30. November 2007
Mein Antifazit
Die Antifa-Debatte hat mir die Augen geöffnet. Es gibt Themen, die kann man vielleicht nur schwer sachlich diskutieren, weil Menschen ihre persönliche Geschichte daran festgemacht haben. Und zwar auf die eine oder auf die andere (Link nicht verfügbar aus bekannten Gründen) Weise.
Die einen verbinden positive Erlebnisse mit der Antifa-Bewegung, vermutlich meist Erlebnisse ihrer politisch aktiven und weltanschaulich prägenden Jugendzeit. Die anderen haben Negatives erlebt. Die einen sehen nur Teile der Bewegung als problematisch an. Die anderen verurteilen sie komplett.
Ich persönlich habe zwar ein paar eher negative Erinnerungen an in Aktion befindliche “Antifaschisten”, aber die sind nicht besonders dramatisch gewesen und betrafen zum Glück nicht mich selbst. Sie waren letztlich kaum prägender als mein Zusammenstoß mit zwei Skins, deren Fäuste ich (eher reflex- als heldenhaft) auf mich lenkte, als sie auf einen Wehrlosen einprügelten (übrigens vor den Augen einer recht großen und völlig reaktionslosen Menschenmenge). Ich würde mir also eine relativ neutrale Position zutrauen. (Zettel hat neulich und aus gleichem Anlass wieder einmal Kluges dazu geschrieben und diese Frage der Objektivität des Beobachters in Bezug auf die Position eines Wissenschaftlers, eines Journalisten und eines Bloggers beleuchtet.)
Diese neutrale Position wird mir natürlich von beiden Seiten nicht einfach so abgenommen. (Von Wirrköpfen, die mich gleich zum Nazi erklären und mir am liebsten Prügel verabreichen würden, sehe ich hier mal ab. Obwohl diese Selbstentlarvung und ungewollte Bestätigung der einen Seite des zum Thema vorhandenen Meinungsspektrums natürlich auch interessant ist.)
Die einen meinen, ich würde die Umstände nicht kennen (oder nicht kennen wollen), in denen die “Antifa” aktiv gewesen ist. Hier bezieht man sich vor allem auf die Nach-Wende-Zeit im Osten Deutschlands, in der ja auch der Mord an dem jungen Mann geschah, dessen Antifa-Verklärung Anlass meines ersten Beitrags zum Thema war.
Diesen Vorwurf kann ich nicht ganz ernst nehmen. Ich habe die Nach-Wende-Jahre im Osten gelebt. Zuerst 1990 bis 1991 in Chemnitz. Und dann 1992 bis 1994 in Leipzig. Mag sein, dass ich nicht politisch dergestalt aktiv war, dass ich alles mitbekam, was ablief. Ich kannte zwar die Warnungen vor gewissen Stadtvierteln in Leipzig, in die man als “Linker” nicht hinzugehen habe und diese Warnungen nahm ich auch recht ernst. Allerdings wohnte ich, langhaarig, vollbärtig und garantiert ziemlich dem Klischee vom “linken Studenten” entsprechend, anderthalb Jahre lang in genau solch einem Viertel ohne jegliche Belästigung oder gefährliche Situation (der oben erwähnte Vorfall ereignete sich im Stadtzentrum). Vielleicht hatte ich ja nur Glück? Mag sein. Aber ich habe eben auch die Mitstudenten erlebt, die ihre Wochenenden mit Antifa-Aktionen verbrachten (ich schrieb davon: mit Motorradhelm und Baseballschläger bewaffnetes nächtliches Ausrücken in “Nazi”-Stadtviertel). Und so leid es mir tut: In deren Augen war keine ernsthafte Sorge um Neonazi-Hegemonie zu sehen, das war spür- und sichtbar Spaß am Abenteuer und Stolz auf die Pose des Straßenkämpfers. (Allerdings – und das muss ich Gerechtigkeit halber hinzufügen – waren diese Kommilitonen wohl auch keine Kommunisten. Schlimmstenfalls waren sie das Material, aus denen Kommunisten ihr Fußvolk rekrutieren.)
Taten sie trotzdem das Gute und Richtige? Wäre die Lage ohne ihre regelmäßigen Abenteuerausflüge schlimmer gewesen? Ich weiß es nicht. Und Behauptungen anderer, die meinten, das zu wissen, glaube ich nicht einfach mal so. Denn ich habe auch von “Rachefeldzügen” der Nazis erfahren, die in “linke Viertel” einfielen und ihrerseits Leute mit dem Baseballschläger niedermachten. Vielleicht hätten sie es ja sowieso getan. Vielleicht erzeugt aber auch Gewalt Gegengewalt? Vielleicht führt solche Art von Aktion auch schlicht zu bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen? Und vielleicht ist das Sinken der Gefahr, dass Neonazis Freiräume erkämpfen, auch schlicht und einfach auf die Stärkung des Rechtsstaates zurückzuführen? Statt auf die Straßenkämpferei der Antifa-Aktivisten?
Meine neutrale Sicht (deren Neutralität natürlich keine wirkliche ist, weil sie auf der Basis liberaler, demokratischer Überzeugung beruht) sagt mir: Es kann nicht richtig sein, wenn in einem demokratischen Rechtsstaat bewaffnete Gruppen im Namen welcher Ideologie auch immer, Krieg gegeneinander führen. Wenn der Rechtsstaat schwach ist, muss man ihn stärken. Wenn die Polizei in konkreter Gefahr nicht zur Verfügung steht, ist Nothilfe richtig. Angriffskrieg ist in einem demokratischen Rechtsstaat aber keine Nothilfe.
Zu den Argumenten, die Martin gebracht hat, dass die Antifa also als quasi initiatorische Instanz benötigt wurde, um Demonstrationen gegen Rassismus und Intoleranz im Allgemeinen und die Asylrechtsverschärfung im Besonderen anzustoßen:
Das kann ich nicht beurteilen. Mag sein, dass dies so war. Ich bezweifle es, aber ich kann es nicht widerlegen. Allerdings habe ich auch meine Zweifel an der Wirksamkeit von Lichterketten und Demonstrationen. Als spontane Gefühlsäußerung politischer Natur und als gewisser Trost für Opfer kann ich diese Aktionen nachvollziehen und ihnen in diesem Sinn Nutzen zubilligen. Der “Anständigen Aufstand” dürfte aber genauso zu Missbrauch eingeladen haben. Zum Beispiel durch einen Populisten Schröder, zum Beispiel durch die, die Martin “Antifanten” nennt. Ob die schweigende Mehrheit durch solche Demonstrationen beeinflusst wird? Jeder wahlkämpfende Politiker, der daran teilnimmt und auch jeder steinewerfende Antifa-Knallkopf entzieht einer solchen möglichen Wirkung den Boden. Und ob eine Neonazi-Demo mit 30 glatzköpfigen Hanseln durch 3000 Gegendemonstranten auf- oder abgewertet wird – das möge man doch in einer ruhigen Minute klaren Verstandes beurteilen.
Ob nun die Antifa komplett (oder zu 80%) aus Kommunisten besteht und ihr Ziel eine Abschaffung des demokratischen Rechtsstaats ist? Dies war unter anderem die Aussage von Michael Holmes (dass sie nicht mehr am Ursprungsort lesbar und damit jegliche Diskussion erschwert ist, verdanken wir den Betreibern der “Achse des Guten”, die keine Achse des Guten Diskussionsstils zu sein scheint).
Ich glaube das nicht. Außer, man erklärt jeden, der sich nach linksaußen nicht abgrenzt, zum Kommunisten. Das kann man in dem Sinne natürlich machen, dass die fehlende Abgrenzung den Missbrauch der eigenen Aktivität durch die Kommunisten möglich macht. Es ist tatsächlich sehr erstaunlich und ärgerlich, dass die Abgrenzung, die nach rechts im Zweifel mit Medienkampagnen und Demonstrationen (siehe oben) erzwungen wird, nicht genauso in die andere Richtung funktioniert. Da kann die Vorsitzende der Jugendorganisation einer Regierungspartei offenbar problemlos Mitglied einer Organisation sein, die offen als Unterstützer von Kommunisten auftritt (und gleichzeitig von “Antifaschisten” – die fühlen sich in dieser Nachbarschaft offenbar wohl, was tendenziell natürlich für Michael Holmes Position sprechen könnte).
Kurzum:
Bestenfalls ist die Antifa in meinen Augen gelegentlich nützlich (gewesen), wenn konkrete Nothilfe gegen Übergriffe von Rechtsradikalen geleistet werden musste. (Wenn die abenteuerlich klingenden Geschichten von Verteidigungskämpfen um Ausländerwohnheime u.ä. denn stimmen.)
Für wahrscheinlicher halte ich es, dass sie darüber hinaus Gewalt durch eigene Gewalt angefeuert hat. Auch, dass sie rechtsstaatliche Mittel nicht nur in Notlagen sondern aus Prinzip durch Selbstjustiz und Guerilla-Methoden ersetzt.
Und eventuell handelt es sich bei der Antifa tatsächlich um eine demokratie- und freiheitsfeindliche Bewegung. Die offensichtliche Nähe (oder Deckungsgleichheit) mit dem linksradikalen und kommunistischen Rand wie auch die Neigung zur Selbstjustiz und die Diffamierung freiheitlicher Instituitionen wie Rechtsstaat und kapitalistischer Wirtschaftsordnung spräche für diese Annahme. Dann wäre sie, und sei es nur aus taktischen Gründen, kein geeigneter Bündnispartner. Sondern Gegner.
In jedem Fall scheint mir die “Antifa” aber eine vielfältige Projektionsfläche zu sein.
Für ehemals oder aktuelle politische Straßenkämpfer, die sich und ihre persönliche Geschichte (was letztlich dasselbe ist) darüber definieren und denen der Stolz auf eine abenteuerliche Facette ihres Lebens doch recht deutlich anzumerken ist.
Aber auch für Liberale wie mich, die für ihre Abneigung gegen Linksradikale und Kommunisten damit eine unter einem simplen Begriff zusammenfassbare Einheit haben, an der sie sich abmühen können. Und die vielleicht wirklich heterogener ist, als man (vereinfachend, weil nun einmal in Begriffen denkend) zu sehen in der Lage ist.
Und für Rechtsradikale tut es die Antifa als konkretes, zu Gewalt und Straßenkampf stimulierendes Feindbild sicher auch ganz gut.
Verfasst von Boche um 15:13 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Grundsatzfragen, Politik (Trackback)
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