern. Aufgrund dieser Tatsache wächst die Zahl der lebenden Behinderten immer weiter; durch manche Unterstützung ist es einigen Behinderten auch dann möglich, Kinder selbst in die Welt zu setzen, wenn diese mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit selbst behindert sein werden. Die Kosten für diese Hilfen gehen natürlich vom Budget dessen ab, was wir für die Behandlung anderer Kranker zur Verfügung haben, die an weniger schlimmen Krankheiten leiden. Und selbst wenn wir annehmen, dass die Budgets für die Gesundheitsfürsorge beliebig ausgeweitet werden, entstehen natürlich Opportunitätskosten - die entsprechenden finanziellen Mittel fehlen für andere Projekte oder Ausgaben, von der Bildungsförderung bis hin zum Konsum, der Arbeitsplätze schafft und arbeitenden Menschen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht.
Indem man sich nicht mehr um (unproduktive) Behinderte kümmert, sie vielleicht gar… (lassen wir das, jeder kann sich denken, was ich meine) ließen sich also vermutlich immense kalkulatorische Wohlfahrtsgewinne erzielen. Es wären erhebliche Kapitalmengen verfügbar, um andere Projekte zu fördern, die einer größeren Zahl an Menschen eine Verbesserung des Lebensstandards zukommen lassen würden. Mit dem Geld, das ein einzelner Behinderter in Deutschland zur Verfügung hat, könnte vermutlich ein ganzes Dorf in Entwicklungsländern versorgt, fortgebildet und in die Lage versetzt werden, ihren Kindern ein besseres Leben zu verschaffen und/oder einige von ihnen vor dem Hungertod zu bewahren. Der Wohlfahrtsgewinn wäre enorm, auf die Welt gerechnet. Und sicher immer noch deutlich, wenn man das Geld nur innerhalb der eigenen Nation oder gar der eigenen Kommune aufwenden dürfte.
Soviel zum extremen Beispiel, das allerdings näher an der Wirklichkeit ist als all diese Chinesen-Dilemmata und terroristischen Flugzeuge. Eindeutig ist für mich hier allerdings, dass die Moral, die sich ausschließlich an den kalkulatorischen Wohlfahrtsgewinnen orientiert (und damit zumindest die Ignoranz gegenüber Behinderten nahelegt) inakzeptabel ist. Was übrigens auch dann noch gilt, wenn mir jemand, der besser informiert ist, darlegt, warum es sich “rechnet”, Behinderten alle Hilfe zukommen zu lassen, die sie benötigen.
So weit, so einfach. Man kann aber auch noch ein anderes Extrem aufmachen, nämlich das einer Gesellschaft, die sich nur noch an den Behinderten, den Kranken und Schwachen orientiert, und ihre gesamte Leistungsfähigkeit aufwendet, um diesen zu helfen, auf Kosten aller anderen. Auch das wäre sicherlich inakzeptabel - denn auch das Wohl derjenigen, die gesund, stark und leistungsfähig sind, sollte einem Gesellschaftsentwurf am Herzen liegen. Wie weit sollte also die Unterstützung gehen? Wie weit sollte das, was man nach der Kalkulation eines “Wohlfahrtsgewinnes” ermittelt hat, die gesellschaftlichen Entscheidungen bestimmen, und wie stark sollte die Sorge um die Schwachen darauf Einfluss nehmen?
Beim Hayek-Zitat also: Wie groß sollte die Hilfe sein, die man Völkern zukommen lässt, die sich nicht selbst ernähren können, aber weiter wachsen? Da liegt doch eigentlich das Problem. Kalkulatorische Moral ist sicher nicht die Lösung aller Probleme und Dilemmata. Aber sie nicht einzubeziehen, scheint mir doch ein Fehler.
Verfasst von Karsten um 01:09 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik (Trackback)