24. November 2007
Von “Antifa” und “Antifanten”
Vorweg sei angemerkt, dass ich weder – wie Che2001 “Antifa-Aktivist” war bzw. bin, noch die “Testesteron-These” meines sehr geschätzten B.L.O.G.-Mitstreiters Boche teile. Aber ich sehe mich – wenn es denn “zwei Parteien” in dieser Frage steht, eindeutig auf der Seite der “Antifa”. Die ich in Anführung schreibe, weil es die Antifa, im Sinne einer einheitlichen Organisation, eines Dachverbandes oder auch “nur” einer gemeinsamen Weltanschauung oder einer gemeinsamen Strategie, einfach nicht gibt. Ich stand und stehe in Sache “Antifa” eher am Rande, weiß aber dennoch aus eigenen Erfahrung, was für ein dummes Gefühl es ist, Drohbriefe von Neonazis zu bekommen. Und juristische Auseinandersetzungen mit Rechtsextremisten hatte ich auch schon – zum Glück erfolgreich. Was klar darauf hinweist, auf welcher Seite das größere “Agressionspotenzial” liegt.
Che schrieb zur “Antifa nach dem Mord an Silvio Meier”:
Eine Antifa-Strategie, die primär die Auseinandersetzung mit den Nazis selbst suchte, schien gescheitert, entsprechend wurde versucht, neue Wege zu gehen. Einige Antifas suchten möglichst breite Bündnisse, bildeten eine vereinsähnliche Antifa mit festen Strukturen, warben offensiv um Mitglieder und wollten eine bundesweite Organisation aufbauen – die Autonome Antifa (M), die bald vom eigentlich autonomen Gedankengut zum Marxismus-Leninismus umschwenkte und einen zunehmend autoritären Charakter annahm. Dann waren da wir, die wir einen Antifa-Begriff, der sich über den Feind, die Faschos, definierte kritisierten und vor allem die Opfer der Nazigewalt als Subjekte, nicht mehr als bloße Gewaltopfer, interessant fanden und so vom Antifaschismus zum Antirassismus und zur Aktionseinheit mit MigrantInnen und (überwiegend jugoslawischen, nigerianischen und kurdischen) Bürgerkriegsflüchtlingen fanden.
– womit er gerade mal zwei “Fraktionen” der “Antifa” abgedeckt hat.
Was wichtig ist, und was auch ich, der wie gesagt, eher am Rande stand, so mitbekommen habe: die “direkte Auseinandersetzung” nach dem Motto “sprich mit den Nazis in der Sprache, die sie verstehen” ist bei ernstzunehmenden Antifas als Taktik schon lange “gestorben”. Ich gebe zu: es gibt nach wie vor junge, politisch und persönlich unreife “Antifanten”, die sich ganz gerne mit etwa gleichaltrigen und noch unreiferen “Faschos” prügeln. Aber diese “Randalekids” spielen in der “Antifa” nicht einmal eine untergeordnete Rolle. Sie stören nur.
Der große Erfolg der Antifa-Szene seit den frühen 1990ern liegt darin, den zivilen Widerstand gegen Rechtsextremisten (von denen die Neo-Nazis nur eine, wenn auch besonders brutale und besonders “prominente” Gruppe darstellen) aus dem “linken Ghetto” bis weit in bürgerlich-liberale Kreise getragen zu haben.
Wie ich in meinem Artikel Es geschah in Mölln erwähnte, zeigten sich Anfang der 1990er zwei erschreckende Tatsachen: Auf der einen Seite wurde überdeutlich, dass xenophobe Gewalttätigkeit, Gewalt gegen Menschen, die irgendwie “anders” sind oder von besonders engstirnigen auch nur für “anders” gehalten werden, nicht “nur’” bei den “üblichen Verdächtigen” (sprich: “Stiefelnazis”) zu finden ist. Aus der anderen Seite stellte sich heraus, dass weite Teile der “politischen Klasse”, aber auch viele Vertreter der veröffentlichten Meinung, manche Grundüberzeugungen der Rechtsextremisten teilten. Die gespenstische Asyldebatte, die zur de-facto Abschaffung eines Grundrechts führte, war nur eines von mehreren Beispielen für einen “Rechtsruck” nach der nationalen Einheit. Auch wenn die pessimistischen Befürchtungen, dass ein einheitlicher deutscher Nationalstaat unweigerlich in die “alten Bahnen” des aggressiven Nationalismus nach außen und des Obrigkeitsstaates nach innen zurückfallen müsse, zum Glück übertrieben waren: die Chance, nach der Überwindung der Spaltung und mit dem revolutionären Potenzial der DDR-Bürgerrechtsbewegung eine wirklich liberale, offene und tolerante Gesellschaft aufzubauen, wurde weitgehend verspielt.
Das Problem, dass bei der Auseinandersetzung mit xenophoben Lynchmobs und rechtsextremen Gewalttätern auf die Hilfe staatlicher Organe nicht zu rechen war, und dass von politischer und von publizistischer Seiten noch Öl ins Feuer gegossen wurde, führte dazu, dass viele “bürgerliche” Demokraten die Scheu vor der “linksradikalen Antifa” verloren, und über Antifas differenzierten zu denken begannen. (Viele, leider nicht alle.)
Es war schön und gut, wenn in Form von Lichterketten “gegen Rechts” demonstriert wurde. Aber es erwies sich als wirksamer, Gegendemonstrationen gegen Nazi-Veranstaltungen abzuhalten, einfach, um zu zeigen, wem die Straße wirklich gehört. Veranstaltungen, bei denen auf 30 Nazis 3000 Gegendemonstranten kommen, sind zum Glück keine Ausnahme mehr.
Leider ist damit die Xenophobie in den Köpfen vieler scheinbar harmloser Mitbürger nicht beseitigt. Und leider sind auch die staatlichen Repressionen gegen Flüchtlinge und unerwünschte Einwander damit ebenso wenig vom Tisch, wie die bürgerrechtsfeindlichen “Sicherheitsmaßnahmen” zwischen Online-Durchsuchung und “vorbeugender Ingewahrsamnehmung von Gefährdern”. (Dass es entsprechende Fehlentwicklungen auch in den USA, Großbritannien und anderen traditionsreichen Demokratien gibt, zeigt nur, dass das Übel nicht in den “kulturellen Genen der Deutschen” steckt – und deshalb auch wahrscheinlich keine “unausweichliche” Folge der “Einheit” sind.)
Zum Schluss noch ein Wort zu den “Antifanten”. Darunter verstehen ich Menschen, die sich selbst als “Antifas” sehen, aber eine primitive “Freund-Feind”-Ideologie den Tag legen, die gelegentlich zu ärgerlicher Fehlschlüssen führt. Da ich, von der spirituellen oder meinetwegen religiösen Anschauung her Neuheide (und auch noch von der germanisch orientierten Sorte) bin, kenne ich den Nazi-Verdacht gegen mich zur Genüge. Wobei selbst verbohrte und diskussionsunfähige “Antifanten” nicht dazu neigen, mit juristischen Winkelzügen oder gar mit Gewalt zu drohen, geschweige denn, gewalttätig zu werden.
Fast alle mir bekannte Fälle, dass jemand “Ärger” wegen eines Thorshammers oder eines Runenamuletts bekommen hat, sind nicht auf “Antifanten”, sondern auf schlecht informierte / übereifrige Polizisten oder auf “stinknormale”, aber vorurteilsbehaftete Bürger zurückzuführen.
Ausnahme von der Regel: Attacken gegen Black-Metal-Fans, was aber eher auf ein tief liegendes Kommunikationsproblem als auf überschüssiges Testosteron der Beteiligten zurückzuführen ist.
Ich sage nicht, dass “Antifas” immer “die Guten” sind – es gibt nun mal kein einfaches gut-böse Schema, das Leben ist weder ein Märchen, noch ein Superhelden-Comic noch eine sicherheitspolitische Äußerung des Bundesinnenministers. Einige, die sich “Antifa” nennen, rechne ich sogar zu meinen persönlichen Gegnern. Und viele der gängigen, politisch “linken” Anschauungen in Antifa-Kreisen lehne ich ab.
Aber ich bin mir sicher, von welcher Seite Gefahren für Leib und Leben Unbeteiliger drohen. Und das ist nicht die Seite der “Antifa”!
Verfasst von MartinM um 18:05 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Innenpolitik, Politik (Trackback)
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