5. November 2007
Höhere Diäten? Aber gern!
Als äußerst handlungsfähig erweist sich die große Koalition bei der Frage des eigenen Gehalts. Streiks sind nicht nötig, niemand muss erpresst werden, der Arbeitgeber wird nicht gefragt, weil alte Sitte es so will, dass er mit der letzten Wahl einen allumfassenden Blankoscheck ausgestellt hat.
Die Abgeordneten unseres Parlaments genehmigen sich also knapp 10% höhere monatliche Gehälter. Andernorts werden diesbezüglich berechtigte und etwas populistische von sozialer Gerechtigkeitssehnsucht angehauchte Fragen gestellt. Ich will das Geschehen einfach mal mit einem Gehaltsangebot an meine lieben Angestellten in Berlin beantworten:
Liebe Regierung, liebes Parlament,
mit Interesse habe ich euren Wunsch zur Kenntnis genommen, monatlich etwas mehr Geld in der Tasche zu haben. Ich werde zwar nicht gefragt, möchte aber trotzdem kurz etwas dazu sagen. (So, wie ihr meistens nicht von mir gefragt werdet und trotzdem Antworten gebt, die meine Art zu leben beeinträchtigen.)Nehmt bitte das Doppelte oder gern auch das Zehnfache der geplanten Erhöhung.
Im Ausgleich lasst ihr mich einfach etwas mehr in Frieden.Ihr sorgt euch bitte nicht mehr darum, wie und ob ich für Krankheit, Rente und Arbeitslosigkeit vorsorge.
Ihr verschafft mir Freiheit bei der Auswahl meines Medienkonsums und steht mir bei, wenn dahergelaufene GEZ-Schergen vor meiner Tür stehen, um Geld für die mediale Darstellung von Kerner-Müll und Fußball-Millionärs-Gehampel einzutreiben.
Ihr schreibt mir bitte nicht vor, wie groß das Gehalt mindestens sein muss, für das ich freiwillig einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben beabsichtige. Und ihr erlaubt mir, demjenigen, der für mich arbeiten möchte, genau den Lohn zu zahlen, auf den ich mich mit diesem Menschen selbst einige.
Ihr entscheidet bitte nicht mehr an meiner statt, wer mir als handwerklich Begabterer zur Seite stehen darf.
Und lasst das Sammeln meiner privaten Kommunikationsdaten sein. Als Ex-DDR-Bürger bin ich da etwas sensibel.
Nebenbei könntet ihr bitte mal nachsehen, wem ihr alles das Geld gebt, das ihr mir über Steuern und Abgaben abgeknöpft habt. Falls dort andere als wirklich Arme, Polizisten, Soldaten oder Richter dabei sind (ausgenommen seid natürlich außerdem ihr und eure Gehälter!), würde ich darum bitten, dass ihr damit aufhört und im Gegenzug die Steuern senkt.Ich weiß, das klingt jetzt nach sehr vielen Wünschen. Aber bitte bedenkt, dass ich euch nicht darum bitte, etwas zu tun. Sondern darum, das Meiste zu lassen. Und dafür biete ich euch sehr, sehr viel mehr Geld an.
Mehr Geld für weniger Arbeit - wär das nicht etwas?Beste Grüße,
euer Wahluntertan Boche
Update:
Martin Eisenhardt war dankenswerterweise so freundlich, aus meinem Beitrag einen sprachlich geglätteten Brief in Form eines PDF-Formulars zu erstellen.
Zum Ausfüllen, Ausdrucken und Versenden an den nächstgelegenen Gehaltsempfänger Bundestagsabgeordneten.
Verfasst von Boche um 13:44 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)