Unterricht ist gelegentlich möglich

35 Jahre lang war Wolfgang Schenk Hauptschullehrer in Berlin: Ein Idealist packt aus. Protokolliert von Ulrich Schulte , die tageszeitung.

Alles nicht neu, aber solche Artikel können gar nicht oft genug erscheinen. Meinetwegen täglich.

Erschüttert hat mich nur, dass Politik und Verwaltung erst durch Pisa gemerkt haben, was an deutschen Schulen eigentlich los ist. Die Lösungen, mit denen die Bürokratie inzwischen reagiert hat, erinnern mich an die DDR-Planwirtschaft: Zentralabitur und Prüfungen wie der mittlere Schulabschluss sollen Schüler vergleichbar machen und zugleich das Niveau aller heben. Welch absurde Vorstellung!

Die Verwaltung bürdet den Kollegien damit Lasten auf, die wenig pädagogischen Nutzen haben. Für den mittleren Schulabschluss bereiten wir die Kinder vor, stellen Prüfungskommissionen zusammen und bewerten tagelang. Diese Zeit fehlt dann für pädagogische Arbeit. Oder: Wir legen detaillierte Förderpläne für die Eltern auffälliger Schüler an, obwohl wir genau wissen, dass der Alkoholikervater den Zettel ungelesen in die Tonne wirft. Alles nur, damit Politik und Verwaltung sagen können: Seht her, wir handeln! Ein trauriges und verantwortungsloses Spiel.

Am Ende steht eine gute Frage:

Warum vertraut die Schulbürokratie eher Bildungsforschern und Statistikern als den Lehrern, die ihre jahrzehntelangen Erfahrungen zur Verfügung stellen können?

Und bevor jetzt wieder dieser auch in diesem Blog beliebte Reflex einsetzt, der zur Grundlage hat, dass sich Liberalismus vor allem in SPD-Bashing erschöpfen sollte: Die Bildungsforscher tummeln sich genau so bei der CDU. Und wer meint, man könne verhaltensgestörten Schülern mit der Einführung von sechs (!) Kopfnoten begegnen, wie sie jetzt von FDP und CDU in Nordrhein-Westfalen wieder eingeführt worden sind, der steht für mich auf einer Stufe mit dünnbrettbohrenden Scholzomaten.

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13 Kommentare zu “Unterricht ist gelegentlich möglich”

  1. 18.12.2007 | 14:45

    Eindeutig sollte mehr den Lehrern zugetraut werden. Laßt sie machen, ohne ständig irgendwelche sinnfreien Statistiken, Bewertungen und Befragungen durchzuführen. Gilt im übrigen auch für Ärzte und andere Berufsgruppen.

    Und ich kämpfe auch gerne mit an vordester Front gegen die NRW-Bildungspolitik, selbst wenn sie nun durch CDU und auch FDP verantwortet wird. Erlebe relativ nah über eine Referendarin an einer Grundschule den tatsächlichen Alltag sowie die unsinnigen Konferenzen zur Umsetzung immer neuer Vorgaben. Noten gibt es für einzelne Arbeiten nicht mehr, dafür nur ausformulierte Bemerkungen, die natürlich zuvor in einer Konferenz festgelegt werden müssen oder aber unterschiedliche Smilies. Jedes Kind weiß aber natürlich dennoch genau daraus die Note zu deuten. Und am Ende des Schuljahres soll es dann ja auch wieder zahlenmäßige Noten auf dem Zeugnis geben, errechnet aus den Smilies und Notizen der Lehrer. Individuelle Förderung bei 30 Kindern selbst in Grundschulklassen? Und dann kommen ja im Laufe des Schuljahres immer mal wieder welche dazu, die eigentlich nicht mehr aufgenommen werden könnten, aber doch müssen. Extrem verhaltensauffällige Kinder verbleiben trotz Gutachtens und vielem mehr nach aufwendigem Verfahren immer noch Monate lang in den Schulklassen und sollen individuell betreut werden, weil die Sonderschulen den Bedarf längst nicht abdecken können. Ganz zu schweigen von der technischen Ausstattung der Schulen. Ausfall von Heizung, Wasser, Strom innerhalb weniger Tage hintereinander im Winter sind für das Schulamt dennoch kein Grund, die Kinder nach Hause zu schicken oder mal Reparaturen über die Stadt zu veranlassen: nein, da werden Gasstrahler in den Klassenräumen aufgestellt zum Wärmen. Rest macht dann ja in den nächsten Wochen die Stadtwerke. Zettel zur Information der Eltern lassen sich kurzfristig auch nicht erstellen. Der einzigste(!) Kopierer für 800 Schüler samt Lehrern arbeitet nämlich nicht bei Temperaturen unter 20 Grad Celcius. Den Feueralarm hört mangels Lautsprecher natürlich auch die Hälfte der Klassenräume nicht. Aber dafür müssen Verhaltensregeln und Notfallpläne für mögliche Amokläufe erstellt werden. Vorschlag Schulamt: “dann schalten sie doch zur Warnung dreimal hintereinander den Strom an und aus über die Hauptsicherung”. Nachfrage verdutzte Lehrerin: “Aber ist das nicht normal? Wie soll ich denn dann den Unterschied erkennen zum Amoklauf?”. Irrsinn!

    Argh. Und das bei so elementar wichtigen Grundschulen. Weiterführende Schulen wollen wir erst garnicht betrachten. Grundlegendes hat sich also noch nichts geändert bei den Schulen trotz inwzwischen mindestens 30 Jahren Sonntagsreden zur “Priorität für die Bildungspolitik”. Da stimmt was ganz gewaltig nicht im Gesamtsystem.

  2. Fuchur
    18.12.2007 | 18:35

    Aber was sind denn nun die Lösungsansätze? Gut, offensichtlich nicht die Gesamtschule. Aber was dann? Mehr Geld und kleinere Klassen ist sicherlich wichtig. Aber sonst?

    So richtig scheint das der Lehrer in dem Interview ja auch nicht zu wissen: “ein Paket vieler Maßnahmen”, “eine ganz anders gelagerte Debatte über Familie und Einwanderung”. Aha.

  3. 18.12.2007 | 19:56

    Wow. Habe eben den taz-Artikel gelesen und kann (als Mutter) alles nur bestätigen. Ich bin deshalb vor fast 4 Jahren mit meinem Sohn aus einer Millionenstadt aufs Land gezogen, aus einem eigentlich beliebten, sozial gemischten Stadtviertel in eine 6000-Seelen-Kleinstadt mit konservativ strukturierten Familien, Einfamilienhäuser mit Gartenzwergen in den Vorgärten und einer Zugverbindung in die nächst größere Stadt. Ich wollte meinen Sohn (damals 5.te Klasse Hauptschule) raus aus einem Umfeld nehmen, das sich überdeutlich in die Richtung des im taz-Artikel beschriebenen Milieus entwickelte.

    Wo die Lösungsansätze zu suchen sind, deutet der Hauptschullehrer an:

    Thema Familie:

    „Wenn es gelänge, den Wert der Familie in der öffentlichen Diskussion neu zu definieren, wäre viel gewonnen - und das hat nichts mit den kruden Theorien einer Eva Herman oder eines Bischof Mixta zu tun.“ Hat es doch, aber der Hauptschullehrer denkt links und drückt es deshalb lieber so aus: „Unternehmen müssen umdenken und Eltern mehr Zeit zu Hause ermöglichen.“

    Außerdem nennt er die Themen Sozialpolitik, Einwanderungspolitik, Schulpolitik.

    Dieser taz-Artikel ist wirklich extrem lesenswert.

  4. jopa
    18.12.2007 | 19:57

    Ich denke, daß die Qualität des Unterrichts sehr stark von der Person der Lehrkraft abhängt. Wenn man dann natürlich SOLCHE:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=2834#more-2834

    Lehrer befragt, kann da eigentlich auch nicht viel herauskommen. Man mache sich doch mal den Spaß und zähle die Rechtschreib- und Stilfehler (”Es gibt schon Fälle, wo man zu mindest sagen muss, der Mensch hat weder sich noch den Schülern gefallen getan.”) Wirklich “ergreifend”! :-)

  5. googlehupf
    18.12.2007 | 20:21

    Ich bin manchmal ziemlich sauer darüber was für Ansichten über Bildungspolitik so teilweise bei FDP und Julis vorherrschen - gerad’ wenn es sich nicht mehr von der Union unterscheiden lässt. Das Zentralabitur ist z.B. so eine Sache oder auch das unbedingte Verharren auf der momentanen Gliederung des Schulsystems.

    Ich will nicht unbedingt der “Kuschelpädagogik” das Wort reden aber sechs verschiedene (!) Kopfnoten? Das ist doch wirklich mehr als albern.

  6. 18.12.2007 | 20:27

    Meine Liebste ist ja Hauptschullehrerin. Deswegen kamen mir 99% des Textes in der taz äußerst bekannt vor. Und das fehlende 1% ist nur dem Umstand geschuldet, dass sie nicht an einer echten sogenannten “Brennpunktschule” unterrichtet und auch noch Spaß an der Sache hat.

    Genau so ist es. Und die Vorschläge, die da geäußert werden, halte ich auch für sehr sinnvoll. Vielleicht muss man das Berufsbild auch gar nicht neu erfinden. Sollen die Lehrer Lehrer bleiben, aber sie brauchen Unterstützung durch Sozialarbeiter und Psychologen an den Schulen.

  7. Parker8
    18.12.2007 | 22:59

    Zettel zur Information der Eltern lassen sich kurzfristig auch nicht erstellen. Der einzigste(!) Kopierer für 800 Schüler samt Lehrern arbeitet nämlich nicht bei Temperaturen unter 20 Grad Celcius.

    Zum Ausgleich sollten wir uns aber wirklich freuen über einen Einheitssteuersatz von 1,8 Prozent im schönen Schweizer Kanton Obwalden.

  8. 18.12.2007 | 23:14

    Parker8,

    tja, falls die niedrigen Steuern im schönen Kanton Obwalden zu einer Verschlechterung an den Schulen führen sollte, dann haben die Steuerzahler schlechte Schulen und niedrige Steuern. Wir haben schlechte Schulen und hohe Steuern. Im Zweifel weiß ich dann immer noch, was mir lieber ist.

  9. 18.12.2007 | 23:20

    “Warum vertraut die Schulbürokratie eher Bildungsforschern und Statistikern als den Lehrern …”

    Nun:
    1. Wenn man einen Sumpf trockenlegen will, darf man nicht die Frösche fragen.

    2. Ich habe inhaltlich über zwei Lehrerfortbildungen berichtet, Veranstaltungen, die den Teilnehmern Credit-Points für die Weiterbildung bringen. Wer hat am meisten mitgeschrieben? Ich, der Reporter. Und die wenigsten haben sich Stichpunkte notiert.

    Und mein Tischnachbar fragte, ob ich ihm den Artikel zumailen kann, wenn er erschienen ist. - Natürlich nicht.

    3. Vielleicht auch wegen
    solchen Lehrern?

  10. FG
    19.12.2007 | 8:56

    1. Wenn man einen Sumpf trockenlegen will, darf man nicht die Frösche fragen.

    Super Idee. Der Sumpf ist dann trocken, Frösche gibts nicht mehr und wir sind aller Schulprobleme ledig…

  11. FG
    19.12.2007 | 8:58

    3. Vielleicht auch wegen solchen Lehrern?

    Und Du willst ernsthaft das erschreckend dürftige und äußerst mäßig geschriebene Frustverarbeitungselaborat einer offenbar überforderten mutter mit Geldproblemen als Diskussionbeitrag gewertet wissen??

  12. 19.12.2007 | 15:55

    Nun, so glaube ich, wegen solchen Lehrern haben die meisten anderen Lehrer ihre Reputation verloren. Auch, weil sie und die Schulleiter nichts gegen die schwarzen Schafe unternommen haben.

  13. Armin Emrich
    21.12.2007 | 13:44

    Drei Problemkomplexe spricht Schenk an.
    1. Schulsystem
    2. Familie
    3. Integration

    zu 1.
    Solange die Welt ins Klassenzimmer von einem Lehrer getragen wird und nicht die Klasse in die Welt geht, solange wird das nichts mit der Schule.
    Solange ein Lehrer innerhalb den vier Wänden eines Klassenzimmers die Welt erklären soll statt sie außerhalb der Schule zu begleiten und zu moderieren, solange wird das nichts.
    Solange ein Lehrer allein die Tür hinter sich zu macht und nicht im Team vor der Klasse steht, solange wird das nichts.
    zu 2. Auch Schenk fällt auf den bundesdeutschen Familienbegriff rein. “Familie ist, wer unter einem Dach lebt.” (CDU) “Familie ist wo Kinder sind.” (Grüne) Auf den Nenner gebracht: “Familie ist, wer aus dem gleichen Kühlschrank frisst.” Dieser Familienbegriff grenz regelmäßig die leiblichen Väter aus und nimmt sie aus der Verantwortung. Was bleibt ist das, was Schenk beschreibt: eine undurchschaubar ständig wechselnde Patchworkfamilie, mit der kein Lehrer arbeiten kann. Scheidung kann man nicht verbieten. Aber man kann mit einem anderen Familienbegriff operieren und danach handeln. Dazu nehme man am besten den Familienbegriff der Kinder: sie sind geneigt die gesamte Verwandtschaft aufzuzählen, ob sie mit ihnen zusammen wohnen oder nicht. Wenn der Lehrer auch Familienhelfer sein soll und will, dann bitte nicht mit diesem verkürzten Familienbegriff. Kinder sehnen sich nach Liebe und Achtung durch ihre Eltern und nicht nach einer angeblichen Zuwendung durch einen gerade wieder dahergelaufenen neuen Lover, der jetzt im Suff von den Kindern Papa genannt werden will, solange jedenfalls, bis sie in rauswirft und der nächst kommt.
    zu 3. Integration ist immer ein wechselseitiger Prozess. Wer Integration will, muss die Kita zur kostenlosen Pflicht machen. Schließlich ist es eine Bildungseinrichtung. Das garantiert wenigstens, dass ein Erstklässler einen Stift halten kann. Tut er es nicht, wissen wir schon zum Zeitpunkt seiner Einschulung wo er landet. Das Abi bleibt jedenfalls ausgeschlossen.
    Wer Integration will muss Menschen mit in die Schule integrieren, die keine Lehrer sind. Hier habe ich positive Erfahrungen gemacht mit einem Meister der japanischen Kampfkunst, der die gleiche Sprache spricht wie die Schüler.(Türkisch) Auch wenn er es nicht studiert hat, so ist er ein begnadeter Pädagoge. Mit ihm gab es kaum Disziplinprobleme, nicht weil er seine Kampfkunst an den Kindern ausprobiert hätte oder es auch nur versucht hätte es anzudrohen, nein, weil er die Schüler gelehrt hatte nach innen zu hören. Dies begleitet von genialen Konzentrationsübungen.

    Kurzum: Schule muss sich nach außen orientieren und nach innen öffnen.
    Familienunterstützende Angebote müssen sich verbindlich an die tatsächliche Familie richten. Zur Integration gehören zwei Seiten.

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