Legendenbildung

In Berlin gab es seit 2001 eine militante Untergrundorganisation, die durch revolutionären Tatendrang zu Brand- und Bombenanschlägen auf Ämter, Unternehmen, Fahrzeuge und Wohnungen getrieben wurde. Durch glückliche Umstände kam dabei bisher kein Mensch dauerhaft zu Schaden. Die Vokabeln der verwirrten und verwirrenden mg-Ideologie verstehen andere Bloggerinnen und Blogger sicher besser als ich. In dem Wikipedia-Artikel wird aus einem »Bekennerschreiben« zitiert:

Wir halten es für eine politisch hilflose Geste auf vermeintliche ‘Verstöße’ gegen einzelne ‘bürgerliche Rechtsgrundsätze’ aufmerksam machen zu wollen, ohne den systemimmanenten Charakter der Klassenjustiz aufzuzeigen bzw. diesen zu vernachlässigen

Das schreiben Leute, die mit Bomben und Feuer gegen unser Eigentum und gegen den Rechtsstaat vorgehen. Aber was sind schon bürgerliche Rechtsgrundsätze gegen den revolutionären Drang, endlich wieder den Kommunismus auf deutschem Boden einzuführen? Inzwischen dürften sie wohl recht froh darüber sein, dass sie in diesem verachteten Rechtsstaat und nicht in einer totalitaristischen Diktatur leben.

Einige Leser werden sich vielleicht daran erinnern, dass im Zuge der Ermittlungen gegen die linksextremistische mg auch der Berliner Wissenschaftler Andrej Holm verhaftet wurde. Er hatte Kontakt zu einem der Hauptverdächtigen und er könnte die Gruppe durch sozialkritische Veröffentlichungen beeinflusst haben. Andrej Holm wurde zunächst gemeinsam mit den drei Hauptverdächtigen verhaftet. Der Bundesgerichtshof hat die Bundesanwaltschaft aber später unter Hinweis auf rechtsstaatliche Grundsätze deutlich zurückgepfiffen. Das begrüße ich grundsätzlich, auch wenn ich die Ideologie der Militanten als verwirrt und verwirrend betrachte.

In der Zeitschrift Freitag strickt der Wissenschaftler nun an einer hübschen Legende:

Am vergangenen Freitag ist zum zweiten Mal ein Rechner von mir kollabiert. Ich bin kein Computerexperte, aber die Fachmenschen sprechen von einem Hardwarefehler. Das wäre an sich nicht weiter tragisch oder bemerkenswert, die Daten waren ordentlich gesichert, und auch technische Geräte geben ja ab und an ihren Geist auf. So ein Computer kann schon mal kaputt gehen. Doch an Zufälle glaube ich in den letzten Wochen nur noch selten - beide Rechner waren mit Asservatennummern versehen und wurden Ende Juli bei meiner Festnahme im Rahmen von Antiterrorermittlungen beschlagnahmt.

Abgesehen davon, dass der Begriff »kollabiert« in Bezug auf einen Computer vollkommener Blödsinn ist: wenn der Rechner nicht zunächst intakt aus der Asservatenkammer zurückgekommen wäre, hätte er sich sicher anders ausgedrückt. Ein Rechner »kollabiert« ja nicht als Ganzes. In der Regel ist ein Bauteil defekt und kann für relativ wenig Geld ausgetauscht werden. Der Autor lässt aber bewusst offen, um welches Bauteil es sich gehandelt hat. Kurz: es ist theoretisch möglich, dass Reparaturen oder Eingriffe zu solchen »Spätfolgen« führen, aber es ist recht unwahrscheinlich.

Ein Blog weiter ist der Computer nicht nur kollabiert. Er kam gleich als Schrott zurück zum Besitzer:

Oops, ich habe vergessen, auf Andrej Holms Artikel “Im Kreis” zu linken, wo er u.a. beschreibt, wie das BKA seine beschlagnahmten Rechner nur noch als Elektroschrott zurück gegeben hat, und ein paar Details aus den Ermittlungsakten schildert.

So bildet man Legenden. Warten wir also ab, bis es in einem weiteren Bekennerschreiben heißt: Der systemimmanente Charakter des Schweinesystems der Klassenjustiz hat sich auch darin gezeigt, dass im Zuge der Ermittlungen die komplette Rechentechnik der revolutionären mg vernichtet wurde ….

All das sollte uns aber nicht davon abhalten, auf ein rechtsstaatliches Verfahren zu achten. Denn auch wenn sie den Rechtsstaat verachten und lieber heute als morgen abschaffen würden: sie haben trotzdem einen Anspruch darauf.

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11 Kommentare zu “Legendenbildung”

  1. Lina
    26.11.2007 | 14:12

    “So bildet man Legenden”, schreibst Du, und enthüllst hier deren Bildung - und damit auch gleich die “Bildung” derjenigen Blogger, die nicht erst nach der Wahrheit hinter dem “Kollabieren” suchen, sondern Behauptungen fortschreiben und weitertreiben.

    Andererseits: Dass Andrej Holm Verdacht schöpft und äussert, kann ich ihm nicht verdenken. In einem Polit-Magazin gab er kürzlich (mit Videobelegen) Auskunft darüber, wie er und seine Familie, für die es eine Tortur gewesen sein muss, über Wochen und Monate offen - auf Schritt und Tritt und rund um die Uhr - offen überwacht wurden; unter diesem Eindruck mag er seine PC’s durchaus für willkürlich manipuliert halten.

    Ich würde ihm nach meinem staatsbürgerlichem Verständnis wünschen, dass er Unrecht hat. Für seine Neigung zu mg-Gruppen habe ich allerdings kein Verständnis.

  2. stefanolix
    26.11.2007 | 14:30

    Nach meinem staatsbürgerlichen Verständnis wünsche ich ihm vor allem ein faires Verfahren und seiner Familie bald wieder Frieden. Ganz grundlos waren die Ermittlungen ja wohl nicht, wenn man sich seinen Werdegang anschaut.

    Aber nach meinem technischen Verständnis kann ich nicht nachvollziehen, wie das BKA den Rechner nachträglich noch zum »Kollabieren« gebracht haben soll. Auch einige der Theorien über Mobiltelefone, die seine Partnerin in ihrem Blog aufstellt, kann ich nicht ganz nachvollziehen.

    Und ganz sicher wird oben zitierte Artikel zur Legendenbildung dienen. Der Blogger »Fefe«, den ich oben zitierte, ist eigentlich ein Computerexperte und sollte es (technisch) besser wissen. Andererseits ist er aber auch begabt darin, Dinge extrem zuzuspitzen. Zu Datensicherheits- und Datenschutzproblemen lese ich seine Einträge gern. In den Newsgroups war er oft sehr rüpelig, aber auf jeden Fall bewies er Kompetenz beim Aufdecken von Sicherheitslücken und Programmierfehlern.

  3. 26.11.2007 | 15:07

    Ich kenne es aus eigener Erfahrung,dass man paranoid wird, wenn man Ziel staatlicher Überwachung ist. Ein alter Mitstreiter regte sich zu heftigen 129a)-Zeiten in Göttingen darüber auf, dass “der Staatsschutz” sein Auto abgeschleppt hatte, was für eine furchtbare Schikane aber auch. Auf den Gedanken, dass er es besser nicht vor einer Toreinfahrt geparkt hätte kam er nicht. Und als ich selbst erlebte, dass bei mir die Briefe geöffnet und 2 Stunden später als im im Rest des Hauses ankamen und mein Telefon angezapft war, da wurde mir auch ganz anders. Das führte in der damaligen autonomen Szene auch zu Verhaltensweise, die Dir, Stefanolix, aus der DDR-Opposition n vielleicht auch bekannt sind: Nie am Telefon wirklich wichtige Dinge besprechen und öfter mal Fake-Gespräche mit unsinnigem Inhalt führen, wenn zu Hause politisch Brisantes besprochen wird Telefon in den Kühlschrank, Stereoanlage anstellen und gleichzeitig Dusche an…

  4. R.A.
    26.11.2007 | 15:15

    @Lina:
    > In einem
    > Polit-Magazin gab
    > er kürzlich (mit
    > Videobelegen)
    > Auskunft darüber,
    > wie er und seine
    > Familie, für die
    > es eine Tortur
    > gewesen sein muss,
    > über Wochen und
    > Monate offen -
    > auf Schritt und
    > Tritt und rund
    > um die Uhr - offen
    > überwacht wurden;
    Schwieriges Problem.
    Denn was soll man denn sonst mit Leuten machen, die in ähnlicher Weise in Verdacht geraten?
    Einfach nicht drum kümmern?
    Verdeckt überwachen?
    Einsperren ohne Beweise?

    Alles keine überzeugenden Alternativen.

  5. 26.11.2007 | 16:16

    Ich kann schon verstehen wenn in einem solchen Fall die Paranoia ausbricht, egal ob man irgendwas auf dem Kerbholz hat. Die Überwachungsmaßnahmen waren ja nicht von Pappe. Und einen PC den ich vom BKA zurück bekäme würde ich auch nicht mehr trauen, der wäre schnell verkauft :-)

  6. Lina
    26.11.2007 | 17:22

    @ R.A.

    Danke für die Alternativvorschläge! Ich habe mich schon entschieden:

    “Verdeckt überwachen” - gefällt mir besser, als eine offene Demonstration der Allgegenwärtigkeit von Staatsmacht daraus zu machen, die nichts als Einschüchterung bewirken soll.

    Was sind das für Methoden, wo sind wir denn hier?:-(

  7. stefanolix
    27.11.2007 | 7:43

    @Lina: Mein Mitgefühl haben die Menschen, die wirklich unschuldig und unbeteiligt mit ins Visier geraten.
    An diesem Beispiel kann man sehen, dass es auch komplett Unschuldige treffen kann. Und wie abgrundtief beschissen es ist, jemanden wegen einer einfachen Bemerkung zu denunzieren.

    @Che (zum Thema Bespitzelung in der DDR): Ich hatte großes Glück, dass sie mich nicht mehr zwangsweise exmatrikulieren konnten, denn dann kam schon die Wende. Kurz zuvor haben sie Studenten exmatrikuliert, die nichts weiter getan haben, als sich für die Zeitschrift »Sputnik« einzusetzen (das war eine Art Digest der sowjetischen Presse und zu gorbatschowfreundlich). Schlimmer als Abhören war bei uns eigentlich das Gefühl, dass man einen Spitzel mit dabei haben könnte.

  8. 28.11.2007 | 2:06

    Willst du gerade behaupten, es sei nicht möglich, dass ein Rechner so kaputt geht, dass er erst noch ein paar Tage funktioniert und dann den Geist aufgibt?

    Ich bin der Computerexperte, wie du schon richtig schreibst, und laß es mich mal ganz klar sagen: NA KLAR.

    Unsachgemäß behandelt könnten sie einen Haarriss im Mainboard erzeugt haben, oder vielleicht haben sie da einen Peilsender auflöten wollen und dabei einen subtilen Wackelkontakt-Kurzschluß erzeugt. Oder vielleicht haben sie den Rechner einfach nur schlecht behandelt, Transportschaden, was auch immer.

    Oder, hey, vielleicht bildet sich der Mann das auch nur alles ein. Die Handy-Sache hättest du dir beim Polylux-Blogvideo
    mal live angucken können, aber das Nachdenken vor dem Mund aufmachen war ja bei “Liberalen” (und ich benutze das jetzt nicht im Wortsinne, sondern im FDP-Sinne) noch nie sonderlich verbreitet.

    Hardware geht kaputt. Bei Rechenzentren gehen z.B. immer bei Stromausfällen diverse Platten kaputt, weil die sonst ewig lange durch laufen, d.h. nie die Anfahr-Elektronik benutzt wird, und wenn nach einem Stromausfall nach zwei Jahren zum ersten Mal die Platte wieder anfahren soll, tut sie es häufig nicht. Klar kann man jetzt sagen, das ist unfair, das dem Stromausfall in die Schuhe zu schieben, aber die Korrelation ist nicht von der Hand zu weisen, und wenn du bei mir einen Stromausfall auslöst, und meine Platten kommen nicht wieder hoch, würde ich dir die Schuld daran geben.

    Leider ist in Deutschland das Recht anders. Wenn man bei dir das Haus durchsucht, und dabei die Tür eintritt, und die Küche zertrümmert, dann zahlt dir das niemand.

    Im Übrigen: ich bin angewidert von dem Nebensatz da oben, dass da schon was dran gewesen sein wird, bei dem Lebenswandel des Mannes. Früher ist man für weniger zum Duell herausgefordert und erschossen worden. Du solltest dich was schämen. Aber so ist das halt mit den Liberalen. Große Worte von wegen faires Verfahren und so, aber dann vorverurteilen wegen des “Lebenswandels”, was auch immer das heißen soll. Eine Schande für das Wort “liberal”. Schande!

  9. stefanolix
    28.11.2007 | 8:30

    Auf diesen groben Klotz setze sich doch gern einen groben Keil! Bevor Du Dich mit großem Pathos bis zum doppelten Ausruf »Schande!« steigerst, solltest Du doch bitte mal nachlesen, was wir hier über Datenschutz, Beschnüffelung und Wahlcomputer geschrieben haben.

    So, und nun rede ich für mich, nicht für die Kollegen: Ich bin durchaus in der Lage, zu differenzieren. Ich sehe die Bedrohung, die von Schäubles Beschnüffelung, von unsauberen Ermittlungsmethoden und Wahlmanipulation ausgeht. Ich sehe aber auch die Bedrohung, die von radikalen Ideologien und von Anschlägen ausgeht. Und die Anschläge hat sich das BKA sicher nicht ausgedacht. Du magst über dem einen Auge eine Piratenbinde haben, so wie Du hier das blog enterst. Ich sehe mit beiden Augen.

    Könntest Du eventuell sachlich ausdrücken, von welchem Nebensatz Du Dich angewidert fühlst, dann kann ich gern erläutern, was ich damit gemeint habe. Welchen Lebenswandel habe ich denn bitte vorverurteilt? Bitte zum Duell auf das hintere Deck!

    Über die Handy-Überwachung habe ich überhaupt nicht geschrieben, sondern ich habe mich lediglich auf den Rechner bezogen. Nehmen wir also an, dass ein Bauteil beschädigt wurde. Dann wird es sicher engagierte Experten geben, die nach einer Ursache suchen und die Behörde als Verursacher ausfindig machen. Wenn ich im Artikel konkret gelesen hätte, es sei nach der Rückgabe eine merkwürdige Lötstelle entdeckt worden, dann wäre es für mich keine diffuse Verschwörungstheorie. Aber ich halte die Polizei nun auch nicht für so dämlich, dass sie ausgerechnet diesen Rechner verwanzt.

    Dein Beispiel mit den Festplatten hat nicht viel mit dem beschlagnahmten PC zu tun, aber es war schön zu lesen. In dem Freitag-Bericht steht ausdrücklich nicht, dass der Rechner nach der Untersuchung durch das BKA sofort nicht mehr funktionierte. Ich schließe aus dem Bericht, dass er den PC erst mal ganz normal weiterverwenden konnte. Andere Informationen habe ich nicht.

    Und allein aus diesem Artikel zu schließen, dass das BKA seine [sic!] beschlagnahmten Rechner nur noch als Elektroschrott zurück gegeben hat, wie Du es in Deinem Blog tust, ist zumindest fragwürdig.

  10. 28.11.2007 | 16:51

    “Ganz grundlos waren die Ermittlungen ja wohl nicht, wenn man sich seinen Werdegang anschaut.”

    Zum KOTZEN, dieser Satz.

    Im Übrigen ist das nach landläufiger Definition Elektroschrott, wenn man neue kaufen muß, weil die alten nicht mehr funktionieren. Ob sie noch zwei Tage gezuckt haben vor dem Totalausfall oder nicht ist irrelevant.

  11. stefanolix
    29.11.2007 | 9:35

    Zum Zustand der Rechner: aus partikulären Aussagen (wie »Rechner können während einer Untersuchung beschädigt werden«) kann man keine endgültigen Schlüsse ziehen. Ich wollte im Artikel die typische Legendenbildung karrikieren und wie man an der Reaktion sieht, ist es mir ja auch gelungen. Punkt.

    Zur Bewertung meines Satzes: Es sollte allgemein bekannt sein, dass Ermittlungen auch zur Entlastung führen können. Es ist absolut notwendig, dass gegen solche kriminellen Vereinigungen ermittelt wird (der BGH hat die Haftbefehle gegen die mg als terroristische Vereinigung gestern aufgehoben).

    Ich hoffe, dass die Urheber der Anschläge in einem rechtsstaatlichen Verfahren bestraft werden und dass man auch die Serie der bisherigen Anschläge aufklären kann. Dann könnte die Bewertung des BGH nämlich wieder interessant werden. Bisher geht es nur um den einen Anschlag, bei dem die Täter erwischt wurden:

    Der Generalbundesanwalt führt gegen drei Beschuldigte ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts, sie hätten als Mitglieder der linksextremistischen, gewaltbereiten Organisation “militante gruppe” in der Nacht des 31. Juli 2007 versucht, in Brandenburg/Havel drei Lkw der Bundeswehr in Brand zu setzen. Die Beschuldigten waren durch observierende Polizeikräfte in unmittelbarer Tatortnähe festgenommen worden; die an den Fahrzeugen angebrachten Zündvorrichtungen hatten noch rechtzeitig entfernt werden können.

    Wenn man aber weitere Anschläge aufklärt und eventuell weitere Mitglieder der Gruppe festnimmt, dann könnte sich die Bewertung wieder ändern.

    Auch wenn man formaljuristisch von einer kriminellen Vereinigung spricht, sind die Anschläge doch Terror gegen die Gesellschaft. Ich schrieb oben bereits, dass nur durch glückliche Umstände bisher kein Mensch dauerhaft zu Schaden kam. Die Täter nehmen das aber in ihrem blinden Hass ausdrücklich in Kauf.

    Der folgende Satz ist ausdrücklich nicht auf Herrn Holm bezogen: Ich halte jeden Ideologen, der Terrorgruppen wie der mg den notwendigen ideologischen Überbau gibt, für einen genauso gefährlichen geistigen Brandstifter wie die Ideologen der Neonazis. Deshalb hoffe ich, dass man auch die geistigen Urheber der Anschläge irgendwann belangen wird.

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