14. Dezember 2007
Widersprüchliches, Sinnloses und Fundamentfreies
Vor einiger Zeit hatten wir hier einmal eine heiße Diskussion zum Thema Redefreiheit, die sich an “Gefährlichen Fragen” entzündete. Eine dieser “gefährlichen” Fragen war, ob Homosexualität möglicherweise die Folge einer ansteckenden Krankheit sei. Eine These, für die ich damals wie heute trotz längerer Suche keine entsprechenden Untermauerungen oder Beweise finden konnte - eine These also, die, da stimme ich den damals teils sehr wütenden Kommentatoren zu, vor allem aufgrund der diffamierenden Verbindung der Begriffe “Homosexualität” und “Krankheit”, weniger aber aufgrund ihrer heimlichen Wahrheit entgegen einer verbreiteten Ideologie, “gefährlich” war.
Wie wenig “gefährlich” es ist, allerlei Theorien zum Ursprung der Homosexualität aufzustellen, zeigt ein Artikel bei “Gay West”. Der Autor dort drüben (leider erfährt man nicht, welcher von ihnen den Beitrag verfasst hat) stellt einige verschiedene Thesen vor, die er recherchiert hat. Von der Genetik über die Psychologie bis hin zur Pharmazeutik, die Ursachen, die für Homosexualität verantwortlich gemacht werden, scheinen ebenso zahlreich wie widersprüchlich zu sein. Und im Prinzip besitzt keine dieser Thesen eine hohe Überzeugungskraft. Also: “Gefährlich” scheint es nicht zu sein, diese Art von Fragen zu stellen. Eher schon “Anmaßend”, weil anscheinend für wirklich überzeugende Ergebnisse eine Unterfütterung mit allgemeinen Erkenntnissen zur Bildung sexueller Präferenzen fehlt.
Der “Gay-West”-Autor kritisiert:
Morris hält die Heterosexualität augenscheinlich für quasi automatisch fixiert, ohne zu fragen, wie diese entsteht; etwas übrigens, woran die Ursachenforschung über sexuelle Orientierung im Allgemeinen krankt.
Genau dieser Ausgang von einer ideologischen Basis der Heteronormativität, der niemals in Frage gestellt wird, war ja auch einer der wesentlichen Kritikpunkte, die vor allem MomoRules in unserer damaligen Diskussion erhoben hat. Zurecht, wie ich nach wie vor behaupte - die Forschung zu diesem Thema scheint immer damit zu beginnen, dass zunächst eine Devianz konstruiert wird (in den meisten Fällen negativ konnotiert), um dann herauszufinden, wie sie entsteht. Dass eine solche Denkrichtung zu Ergebnissen und Darstellungen führt, die im nächsten Schritt fast automatisch zu der Frage führen: “Wie kann man diese Devianz/Geisteskrankheit/Krankheit heilen?”, scheint mir eine tatsächliche Gefahr zu sein.
Insofern ist die Frage nach der “Infektionskrankheit Homosexualität” tatsächlich eine gefährliche. Aber bei weitem nicht für Ansehen, Karriere oder finanzielle Zukunft dessen, der sie stellt. Sondern eher für diejenigen, die Zielrichtung seiner Forschungen sind. Forschungen, die die Grundlagenarbeit verweigern, Allerweltswissen als gegeben voraussetzen und sich lieber mit Devianzen und Defekten beschäftigen als tatsächlich mit sexueller Entwicklung.
Verfasst von Karsten um 10:06 Uhr in der Kategorie Allgemein, Blogosphäre (Trackback)