Shock and awe

Die Mehrzahl der Blogger unterscheidet sehr viel von echten Journalisten. Aber nicht alles davon ist erstrebenswert. Als neuestes Beispiel kann die Meldung des Online-Angebots der FTD zum Attentat auf Benazir Bhutto dienen. Im Text steht:

Die Reaktionen sind Beleg für die Sorge, dass der krisengeschüttelte Staat ins Chaos abgleiten könnte.

Der Konjunktiv ist für den Sprachkundigen deutlich genug: Es geht um eine mögliche Entwicklung. Was steht aber dick und fett im Titel? Eine Tatsache:

Nach Anschlag versinkt Pakistan im Chaos

Kein Wunder, dass in den Köpfen der Menschen dieses Landes eine echte und eine gefühlte Realität existiert. Dafür sorgt schon der Qualitätsjournalismus.

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18 Kommentare zu “Shock and awe”

  1. Buenavista
    28.12.2007 | 8:32

    Hmmm ja, vermutlich journalistisch schlampig, nach Occams Rasiermesser.
    Es sei denn, man würde der FT ein besonderes Talent für feine Ironie zutrauen.

    Nämlich die, dass Politiker sich offiziell immer noch wegen einer Möglichkeit Sorgen machen, die längst eingetreten ist.

    Bisschen so wie der Völkermord in Darfur, der, wenn er offiziell konstatiert würde, zum Eingreifen zwingen würde.

  2. Lina
    28.12.2007 | 9:18

    Ein Quartal lang lese ich hier schon mit. Fühle ich es nur oder ist es echt (wahr), dass Korrekturlesen zu Euren Lieblingsbeschäftigungen gehört? Was würdet Ihr eigentlich ersatzweise machen, wenn Ihr Éuch nicht länger an Journalisten abarbeiten könntet, denen die Qualitätskriterien ihres Berufs abhanden gekommen sind?

    Nicht nur, dass Ihr beständig deren Quellen anzapft, Euch auf sie beziehen und berufen könnt, nein, sie sind Euch scheinbar am liebsten, wenn sie grob danebenhauen - wie zweifellos hier! Ich habe Euch noch selten einen loben hören dafür, dass er gute Arbeit leistet. Ist es da ein Wunder, dass sie Euch Blogger nicht sonderlich leiden können?

    Damit keine Zweifel aufkommen: als Aufpasser, als Kontrollinstanz finde ich Euch wirklich gut, und auch sonst gibt es nichts zu beanstanden, im Gegenteil: ich habe viel bei Euch gelernt, mehr sogar als während meiner Ausbildung zur Tageszeitungsredakteurin, aber ich muss mich hier auch einmal vor die Kollegen stellen dürfen, die in der grossen Mehrzahl sauber arbeiten.

    P.S.: Ich selbst reklamiere übrigens in solchen Fällen direkt beim Hersteller; das bin ich mir schuldig.

  3. stefanolix
    28.12.2007 | 10:30

    Vorweg: Ich würde die Diskussion angesichts der vielen Toten in Pakistan gern unter einem anderen Artikel führen. Frage an Euch: Soll ich noch schnell einen dafür schreiben?

    Lina, ich kann Dir nur als Einzelner antworten: zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört diese Art des »Korrekturlesens« nicht, aber es gehört unbedingt zum Bloggen dazu. Ich sehe auch kaum einen Unterschied, ob ich Politiker oder Journalisten für Fehler, Schlampereien oder Populismus kritisiere: beide sind an der Meinungsbildung beteiligt, beide reden dem Publikum viel zu sehr nach dem Mund und leider sind sie inzwischen auch viel zu eng miteinander verquickt.

    Ich möchte Dir Deine Meinung zum sauberen Journalismus gern lassen, aber ich kann Dir hier nicht zustimmen. Ich sehe z.B. die beiden verbliebenen seriösen Lokalzeitungen in meiner Stadt sehr kritisch. Die eine Zeitung habe ich jetzt seit knapp 20 Jahren abonniert und ich frage mich jedes Jahr, wie tief das Niveau nun noch sinken kann. Billige PR-Meldungen und unbearbeitete Agenturmeldungen finden immer öfter ihren Weg in den »redaktionellen Teil«, man bekommt als Unternehmen unverblümt Einfluss auf Berichte angeboten, die Qualität der gedruckten Sprache wird immer schlechter, es gibt haarsträubende Satzfehler … und niemanden scheint es zu interessieren.

    Die Beschwerde beim Hersteller habe ich aufgegeben, das scheint wohl nicht so viel zu nutzen, sonst sähen unsere Zeitungen besser aus …

  4. 28.12.2007 | 10:35

    @Lina:
    Dass das augenblicklich etwas intensiver ist, als das früher der Fall war, liegt zum einen an der von stefanolix konstatierten Abnahme der Qualität (durch den scharfen Wettbewerb auf dem Medienmarkt, würde ich mal vermuten, dem bisher keiner durch die Nische “Qualität” begegnen will). Vor allem aber daran, dass einige Autoren eben dieser Qualitätsmedien in letzter Zeit so fröhlich gegen Blogger beißen. Angstbeißer, würde ich fast vermuten. :)

  5. Lina
    28.12.2007 | 10:42

    Ja, schreib’ scnell was, stefanolix!

    Und vergiss über den vielen neuen Toten nicht den Aberwitz einer Politikerin, in dieses Land, das sie zweimal aus Gründen vertrieben hat, als eine prospektive Märtyrerin zurückzukehren, die schon mit Ankunft 130 Menschen in den Tod reisst: Blutzoll für einen neuen Mythos?

    Ich wollte, sie wäre in Dubai oder London geblieben…

  6. Lina
    28.12.2007 | 11:13

    @ Karsten / auch stefanolix

    Ob sie zu “Angstbeissern” geworden sind, die mit Euch konkurrierenden Journalisten, will ich mal dahingestellt lassen;-); dass aber Qualitätstandards und Arbeitsmoral seit längerem dramatisch sinken, ist augenfällig.

    Deshalb habe ich absolut nichts dagegen, sondern bin dafür, wenn Ihr als überlegenes Korrektiv fungieren wollt, ich meine nur, dass gerade das Bashing quantitativ (Du, Karsten, nennst es proportional) überhand genommen hat, während Ihr Euch auch mal ein Lob abringen könntet; des zwischenmedialen Klimas wegen und so…

  7. stefanolix
    28.12.2007 | 11:49

    @Lina: Überlegen sind wir nicht. Wir haben den Vorteil, dass wir nach dem Schreiben einen sehr direkten Dialog mit unseren Lesern führen können. Dabei entwickelt sich manche Idee weiter, der Autor wächst am Widerspruch und man kann Fehler leichter korrigieren. All das ist dem Zeitungsjournalisten in dieser Form nicht möglich: der Leserbrief erreicht ihn viel später und korrigieren kann er (fast) nichts mehr.

    Zum Lob wollte ich vorhin noch etwas schreiben. Wir verlinken ja durchaus auch zustimmend und wir haben beispielsweise auf einen speziellen Journalisten (Ulrich Speck, Kosmoblog) immer wieder verwiesen. Einen Zickenkrieg zwischen Journalisten und Bloggern fände ich unsinnig. Allerdings müssen Journalisten eben auch einsehen, dass sie heute unter anderen Bedingungen schreiben als vor 15 Jahren.

    Ich verzichte jetzt doch auf einen neuen Artikel, denn ich kann ihn momentan nicht betreuen und unsere Diskussion ist ja hier nicht wirklich off-topic. Aber angesichts der Entwicklung in Pakistan habe ich schon Sorge: immerhin haben sie dort Atomwaffen in der Hand.

  8. Jana
    28.12.2007 | 12:34

    @stefanolix:
    Wo ist eigentlich der Herr Speck abgeblieben - weiß das evtl. jemand hier? Ich vermisse seine Kommentare zur Außenpolitik doch sehr.

  9. 28.12.2007 | 13:20

    @stefanolix: “Politiker und Journalisten reden dem Publikum viel zu sehr nach dem Mund”

    Ha, dann frage mal die lokale Bürgerinitiative, die gegen ein ICE-Gleis vor ihrem Stadtteil ist. Die beschweren sich, dass das Lokalblatt für den ICE ist. Oder frage mal den Oberbürgermeister, der vom Ressortleiter als unentschlossen bezeichnet wurde. Ich denke, das ist mal so und mal so (aber immer öfter so ;-) ) . Und es wird immer einen geben, den die Position oder Richtung eines Artikels nicht passt.

  10. stefanolix
    28.12.2007 | 13:39

    Aktuelles Beispiel: Von den fünf Wirtschaftsweisen haben sich zwei gegen einen Mindestlohn ausgesprochen, einer hat für den eher symbolischen Mindestlohn von 4.50 EUR plädiert. Wer kommt in meiner Zeitung als einziger zu Wort? Der gewerkschaftsnahe Professor Bofinger mit der linkspopulistischen Forderung nach einem hohen Mindestlohn. Weil’s die Leute halt so lesen wollen … und nein, das ist noch nicht mal eine linke Lokalzeitung.

    Gut, dass ich mir heute morgen noch die F.A.Z. gekauft habe, sonst hätte ich alle anderen Meinungen verpasst. Ich möchte nicht wissen, wie die Boulevardzeitungen das Thema verarbeiten. Im Ergebnis darf man sich dann nicht wundern, wenn wir in Deutschland gegen alle wirtschaftliche Vernunft einen Mindestlohn einführen: Das Volk ist ja darauf eingestellt.

  11. micha42
    28.12.2007 | 13:53

    @stefanolix:

    Der gewerkschaftsnahe Professor Bofinger mit der linkspopulistischen Forderung nach einem hohen Mindestlohn.

    Seit wann denn das? Quelle? Soviel ich weiß, ist Bofinger ebenfalls für 4,50, bzw. inklusive einer negativen Einkommenssteuer für 5,60.

  12. Lina
    28.12.2007 | 14:16

    @ stefanolix

    Da steht ein Satz von Dir ohne jeglichen vorangegangenen Bezug im Raum:

    “Einen Zickenkrieg zwischen Journalisten und Bloggern fände ich unsinnig.”

    Willst Du Dich dazu noch näher äussern, oder darf ich ihn einfach aus dem Zusammenhang Deiner übrigen Worte streichen? Nicht nur, dass er mir sagen könnte, dass Du mich meiner Einwände wegen für eine Zicke hältst:-), sondern auch, dass es zickenhafte Blogger und Journalisten gäbe; und überhaupt: dass Du über das Bashing hinaus Krieg zwischen ihnen immerhin für denkbar hältst…

  13. 28.12.2007 | 14:35

    @Lina

    Vielleicht mal zur Entstehungsgeschichte des Beitrags: Mit “Korrekturlesen” hat das Ganze wenig zu tun. Bloggen hat, im Gegensatz z.B. zum üblichen Journalismus (obwohl es natürlich auch da entsprechende Formen gibt), immer etwas mit persönlichem Erleben zu tun oder mit dem, was einen gerade beschäftigt. Wobei “gerade” sowohl einen Zeitraum umfassen kann, dessen Beginn Jahre zurückliegt, der aber noch nicht beendet ist, als auch den Augenblick.

    Als ich gestern nacht die Website FTD aufrief, stach mir diese Überschrift ins Auge und ich war erschreckt. Sollten sich also die schlimmsten Befürchtungen so schnell bestätigt haben? Immerhin reden wir hier von einem Staat, der im Gegensatz zum Irak damals wirklich über die berühmt-berüchtigten “WMD” verfügt. Als ich dann den Text dazu las, wurde ich - man kann es hoffentlich verstehen - ziemlich sauer.

    Und da die Attacken einiger Profi-Journalisten auf die Blogger-Szene mir noch in den Ohren nachklangen, war die entsprechende Assoziation nicht fern.

    So funktioniert Bloggen: Spontan, weil einen etwas beschäftigt, man etwas loswerden will oder einfach nur aus Spaß an der Freud. Obsessionen wären da nur lästig.

  14. Lina
    28.12.2007 | 16:26

    @ Rayson

    “Korrekturlesen” ist das natürlich nicht, was Ihr hier macht; ich meinte es provokativ, habe aber, anders Du, vergessen, den Begriff in Anführung zu setzen.

    Was Du über das Bloggen im Unterschied zum Journalismus sagst, hat Björn hier kürzlich eindrucksvoll demonstriert, indem er seine über Wochen angesammelte (politikbedingte) Müdigkeit auf die Seite geladen hat.

    Mir gefällt das - so, wie es ist. Was mir missfallen hat, war das in jüngster Zeit anwachsende Volumen Eures Journalisten-Bashings. Karsten beruft sich auf eine Proportionalität zu deren vermehrt auftretenden groben Schnitzern, Du willst ihre Attacken auf Euch auch erwidern können; okay;-).

  15. stefanolix
    28.12.2007 | 16:29

    @Lina: Das ist einerseits eine Anspielung auf einen Blogbeitrag der Kaltmamsell, den ich neulich gelesen, kommentiert und verlinkt(?) habe, andererseits einfach meine Meinung zum Thema »bashing« (sei es aus Spaß oder im Ernst). Über die — hoffentlich konstruktive — gegenseitige Kritik hinaus möchte ich keinen Konflikt mit Journalisten haben.

    Ich hoffe, dass Du die Bemerkung mit dem Zickenkrieg nicht persönlich nimmst (und wüsste nicht, warum Du das so verstanden haben könntest). Aber Du hast ja bisher überhaupt noch nicht erkennen lassen, dass Du (wieder?) als Redakteurin arbeiten möchtest, insofern würde es Dich ja ohnehin nicht treffen;-)

  16. 28.12.2007 | 16:36

    @Lina

    Nein, mir geht es nicht darum, Attacken zu erwidern. Höchstens aus einem konkreten Anlass ein zu hohes Selbstbild in Perspektive zu rücken.

    Und ich finde, wenn die Überschrift den Sachverhalt so verfälscht wie bei der FTD geschehen, dann sollten sich die Journalisten lieber mit dieser ziemlich verstörenden Entwicklung ihres eigenen Berufs befassen statt mit ein paar Bloggern.

  17. Lina
    28.12.2007 | 17:47

    @ stefanolix

    Wieder zu wenig Smileys verwendet? Ich lerne es nie…! (War doch nur Spass, weiss doch, dass Du weisst, dass ich keine Zicke bin.)

    @ Rayson

    Ja, das sollten sie, die Journalisten! Weisst Du eigentlich, dass die Headlines oft erst vom Schlussredakteur fabriziert werden, der gerade mal einen Blick über der Text riskiert, weil er nach was Griffigem für oben drüber sucht? Das muss der hier sehr schnell gefunden haben - ohne dabei den Konjunktiv zu bedenken. - Eine eingerissene Unsitte, die zu so eklatanten Fehlern führt und abgeschafft gehört.

  18. 29.12.2007 | 20:58

    [...] Wenn Pakistan im Chaos versinkt, wie gestern die FTD etwas voreilig titelte, werden wir das auch bei uns zu spüren bekommen. Im Gegensatz übrigens zu allem, wozu ein Saddam je in der Lage gewesen wäre… [...]

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