Keine Spielerei

Es gibt ja immer noch dieses Vorurteil aus gewisser Richtung, die Gegner von Vorratsdatenspeichung, Schnüffel- und Überwachungsstaat seien lediglich ein Rudel von Linken und Liberalen, die nichts besseres zu tun hätten, die aus purer Naivität gegen wichtige Mittel des Rechtsstaates opponierten und denen die Rechte von Kriminellen wichtiger seien als der Schutz Unschuldiger. Und das insbesondere angesichts von Terrorismus und Kinderpornos!

Die Aktion “Himmel”, bei der in den letzten Monaten offenbar 12.000 Bundesbürger in den Verdacht geraten sind, kinderpornografisches Material zu besitzen und/oder zu verbreiten, ist ein gutes Beispiel dafür, warum das nicht so ist; warum es für jeden, der noch an so unmodische Dinge wie die Unschuldsvermutung, das Recht an der eigenen Wohnung, das Recht auf (überwachungs-)freie Kommunikation und ähnliches glaubt, wichtig ist, den Kampf gegen den Schnüffelstaat fortzusetzen, wie Udo Vetter am Beispiel eines Mandanten aufzeigt.

Der Staat, der aus fehlbaren Menschen besteht, eben auch aus karrieregeilen und/oder fanatischen Ermittlern und Staatsanwälten, wird jede Einzelne dieser neuen Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten missbrauchen. Nicht “kann”, sondern “wird”, wieder und wieder, in zahllosen Fällen. Selbst, wenn er es nicht auf breiter Front und zentral gesteuert unternimmt, Unschuldige zu verfolgen und ihre Existenz zu zerstören, so werden es doch immer wieder einzelne Diener dieses Staates sein, die einzelnen Bürgern derartig ungerechtfertigt zuleibe rücken - und mit jedem neuen Mittel des Schnüffelstaates wird die Gefahr größer und ausgedehnter.

Und bei den Gefährdeten geht es nicht um Kriminelle oder IT-Spinner, die um die Sicherheit ihrer Familienfotos fürchten, sondern um Personen wie den Mandanten von Udo Vetter: Unschuldige, deren Existenz aufgrund haltloser Anschuldigungen völlig zerstört wird, die arbeitslos und vor den Trümmern ihres Familienlebens dastehen, weil einmal mehr die neuen Ermittlungsmethoden aus Unverstand oder böser Absicht missbraucht werden. Hatte er wirklich nichts zu befürchten? Doch, das hatte er. Und auch wir haben etwas zu befürchten, wenn diese Methoden immer weiter ausgedehnt werden.

Himmel, bin ich gerade wütend.

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12 Kommentare zu “Keine Spielerei”

  1. 26.12.2007 | 15:19

    Übrigens wird eine Schweinerei (um es deutlich zu sagen) übersehen: Wie kommt eigentlich der Webhoster (wohl Strato) dazu, seinen Kunden nach zu spionieren? Das ist etwas, was auch ein gewisses “Geschmäckle” hat: Ein weiterer Grund, nur Daten bei einem Internethoster zu speichern die man teilen will und sonst nichts !

  2. 26.12.2007 | 15:31
  3. 26.12.2007 | 16:00

    Man stelle sich einmal vor, diese Leute würden fordern, dass Briefe und Rucksäcke auf der Suche nach illegal gebrannten CDs grundsätzlich durchsucht und Briefe mit einem Absender, der bekanntermaßen Raubkopien besitzt, sogleich geschreddert werden sollen.

    Das wäre eigentlich nichts anderes.

  4. 26.12.2007 | 16:30

    Moment, aus Sicht von Strato ist das aber nachvollziehbar, oder? Immerhin machen die sich doch strafbar, wenn sie illegale Inhalte auf ihren Servern hosten. Insofern finde ich es nachvollziehbar, daß sie Verdachtsmomente melden.

  5. 26.12.2007 | 16:33

    @Statler
    >Moment, aus Sicht von Strato ist das aber
    >nachvollziehbar, oder? Immerhin machen
    >die sich doch strafbar, wenn sie illegale
    >Inhalte auf ihren Servern hosten
    –> Nein, es ist nicht nachvollziehbar: Wenn ein Postbote merkt, dass jemand viele Briefe bekommt, darf er diese dann öffnen und nachschauen? Meiner Meinung nach Nein!

  6. 26.12.2007 | 17:59

    Aber wenn der Postbote sieht, wie aus einem beschädigten Umschlag ein Foto rausfällt, das den Mißbrauch von Kindern zeigt, dann sollte er schon zur Polizei gehen, oder?

    Ich vermute mal, daß Strato da schon noch ein paar mehr Anhaltspunkte hatte als nur hohen Traffic. Das muß ja nicht alles bei SPIEGEL ONLINE stehen.

  7. 26.12.2007 | 18:03

    @statler:
    Ich würde mich, bis ich gegenteilige Aussagen lese, erst einmal auf das verlassen, was ich bisher lesen konnte. Und laut diesen Informationen war es der Postbote selbst, der den Umschlag beschädigt hat… wobei ich das nicht so schlimm finde, wie das recht rücksichtslose Vorgehen der Ermittlungsbehörden.

  8. 26.12.2007 | 18:14

    @volker - genau das ist es und die wenigsten lesen oder hören es raus - ich als kunde von strato habe heute mal eine anfrage gestellt (http://www.blogsurdum.de/2007/12/26/liebe-leute-von-strato/) und bin am überlegen, wie man da vielleicht eine vernetzte aktion draus machen könnte - ein einzelner depp kann nicht so laut brüllen…

  9. R.A.
    27.12.2007 | 18:04

    Da werde ich mich als Strato-Kunde gleich mal anschließen.

    Es ist insgesamt schon unglaublich, was unter dem Deckmantel “Kampf gegen Kinderpornographie” alles abgeht.
    Das ist derzeit das ultimate Verbrechen und rechtfertigt angeblich jedes staatliche Vorgehen.

    In der Realität ist das aber nicht nur ein überaus seltenes Delikt (natürlich ein wirklich übles), und seit langer Zeit ist es m. W. deutchen Ermittlern nicht mehr gelungen, auch nur einen wirklichen Fahndungserfolg vorzuweisen.
    Und mit “wirklich” meine ich, daß man tatsächlich einen Produzenten erwischt und verknackt hätte - es geht auch bei der aktuellen Maßnahme nur um mögliche Endabnehmer.

    Und da werden dann 12000 Leute kriminalisiert, weil einige davon vielleicht ein paar illegale Bilder getauscht haben.

  10. Buenavista
    27.12.2007 | 23:19

    Da sind schon einige Hämmer dabei. Allein diese Passage:

    Staatsanwalt Vogt warnte Internetnutzer am Mittwoch eindringlich, dass sie bei Kinderpornografie schnell ins Visier der Ermittler geraten. “Schon wenn zielgerichtet mit bestimmten Begriffen nach Kinderpornografie gesucht wird, macht man sich strafbar.” Internetnutzer, die Mails mit kinderpornografischen Inhalten erhielten, sollten sich bei der Polizei melden.

    Oh, “zielgerichte Begriffe”. Nach einer französischen Sängerin oder nach Nabokovs Roman (laut Reich Ranicki einer der besten der Weltliteratur) sollte ich dann wohl nicht mehr suchen? Weil das ein übereifriger Staatsanwalt missverstehen könnte?

    Und ich soll mich bei der Polizei melden, wenn ich das Pech habe, von einem Unbekannten bestimmte Mails zu erhalten (die wohl eh im Spamfilter landen).

    Geht’s noch? Was wird wohl mit meinem Namen passieren, wenn ich das täte? Der würde todsicher in einer Datenbank landen, und selbst wenn ich noch einen Dankesbrief vom BKA bekäme… in zwei Jahren kommt irgendeine Abfrage, aus der sich der ursprüngliche Sachverhalt nicht mehr ergibt.

    Nur die flüchtigste Assoziation mit Bildern dieser Art kann nicht nur sondern wird Existenzen zerstören. Das ist das Perverse dieses Systems.

    Und selbst absolut Unbeteiligte können da hineingeraten.

  11. 1.01.2008 | 19:04

    Inzwischen zeigt sich, wie inkompetent die Ermittlungen und die Öffentlichkeitsarbeit durchgeführt wurden: Die Tagessschau berichtet:

    Demnach seien viele der gemeldeten Nutzer nach den Erkenntnissen der Ermittler “nur für Sekunden” und damit “möglicherweise aus Versehen” auf die ins Visier gekommene Kinderporno-Seite geraten. Damit sei fraglich, ob sich die Verdächtigen in dieser Zeit überhaupt Daten auf den eigenen Computer hätten herunterladen können. Die Operation habe einen “irren Verwaltungsaufwand für fast gar nichts produziert”, zitiert das Magazin einen Strafermittler aus Westfalen.

    Vor dem Ausland stehen wir jetzt so da, als ob es hier einen Ring von 12.000 Nutzern von Kinderpornografie gegeben hätte. In Wahrheit haben sie scheinbar alle Nutzer eines Dienstes mitgezählt, aber sie wissen überhaupt noch nicht, wer davon auf verdächtiges Material zugegriffen hat. Aber große Zahlen lassen die Bedrohung natürlich ins Unermessliche wachsen und rechtfertigen irgendwann jede Willkür.

  12. 2.01.2008 | 11:40

    @statler:

    Nein, strato macht sich auf keinen Fall strafbar, da ein Webhoster nicht für die angebotenen Inhalte geradestehen muss - wobei ich gerne zugebe, dass ich dem Landgericht Hamburg :-D da auch eine andere Interpretation zutraue …

    Strafbar machen sich der Strato-Kunde (dessen Aufgabe es ist, die Legalität der auf seinem Account angebotenen Inhalte zu überprüfen/sicherzustellen) und derjenige, der diese Inhalte eingestellt hat (das muss ja nicht der Accountinhaber selbst sein).

    Insbesondere darf Strato weder die Logs auswerten noch die gehosteten Inhalte durchforsten, sofern diese nicht frei und offen verfügbar sind.

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