Religion und Liberalismus

Das Thema “Religion” meide ich in der Regel lieber; es ist mir unangenehm, meine religiösen Überzeugungen darzulegen und die Darlegung der religiösen Überzeugungen anderer Menschen aufzunehmen. In dieser Hinsicht bin ich mit meinem geschätzten Blog-Herbergsvater Rayson an den Falschen geraten - neulich habe ich mich sogar dazu hinreißen lassen, ihm quasi begütigend die Hand auf die Schulter zu legen.

Und was macht mein Leib-und-Magen-Blatt? Fällt mir in den Rücken! Mir, dem unter liberalen deutschen Bloggern Weltberühmten! Der Economist hat nicht nur den dieswöchigen Titel für das Thema Religion reserviert, sondern es sogar zum Schwerpunktthema der gesamten Ausgabe gemacht!

euro|topics, die von mir schon einmal gelobte Presseschau aus dem Hause Perlentaucher, präsentierte heute einen kurzen Auszug aus dem Leitartikel von John Micklethwait, aus welchem ich ein noch kürzeres Zitat bringen möchte, in dem sich Micklethwait mit zwei Gruppen auseinandersetzt, die sich seiner Meinung nach mit der veränderten Rolle der Religion in der Politik schwer tun:

Zum einen sind es Politiker, vor allem Außenpolitiker. Realpolitik kann mit dem Irrationalen nicht viel anfangen. (…) Die andere Gruppe (…) sind Liberale. Wenn die religiöse Überzeugung schlicht unvernünftig erscheint – zum Beispiel wenn Schulen Kreationismus lehren –, ist es leicht, Einwände zu erheben. Aber in vielen Fällen gibt es liberale Argumente auf beiden Seiten. (…) Ist es liberal, einen Angestellten der British Airways davon abzuhalten, ein Kruzifix zu tragen? Wessen Rechte werden beeinträchtigt, wenn die Mehrheit der Insassen in einem türkischen Bus den Fahrer darum bittet anzuhalten, weil sie beten möchten?

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10 Kommentare zu “Religion und Liberalismus”

  1. Henning
    3.11.2007 | 8:42

    Von welchen Rechten wird denn da gesprochen? Vor allem im Busbeispiel sind es doch Vertragsrechte der nicht betenden Insassen, die verletzt werden. Selbst wenn dies im Beispiel nur ein Individuum wäre, müsste der Busfahrer bzw. das Busunternehmen imo einen Teil der Leistung des Insassen zurückerstatten und gegebenenfalls Schadensersatz leisten. Eine “demokratische” Wahl der Businsassen hat überhaupt keine rechtlichen Auswirkungen.

    Da wurde gedanklich einiges durcheinandergebracht!

    Wenn das Busunternehmen im voraus klarstellt, dass es zu den Betzeiten anhält, damit die Insassen beten können. Dann ist das was völlig anderes. Dann müssen sich nicht betende Insassen der Fahrtunterbrechung zu den jeweiligen Zeiten bei Vertragsabschluss bewusst sein. Etwas anderes ist es, wenn es sich um ein öffentlich-rechtliches Busunternehmen handelt. Da ist eine solche Regelung imo grundsätzlich abzulehnen, weil es gegen die Trennung von Staat und Religion verstößt.

    Build up that Wall!

  2. Robin
    3.11.2007 | 9:52

    Aus Deinem “neulich”-Link habe ich jetzt gelernt, dass Religion ein großes Unfreiheitspotential in sich berge.
    Aber wie ist es mit Liebe, Treue, Ehe? Bergen die kein Unfreiheitspotential? Sollte man die nicht auch liberalerweise abschaffen?

  3. Lina
    3.11.2007 | 10:13

    Yes, built up that wall and leave it allone! Sie ist zwar nicht liberal, aber funktional, und um Funktion geht es im Wesentlichen beim Zusammenhalt des grossen (gemischten) Haufens - Montaigne als seriösen Paten genommen.

    Beim Kruzifix wäre ich nicht kleinlich, wenn es als individuelles Bekenntnis um einen Hals hängt, bei der ungeregelten Busfahrt schon viel weniger, es sei denn, der Halt zum Beten liesse sich mit einem weltlichen Bedürfnis verbinden.

    Call it practicised “Women’s Lib”…

  4. Lina
    3.11.2007 | 10:17

    P.S.: Dieser Kommentar kommt aus Bayern, deshalb auch hier sinnentstellende doppelte Verneinung oder sowas ähnliches; es muss also heissen: …bei der Busfahrt aber schon… - Sorry!

  5. Henning
    3.11.2007 | 12:51

    @Robin

    Wer redet denn von abschaffen?

    Es geht darum den Einfluss von Religionen/Ideologien auf den Staat zu verringern.

    Dein Vergleich geht übrigens völlig an der Sache vorbei. Die Ehe ist praktisch ein Vertrag, von den Rechten und Pflichten sind nur die Ehepartner betroffen, die freiwillig diesen Vertrag schließen. Die meisten Religionen/Ideologien haben aber die Eigenschaft, dass sie es den Gläubigen erlauben ihre Regeln anderen Individuen aufzuzwingen. Das ist imo mit Unfreiheitspotential gemeint.

  6. 3.11.2007 | 13:54

    Das Thema Religion ist tatsächlich für viele liberale die ich kenne entweder unwichtig oder ein zu heißes Eisen. ICh persönlich sehe das anders. Zum einen will man sich nicht mit Hirngespinsten auseinander setzen, zum anderen möchte man nicht als atheistischer Extremist gelten. Ich bin froh das wir in Deutschland nicht amerikanische Verhältnisse haben.
    Allerdings ist auch Deutschland kein säkularer Staat im engeren Sinne. Der Staat sammelt für die Landes(!)kirche deren Mitgliedsbeiträge ein und viele kommunale und Landesregierungen sind aufgrund von Verträgen aus dem 19 Jhdt. zu Zahlungen an die Kirche verpflichtet. Zum Beispiel kommt Bayern mit mehreren Millionen € jährlich für den Hofstaat der Kardinäle und Bischöfe in Bayern auf. Ein anderes Beispiel war ein Kirchentag in Köln. Der Staat zahlte 60% der Kosten, 30% wurden durch Spenden aufgebracht und 10% kam von der Kirche. Ähnlich sieht es mit einem 7-10% Anteil an der Kostenbeteiligung der Kirchen an konfessionsgebundenen Kindergärten aus. Es dürfte also nicht ev. Kindergarten heißen sondern kommunaler Kindergarten sponsored by ev. Kirche. Wollte man wirklich eine Trennung von Staat und Kirche haben sollte man zuerst die LKs zu e.V.s machen und ihnen den Status als k.ö.R aberkennen. Oder, um gleiche Vehältnisse zu haben, jede Religion die Privilegien der LKs zukommen lassen.

    Was mir auch sorgen macht, ist aber der Glaube an den Glauben, die Einstellung das der Glauben etwas was gutes sei und das Menschen die innig glauben unseren Respekt verdienen. Leute die gerne den Begriff europäische Werte missbrauchen und damit das Christentum meinen… Da werden Leute wie Herr Ratzinger, Herr Meißner oder Herr Mixa zu Personen deren Meinungen Einfluss hat, aber was haben die studiert Theologie, eine Wissenschaft die sich mit einer Imaginären Figur und dem Interpretieren eines altem Buches das die Moral eines barbarischen Wüstenvolkes enthält, also im wesentlichen mit nichts beschäftigt.

    Worauf ich hinaus will, jedem liberalen dürfte klar sein das Horoskope und Erdstrahlen blödsinn ist, und die Leute die an sowas (hingebungsvoll) Glauben nicht mehr ganz bei Trost sind. Also warum bei den großen Sachen einen anderen Maßstab anlegen? Vorallem wenn wir soweit sind das der ZDF sich zensiert, wen die Lobby nur stark genug ist… (Warum gibt es keinen [url=http://brightsblog.wordpress.com/2007/10/18/der-fall-joachim-bublath]Artikel zu der Zensur von Bublath[/url] hier auf dem Blog, es geht hier um die Meinungs- und Redefreiheit!!!)

    “Wenn ein Mensch an einer Illusion leidet, die niemand mit ihm teilt, dann nennt man das ‘einen Fall für die Anstalt’. Wenn Millionen Menschen an ein- und derselben Illusion leiden, dann nennt man das Religion.”

    Ich fordere jeden liberalen dazu auf, die wirklichen europäischen Werte zu verteidigen, die da wären die Aufklärung, die Menschenrechte und die Demokratie! Denkt daran Liberalismus ist nicht nur auf die Wirtschaft beschränkt.

    WER gerne mehr erfahren möchte dem sei der [url=brightsblog.wordpress.com]brightsblog[/url] empfohlen.

    Rechtschreibfehler kann der Finder behalten…

  7. 3.11.2007 | 15:56

    Äh wo genau ist die Religion hier in Europa auf dem Vormarsch?

    Das Christentum ist es nicht und der Buddhismus höchstens als Lifestyle Produkt der Dalai Lama AG. Gut der Islam vielleicht, allerdings auf sehr indirektem Wege. Weil wir Religion (anders als etwa die Familie) zur Privatsache erklärt haben und man daher durch den Bezug auf Religion vor dem Zugriff des Staates geschützt ist. Ein Muslim muss nur sagen, X sei nicht mit seiner Religion vereinbar und schon hat er seine Ruhe. Die so erlangte Privatautonomie sollte man als Liberaler begrüßen (Die Trennung von Staat und Kirche hält nicht nur die Kirche in Schach, sondern begrenzt auch die Macht des Staates). Nur leider gehen mal wieder einen Schritt zu weit und ziehen die Grenze nicht nur für den Staat, sondern gleich für alle Bürger. (Stichwort ADG oder verbotene Suppenküchen)

  8. Buenavista
    3.11.2007 | 21:42

    “Glauben” an und für sich verdient keine Wertschätzung.
    Was man aus Glaubensgründen tut, darauf kommt es an. Da reicht die Palette leider von Albert Schweitzer bis Osama.

    Man kann die Quintessenz von Christentum, Islam oder Spaghettimonsterreligion völlig lächerlich darstellen. Aber darauf kommt es nicht an.

    Der Staat sollte keine Religion fördern. Er kann aber durchaus sozial wertvolle Tätigkeiten von Religionsgemeinschaften fördern.

  9. 4.11.2007 | 11:19

    Zu “Religion und Liberalismus” habe ich schon einiges gesagt. Ich als Christ sehe da eine Symbiose. Für mich ist eine liberale Gesellschaft das einzig vorstellbare Umfeld, meinen Glauben ernsthaft leben zu können, aber andererseits hole ich mir aus dem Glauben mehr als genug, um das zu füllen, was der Mensch nun einmal braucht, der Liberalismus aber bewusst jedem Einzelnen überlässt.

    Religionsfreiheit heißt, jedem Glaubenden und jeder Gemeinschaft von Gläubigen die Ausübung ihrer Religion zu ermöglichen, aber auch im Umkehrschluss, jedem Nichtglaubenden ein Leben ohne solche zu ermöglichen. Das ist ein einfacher Ansatz, der sich in der Praxis als schwierig erweist, weil der Begriff “Religionsausübung” nicht trennscharf ist und zudem mit anderen Traditionen vermischt sein kann. Im Kern ist das Spirituelle geschützt: Ich darf meinen Glauben bekunden und zu meinem Gott beten, auch in Gemeinschaft. Wo aber Religion die Ausübung von Praktiken verlangt, kann es zu Konflikten mit anderen Auffassungen kommen - Demokratie, Menschenrechte oder auch Tierschutz. Es sind daher die Religionen besonders konfliktträchtig, die ein reiches Arsenal an außerspirituellen Praktiken vorschreiben oder sogar den Anspruch erheben, genaue Regeln für das alltägliche Leben aufzustellen. Man wird mit den Religionen Probleme bekommen, für die es Fortschritt im Grunde gar nicht mehr gibt, weil sie sich an einem vergangenen Gesellschaftsideal ausrichten und/oder an einem alten Werk festhalten, das buchstabengetreue Befolgung verlangt.

    Eine Grenze besteht auf jeden Fall da, wo Anders- oder Ungläubigen durch Gläubige Rechte verweigert werden, Mehrheit hin, Mehrheit her. Gerade das Beispiel, wo mit der fragwürdigen Legitimation Mehrheitsabstimmung im Nachhinein eine Vertragsleistung verweigert wird (Beten im Bus), zeigt, dass diese Grenze von vielen nicht erkannt wird.

    Ich bin aber [C]Arrowman dankbar für sein instruktives Beispiel, dass Irrationalität nicht auf Religion und Gläubige beschränkt sein muss.

  10. 5.11.2007 | 22:18

    @ Rayson, danke gleichfalls…

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