Glück im Spiel …

In den letzten Wochen konnten ausländische Beobachter eine interessante Entwicklung verfolgen: Die Deutschen, sonst bekannt als ein Volk, dem Steuernsparen mehr bedeutet als Sex, haben freiwillig viele Millionen Euro Steuern abgeführt. Experten führen das darauf zurück, dass der Lottoschein wesentlich verständlicher als alle Steuerformulare ist. Außerdem scheint das Geld fremder Leute eine magische Anziehungskraft zu besitzen, wenn es vom Staat verteilt wird oder in einem virtuellen Jackpot steckt.

Berichte in englischen Zeitungen lassen vermuten, dass man unsere positiven Erfahrungen mit dem Glücksspiel im Vereinigten Königreich bald nachnutzen könnte. Dort wird gerade vorgeschlagen, alle aktiven Wähler an einer Lotterie teilnehmen zu lassen, um die Wahlbeteiligung zu verbessern:

Millionaires will be created under a revolutionary scheme to hand out fortunes as a reward for the simple task of casting a vote. An idea to enter voters in a special lottery in a bid to increase the turnout at elections will be one of the main recommendations in the government-sponsored Councillors Commission report outlined tomorrow.

Ist das nicht ein genialer Vorschlag? Man fragt sich nur, warum vor kurzem die Wählerprämien in Russland noch so stirnrunzelnd kommentiert wurden. Wladimir (»beherrsche die Welt«) Putin hat das schon richtig erkannt: ohne materiellen Anreiz kann man eben keine Demokratie-Simulation aufrechterhalten.

Bleibt die Frage, ob die Finanzminister in Deutschland statt der Steuererklärung auf dem Bierdeckel bald eine Steuererklärung auf dem Lottoschein einführen werden: mit den Zusatzspielen »Steuerspirale«, »Steuer 77«, »Super Steuer« und einer ultimativen Superzahl. Mit einem Sechser und der Superzahl ergibt sich ein Abschlag von maximal 10%. Die Chance auf diesen Abschlag ist allerdings geringer als die Chance, vom Blitz erschlagen zu werden.

Ehemalige Verfassungsrichter weisen darauf hin, dass ein Staatsmonopol im Steuerglücksspiel verfassungswidrig sein könnte. Sie schlagen eine privatwirtschaftlich geführte Dreiklassenlotterie vor.

Die Sozialdemokraten aus SPD und CDU begrüßen den Vorschlag als »Steuergerechtigkeit auf möglichst hohem Niveau«. Kurt Beck besteht momentan noch auf einem Mindeststeuersatz von 9.50 Euro pro Schein. Aus Mainz verlautet, dass Beck in dieser Frage aber kompromissbereit sei. Bei vielen Besuchen in pfälzischen Lottoannahmestellen habe er gelernt: »Mr muss de Leute doch uff de Stift gucke.« Aus CDU- und SPD-Fraktionskreisen wurde bekannt, dass auf alle Einnahmen aus den künftigen Lotto-Steuerscheinen noch die Mehrwertsteuer von 19% erhoben werden soll.

Bundeskanzlerin Merkel sagte während eines kurzfristig angesetzten Staatsbesuchs in Deutschland, dass die Lottosteuerreform zu einer Reduzierung des Kohlendioxydausstoßes im Öffentlichen Dienst um mindestens ein Drittel führen könnte.

Bundesinnenminister Schäuble bestand auf einer lückenlosen Überwachung der Annahmestellen. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass Terroristen sich die Lächerlichkeit des Vorhabens zunutze machen. Schäuble sagte in einem Interview mit der F.A.S.: »Wir haben das jetzt eine Woche lang diskutiert. Die Experten sagen mir, dass es möglich ist. Ich habe keine Einwände wahrgenommen und wir werden das machen. Es ist doch ein unhaltbarer Zustand, dass der Staat immer noch keinen Zugriff auf das Tippverhalten der Bürger hat.« Das Interview endete wenig später mit einem Eklat, als der Journalist wissen wollte, warum Deutschland inzwischen die beste Überwachung und Vorratsdatenspeicherung der Welt, aber immer noch keinen funktionierenden digitalen Polizeifunk habe.

Aus den Reihen der Grünen ist nicht mit Widerstand zu rechnen. Mit der Reform wird sehr viel Papier gespart und man könnte noch ein Feld für die freiwillige Ökosteuer einführen. Sie suchen allerdings händeringend nach einem Finanzexperten, der ihnen die Mehreinnahmen ausrechnen könnte. Dem Vernehmen nach bestand Frau Roth im Verlauf der Fraktionssitzung darauf, dass man alle Lotto-Steuerscheine mit einer Warnung vor Steuerzahlsucht versehen sollte. Jemand stopfte ihr ein grellbuntes Halstuch in den Mund.

Die Hoffnungen der schlafenden FDP ruhen auf Bundespräsident Köhler.

Und ein Blogger in Dresden erinnert sich rechtzeitig daran, dass er diesen Beitrag am Ende des Jahres 2007 noch in die Kategorie »Satire« einordnen sollte.

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21 Kommentare zu “Glück im Spiel …”

  1. Spruance
    9.12.2007 | 14:29

    Oweh – jetzt werden sie das auch noch zusätzlich machen! Es glaubt doch wohl niemend, daß das alte Steuersystem wegen so einer neuen Sache abgeschafft werden würde!

  2. stefanolix
    9.12.2007 | 14:33

    Doch. Das braucht man dann nicht mehr. Und Du wirst sehen, dass es funktioniert: in der vagen Hoffnung auf einen kleinen Abschlag werden sie alle mitmachen ; -)

  3. Lina
    9.12.2007 | 15:55

    Doch, gut denkbar, der kombinierte Lotto-/Wahlschein inkl. Steuererklärung! So liesse sich das privatwirtschaftliche Element des Anreizes mit den staatlichen Rechten und Pflichten (wählen, versteuern) zu einer Wahlpflicht kombinieren, der man gerne nachkommt. Bin dabei, bin bei Dir! Wäre doch gelacht, wenn wir Demokratie nicht auch simulieren könnten;-).

    (”Lotto ist negative Vernunft”, schrieb Burkhart Müller-Ullrich kürzlich auf achgut. Was Du hier schreibst, verstehe ich als die vernünftige Negation dessen, was Lotto alles könnte, wenn es nur dürfte.)

  4. Die Stimme aus dem Off
    10.12.2007 | 8:15

    Diese kleine Perle von Artikel ist mir bislang leider entgangen, Schande über mich!

    Mir fällt gerade auf, dass M.M. vom A-Team mit seinem Stil eigentlich viel besser in diesen Blog hier passen würde.

  5. 10.12.2007 | 10:45

    SadO,

    Mir fällt gerade auf, dass M.M. vom A-Team mit seinem Stil eigentlich viel besser in diesen Blog hier passen würde.

    Je nun, wie sagt der Rheinländer (und nicht nur der linksrheinische): Man muss auch jönne könne. Man kann das A-Team nur zu seiner vertikalen und geographischen Diversifizierung beglückwünschen.

  6. stefanolix
    10.12.2007 | 11:07

    Marian, ich habe schon die ganze Zeit überlegt, wie ich das ähnlich diplomatisch formulieren könnte ;-)
    Es würde uns ja auch wehtun, wenn sich jemand aus unserem »Kollektiv« für einen Wechsel entscheiden würde. Da lassen wir lieber alles so, wie es ist.

  7. 10.12.2007 | 12:00

    stefanolix,

    ich habe schon die ganze Zeit überlegt, wie ich das ähnlich diplomatisch formulieren könnte

    Danke. Es muss aber horizontale Diversifizierung heißen. Argh!

  8. Lina
    10.12.2007 | 12:34

    Marian,

    die vertikale Diversifizierung finde ich demnach bei Euch hier? Das ist jedenfalls mein Eindruck als Leserin, und ich geniessse den Komfort des Wechselnkönnens ganz ausserordentlich.

    (War das jetzt diplomatisch genug gesagt, stefanolix?)

  9. 10.12.2007 | 13:08

    Sowieso müßig, die Diskussion, wenn das andere Blog nur einen Klick entfernt liegt…

  10. 10.12.2007 | 14:10

    Lina,

    die vertikale Diversifizierung finde ich demnach bei Euch hier?

    Nee, ich meinte das nicht in Bezug auf Themenvielfalt und Beitragsqualität, sondern betriebswirtschaftlich. Deshalb habe ich mich auch korrigiert (und Rayson kann mich gleich nochmal korrigieren, wenn ich das falsch darstelle oder zu erkennen gebe, dass ich Diversifizierung überhaupt nicht verstanden habe…ach was, hier der Link zur Wikipedia).

    Blogger mit z.T. sehr unterschiedlichen Schreib-Stilen und Themenschwerpunkten (noch dazu aus dem Ausland) in einem Blog zu vereinen, ist für mich horizontale Diversifikation.

    Vertikale Diversifikation wäre, wenn Jo@chim den Herrn Messmer mit auf Papier gedruckten Blog-Einträgen nach Bottmige oder Allschwyl schicken würde, um die Wahrheit unters Volk zu bringen. Oder wenn Rayson eine Alternative zu WordPress programmieren würde, die unser Blog von WP-Updates unabhängig machte.

  11. 10.12.2007 | 14:19

    Ach, und Lina,

    ich geniessse den Komfort

    geht ja nun gar nicht. Da müssen wir unbedingt dran arbeiten. Genuss gibt’s in Food Blogs. Hier wird konzentriert gearbeitet, und nicht genossen!

  12. Lina
    10.12.2007 | 14:43

    Marian,

    den Genuss an Eurer Arbeit lasse ich mir auch von Dir nicht nehmen;-). (In Food-Blogs suche ich – wenn überhaupt – nur Information, nicht Meinung; wie es mir schmeckt, ergründe ich selbst.)

    Und was die Vertikalität aus meiner Sicht ausmacht, sagt Wikipedia, nachdem ich ihr lediglich zwei (Vor-)Worte geraubt habe: Die vertikale Diversifikation orientiert sich an der Wertschöpfungskette und bezeichnet die Erweiterung des …programms um Produkte aus vor- und nachgelagerten …stufen.

    Es ist also die spezifische Dichte inkl. Ausblick und Tiefgang Eures Angebots von mir gemeint gewesen. Noch was dagegen;-)?

  13. 10.12.2007 | 15:10

    Noch was dagegen ;-) ?

    Ähhh… nein.

  14. 10.12.2007 | 16:46

    Ich dachte immer, “horizontale Diversifikation” wäre, wenn ein Hotel seine Zimmer auch stundenweise anbietet… ;)

  15. 10.12.2007 | 16:52

    Noch kannst du so schlüpfrige Späße reißen, aber Brüssel wird auch dich noch auf den richtigen Weg bringen:

    http://www.antibuerokratieteam.net/2007/12/10/verbotsphantasien/

  16. Lina
    10.12.2007 | 17:01

    Ähhh, sagst Du, Marian? Abschliessend Klartext:

    Als Leserin mag ich es an Euch, dass Euer Themenspektrum nicht nur waagrecht am Boden (der Politik) bleibt, sondern Ihr Euch auch senkrecht in die Höhen (der Ideen) schwingt.

    (Reicht das jetzt`? Ich kann doch nicht – wie DSadO kürzlich Boche gegenüber – zu Euch Männern sagen, dass ich Euch dafür liebe! So viel gender mainstreaming ist nicht, dass ich mir das erlauben würde.;- )

  17. 10.12.2007 | 18:00

    Lina,

    ich befürchte, Du hast mich mißverstanden. Aber bevor das noch vor der Kallwas endet: Vielleicht hilft es, wenn ich Dir die Barbara-Schöneberger-Geschlechternahkampfspange in Gold verleihe? Denn Du hast ja nun den Befehl “Männer muss man loben” perfekt umgesetzt.

    Und nein, Du musst uns nicht lieben. Ein “Danke für die Blumen von der Tanke” reicht völlig :-)

  18. 10.12.2007 | 18:01

    Blogger mit z.T. sehr unterschiedlichen Schreib-Stilen und Themenschwerpunkten (noch dazu aus dem Ausland) in einem Blog zu vereinen, ist für mich horizontale Diversifikation.

    Ja. Und – spätestens seit dem Zugang von Oliver M.H. vor zwei Jahren – die, durchaus nicht unerfolgreiche ;-) – “Geschäftsidee” von antibuerokratieteam.net
    Aber nicht traurig sein liebe B.L.O.G.G.I.E.S.: zum Einen seid’er aa ned schlecht, zum Anderen gibt es sicher noch viele zu Recht oder Unrecht unentdeckte Talente, die es leid sind, Topics aus dem Off zu kommentieren…
    :D

  19. DDH
    10.12.2007 | 20:24

    Die Deutschen, sonst bekannt als ein Volk, dem Steuernsparen mehr bedeutet als Sex,

    Also die Wahlergebnisse sprechen da eine andere Sprache. Die kriegen doch bei jeder Umverteilungsorgie einen Kollektivorgasmus!

  20. stefanolix
    10.12.2007 | 22:42

    Nein. Sie bekommen ihren ganz individuellen Orgasmus, wenn sie sich vor dem Einschlafen vorstellen, dass sie das alles nichts kostet ;-)

  21. Lina
    11.12.2007 | 8:48

    @ Marian – es geht auch ohne Kalwas, bestimmt!

    Ich bin zwar nicht blond, aber von betriebswirtschaftlicher Diversifikation habe ich tatsächlich keine Ahnung und das genannte Prinzip wohl falsch (ins zu Lobende) übersetzt. So sorry;-)!

    Ja, ich wollte loben! Erst den Komfort des Wechselnkönnens zwischen zwei Blogs von unterschiedlicher Figur und Auftreten, dann das Solisten-Kollektiv hier. Wenn das auch mit Blumen von der Tankstelle geht, soll es mir Recht sein; kommt dann noch billiger.;-)…

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