Panta rhei

Was Aaron Edlin hier beschreibt, ist nichts Neues. Interessant ist höchstens das Stückchen Ökonomie zum Schluss, dessen Vorteil auch gleichzeitig sein Nachteil ist: Es bestätigt im konkreten Fall nur eine intuitive Annahme, von der die meisten wohl auch ohne Herrn Coase ausgegangen wären.

Microsoft kann in seinem bisherigen Geschäftsmodell nur dann wirklich viel Geld verdienen, wenn es genug Gründe gibt, dass Kunden ihr altes Programm, ob Windows oder Office, zugunsten einer neuen Version aufgeben. Der schlechteste MS-Kunde ist einer, der zufrieden mit seiner Software ist. Vielleicht gar so zufrieden, dass er neue Computer ohne Betriebssystem erwirbt und einfach sein altes weiterverwendet. Aber das muss nicht nur an Zufriedenheit liegen: Einer der Gründe, mit denen MS den Wechsel zu einer neuen Version schmackhaft machen will, ist die Fortentwicklung des Produkts. Es soll mehr Möglichkeiten bieten, die alten Funktionen aufpoliert haben und insgesamt besser zu nutzen sein. Bei Office hat das zuletzt nicht mehr richtig funktioniert, weil die meisten Anwender die Komponenten dieses Pakets sowieso nur zu einem äußerst geringen Prozentsatz in all ihrer Funktionsvielfalt verwenden. Office 2007 unterscheidet sich deswegen drastisch von seinen Vorgängern: Nicht nur die Bedienoberfläche einschließlich der von Vielnutzern geliebten Tastenkombinationen wurde geändert, man hat auch auf den beliebten Trick mit dem neuen, nicht abwärtskompatiblen Dokumentformat zurückgegriffen.

Aber die Welt hat sich geändert: Heute kauft niemand mehr einfach die nächste Version. Gerade die Geschäftskunden schauen mittlerweile sehr genau hin, ob das Neue Teil der Lösung oder Teil des Problems ist. Auch die Konkurrenzsituation ist eine andere. Wenn schon MS selbst mit seinen neuen Produktversionen den bisherigen Anwendern erhebliche Umstellungen zumutet, entfällt ein wesentliches Argument gegen den Einsatz von Alternativen. Und davon gibt es inzwischen einige: Zum Beispiel OpenOffice in all seinen Varianten (StarOffice, Symphony) oder sogar Webanwendungen. Ich glaube, wir erleben gerade das Ende von Microsoft “as we know it” (tschulljung für den Anklang an eine Heise-Standardfloskel…).

Bei den Betriebssystemen lohnt sich natürlich immer wieder mal der Blick auf den Pinguin. War es eine Zeitlang üblich, dass Linuxer mehr oder weniger ernsthaft von überzeugten MS-Fans als langhaarige Kommunisten tituliert wurden, kann man bei EconLog jetzt ein Zitat von Linus Torvalds lesen, dass für das Geheimnis hinter Linux weniger ein bärtiger Trierer als ein bebrillter Wiener die passende Erklärung anbietet.

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24 Kommentare zu “Panta rhei”

  1. Ben
    20.12.2007 | 23:11

    Ein interessanter Artikel!
    Neben der Konstruktion von Inkompatibilitäten im Office-Bereich versucht Microsoft auch die PC-Spieler zu Vista zu zwingen: die für Spiele wichtige Programmierschnittstelle DirectX 10 soll es nur für Vista geben.

    Auch hier kündigt sich Abhilfe aus der Opensource-Szene an. Man macht sich gerade daran, DirectX 10 auf Windows XP zu portieren.

    Sollte das gelingen, würde es große Auswirkungen auf die künftigen Verkaufszahlen von Vista haben.

    So wie die Erotik-Industrie seinerzeit den Kampf zwischen VHS und Betamax entschied, könnten die Spieler letztlich entscheiden, ob sich XP langfristig neben Vista halten kann, oder nicht.

    Natürlich hinkt der Vergleich etwas. Dafür ist die Pointe umso interessanter:
    Manchmal sind es die belächelten, gerne als nachrangig angesehenen Faktoren, die am Ende über Gedeih und Verderb technologischer Neuerungen entscheiden.

  2. 21.12.2007 | 2:18

    Naja, sex sells, das ist ja eine der Marketing-Grundwahrheiten. Und Spiele offensichtlich auch: Ich bin der festen Überzeugung, dass sich das MS-DOS nicht ohne die vielen Spiele durchgesetzt hätte, die lange auch ziemlich leicht zu kopieren waren.

    Wer kauft denn Computer für zu Hause? Frauen? Nur, wenn man ihnen dafür einen praktischen Nutzen nennen kann. Und den hat es de facto lange nicht gegeben. Eigentlich ist der auch erst mit dem Aufkommen des Internets in Ansätzen erkennbar (das selbst wieder von der oben genannten Grundwahrheit profitierte…). Inzwischen musste die Industrie auf den männlichen Spieltrieb hoffen. Und wurde nicht enttäuscht. Das geht bis heute. Es gibt eigentlich nur zwei Gründe, einen modernen Computer einem alten vorzuziehen (Funktionstüchtigkeit vorausgesetzt): Man will das neueste MS-Betriebssystem verwenden oder aktuelle Spiele spielen. Oder, wegen DirectX10, eben beides.

    Und die gähnende Leere auf dem Spielemarkt ist auch der wichtigste Grund, dass sich Linux auf dem Desktop nicht durchsetzt. Machen wir uns nichts vor.

  3. 21.12.2007 | 11:58

    Clever Rayson, diesmal hast du den Part des versteckten Software-Bashing einfach outgesourcet. Ich stelle mir gerade eine Welt vor, in der Apple 90ig Prozent Marktanteil hat und alle den MS-Rechner für ein Life-Style-Gerät mit aufgespielbarer Weltanschauung halten. Aber dankenswerterweise lieferst du ja einige Gründe für die Dominanz von MS mit, wie etwa die Spiele-Plattform. Wir sind uns sicher einig, dass Wettbewerb etwas feines ist und dass es dabei vor allem um Qualität gehen sollte, aber die Geschichte vom Vizepräsidenten und dem inkompatiblen Format ist doch ziemlich abgedroschen. Ein Blick über den Tellerrad, z.B. in das Land der Musikformate sollte zeigen, dass ein sich änderndes Dateiformat weder nur als tolle Marketingstrategie noch als technisches Problem betrachtet werden kann. Und als der Kollege dann noch, aus Angst sein Appell an seine Leser könnte eventuell nicht fruchten, nach dem Kartellamt rief (wie originell), das dann kurzen Prozess macht, fielen mir die Augen vor Langeweile vollends zu.

  4. 21.12.2007 | 12:18

    Rayson ganz im ernst. Daheim auf meinem Schreibtisch liegt die Ubuntu-CD, bereit auf mein treues Notebook (ein Gericom X5-Veteran von 2002 mit XP) gespielt zu werden. Die CD-Laufversion sieht ja schick aus, obwohl W-Lan etc. nicht einfach läuft. Allein mein Pragmatismus hält mich davon ab, mir die Mühe des Umstiegs zu machen. Aber vielleicht klappts ja bei einem Neukauf in den nächsten paar Jahren mal…

  5. 21.12.2007 | 12:42

    @Steffen:

    Wir sind uns sicher einig, dass Wettbewerb etwas feines ist und dass es dabei vor allem um Qualität gehen sollte, aber die Geschichte vom Vizepräsidenten und dem inkompatiblen Format ist doch ziemlich abgedroschen. Ein Blick über den Tellerrad, z.B. in das Land der Musikformate sollte zeigen, dass ein sich änderndes Dateiformat weder nur als tolle Marketingstrategie noch als technisches Problem betrachtet werden kann.

    Ich habe aber gravierende Zweifel daran, daß Office-Formate mit Musikformaten sinnvoll verglichen werden können. Wenn aus technischen oder patentrechtlichen Gründen ein neuer/anderer Kompressionsalgorithmus verwendet wird, dann versteht sich von selbst, daß Software, die den alten verwendet, die entstandenen Daten nicht wird umsetzen können. Daß die Probleme bei Office-Dateien, selbst wenn diese nur Formate, die auch in älteren Versionen schon zur Verfügung standen, verwendet, ähnlich groß sein sollen, davon müßte man mich erst noch überzeugen.

    Allein mein Pragmatismus hält mich davon ab, mir die Mühe des Umstiegs zu machen.

    Das kann ich sogar verstehen. Ich bin aus Pragmatismus von Linux auf XP umgestiegen, als ich meinen alten Rechner gegen das Notebook eintauschte. Und im April diesen Jahres habe ich das dann aus Pragmatismus in umgekehrter Richtung vollzogen.

  6. 21.12.2007 | 13:34

    Nochmal zur Formatfrage. Wikipedia schreibt:

    Seit der Windows-Version 2007 bzw. der Macintosh-Version 2008 werden Dokumente im offenen OpenXML-Format abgespeichert. Dokumente in diesem Format tragen die Dateiendung .docx und .docm (Dokumente mit Makros). Da dieses Format auf XML basiert, lassen sie sich insbesondere für Fremdprogramme einfacher lesen, verarbeiten und erstellen. Dokumentvorlagen weisen die Endungen .dotx bzw .dotm auf.

    Also gehe ich mal davon aus, dass das neue Format nicht nur in bösartiger Art und Weise versucht für Kunden attraktiv zu sein.

  7. Lina
    21.12.2007 | 14:03

    @ Rayson

    “Wer kauft denn Computer für zu Hause? Frauen? Nur, wenn man ihnen dafür einen praktischen Nutzen nennen kann.”

    Ja, den des Zeitunglesenkönnens, ohne zum Kiosk gehen zu müssen; das war mein Ansatz, und da war es mir ziemlich egal, welche technischen Fortentwicklungen währenddessen an mir vorbeigerauscht sind - als Frau, versteht sich ;-).

    “Inzwischen musste die Industrie auf den männlichen Spieltrieb hoffen. Und wurde nicht enttäuscht. Das geht bis heute.”

    Wie wahr! Der weibliche Spieltrieb hält sich da in engeren, kaum marktfähigen Grenzen. Schliesslich brauchen sie doch wenig mehr als jemanden zum (hier: elektronisch) Reden! Sie fallen aber im Einzelfall schon mal in politische Blogs ein, um ausgerechnet dort “gemocht” zu werden - wie Du es kürzlich so zutreffend formuliert hast; technisch aufrüsten müssen sie dafür nicht, sich höchstens persönlich wappnen. (Ein Nachschlag, nichts weiter;-),)

  8. 21.12.2007 | 16:00

    Lieber Rayson,

    mir hat mal ein Software-Ergonom, der sich hauptsächlich mit CAD befaßte, gesagt, er habe es noch nie erlebt, daß die Anwender eine Programmversion wirklich beherrschten, bevor eine neue herauskam.

    Die Diskrepanz zwischen dem, was ein Programm könne und dem, was der Anwender damit könne, werde immer größer, sagte er.

    Nun ist CAD ziemlich komplexe Software, und die Leute werden ja ständig geschult.

    Aber ich glaube nicht, daß es Anwendern von Windows, von Office usw. viel anders geht als mir: Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo man eigentlich alles kann, was man braucht.

    Dann hört man auf, das weiter zu erforschen, was die Software denn noch alles bietet. Manchmal stößt man zufällig auf dies und jenes. Aber vieles schlummert, und man weiß nix davon.

    Wie gesagt, das ist bei mir so und ich will es keineswegs verallgemeinern. Mir geht es mit solchen Programmen ungefähr so wie mit den um die 100 Kochbüchern, die bei uns im Küchenregal stehen, und aus denen wir doch meistens dieselben Rezepte verwenden.

    Herzlich, Zettel

  9. Die Stimme aus dem Off
    21.12.2007 | 19:49

    Ein Freund und ich sind gerade in der Gründungsphase für ein neues Unternehmen. Als kostengünstige Alternative setzen wir natürlich Linux ein, wobei er es leichter hat als ich. Er ist Elektrotechniker und braucht im Moment wenn es hoch kommt eine Tabellenkalkulation und ein Programm zur Berechnung von elektronischen Schaltungen und Platinen.

    Ich dagegen darf mich mit dem Vertrieb, der Werbung, der Buchhaltung und den ganzen rechtlichen Dingen herumplagen. Die Unternehmensgründung soll erfolgen, wenn die neue Rechtsform “Unternehmergesellschaft” geschaffen wurde, um die nicht ganz unerheblichen Haftungsrisiken zu begrenzen.

    Mir fällt aber schon die ganzen Wochen über auf, wie wenig brauchbare Software es eigentlich gibt. Das ist wirklich ein Grauen.

  10. 21.12.2007 | 21:21

    @SteffenH

    Richtig, das neue Dateiformat ist zunächst ein Versuch Microsofts, mit der üblichen Taktik “embrace, extend and extinguish” das bereits eingeführte und als ISO-Standard anerkannte Format Open Document Format zu erledigen, das z.B. von OpenOffice und KOffice verwendet wird.

    Die Abwärtsinkompatibilität ist aber ein gewollter Nebeneffekt, was schon darin deutlich wird, dass der Anwender sich selbst auf die Suche nach dem Tool machen muss, mit dem er als Besitzer älterer Office-Versionen die mit dem neuen Format erstellten Dateien lesen kann. Und dass natürlich das neue Format einfach so als neues Standardformat eingestellt ist, ohne den Anwender auf die möglichen Probleme hinzuweisen.

    @DSadO

    Für die meisten fast ausschließlich in Unternehmen eingesetzten Anwendungen ist die Softwareauswahl unter Linux eher mau. Will sagen: Um die Investition von einigen Euronen wird man da nicht herumkommen, und da fallen die Kosten für das Betriebssystem im Grunde auch noch kaum ins Gewicht. Unter Umständen bietet es sich, die Windows-Programme dann in einer Virtuellen Maschine laufen zu lassen. So mache ich es mit meinem Office-Paket und anderen nur unter Windows erhältlichen Programmen.

  11. stefanolix
    22.12.2007 | 6:57

    @Zettel: Ich arbeite auch auf den Gebieten CAD und Computergrafik. Ich kenne ziemlich viele CAD-Nutzer und betreue ehrenamtlich (aber nicht uneigennützig) auch eine Nutzergruppe. Ich beobachte gerade nicht, dass die Anwender ständig geschult werden. Die meisten Anwender klagen, dass sie kaum Zeit für eine Schulung haben und dass sie während der Arbeit kaum einmal etwas ausprobieren können.

    Auch wenn man es mit einer gesunden Skepsis betrachtet: die Diskrepanz zwischen den angebotenen und den tatsächlich genutzten Funktionen eines CAD-Programms /muss/ wachsen. In den letzten Jahren sind beispielsweise viele Funktionen hinzugekommen, die den Nutzern das Verwalten, Verknüpfen und Auswerten von Zeichnungen erleichtern. Die Bedienungsmöglichkeiten des Programms wurden erweitert, es gibt jetzt eben fünf oder sechs Möglichkeiten, um einen Befehl aufzurufen.

    Der Nutzer kann aber entscheiden, dass er diese Menüpunkte links liegen lässt, er muss sie in selbst angepassten Menüs nicht einmal sehen. Da der Nutzer seine Einstellungen auf einen anderen Arbeitsplatz mitnehmen kann, ist das eigentlich eine saubere Lösung.

    Der Markt für CAD-Software ist nicht so stark von einem Anbieter dominiert, aber der stärkste Anbieter unterscheidet sich in seinem Auftreten kaum von Microsoft. Nur geht es beim CAD gleich um mehrere tausend Euro pro Arbeitsplatz …

  12. stefanolix
    22.12.2007 | 7:06

    @SteffenH: Hast Du Dich mit der Geschichte von OpenXML wirklich mal näher befasst? Kritiker sagen, dass OpenXML so viele proprietäre Anteile hat, dass man es als die Fortsetzung des DOC-Formats mit anderen Mitteln nennen könnte. Das Werkzeug zum Konvertieren kommt mit dem Gewicht eines mittleren Elefanten auf den Rechner und setzt andere Software voraus, die sich ein normaler Nutzer überhaupt nicht installieren kann (meist darf er es überhaupt nicht). Große Unternehmen können das Werkzeug natürlich ausgiebig testen und dann automatisch verteilen. Kleine und mittlere Unternehmen haben (meiner Meinung nach) das gleiche “lock-in”-Problem wie früher.

  13. Die Stimme aus dem Off
    22.12.2007 | 12:10

    @ Rayson: Eine virtuelle Maschine ist sicher eine ganz gute Idee. Ich nutze auf meinem MacBook Parallels 3.0 und Windows XP und bin jeden Tag aufs neue Überrascht wie flüssig das Arbeiten damit geht.

    Auf Dauer ist das natürlich keine Lösung und hatte deswegen eigentlich vor komplett auf Linux zu setzen, weil das für unsere Produkte auf jeden Fall brauchen werden. Es ist aber wirklich übel wie wenig brauchbares existiert. Es wird daher wohl darauf hinauslaufen XP in einer virtuellen Maschine einzusetzen, ich halte das auch für die beste Lösung.

  14. 22.12.2007 | 14:45

    @rayson & stefanolix:

    Wo ist das Problem, wenn open-xml wie alle ecma international standards frei verfügbar und kopierbar ist. Und mir ist schleierhaft, wie man MS-Office-Produkte angesichts der Existenz von OpenOffice und anderen nach wie vor als Bedrohung hochstilisieren kann. Jedem Privatmenschen und jedem Unternehmen steht es frei den Umstieg zu machen. Die Umschulungskosten kann man ja nun nicht auch noch Microsoft in die Schuhe schieben. Ebenso sieht es mit einem Umstieg auf andere Hard- und Software aus. Nur arbeiten auch alle die ich im Office-Bereich als Apple-Benutzer kenne auch mit MS-Produkten. Auch ist es nach meinen Erfahrungen mit der Veerfassung von Gutachten mit moderaten grafischen Inhalten kein Problem die Dokumente sowohl mit MS-Word als auch mit OpenOffice zu bearbeiten. Ich behaupte also, dass der Umstieg im Officebereich nicht durch MS, sondern bestenfalls durch die Bequemlichkeit oder den Pragmatismus der Nutzer verursacht wird. Nicht jeder muss sich mit programmiertechnsichen Details herumschlagen und wird deshalb auch nicht im Traum daran denken, die Wahl des Betriebssystems zu einer Glaubensentscheidung zu machen.

  15. 22.12.2007 | 18:36

    @SteffenH

    Wer redet von Problemen? Ich rede von der Strategie eines Unternehmens. Die läuft übrigens keinesfalls auf offene Standards hinaus, wie man hier und da erfahren kann. Das ist eben das bekannte “embrace, extend and extinguish”.

    1. Die Anwender verlangen einen Standard.
    2. Man propagiert eine proprietäre Lösung dagegen.
    3. Die Anwender verlangen immer noch den anderen Standard,
    4. Man gibt vor, den Wünschen der Anwender zu folgen und liefert etwas, das den Namen trägt und oberflächlich so aussieht wie das Gewünschte, darüber hinaus aber weiterhin viel proprietären Kram enthält, in der Hoffnung, dass die Unterschiede zwischen beidem langsam so verwischen, dass das eigene Zeugs irgendwann zum Quasi-Standard wird, so dass die Wettbewerber wieder ausgeschlossen sind.

    Das hat MS mehrmals praktiziert, allerdings nicht immer mit großem Erfolg (Java++, ActiveX). OpenXML ist ein weiterer Versuch auf diesem Weg. Nun kann man sagen: Was stört es mich, wenn Millionen Fliegen Scheiße gut finden? Dazu zweierlei: Ich gönne den Fliegen ihre Scheiße, aber wenn auch für mich irgendwann nichts anderes mehr übrig bleibt, fände ich das wenig erquickend. Und den Fliegen die Freiheit zu lassen, Scheiße zu fressen, heißt ja nicht, dass man nicht Eindeutiges über die Konsistenz, den Geruch und den Geschmack des so Präferierten zu sagen hätte, so dass man sich da draußen vorher nochmal gründlich überlegen kann, wie sehr Fliege man ist oder sein will.

    Dass du Dokumente sowohl im MS Word als auch in OpenOffice bearbeiten kannst, verdankst du übrigens meist der mühevollen Kleinarbeit von Programmierern, die das proprietäre *.doc-Format ohne jede Unterstützung von MS versucht haben, in ihrem Programm abzubilden. Aber es treten dann doch eben oft wieder Formatierungsprobleme auf.

    Aber sei’s drum: Ich fordere nichts, ich beobachte nur. Ich beobachte, dass MS Probleme bekommt, und ich prophezeihe, dass es seine dominante Stellung in den nächsten Jahren verlieren wird. Wettbewerb lugt um die Ecke. Warum freut dich das eigentlich nicht?

    Dass du jetzt schon wieder auf “Wahl des Betriebssystems eine Glaubensentscheidung” abhebst, verwundert mich dann doch sehr. Über die Vor- und Nachteile von Betriebssystemen hat hier keiner ein Wort verloren. Stefanolix und ich argumentieren rein anwenderorientiert. Diese Schublade hättest du ruhig geschlossen lassen können, ihr Inhalt liegt hier nur unordentlich rum.

  16. stefanolix
    22.12.2007 | 22:56

    Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Die Formatierungsprobleme in OpenOffice könnten schon lange behoben sein, hätten die Entwickler nicht tausende und abertausende Stunden in die Arbeit mit dem proprietären Word-Format stecken müssen. Das Format von OpenOffice war schon immer wesentlich logischer und »programmierfreundlicher« aufgebaut.

    Man muss zwar fairerweise sagen, dass Microsoft das Format RTF immer offen dokumentiert hat und dass man einen Text ohne Grafiken normalerweise aus RTF in ein anderes Office-Programm importieren kann. Ich selbst habe Texte mit Seitenkopf, Seitenfuß, Tabellen, Listen und normalen Absätzen aus XML schon mit eigenen Programmen in RTF umgewandelt und Word hat das Ergebnis sogar verstanden;-) — Leider hat RTF aber auch proprietäre Teile und einige andere gravierende Nachteile. Und es ist den meisten Nutzern unbekannt.

    Ich hoffe auch, dass in den nächsten Jahren eine Wende eintreten wird. Ich fürchte aber, dass es eher zehn als fünf Jahre werden …

    @Rayson: vielen Dank für die Bemerkung zu den Betriebssystemen. Betriebssysteme kommen hier nur ins Spiel, wenn es um die Plattformunabhängigkeit geht. Und das sollte eine Forderung sein, hinter der alle Liberalen stehen können.

    Aber wenn es gut aussehen soll, verwende ich sowieso LaTeX;-)

  17. LukeNukem
    23.12.2007 | 1:19

    Tatsächlich ist OpenXML weder XML, noch open, und auch nicht frei verfügbar. OpenXML enthält binäre Kodierungen, die XML nicht zuläßt, und ist damit inkompatibel zum XML-Standard. Darum hat der Hersteller den XML-Standard eigenmächtig mit proprietären und patentrechtlich geschützten “Erweiterungen” versehen.

    Microsofts Ausweichen auf das Patentrecht ist eine vollkommen logische Konsequenz aus der Einigung mit dem US-Justizministerium und der Strafe durch die Wettbewerbshüter der EU. Da sowohl die Einigung mit der US-Justiz als auch die Auflagen der EU verlangen, die Datenformate offenzulegen, taugen proprietäre Fomate nicht mehr, um die Wettbewerber vom Markt fernzuhalten. Darum wurde das Konzept verfeinert.

    Man nahm also einen gut abgehangenen, etablierten Standard mit breiter Akzeptanz, vielen Entwicklern und fertigen Werkzeugen, da mußte man wenig Entwicklungszeit investieren und konnte gleich loslegen. Hernach veränderte man diesen Standard um eine “Erweiterung”, die sich mit fremder Software nicht verarbeiten läßt. Zuletzt wurde das Ganze patentiert, mit dem irreführenden Etikett “Open” versehen sowie mit dem Namen des akzeptieren Standards “XML”.

    Durch den Patentschutz dieser “Erweiterungen”, die eigentlich nur Verwässerungen des Standards sind, befinden sich die Anwender, aber insbesondere die Entwickler in derselben Situation wie vorher. Für einen kommerziellen, aber erst Recht einen OpenSource-Entwikler spielt es keine Rolle, ob eine Technik nicht genutzt werden kann, weil sie undokumentiert ist, oder weil dann vielleicht eine Patentklage über einem schwebt. Nur das Konzept wurde verfeinert, aber die Taktik bleibt dieselbe.

    In den letzten Monaten hat Microsofts CEO Ballmer übrigens schon mehrmals behauptet, Linux verletze etliche Microsoft-Patente, ohne diese jedoch zu benennen — offensichtlich ein Versuch, die Entwickler und Anwender alternativer Software zu verunsichern. Auch andere Vertreter Microsofts haben bereits öffentlich geäußert, die angemeldeten Patente auch nutzen zu wollen, wenn es “notwendig erscheine”.

  18. stefanolix
    23.12.2007 | 7:56

    @Luke: Deinen ersten Absatz kann ich so nicht stehen lassen und ich will es in ganz wenigen Zeilen begründen. Meine Erklärung ist nicht für Informatiker gedacht, sondern sie soll dieser Diskussion nur eine Grundlage geben.

    Wenn wir hier über XML diskutieren, sollte zuerst klar sein, dass es dabei um sehr allgemeine Dokumente geht. Die Anwendung auf Office-Dokumente ist nur einer von vielen Spezialfällen. — Eine XML-Datei muss wohlgeformt und gültig sein. Wohlgeformtheit wird vorausgesetzt, damit ein Programm das Dokument überhaupt verarbeiten kann. Die grundlegenden Anforderungen kann man im Standard nachlesen, sie passen zusammengefasst etwa auf eine halbe Druckseite.

    Die Gültigkeit eines XML-Dokuments wird mit Hilfe einer DTD oder eines XML-Schemas überprüft. In beiden kann festgelegt werden, aus welchen Teilen eine XML-Datei bestehen darf. Eine DTD oder ein Schema dienen der formellen Überprüfung von XML-Dateien.

    Die XML-Dateien von Microsoft sind wohlgeformt und gültig. Es steht nirgendwo im XML-Standard, dass eine XML-Datei keine proprietären Teile enthalten darf. Es steht auch nirgendwo, dass man patentrechtlich geschützte Objekte nicht in XML darstellen darf. Und Microsoft kann den XML-Standard überhaupt nicht erweitern, weil sie schlichtweg nicht das Recht dazu haben. Wenn man ihnen aber das Recht einräumt, eigene Anforderungen an die Gültigkeit aufzustellen, dann muss man sich nicht wundern, wenn sie die Möglichkeiten auch nutzen.

    Es gibt bisher kein zentrales Gremium, das völlig unabhängig einen Standard für die hier diskutierten Arten von XML-Dokumenten erstellen könnte. Das müsste aber eigentlich am Beginn des Prozesses stehen.

    Wenn ich es am Beispiel eines Textdokuments erklären darf: Wir alle haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was in einem Textdokument enthalten sein muss. Diese Vorstellungen sind durch unsere persönliche Nutzung der Textverarbeitungsprogramme geprägt.

    Sicher sind wir uns einig, dass ein Textdokument aus Gliederung, Absätzen, Listen, Tabellen, Verzeichnissen und einigen anderen Grundelementen bestehen sollte. Aber dann hört die Einigkeit auch schon auf. Der eine möchte unbedingt noch mathematische und naturwissenschaftliche Formeln integrieren. Der andere will »Word« voll ausreizen und Organigramme, WortArt-Objekte, Cliparts, Diagramme oder Skizzen einfügen.

    Kein Gremium auf dieser Welt kann diese Forderungen so zusammenfassen, dass ein Standard ohne Ausnahmen entsteht. Man hat also zwei Möglichkeiten. Entweder man muss den Herstellern im Rahmen der Möglichkeiten des XML-Standards genügend Raum für eigene Erweiterungen geben.

    Oder man definiert einen Kernstandard für den Datenaustausch, der dann aber wirklich nur die Grundelemente von Textdokumenten enthält und proprietäre Erweiterungen verbietet. Dieser Standard könnte schrittweise erweitert werden. Ich würde für letzteres plädieren, aber mich fragt ja keiner …

    Es wurden nun zwei konkurrierende XML-Formate zur Standardisierung eingereicht und beide Anträge waren durch bestimmte Interessen gelenkt. Es kann doch niemanden verwundern, dass Microsoft seine Interessen auch in diesem Standardisierungsprozess durchsetzen will. Aber hier liegt der Grundfehler doch eigentlich darin, dass man die Frösche gefragt hat, wie der Sumpf am besten trockengelegt werden könnte.

    Was Du zu Microsofts “FUD”- und Patentstrategie geschrieben hast, entspricht dann leider wieder der bitteren Realität. Aber diese Strategie konnte nur aufgehen, weil der ganze Prozess von der falschen Seite her begonnen wurde.

  19. 23.12.2007 | 12:37

    @rayson & stefanolix:

    Sorry, dass ich hier mehr Fässer als nötig aufgemacht habe. Aber lasst micht bitte noch einmal eins erläutern. Natürlich bin ich froh über Wettbewerb im Software-Bereich, weshalb ich auch stets gegen jeglichen Staatseingriff plädiere. Ebenfalls soll sich jeder über Produktstrategien eines Anbieters, wie hier MS, aufregen dürfen. Das belebt ja den Wettbewerb.

    Vielleicht ist es ja vorauseilender Gehorsam, dass ich hier immer wieder den Ruf nach irgendeiner regulierenden Instanz und sei es einer Standardisierungsinstitution heraushöre. Bekanntlich kann man Letztere auch als ein Versuch der Branchenkartellisierung sehen und das ist solange gut, wie es dem Konsumenten hilft. Also sollen sich die Anbieter ruhig über Standards streiten, dass Ergebnis wird letztlich ein Fortschritt sein. Ich bin da evtl. optimistischer als ihr.

    Problematisch ist m.E., dass all diese Diskussionen, wenn auch nicht unbedingt hier, immer wieder die Forderung nach Eingriffen einer staatlichen Behörde beinhalten. Da ich den Softwaremarkt, trotz seiner Besonderheiten einer Netzwerkökonomie, dennoch für selbstregulierend erachte, versuche ich hier auch neutral zu bleiben. Meine Perspektive als reiner Anwender mag hier naiv klingen, spiegelt aber die Realität auf nahezu allen Märkten wieder, in denen der Konsument einen Nutzwert erwirbt und nicht den Anspruch auf die beste aller möglichen Welten. Naiv wie ich bin, überlasse ich die technischen Scharmützel den Programmieren und beschränke mich bei der Auswahl der von mir verwendeten Programme auf spürbare Nutzungsvorteile oder geringen Informations bzw. Implementationsbedarf, Netzwerkeffekte mit eingeschlossen. Fehler sind hier natürlich eingeschlossen. Das sind wie bei allen Usern eindeutig individuelle Nutzen-Kosten-Entscheidung, auch wenn das für den Experten das “Scheißefressen der Fliegen” ist. Man kann es auch einfach akzeptieren, das der Großteil der Konsumenten einfach einen PC mit Software usw. erwirbt, auf dem MS & Co. installiert ist, weil etwa nichts anderes in den Regalen steht (Warum eigentlich?), nichts anderes offensiv beworben wird (ich vermute der Großteil der Konsumenten hat noch nie etwas von Linux gehört oder glaubt, das wäre was für Freaks mit dicken Brillengläsern) oder weil der angebissene Apfel nach wie vor das Budget vieler User übersteigt. Hier ist Information sicher nützlich, aber irgendjemand muss die ja auch bezahlen. Also schließt auch die Welt der Computer einen Trial-and-Error-Prozess mit ein. Konstruktive Kritik kann diesen verkürzen.

    Mit anderen Worten, abgesehen von technischen Diskussionen über Vor- und Nachteile von Programmen, Schnittstellen und Standards halte ich emotional gefärbte Debatten schlichtweg für müßig. Deshalb war meine Reaktion auch weniger eine Reaktion auf Rayson (eigentlich haben wir unsere Standpunkte umfänglich ausgetauscht), sondern auf den belehrenden Ansatz des Herrn Edlin, der seine eigene Unzufriedenheit mit seiner Sichtweise der Welt seinen Lesern ziemlich grob überstülpen wollte. Und da auch diesmal wieder die EU-Kartellbehörden und Mr. Varians Regulierungsvorstellungen im Vordergrund standen, meinte ich Einspruch einlegen zu müssen. Als libertär denkender Ökonom mit einigermaßen gefestigten Vorstellungen in Sachen Marktversagen sehe ich schlichtweg keine Notwendigkeit der Regulierung. Abgesehen davon, stört es mich nicht, wenn sich der eine oder andere von MS die Weihnachtslaune verderben lässt. Nur ist das allein sein Problem.

    Ansonsten wünsche ich dem gesamten B.L.O.G. Team und seinen Lesern eine schöne Weihnacht und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

    PS: Nach vier Jahren bei Blogigo mit stetig nachlassender Qualität des Service (inzwischen funktioniert nicht einmal mehr RSS) hab ich den Entschluß gefasst meinen Blog woanders neu aufzumachen. Daher zwei Fragen: Welchen Anbieter könnt ihr empfehlen und was muss man bei einem solchen Umstieg alles beachtet werden?

  20. 23.12.2007 | 13:29

    @SteffenH

    Wenn du der Herde folgen willst, was unter Unwissenheit in der Natur und in der Wirtschaft nicht der schlechteste Weg ist, gehe zu wordpress.com. Die Wordpress-Oberfläche ist recht simpel, und im Netz findet man zig Tipps. Die volle WP-Freiheit, also inklusive aller Templates und Plugins, hast du natürlich erst auf deinem eigenen Webspace.

    Da ich Blogigo nicht kenne, kann ich leider nichts Näheres zu dem sagen, was beim Umstieg zu beachten ist. Möglicherweise kannst du deine Links in ein Standardformat exportieren und so mitnehmen. Die alten Beiträge würde ich auf dem alten Blog lassen, so lange nicht die Gefahr besteht, dass es gelöscht wird. Das Hauptproblem dürfte der neue Domainname sein, der erstmal unter deinen Lesern verbreitet werden müsste. Vielleicht sicherst du dir bei der Gelegenheit für wenige Euronen deine eigene Domain, die du dann als Weiche verwenden kannst?

    An dieser Stelle darf natürlich die Einladung nicht fehlen, einfach bei uns zu publizieren ;-)

  21. stefanolix
    23.12.2007 | 14:52

    Es ist doch immer wieder schön, wenn sich Praxis und Blog treffen: Steffens Umstieg sollte am besten via X(HT)ML oder mit einem SQL-Datenbankauszug funktionieren. Daran sieht man, wie wichtig solche Standards sind: sie vereinfachen Datenaustausch und Umstieg. Wenn der Anbieter überhaupt nichts dergleichen anbietet, würde ich mit »wget« in einer Schleife alle Beiträge herunterladen und dann in ein passendes Format transformieren. Für Fragen (aber bitte nach den Feiertagen) stehe ich gern zur Verfügung.

    Wenn ich voraussetze, dass Standards einfach notwendig sind, dann rufe ich damit nicht nach einer staatlichen oder internationalen Instanz, die den Softwaremarkt kontrollieren soll. Ich will wieder den Wettbewerb der Anbieter um die beste Textverarbeitung haben, den es früher einmal gab. Ich will aber beim Umstieg nicht den riesengroßen Aufwand, den proprietäre Formate nun mal mit sich bringen. Und ich will kein »lock-in« mit unfairen Methoden.

    PS @SteffenH: Rayson hat mit seinen letzten Worten alles gesagt, was ich zur Frage nach dem neuen Bloganbieter auch sagen wollte ;-)

  22. 23.12.2007 | 17:11

    Seine letzten Worte waren es doch hoffentlich nicht…

  23. 23.12.2007 | 17:46

    Immer nur vorläufig…

  24. stefanolix
    23.12.2007 | 22:18

    Ja, es waren die letzten Worte in Raysons Kommentar von 13:29 Uhr,
    ich gebe mich ja schon geschlagen …;-)

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