Broder nun wieder

Henryk Milhouse Broder (nicht zu verwechseln mit Henryk Martin Brodeur, der viel mehr Shut Outs verbuchen kann als der SPIEGEL-Kolumnist) ist jemand, den ich mal wirklich als Querdenker geschätzt habe. Seitdem “The Clash” allerdings nicht mehr mit einer grandiosen Punk-Reggae-Funk-Dub-Combo, sondern “of the Cultures” verbunden wird, hat sich Broder mehr und mehr zu einem klassischen Troll gewandelt, der mit der Keule ebenso umgehen kann, wie mit dem Florett… sofern vorne am Florett eine Keule befestigt ist.

Und offensichtlich versucht Broder gar nicht mehr zu diskutieren, sondern copypastiert sich fröhlich selbst. Schnell die beliebtesten Evergreens aus dem Setzkasten geholt (Klimapaniker, europäische Appeaseniks, das iranische Atomprogramm) und nur noch hie und da einen tagesaktuellen Bezug eingefügt, fertig ist die Glosse. Zumindest bekomme ich den Eindruck, wenn ich mir diesen Text so ansehe. Will sagen (im besten Colonel-Klink-Tonfall): “Brooooooooooooder!”

Der Text heißt bezeichnenderweise “Selbstmord aus Angst vor dem Tode”. Was ein Aussagesatz ist (gerne auch mit der Variation “Ableben” statt “Tode”), den Broder oft und gerne benutzt, wenn es um das Thema “der Westen und der Islamismus” geht. Das ist Broders Version von Pofallas Bonmot “Erst grübeln, dann dübeln.” Aufhänger heute: Die Ermordung von Benazir Bhutto in Pakistan. Gleich im ersten Absatz stellt Broder die harten Fragen, die den Rest der Welt bewegen.

Wie konnte es nur soweit kommen? Wusste Frau Bhutto nicht, welche Gefahr ihr drohte? Warum wurde sie nicht besser geschützt?

Zumindest Frage 2 dürfte sich der durschnittliche Zeitungsleser nur sehr bedingt stellen. Entging Frau Bhutto doch erst im Oktober 2007 einem Anschlag der 130 Menschen das Leben kostete. Was vielleicht schon darauf hindeutete, dass die Sicherheitsarchitektur in Pakistan bestenfalls als marode bezeichnet werden dürfte. Und das Frau Bhutto, sofern sie nicht der Maxime “Lightning never strikes twice” folgte, geahnt haben wird, in welcher Gefahr sie schwebte. Aber darum geht es bei den Fragen ja auch gar nicht. Hier steckt Broder einen Claim ab: Andere stellen depperte Fragen, er gibt die harten Fakten. Denn Henryk Marius Müller Westernhagen und ich haben quasi den selben Job: Wir sind Doktoren für Alles.

Dass die islamischen Fundamentalisten, die nicht nur Frau Bhutto ermordet, sondern auch Tausende ihrer Landsleute vom Leben zum Tode befördert haben, nur noch eine Armlänge von der Verfügungsgewalt über Atomwaffen entfernt sind, bereitet den Kommentatoren nur leichte Kopfschmerzen.

Die islamischen Fundamentalisten waren davon auch schon vor dem Attentat nur eine Armlänge entfernt. Etwa nach der ersten Anschlagsserie. Oder dadurch, dass der pakistanische Geheimdienst radikal-islamisch durchsetzt ist und seit Jahrzehnten in Pakistan eine Rolle spielt, die im krisengeschüttelten Rom den Praetorianern zukam: Sie haben die Macht Präsidenten zu schützen oder zu stürzen. Und dann ist da der Umstand, dass - auch ohne die Islamisten - zwei Atomstaaten seit Jahren um einen Wollpulli streiten. Einer der Gründe, warum Anfang des Jahres die Doomsday Clock zwei Minuten nach vorne bewegt wurde, was für sich genommen schon genug Grund für Magenbeschwerden ist. Auch ohne Islamisten am Drücker. Das sind Fakten, die nicht neu sind. Die Frage ist, was Broder jetzt gerade von uns erwartet? Panik?

Denn wenn Indien die A-Bombe hat, dann kann man es den Pakistanern nicht übelnehmen, dass sie mit dem großen Nachbarn auf gleicher Augenhöhe kommunizieren wollen.

Interessante Argumentation, dass “der Westen” sich dem pakistanische Atomprogramm nicht in den Weg stellte, weil ja der große Nachbar auch die Bombe hat. Wobei das natürlich nicht so war, als habe der Westen demokratisch abgestimmt, ob Pakistan die Bombe haben sollte. Das pakistanische Atomprogramm existiert seit den späten 1970ern - der Zeit des Kalten Krieges, als andere Handlungsmaximen galten und die Gefahr des Islamismus irrelevant erschien, verglichen mit der Gefahr des Sowjetkommunismus - und wurde zunächst von westlichen Staaten gefördert. Auch aus Angst, dass man Pakistan an die UdSSR verlieren könnte. Ab 1980 wurde das pakistanische Atomwaffenprogramm dann von China gefördert und… naja, der Interessierte kann das alles im National Security Archive hier selbst nachlesen.

Es soll ja auch gar nicht über das pakistanische Atomwaffenprogramm gesprochen werden, sondern hier verwendet Broder ein stilistisches Mittel: Die “gleiche Augenhöhe”-Rhetorik kennt man derzeit aus den Debatten über Israel und das iranische Atomwaffenprogramm. Der indirekte Vergleich deutet Broders Agenda an: Es gilt ein iranisches Atomwaffenprogramm zu verhindern, weil die Waffen dort ebenso den Islamisten in die Hände fallen könnten, wie in Pakistan. Sagt er nicht, aber ich unterstelle ihm mal, dass er genau das meint. Darüber kann man übrigens diskutieren, ich stimme auch zu, dass es gilt den Iran vom Erwerb der Bombe abzuhalten. Dieser Einschub hier dient nur dazu aufzuzeigen, dass man durchaus B meinen kann, auch wenn man scheinbar über A redet. Ein Leitmotiv, dass den Großteil dieser Glosse durchzieht.

Die Ermordung von Benazir Bhutto, schreibt Gabriel Schoenfeld im Commentary-Blog, sei nicht nur eine Tragödie, sondern auch “ein strategischer Alptraum für die USA und einen großen Teil der Welt”.

Hier mal ein kurzer Zählerstand. Erwähnungen der USA in diesem Text bisher: Eins. Und zwar nicht von Broder direkt, sondern in Form eines Zitates. Warum wir hier zählen, dazu später.

Freilich: der Alptraum hat nicht vor zwei Tagen angefangen. Die Europäer träumen ihn mit offenen Augen, als würden sie sich einen Horrorfilm im Kino ansehen, der nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Und während sie sich voller Lustangst auf das Ende der Welt durch den Anstieg der Weltmeere vorbereiten und derweil über den Anstieg der Benzinpreise aufregen, merken sie nicht, was für eine Tsunami-Welle auf sie zurollt.

Dezidierte Erwähnung der Europäer, die das Problem Pakistan ignoriert haben statt zu handeln - Herr B. wird sicher gleich noch erwähnen, was er von Europa genau erwartet. Bonuspunkt dafür, dass er eine Katastrophenhierachie einführt und nebenbei noch einen Schwinger gegen die Global-Warming-Community einbauen kann. Wohlgemerkt, nicht nur gegen diejenigen die glauben, dass die globale Erwärmung durch die Menschheit entsteht, sondern gegen alle die glauben das ein “Anstieg der Weltmeere” bevorstünde. Die Idee der Globalen Erwärmung an sich ist derweil allerdings in der wissenschaftlichen Gemeinschaft relativ unumstritten, auch wenn über die Ursachen scharf diskutiert wird. Das alles in einem lässigen Handstreich wegzuwischen ist schon gewagt.

Ähnlich gewagt wie die Aussage “voller Lustangst”. Man könnte betonen, dass es schon einen Eschatologie-Experten braucht um einen anderen zu erkennen. Und Henryk M.O.D.O.K. Broder ist da ja keinen Deut besser. Sein Problem ist schlicht, dass sich der Rest der Gesellschaft nicht seiner persönlichen “Lustangst auf das Ende der Welt” (der islamistische Werwolf-Terrorismus) hingibt, sondern die größere Bedrohung in einer anderen Ecke sieht. Das ist es, was ihn hier hauptäsächlich stört.

Dabei ist es müßig, darüber zu streiten, ob es sich um eine religiöse oder eine politische Bewegung handelt, ob die Religion “instrumentalisiert” oder die Politik von Gotteskriegern als Mittel zum Zweck benutzt wird.

Interessant, dass Broder es “müßig” findet darüber zu streiten ob die “Politik von Gotteskriegern als Mittel zum Zweck” benutzt wird. Denn gerade die Frage müsste man sich stellen, wollte man tatsächlich ernsthaft über die Situation in Pakistan sprechen und eben nicht die islamische Welt von der Türkei bis zu den Phillipinen als einen monolithischen Block sehen.

Und darüber wurde auch schon gestritten. Etwa über die Frage welche Rolle der pakistanische Geheimdienst während der Achtziger gespielt hat als es darum ging, die Mudjaheddin in Afghanistan gegen die Sowjets aufzurüsten. Und welche Rolle der pakistanische Geheimdienst nach dem Ende der UdSSR gespielt hat, als der Westen die gesamten Istan-Region ignorierte, während der ISI weiterhin die Taliban unterstützte und weiterhin gute Kontakte zu Gulbuddin Hekmatyar hielt (dem alten Saufkumpel von Peter Scholl-Latour), einem der fanatisch anti-westlichen Warlords und während der Neunziger immerhin zwei Mal Premierminister des Taliban-Afghanistans. Man stritt auch darüber, wie Musharraf an die Macht kam. Und wieso Pakistan, trotz des Putsches, plötzlich wieder ins Commonwealth aufgenommen wurde. Wieso eine Regierung plötzlich “unser Freund” war, die am Morgen des elften September noch als Unrechtsregime galt. Ich verweise mal auf Steve Colls sehr lesenswertes Buch Ghost Wars.

Und all das sind Fragen, die in den letzten sechs Jahren wiederholt gestellt wurden. Inklusive der Frage, wie man garantieren kann, dass Pakistan nicht in den totalen Islamismus abrutscht. (Und, nur damit man mir nicht hinterher vorwerfen kann, ich hätte die andere Katastrophe mit offenen Augen kommen sehen: Die gleiche Frage gilt für unsere anderen “guten Freunde” aus dem Hause Saud.) Aber um all das geht es Broder ja nicht. Das wären Details, die die Bündnistreue gefährden würde, die er hier einfordert. Und dann kommt das Highlight des Textes. Fettmarkiert von mir:

Es geht darum, die Welt das Fürchten zu lehren.

Und für einen Moment dachte ich, Broder spräche von seinen eigenen rhethorischen Mitteln. Denn genau darum geht es auch ihm, nur dass er dabei natürlich niemanden tötet. Aber “be afraid, be very afraid” scheint auch sein eigenes Credo zu sein. Das war schon vor dem Irakkrieg so, und das ist derzeit in der Vorbereitung des Kriegs gegen das iranische Mullah-Regime genau so. Denn in diesem Pakistantext geht es ja bekanntlich nicht um Pakistan, zumindest nicht primär, es geht darum die SPIEGEL-Leser auf den Krieg gegen den Iran einzuschwören.

Und dazu benutzt Broder, als Glossierätiker darf er das, drastisches Vokabular: Chaos, Todessüchtig, Haus in Flammen, eine Armlänge von [...] Atomwaffen entfernt, die Gefahr eines globalen Krieges, Alptraum, Tsunami-Welle die auf [Europa] zurollt, die Verbindung von Barbarei und High-Tech, die Apokalypse, brutal, grausam, toddessüchtig, et cetera. All das sind durchaus Dinge, mit denen Broder nicht falsch liegt, aber es ist die stakkato-artige Aufzählung an Untergangsphantasien und Bedrohungslagen… ohne Antwort, ohne Gegenkonzept, ohne Hoffnung, die nicht dazu dient eine auf Fakten basierende Debatte zu eröffnen, sondern auf das Bauchgefühl abzielt. Denn: In Gefahr und schlimmster Not bringt der Mittelweg bekanntlich den Tod. Wir oder die. Alternativen gibt es nicht mehr, ja Alternativen sind naive Gutmenschlerei:

Und deswegen ist es auch egal, ob die Bundeswehr in Afghanistan den Amis zuarbeitet oder beim “zivilen Aufbau” des Landes hilft, ob sie die Stellungen der Taliban auskundschaftet oder die “Herzen der Menschen” erobert.

Zweite Erwähnung der USA, wir zählen mit. Wir sind jetzt in Afghanistan, also noch in der Nähe von, aber nicht mehr in Pakistan selbst. Kernthese: Deutsche müssen das Töten wieder lernen. Warnschüsse, statt Multi-Kulti-Gesäusel.

Sie bekommen mit, wie die Welt auf ihre Taten und Untaten reagiert und wissen, dass sie am längeren Hebel sitzen. Der Anschlag von Madrid führte zu einem Abzug des spanischen Kontingents aus dem Irak, die Ermordung zweier koreanischer Geiseln bedeutete das Ende des koreanischen Engagements.

Inzwischen sind wir in Europa (erneut) und dem Irak, also ziemlich weit weg von Pakistan. Die Frage ob die Islamisten tatsächlich “am längeren Hebel” sitzen, darf man stellen. Der direkte Zusammenhang zwischen Madrid und dem Abzug des spanischen Kontingents ist allerdings verkürzt: Zugegeben, die Anschläge waren zeitlich so gelegt, dass sie die bevorstehenden Wahlen in Spanien beeinflussten.

Aber: Die Truppen schickte die Aznar-Regierung, beliebt war die Entscheidung bei der spanischen Bevölkerung noch nie. Auch nicht vor den Anschlägen. Nach den Anschlägen versuchte die Aznar-Regierung dann, die Bombenattentate der ETA anzulasten, nicht der al-Quaida. Um sich so noch einmal als starke Kraft gegen die baskischen Separatisten präsentieren zu können. Resultat dieser Politik: Die sozialistische PSOE unter Rodríguez Zapatero, die schon vorher damit geworben hatte, bei einem Wahlsieg die Truppen aus dem Irak abzuziehen, bekam die Mehrheit der Wählerstimmen und setzte ihr Wahlversprechen um.

Hat Broder also Recht, dass der Truppenabzug eine Antwort auf die Anschläge war? Ja. Verkürzt er den Vorgang dabei stark? Auch hier: Ja. Und das Fass Irakkrieg an sich, möchte ich an dieser Stelle gar nicht aufmachen, das würde zu weit führen.

Eine solche Schwäche würden sich die islamischen Fundamentalisten nie erlauben, schon gar nicht gegenüber der eigenen Bevölkerung. In Algerien wurden im Laufe von zehn Jahren über 100.000 Moslems von islamischen Fundamentalisten ermordet. Warum? Wurde das Land von amerikanischen und britischen Truppen überfallen? Mussten sich algerische Freiheitskämpfer gegen eine Besatzung ihrer Heimat durch christliche Kreuzritter zur Wehr setzen?

Schwäche. Rückgratlosigkeit. Und fast schon ein neidvoller Blick auf den Islamismus. Man kann ja über den Islamismus sagen was man will, an Grundsätzen fehlt es nicht.

Von Pakistan geht die Reise derweil im Fliwatüt weiter. Jetzt an die westlichste Stelle Nordafrikas, knapp 15 Jahre in die Vergangenheit. Und wieder benutzt Henryk Malefiz Broder die Taktik der unzulässigen Verkürzung: Nein, Algerien wurde nicht von Briten, Amerikanern oder christlichen Kreuzrittern besetzt. Aber man kann eine Algerien-Debatte nicht in einem oder zwei Absätzen führen. Und schon gar nicht, ohne dabei zu erwähnen, dass Algerien seit 1830 französische Kolonie war und erst 1962, nach dem Algerienkrieg, die Unabhängigkeit gewann. Einem Krieg der 350.000 bis 1,5 Millionen Algerier (je nachdem welcher Seite man glauben möchte) das Leben kostete und der Auslöser einer gewissen Europafeindlichkeit des Landes gewesen sein dürfte.

Die “Front Islamique du Salut” hatte 1992 die Wahlen gewonnen, wurde aber daran gehindert, die Regierung zu übernehmen. Das reichte, um ein Blutbad nach dem anderen zu veranstalten und bei dieser Gelegenheit auch mit ein paar Minderheiten abzurechnen.

Und auch hier verkürzt Broder, eben um den Zusammenhang zwischen den Homegrown Terrorists in Madrid, der al-Quaida im Irak und der FIS herzustellen. Und ohne die FIS nun in irgendeiner Form verteidigen zu wollen - ganz bestimmt nicht! - hatte der FIS-Guerillakrieg einen politischen Auslöser und eben nicht nur blinden Hass auf den Westen.

Und was Broder auch vergisst zu erwähnen, ist das auf der anderen Seite nicht nur die FIS daran gehindert wurde die Regierung zu übernehmen, sondern das Militär diese Situation nutzte um die Macht im Staat an sich zu reißen. Oder dass sich die FIS schon bald aufsplitterte und die Massaker an Zivilisten primär von der Splitterfraktion GIA durchgeführt wurden, der die Politik der FIS nicht radikal-islamisch genug war. Auch hier hat Broder also nicht per se unrecht, er vereinfacht nur komplexe Zusammenhänge so weit, dass sie exakt in sein Raster passen.

Während die europäischen Intellektuellen sich darüber die Köpfe zerbrechen, wie man den Islamismus bekämpfen könne, ohne die moderaten Moslems in die Arme der Extremisten zu treiben, bestimmen die Fundamentalisten den Gang und das Tempo der Auseinandersetzung.

Ein weiterer Schwinger gegen Europa. Dieses Mal gegen die Intellektuellen, nicht gegen die Klimagläubigen. Wobei das wohl die selbe Gruppe sein dürfte. Interessant auch, dass Broder die Frage komplett wegwischt, ob nicht eventuell bestimmte “Lösungen” tatsächlich die Probleme auf lange Sicht verstärken könnten. (Siehe den Irakkrieg.) Immerhin haben kurzfristige Problemlösungen - egal ob es nun der Sturz Mossadeghs oder die Unterstützung der Mudjaheddin im Krieg gegen die Sowjets - oft langfristig mehr Ärger gebracht, als man damals absehen konnte.

Im Folgenden zählt Broder nochmal Teddybeargate, die Karikaturen und Salman Rushdie auf (und bevor mich da wieder jemand mit Gewalt missinterpretiert: all das ist aus westlicher Sicht nicht akzeptabel) und listet im Gegenzug Enthauptungen, die Steinigung von Homosexuellen und Ehebrecherinnen auf, die der Westen nicht zu kritisieren habe, weil das sonst von den Islamisten als “islamophob” gegeißelt würde. Inwiefern wir jetzt noch in Pakistan sind, sei mal dahingestellt. Aber um Pakistan geht es ja auch eigentlich gar nicht mehr:

Das atomare Programm Irans dient nur friedlichen Zwecken, in inzwischen 3000 Zentrifugen soll nicht Uran angereichert, sondern Softeis hergestellt werden

Womit wir wieder bei Broders derzeitigem Steckenpferd sind, den nuklearen Ambitionen des Iran.

das Regime der Hamas im Gaza-Streifen, das mehr Palästinenser als Israelis das Leben gekostet hat, muss alimentiert werden, um eine “humanitäre Katastrophe” zu verhindern, damit nicht Gruppen an die Macht kommen, die noch radikaler sind

Auch hier ist es interessant, dass es Henryk Eminem Broder schafft, zwar zu kritisieren, dass man die Hamas im Gaza-Streifen hält um zu verhindern dass “noch radikalere” Gruppen an die Macht kommen (by the way: wir sind immer noch bei der Kritik an den Europäern, das ist also ganz alleine deren Schuld), dabei aber den 500-Pfund-Gorilla Saudi-Arabien erneut umtanzt. Denn Steinigungen von Homosexuellen und Ehebrecherinnen, und sogar angedrohte Peitschenhiebe für Vergewaltigungsopfer, sind nicht unbekannt im befreundesten Staat des Nahen Ostens.

Wenn wir realpolitisch argumentieren, dann sind das Haus Saud und die Hamas vielleicht derzeit Realitäten, die man nicht umgehen kann. Wenn wir allerdings argumentieren, dass es Unrecht ist, die Hamas trotz ihrer Radikalität und ihrer Position an der Macht zu halten, nur um Schlimmeres zu verhindern, dann kommen wir nicht umhin auch Saudi-Arabien anzuschneiden. Entweder wir diskutieren das im Ganzen, oder wir lassen es. In dieser Form ist es unehrlicher Populismus: Wenn man es schafft Palästina, den Iran, den Irak und Lybien anzureißen, dann kann man nicht ausgerechnet Saudi-Arabien außen vorlassen, wo genau diese Politik des “kleineren Übels” seit Jahrzehnten betrieben wird.

Ganz abgesehen von der Frage, ob nicht auch Musharrafs Militärdiktatur - immerhin demokratisch legitimiert von 99% der Pakistanis - nur deshalb seit dem 11. September 2001 unterstützt wird, weil alle anderen Alternativen in Pakistan noch unschöner sind. Wie Broder ja, am Anfang seines Textes, selbst konstatiert. Auch das könnte und sollte man in einer Glosse, die sich am Mord an Benazir Bhutto aufhängt, vielleicht anschneiden. Und man könnte fragen, wie humanitär das pakistanische Regime sich bisher verhalten hat: Beispielsweise im Bezug auf das - sich explizit auf den Koran stützende - pakistanische Blasphemiegesetz. (Das Bhutto während ihrer Zeit als Prämierministerin lockerte, das aber unter der Nachfolgeregierung Sharifs wieder verschärft wurde.)

Wir können gerne offen über alles diskutieren, auch wenn diese Dialogbereitschaft von uns Gutmenschen Broder sauer aufstößt, aber dann bitte auf gleicher Augenhöhe und nicht indem wir nur Missstände in Ländern kritisieren, die derzeit nicht auf unserer Seite stehen. Alles andere ist unehrlich und langfristig kontraproduktiv. Wie das Eskalieren der Situation in Pakistan gerade andeutet.

Nach der Entführung und Ermordung eines Deutschen in Afghanistan sagte Außenminister Steinmeier, dieses Verbrechen werde “nicht ungesühnt bleiben”. Es blieb bei dem Versprechen.

Auch die Mörder von Benazir Bhutto wissen, das sie nichts zu befürchten haben. Das halbe Land ist bereits in der Hand der Extremisten, für Sanktionen ist es zu spät. Der atomare Alptraum geht weiter. Die einen sind noch nicht am Ziel, aber die anderen haben das Rennen bereits verloren.

Die Mörder von Bhutto wissen, dass sie nichts zu befürchten haben. Von den Europäern. Die ja auch gegen den Iran, gegen den Irak, gegen die Hamas, Lybien, die Taliban in Afghanistan und die Islamisten in Algerien nicht vorgegangen sind. Was Broders These des “Hurra, wir kapitulieren” schön unterstreicht.

Die Leistung seines Artikels: Er gibt nicht einen Hinweis darauf, was er von Europa erwartet. Wie man handeln soll. Pakistan ist ein Commonwealth-Staat. Noch. Sollte also die britische Regierung intervenieren? Oder sollte die EU Truppen nach Pakistan schicken, die den Staat befrieden? Hätte so etwas Aussicht auf Erfolg? Sollte die EU dem ISI mehr Freiräume und Macht geben, damit der Geheimdienst die Islamisten im eigenen Land stärker bekämpft, auch wenn er selbst islamistisch durchsetzt ist? Den Satan quasi mit dem Beelzebub austreiben? Oder darauf drängen, dass Musharraf jetzt endlich den Geheimdienst ausmistet, auch auf die Gefahr dass der ISI ihn absetzt und das Land endgültig im Chaos versinkt? Broder hat keine Antworten, er versucht sich nicht einmal daran, sondern er hält schlicht fest, dass alles was Europa tut schon per se falsch ist: Im Irak lässt man die USA im Stich, in Afghanistan macht man humanitären Schnickschnack, aber kämpft nicht aktiv gegen die Terroristen.

Aber Europa kann ja auch nichts richtig machen, das würde Broders schöne These kaputt machen, dass die EU Schuld ist an allem Elend in der Welt. Und Europa trägt für Broder klar die Alleinschuld: Im ganzen Text schafft er es, die USA nur zwei Mal zu erwähnen (einmal via Zitat, nie bezogen auf Pakistan), obwohl es gerade die USA waren, die in den Achtzigern und dann wieder seit dem 11. September Pakistan als Verbündeten auserkoren haben. Aber die Rolle der USA in Pakistan anzusprechen würde das schlichte Gut-Böse-Weltbild zerstören, in dem Team America nicht nur dem Islamismus, sondern auch den Appeaseniks im Rest der Welt trotzen muss.

Wer es schafft einen Text über die Krise in Pakistan zu schreiben ohne dabei die USA oder den ISI zu erwähnen oder auch nur einmal den Namen Musharraf fallen zu lassen, der klammert große Teile der Krisensituation aus, weil sie nicht in sein Weltbild passen. Ja, die Debatten über diese Themenkomplexe werden sogar von vornherein als “müßig” abgestempelt. Gott bewahre, dass am Ende das schlichte Weltbild durch Komplexitäten verstellt oder umgeworfen wird. Es geht Broder gar nicht um Pakistan oder die Islamisten, es geht ihm nicht um die Frage was man hätte besser machen können, es geht darum die Meinung der Leser zu emotionalisieren. Fakten sind sekundärrelevant, was zählt ist das man jetzt nicht schwächelt, das man Geschlossenheit demonstriert. We will not falter. And we will not fail.

Auf der anderen Seite durchzieht den gesamten Text eine “Lustangst auf das Ende der Welt”, die hier im letzten Absatz noch einmal deutlich wird. “[D]ie anderen haben das Rennen bereits verloren.” Der Islamismus wird uns alle hinwegspülen. Die Demokratie ist tot. Die Meinungsfreiheit ist tot. Menscherechte sind tot. Die Aufklärung ist tot. Europa hat schon verloren. Warum noch kämpfen? Warum noch diskutieren? Warum noch hoffen. Alles was jetzt über den Abwehrkampf hinausgeht ist eine Vergeudung von Ressourcen. Wer noch Hoffnung hat, dass man das Blatt wenden könnte, der ist ein naiver Gutmensch, der der Sache schadet.

Es ist eine Selbstgeißelung und Selbstkasteiung und es ist eine gigantische Verschwörungstheorie. Jedes islamistische Ereignis, egal ob Homegrown Terrorism, Wahlsiege der Hamas im Gazastreifen, der Bürgerkrieg in Algerien, terroristische Anschläge im Irak und das iranische Atomprogramm, wird in einen großen Topf gesteckt. Der globale Gefahrenraum, ausgehend von einer globalen, geschlossenen islamistischen Front. Mit der Hamas kann man so wenig diplomatisch umgehen wie mit der al-Quaida. Nur bestimmte Islamisten, die mit denen wir derzeit zusammen den Krieg gegen den Terror führen, die werden ausgeklammert. Erstmal. Bis sie irgendwann auf der anderen Seite stehen. Dann hat Europa wieder die Entwicklung verschlafen. Das man sich mit dieser Weltsicht selbst bestimmter Mittel beraubt, das ignoriert Broder galant, denn es würde nicht seiner Endzeitlyrik entsprechen.

Ohnehin Europa: Da ist sie, die Selbstkasteiung. Alles was schief geht in der islamischen Welt, all das ist direkt oder indirekt die Schuld der “Old Europeans”. Sie agieren nicht oder nicht stark genug. Sie verhindern nicht und sie fördern die Falschen, die Europäer. Diese Attitüde passt zu Broders Weltbild, wenn sie mit seiner Sicht Amerikas vergleicht, dass die Rolle des unfehlbaren Heroen hat, der sich einzig und ganz allein dem islamischen Terror in den Weg stellt. Nur um an allen Ecken und Enden von Europa sabotiert zu werden. Auch so kann man sich einen Sündenbock basteln. Aber wenn man Fehler der USA allein auf die linken Appeaseniks schieben kann, dann muss man das eigene Weltbild nicht hinterfragen. Nicht sehen, dass die Wahrheit vielleicht komplexer ist, als der hier an die Wand gemalte Teufel. Und wenn man dieses Verhalten bei Broder kritisiert, dann wird das schnell weggewischt mit dem Argument, dass Broder nun einmal Glossen schreibt, da dürfe er das Stilmittel der Simplifizierung verwenden. Er wisse sehr wohl, dass die Welt komplexer wäre. Nur zeigt er das sehr selten.

Und natürlich ist dieses Gefühl, dass Europa alles verbockt hat, an allem Elend schuld ist, auch etwas das David - bezogen auf das europäische Verhältnis gegenüber Afrika - als eine Form des Größenwahnsinns beschrieben hat: Wenn man sich selbst die Schuld an allem Elend in der Welt gibt, dann ist das auch eine Form sich wichtig zu machen und ein Versuch nicht akzeptieren zu müssen, dass vielleicht bestimmte Ereignisse eben nicht in unserer Hand liegen. Was als Erkenntnis noch schockierender sein kann, als das Gefühl zu haben, das man alles Elend der Welt selbst verursacht habe. Vielleicht macht diese Erkenntnis schlichtweg auch Broder Angst. Seinen Querdenker-Anzug hat Broder längst gegen den Frack des apokalyptischen Hysterikers eingetauscht.

Es ist ironisch, dass ausgerechnet der Mann der mit Hurra, wir kapitulieren die Appeasement-Politiker in Europa attackiert, selbst schon längst aufgegeben hat. Dass Broder selbst keine Hoffnung mehr zu sehen scheint, dass sich irgendetwas bessern könnte und darum nur noch laut und hysterisch verzweifelt. Diese Lust am Kapitulieren wird Broder auch 2008 in seinen Glossen wieder präsentieren. Na dann, guten Rutsch…

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27 Kommentare zu “Broder nun wieder”

  1. Heinze
    31.12.2007 | 17:58

    Was soll das?
    Wir haben einen Herrn Steinmeier, seit 1991 Stimme seines Hannoveraner Herrn, der Waffen an China verkaufen, Putin loben und vor dem Kulturkampf mit dem Islam warnen muss.
    Europas Verhalten ist doch nicht mehr Appeasement, es ist doch nur noch durch Max Frischs Biedermann zu erklären. Sarkozy verhökert Atomkraftwerke und ist nur noch Schw…-fixiert.
    Wo ist im ganzen Europa irgendeine Person mit Rückgrat?

  2. 31.12.2007 | 18:04

    Stimmt. Sie haben Recht. Danke für die detaillierte und aufschlußreiche Replik auf meinen Wortschwall.

    So habe ich das ja noch gar nicht gesehen… wenn schon Steinmeier als Marionette des Schrödingerds und sogar der schwanzfixierte (hoppla, jetzt habe ich’s gesagt) Sarkozy zu Kreuze kriechen, dann ist Polen wohl schon verloren. (Figurativ gesprochen.) Rückgratlos stimme ich Ihnen natürlich zu und ziehe alles was ich oben gesagt habe zurück…

    Mit kapitulierenden Grüße, etc.

  3. Mathias
    31.12.2007 | 18:44

    Ich war auch nicht sonderlich begeistert von diesem SPON Beitrag. Aber Broder schreibt halt Polemiken. Die bis ins Detail auseinander zu nehmen und fehlende Hintergrundinformationen zu beklagen ist muessig. Er will aufruetteln und ueberzieht, um auf alternative Sichtweisen hinzuweisen, deren Existenz in Europa z.T. noch nicht mal bekannt ist.
    Broder bildet die Antithese zum medialen Kulturrelativismus, zur europaeisch-journalistischen Selbstgerechtigkeit. Und weil er damit fast alleine dasteht, muss er schriller sein als der Rest.

  4. 31.12.2007 | 18:58

    Und wenn man dieses Verhalten bei Broder kritisiert, dann wird das schnell weggewischt mit dem Argument, dass Broder nun einmal Glossen schreibt, da dürfe er das Stilmittel der Simplifizierung verwenden. Er wisse sehr wohl, dass die Welt komplexer wäre. Nur zeigt er das sehr selten.

    Und wäre es wirklich so viel verlangt, wenn Broder gelegentlich mal statt der Polemik die “fehlenden Hintergrundinformationen” präsentieren würde?

  5. 31.12.2007 | 20:14

    Du hast dem Broder gezeigt, was wahrer Biss ist, Björn.
    Was müssten dem die Ohren klingeln und der Kopf rot werden … !

  6. 31.12.2007 | 20:40

    Björn,

    vielen Dank, dass Du für mich die Frage beantwortet hast, ob ich mir tatsächlich die Mühe machen soll, auf den Broder-Text näher einzugehen.

    Ich stimme Dir fast vollständig zu, hätte aber noch folgendes anzumerken:

    1.) Die von Broder hergestellte Verbindung zwischen dem Iran und Pakistan ist mir nicht klar. Inwiefern wird die Lage in Pakistan stabilisiert, wenn das iranische Atom-Programm gewaltsam beendet würde?

    2.) Wer außer der Familie Podhoretz, dem mit ihr verbundenen Magazin Commentary, John Bolton und Henryk Broder ist denn eigentlich gegenwärtig dafür, den Iran anzugreifen, um dessen Atom-Programm zu stoppen? Mit welchem Recht beruft sich Broder auf “die” USA, um “old Europe” als den (Teil-)Kontinent der Weicheier darzustellen?

    3.) Wie passt die Tatsache, dass jeder europäische Staat, ob nun Mitglied der EU oder nicht, durchaus eine eigene Strategie im Umgang mit “den” Islamisten (bzw. bestimmten Gruppen von ihnen) verfolgt, zu Broders Behauptung, “die” Euroäer träumten und “merken [...] nicht, was für eine Tsunami-Welle auf sie zurollt”? Man kann doch Schröder, Steinmeier, Sarkozy you name it nicht gleichzeitig vorwerfen, sie verhielten sich gierig/feige/dumm und hätten die Gefahr noch gar nicht erkannt?

    4.) Die Aussagen Broders, dass a.) ” die islamischen Fundamentalisten, die [...] Frau Bhutto ermordet [...] haben, [...] nur noch eine Armlänge von der Verfügungsgewalt über Atomwaffen entfernt” sind und b.) “Das halbe Land [...] bereits in der Hand der Extremisten” sei, widersprechen so fundamental allem, was ich bisher über Pakistan gelesen habe, dass diese Aussagen m.E. schon begründungsbedürftig wären, Polemik hin oder her.

    (zu a): Dass die pakistanischen Atomwaffen sicher seien, habe ich zwar auch noch nirgendwo gelesen. Aber zwischen “Das pakistanische Atomwaffenarsenal ist unsicher.” und “islamische Fundamentalisten sind kurz davor, über Atomwaffen verfügen zu können” besteht ein über eine Armlänge hinausgehender Unterschied.)

  7. 31.12.2007 | 20:56

    Eine Ergänzung noch zu den folgenden Sätzen aus Broders hysterischem Anfall:

    Der Anschlag von Madrid führte zu einem Abzug des spanischen Kontingents aus dem Irak, die Ermordung zweier koreanischer Geiseln bedeutete das Ende des koreanischen Engagements. Die Spanier und die Koreaner reagierten wie Menschen, denen es vor allem darauf ankommt, Leben zu retten, unabhängig von den politischen Konsequenzen.

    1.) Südkorea hatte zum Zeitpunkt der Geiselnahme sowohl Truppen im Irak, als auch in Afghanistan.

    2.) Südkorea zieht seine Truppen aus dem Irak nicht ab - im Gegenteil.

    3.) Die Entscheidung, die Beteiligung an der Operation Enduring Freedom in Afghanistan zu beenden, stand in keinem Zusammenhang mit der Geiselnahme; die dahingehende Vereinbarung der südkoreanischen Regierung mit den Taliban stellte lediglich eine Bekräftigung eines Parlamentsbeschlusses aus dem Jahr 2006(!) dar (wer das nachlesen will: Quelle).

    Man könnte der südkoreanischen Regierung also allenfalls vorwerfen, dass sie a.) überhaupt mit den Taliban verhandelt hat, b.) ein hohes Lösegeld für die Geiseln gezahlt hat und c.) eingewilligt hat, die Entsendung von christlichen Missionaren zu unterbinden. Ich hielte schon diese Vorwürfe angesichts der damaligen Situation für ungerechtfertigt - aber was Broder da zusammengeschrieben hat, ist grober Unfug. Aber Broder ist ja nur Kulturjournalist und schreibt nur “Polemiken”. Alles klar, Chef.

  8. Mathias
    1.01.2008 | 5:14

    [...] bedeutete das Ende des koreanischen Engagements.

    “Engagements” wird hier leider nicht spezifiziert. Da koennten man auch absichtliche Suggestion unterstellen (haette dann auch bei Marian Wirth funktioniert), das sehe ich ein.

    Trotzdem, das Abzugsversprechen war Teil eines Vertrages mit den Taliban, auch wenn die Entscheidung ueber den Abzug schon vorher fiel. Das ist schon sehr bemerkenswert. Ich finde ein Staat sollte nicht mit Terroristen verhandeln. Punkt. Da war auch die BRD mal konsequenter und im Endeffekt erfolgreicher.

    Und wäre es wirklich so viel verlangt, wenn Broder gelegentlich mal statt der Polemik die “fehlenden Hintergrundinformationen” präsentieren würde?

    Sein Buch waere evtl. ein Anfang, oder seine Webseite. Ich schrieb ja nicht er fabrizierte nur Polemiken.

  9. 1.01.2008 | 5:36

    Vielleicht kannst Du mir da ja auf die Sprünge helfen: Welche Hintergrundinformationen finden sich in dem Buch denn? (Ich nehme an, Du sprichst von “HWK”.) Ich habe es gelesen, aber offenbar alles vergessen.

  10. 1.01.2008 | 5:38

    Moment! Mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen Terroristen vorzugehen ist wie Kloputzen mit der Zahnbürste (oder so ähnlich). Das weiß ich noch.

  11. Lina
    1.01.2008 | 10:46

    @ Björn

    “Und wäre es wirklich so viel verlangt, wenn Broder gelegentlich mal statt der Polemik die ‘fehlenden Hintergrundinformationen’ präsentieren würde?”

    Nein, es wäre nicht viel verlangt, sondern in dieser komplexen Angelegenheit extrem wünschenswert. Ich fürchte aber, dass der Polemiker darauf nur eine Antwort kennt: Das sollen andere besorgen, nicht ich. Ich bin dazu da, ihnen mit groben Schlägen den Weg frei zu hauen…

    Darin, glaube ich, sieht Broder seine eigentliche Aufgabe. Dass er sich damit der Kritik, gelegentlich sogar der Lächerlichkeit preisgibt, nimmt er wissentlich und billigend in Kauf. Schon allein deshalb hat er noch immer meinen Respekt.

  12. 1.01.2008 | 11:36

    @Marian:

    Gegenfrage zu Deiner zweiten Frage: Wärst Du dagegen? Würdest Du protestieren, wenn etwa Israel sich entschließen würde, die iranischen Atomanlagen zu bombardieren? Und damit zusammenhängend: Glaubst Du wirklich, der Iran würde seinen Plan, an Atomwaffen zu kommen, nicht mehr verfolgen?

  13. R.A.
    1.01.2008 | 13:15

    @Björn:
    Schon richtig, Broder schreibt keine Doktorarbeit über alle Hintergründe und Zusammenhänge der Weltpolitik der letzten 30 Jahre.
    Er verkürzt, polemisiert, und er richtet sich an die Europäer, nicht an die USA.
    Und außerdem widerholt er, was er schon oft gesagt hat.

    Das ist aber alles für einen solchen Artikel normal und legitim.
    Und letztlich hat er im Kern komplett recht, die durch notwendige Verkürzungen entstandenen Fehler sind nebensächlich.

    Es geht ihm eben in erster Linie NICHT darum, eine perfekte Lösung vorzuschlagen (der Westen hat ohnehin immer nur die Wahl zwischen mehreren schlechten Optionen).
    Es geht ihm darum, daß die Europäer sich überhaupt mal ernsthaft mit diesen Vorgängen beschäftigen, anstatt sich im Sessel zurückzulehnen und sich gegenseitig mit heimlicher Schadenfreude zu bestätigen, daß der Bush wg. Pakistan mal wieder ein Problem hat.

    Es ist eben KEIN Privatproblem von Bush oder den Amis, sonder völlig genauso UNSER Problem.
    Das wollen Politiker und Journalisten hierzulande mit großer Mehrheit nicht wahrhaben, die verlassen sich lieber auf ein paar widergekäute Vorurteile auf Scholl-Latour-Niveau und ein paar weltfremde Sprüche der Art “man muß nur miteinander reden und ansonsten geht man halt vors Verwaltungsgericht”.

    Wir werden noch viele Artikel dieser Art brauchen.

  14. 1.01.2008 | 13:20

    @statler

    Würdest Du protestieren, wenn etwa Israel sich entschließen würde, die iranischen Atomanlagen zu bombardieren?

    Wieso - wäre das verwerflich?

  15. 1.01.2008 | 13:26

    @R.A.

    Wir werden noch viele Artikel dieser Art brauchen.

    Das bezweifle ich. Selbst, wenn ich mich auf deine Argumentation einließe, halte ich diese Art von Volkserziehung weder für sinnvoll noch für angemessen.

  16. 1.01.2008 | 13:30

    @R.A:

    Er verkürzt, polemisiert, und er richtet sich an die Europäer, nicht an die USA.

    Es gibt aber schon einen Unterschied zwischen “er richtet sich an” und “er klammert aus”. Das Commentary-Blog das er zitiert spricht zumindest von den USA und der restlichen westlichen Welt. Broder nimmt die USA komplett raus. Das kannst du aber nicht tun, auch wenn du dich an Europa wendest. Die USA sind ein zu einflußreicher Spieler in der Weltpolitik, und zwar auch in Pakistand und gerade in Pakistan. Pakistan ist nicht alleine das Problem der US-Regierung. Das unterstelle ich auch nicht, aber Europa kann auch keine eigenständige Pakistan-Politik schaffen, ohne den US-Einfluß in der Region zu berücksichtigen. Und den sollte man dann auch in einer “verkürzten” Form, die “keine Doktorarbeit” ist erwähnen.

    Und letztlich hat er im Kern komplett recht

    Sehe ich persönlich halt anders, aber meine Meinung ist auch nur marginal relevanter als die Aussage in einem Kannibalenforum. Für mich ist der Kampf gegen den Islamismus eben noch nicht verloren, bzw. er kann nur verloren gehen, wenn wir tatsächlich freiwillig kapitulieren. Das kann in der Form stattfinden die Broder kritisiert, es kann aber auch stattfinden indem man jedes Ereignis nur noch durch die “alle anderen sind Dhimmis”-Brille sieht.

    Es geht ihm darum, daß die Europäer sich überhaupt mal ernsthaft mit diesen Vorgängen beschäftigen

    Wenn es ihm darum geht sich ernsthaft mit den Vorgängen zu beschäftigen, dann sollte er Ansatzpunkte geben, diskutable Vorschläge machen oder zumindest Hintergründe nicht komplett ausklammern, die zum Verständnis bestimmter Ereignisse relevant sind. Wenn jemand an meiner Tür klingelt, rumpoltert, mich zehn Minuten nur zusammenscheißt, mir die Schuld an allem gibt und dann sagt, dass eh scheißegal ist, ist ja eh alles hoffnungslos, dann habe ich keinen Bock darauf eine ernsthafte Antwort zu suchen, dann mache ich dicht und sage: “Basst scho’.”

    Es ist eben KEIN Privatproblem von Bush oder den Amis, sonder völlig genauso UNSER Problem.

    Eben, aber nicht exklusiv. Und ganz im Ernst: Die USA haben mehr Einfluß in Pakistan als die ganze EU zusammen. Das “unser” gefällt mir. Das ist ein Problem von Europa, der USA, aber auch von Indien und dem restlichen Asien. Rayson hat ja den Butterflug-Effekt erwähnt. Und Broder macht das mit dem “schwarzen Peter” auch, nur in die Gegenrichtung. Broders Antwort auf das: “Haha! Bush failz0rs!” ist ein “Haha! Europa ist alleine Schuld.”

    Ich bin einfach kein Fan davon Blödsinn mit anderem Blödsinn zu beantworten und das dann noch als veritable Alternative zu verkaufen.

    ein paar weltfremde Sprüche der Art “man muß nur miteinander reden und ansonsten geht man halt vors Verwaltungsgericht”.

    Ich hab doch auch nur schlechte Lösungen zur Hand, aber… worauf soll es hinaus laufen? Wir befinden uns nicht im Krieg mit Pakistan. Was sollen wir tun? Truppen schicken? Der ISI ist eines der Kernprobleme. Da muss man dran. Aber wie? Die Realität ist ja trotz allem, dass Pakistan eine Atommacht ist… und Indien auch. Das muss auch in solche Überlegungen einfließen, denn sollte Indien befürchten, dass Pakistan bald die Bombe über Neu Delhi abwerfen könnte, dann stünde vielleicht ein Präventivschlag ins Haus. Kaschmir ist auch so schon ein Flashpoint. Gerade darum wünsche ich mir da kein vorschnelles und undurchdachtes Handeln… auch auf die Gefahr hin damit den Islamisten in die Hände zu spielen.

    Wir werden noch viele Artikel dieser Art brauchen.

    Na dann, frohes Neues.

  17. 1.01.2008 | 14:29

    @ Rayson:

    Was meinst Du, das Bombardieren oder das Protestieren?

    Also, ich wäre jedenfalls mit dem Protestieren nicht einverstanden. Die fröhliche Unbeschwertheit, mit der jetzt plötzlich überall so getan wird, als sei der Iran ganz harmlos und als würde es keine nukleare Gefahr dort mehr geben, finde ich ein wenig naiv.

  18. 1.01.2008 | 15:28

    Aber Statler, wir wollen uns doch hier nicht an den Scheinalternativen beteiligen: Auf der einen Seite ein “Die wollen doch nur spielen”, auf der anderen die Verherrlichung von Militäreinsätzen - es sollten doch gerade diese unerträglichen Schwarz-Weiß-Malereien seien, die einem halbwegs kritischen Menschen auf die Nerven gehen.

    Aber das wäre nicht der erste Fall, wo ein etwas gründlicheres Nachdenken als “Relativierung” verunglimpft wird, weil das Wort “Wehrkraftzersetzung” aus der Mode gekommen ist.

    Jeder Staat, der dem Club der Atomwaffenbesitzer beitreten will, ist eine zusätzliche Gefahr, und natürlich erst recht einer, der auf einer Ideologie basiert und sich zudem noch einer kriegerischen Rhetorik befleißigt. Ein Iran mit Atomwaffen gehört zu den Dingen, die man mit guten Gründen verhindern sollte. Auch dann, wenn man nicht annimmt, dass diese dann gleich zur Vernichtung Israels abgefeuert werden. Die Veränderung der strategischen Lage nicht nur im Nahen Osten, sondern auch für Europa, wäre gravierend genug.

    Auf der anderen Seite gibt es auch gute Gründe, Militäreinsätze kritisch zu betrachten. Einmal, was ihre Tauglichkeit als Mittel zur Lösung des konkreten Problems an sich angeht (wir wissen schließlich, dass die in ihrer Wirksamkeit selten unter-, aber sehr oft überschätzt werden…). Und dann, was ihre weitere Auswirkungen betrifft. Es erscheint zumindest mir sehr wahrscheinlich, dass selbst ein erfolgreicher (an die Konsequenzen eins Misserfolgs wagt man kaum zu denken) Schlag gegen Irans Atomprogramm keinesfalls zur einer Verbesserung der Sicherheitslage beiträgt, sondern allenfalls eine konkrete mittelfristige Bedrohung durch weitere zukünftige, weitaus weniger räumlich eingrenzbare, aber daher auch um so gefährlichere, eintauscht.

    Ich hielte jeden, der in solchen Situationen unfehlbare und unschädliche Mittel zur Problemlösung propagiert und Alternativen grundsätzlich ausschließt, für einen gefährlichen Demagogen. Ich bin mir aber nicht sicher, wie weit ich Björns These folgen soll, Broder versuche, seine Leserschaft gedanklich in eine solche Richtung zu führen. Noch will ich nicht ausschließen, dass sich sein Ziel in der Verächtlichmachung differenzierter Positionen erschöpft - was immer noch seltsam genug erscheint, da Broder in Diskussionen mit adäquaten Gegenparts sehr wohl belegen kann, dass man ihn beleidigte, wollte man an sein Denken den Inhalt mancher seiner Texte als Maßstab anlegen.

  19. 1.01.2008 | 15:54

    statler,

    Wärst Du dagegen?

    Nicht grundsätzlich. Nur sehe ich weder eine aktuelle Notwendigkeit, noch einen Bezug zu Pakistan.

    Würdest Du protestieren, wenn etwa Israel sich entschließen würde, die iranischen Atomanlagen zu bombardieren?

    Protestieren würde ich grundsätzlich nicht. Allerdings würde ich eine solche Entscheidung einer israelischen Regierung auch nicht bedingungslos verteidigen. Wenn z.B. eine solche Entscheidung von einem Premier Olmert gefällt würde und die Außenministerin hieße nicht mehr Livni - dann könnte es durchaus sein, dass meine Zweifel an dieser Entscheidung so groß wären, dass ich mich zu Äußerungen hinreißen lassen könnte, die mich in den Augen eines Hardliners als Dhimmi dastehen lassen.

    Und damit zusammenhängend: Glaubst Du wirklich, der Iran würde seinen Plan, an Atomwaffen zu kommen, nicht mehr verfolgen?

    Nö. “Glauben” ist hier genau das richtige Verb. Ich glaube, dass der Iran ein Atomwaffenprogramm hat. Ich glaube, dass er es im Moment nicht weiterverfolgt. Ich glaube, dass das Programm innerhalb von ein paar Tagen wieder aufgenommen werden kann.

    Ich könnte Deine erste und dritte Frage auch so beantworten: Ich habe an der Iran-Politik der Bush-Regierung nichts auszusetzen. An der Pakistan-Politik schon eher.

  20. R.A.
    1.01.2008 | 18:47

    Hm, hm, so weit sind wir eigentlich gar nicht auseinander.
    Allgemeines Unbehagen angesichts der Risiken in den diskutierten Staaten, Unzufriedenheit mit der europäischen Politik - aber bei den Lösungen auch keine tollen Rezepte, nur Ablehnung der Extreme Kuscheldiplomatie vs. blinden Militarismus.
    Die USA sind und bleiben der Hauptakteur, machen dabei selbstverständlich auch Fehler, aber auch wesentliches richtig.
    Und die Europäer hätten das Potential, in ähnlicher Größenordnung Verantwortung zu übernehmen (NOCH ist die EU trotz Struktur- und Wachstumsproblemen die wirtschaftsstärkste Macht).
    Aber wie man sie dazu kriegt, diese Verantwortung wahrzunehmen, das ist schwierig.
    Provokante Polemik à la Broder scheint mir schon eine sinnvolle und notwendige Komponente zu sein, um eine gewisse bräsige Selbstzufriedenheit aufzubrechen.
    Aber eben nur eine Komponente, dazu müßte eine qualifizierte Diskussion kommen - Ulrich Specks Kosmoblog fehlt da schmerzlich.

  21. 1.01.2008 | 19:19

    Ja, es ist klar, daß man mögliche Militäreinsätze auch kritisch diskutieren muß, was das strategische Kosten-Nutzen-Verhältnis betrifft. Aber ich habe immer ein wenig Bauchschmerzen, wenn das mit so einer Art Broder- und Commentary-Bashing einhergeht. Das hat immer so einen Beigeschmack von: “Ah, die Neocons, die verdammten Kriegstreiber, wollen aus rein ideologischen Motiven die Welt zum Krieg gegen den Iran überreden!”. Als gäbe es keine guten Gründe, die Atomanlagen zu bombardieren.

    Aus meiner Sicht gibt es gute Gründe, das zu tun. Und dann bin ich zwar gerne bereit, zuzugestehen, daß man bei einer vorsichtigen Abwägung von Kosten und Nutzen aus einer anderen Perspektive vielleicht auch seriös zu dem Ergebnis kommen könnte, daß es sich nicht lohnt. Aber im Kommentar von Marian klang das jetzt ein wenig mehr nach Neocon-Bashing als nach vorsichtigem Abwägen.

    Aber eigentlich betrifft meine diesbezügliche schlechte Laune weniger den aktuellen Kommentar als so eine aktuelle Stimmung in der öffentlichen Diskussion insgesamt. Jetzt hat man endlich einmal von der CIA die Nachricht gehört, die man immer hören wollte, und schon läßt man alle Skepsis fahren… das ist doch irre.

  22. 1.01.2008 | 19:51

    Ja, aber da ist er doch wieder, dieser ebenso verständliche wie irrationale Wunsch nach den folgenlosen “Lösungen”. In dem Fall eben kombiniert mit ein wenig Vogel-Strauß-Politik und Pazifismus.

    Es käme m.E. deswegen vor allem darauf an, diesen simplifizierenden und ignoranten Einstellungen, die sich weniger durch Problemanalyse als durch konfessionsgleiche Gruppenzuordnungen auszeichnen, eine sorgfältige Darstellung der Lage und der möglichen Alternativen gegenüberzustellen. Sich wie Broder nur noch darauf zu beschränken, auf einen Schelmen anderthalbe zu setzen, ist diesem Weg eher abträglich, finde ich.

  23. Mathias
    1.01.2008 | 23:24

    “Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror”

    ist in diesem Zusammenhang ganz interessant. Es besteht allerdings auch hier die Moeglichkeit von Bin Laden an der Zahnbuerste ausgebildete Analogien vorzufinden. Da moechte ich keine Garantie uebernehmen.

  24. 1.01.2008 | 23:30

    Welche Hintergrundinformationen liefert denn bitte “KKN”? Das ist doch lediglich eine Dokumentation deutscher Blödsinnigkeit, wenn auch eine interessante. Kann ja sein, daß ich die wichtigen Sachen auch da alle vergessen oder die Geheimseiten nicht gefunden habe, aber meiner Bitte, mir auf die Sprünge zu helfen, bist Du auch noch nicht nachgekommen.

  25. 2.01.2008 | 0:34

    statler,

    Aber ich habe immer ein wenig Bauchschmerzen, wenn das mit so einer Art Broder- und Commentary-Bashing einhergeht. Das hat immer so einen Beigeschmack von: “Ah, die Neocons, die verdammten Kriegstreiber, wollen aus rein ideologischen Motiven die Welt zum Krieg gegen den Iran überreden!”.

    Des Verbrechens des “Broder-Bashings” bekenne ich mich schuldig, obwohl ich hinsichtlich der Verwirklichung des Tatbestandes “Bashing” meinerseits Bauchschmerzen habe. Und den von Dir in meine Frage hineinprojizierten Beigeschmack schreibe ich mal Deiner schlechten Laune zu.

    Der Blog-Eintrag von Schoenfeld, auf den Broder sich bezieht, ist übrigens um einiges entspannter, als es die von Broder zitierte Eingangspassage vermuten lässt.

    Aber im Kommentar von Marian klang das jetzt ein wenig mehr nach Neocon-Bashing als nach vorsichtigem Abwägen.

    Dann wiederhole ich den Kritikpunkt halt nochmal. Nahezu jeder Text von Broder zu diesem Thema ruht auf dem Antagonismus “USA and Friends vs. Old Europe”. Und abgesehen davon, dass ich den Zusammenhang zwischen dem iranischen Atomprogramm und der Ermordung Benazir Bhuttos immer noch nicht sehe, habe ich die Frage gestellt, mit welchem Recht Broder in Bezug auf die Frage, ob eine Bombardierung des Iran im Moment aktuell auf die Tagesordnung gehört, die USA als monolithischen, eine solche Aktualität befürwortenden Block darstellt - während z.B. Präsident Bush die Erkenntnisse des NIE akzeptiert und das Thema zurückgestellt hat.

    Jetzt hat man endlich einmal von der CIA die Nachricht gehört, die man immer hören wollte, und schon läßt man alle Skepsis fahren… das ist doch irre.

    Interessant. Ich habe im Unterschied zu Dir überhaupt nicht feststellen können, dass irgendjemand seine Meinung aufgrund des NIE-Berichts geändert hätte. FR und SZ halten nach wie vor Bush für die größere Bedrohung; daran hat der NIE-Bericht nichts geändert. Das peinlichste Verhalten hat allerdings die ZEIT an den Tag gelegt mit ihrem Aufmacher:

    Amerikas große Lüge
    Das Atomwaffenprogramm des iranischen Diktators gibt es nicht mehr. Das wusste Präsident Bush seit Monaten - und doch täuschte er die Welt mit Horrorszenarien.

    Peinlich war das nicht nur deshalb, weil alle Aussagen darin falsch sind, sondern weil im Blatt selber die einzelnen Autoren zu doch sehr davon abweichenden Einschätzungen kommen. Aber was willste machen - Anti-Amerikanismus verkauft sich halt in Deutschland noch besser als Sex.

  26. 2.01.2008 | 13:09

    @statler:

    Ich weiß nicht ob sich das Bashing nur auf Marian bezog, aber ich ziehe mir mal den Schuh auch an.

    Ja, es ist klar, daß man mögliche Militäreinsätze auch kritisch diskutieren muß, was das strategische Kosten-Nutzen-Verhältnis betrifft. Aber ich habe immer ein wenig Bauchschmerzen, wenn das mit so einer Art Broder- und Commentary-Bashing einhergeht.

    In meinem Erstblog wurde ich mal hart angegangen, weil man mich des stumpfen Anti-Amerikanismus verdächtigt hat. Da lautete die Aussage: “Auf grobe Klötze gehören grobe Keile.” Und wer so austeilt wie Broder, der muss auch gehörig einstecken können… und das muss ihm der Neid lassen: Das kann er auch. Aber im Gegensatz zu Broder habe ich in meinem Text oben zumindest versucht Informationen einfließen zu lassen, die weiter führen und nicht einfach nur Polemik mit Gegenpolemik zu beantworten. Sollte der Vorwurf nicht auch an mich gerichtet gewesen sein, vergiss die Aussage hier.

    Als gäbe es keine guten Gründe, die Atomanlagen zu bombardieren.

    Doch, die gibt es. Aber der Mord an Bhutto - dessen Details erst einmal geklärt werden müssen (und, bitte, man lege mir damit jetzt nicht zur Last, ich würde die al-Quaida verteidigen wollen) - ist kein Grund dafür. Broder bastelt sich eine gesamtislamische Bedrohung zusammen, in der alles zusammenhängt und alles gleichsam bedrohlich ist. Und das sehe ich eben anders.

    Gründe das iranische Atomprogramm mit Militärgewalt zu stoppen gäbe es für mich, wenn klar erkennbar wird, dass eine “clear & present danger” vorliegt. Die scheint aber laut dem Geheimdienst-Memo gerade nicht zu existieren. Kann jedoch schnell wieder aufkommen, dem stimme ich zu. Kernaussage: Wenn du jetzt mit Militärgewalt das Mullah-Regime absetzt, dann musst du erstmal garantieren, dass die Situation danach besser wird. Siehe wieder den Irak.

    Sicher, die Gefahr einer Bedrohung durch ABC-Waffen ist erst einmal auf lange Sicht gebannt (und das wäre sie im Iran auch), aber die jetzige Situation nach fast fünf Jahren Krieg (und ja, offiziell endeten die Hauptkriegshandlungen am 1. Mai 2003) ist wohl kaum das was irgendwer, Falke oder Taube, sich gewünscht hat. Und darum ist eine klare Bedrohung derzeit der einzige Grund, den ich für eine schnelle Militärintervention im Iran erkennen würde.

    Jetzt hat man endlich einmal von der CIA die Nachricht gehört, die man immer hören wollte, und schon läßt man alle Skepsis fahren… das ist doch irre.

    Ach komm, statler, wie beim ABT schon mal geschrieben: Das Spiel beherrschen beide Seiten. Für jede Taube, die jetzt den US-Geheimdiensten blind vertraut gibt es auf der anderen Seite einen, der der den CIA für völlig unglaubwürdig hält. Beides ist doch Kindergartenniveau.

    Wenn man dem NIE jetzt mal unterstellt, dass es keine komplette Fabrikation ist und die Geheimdienste ähnlich weit denken können wie wir Blogger (”die ahnen dass sie abgehört werden, darum lügen sie”), dann ist die Situation jetzt, dass militärischer Druck dazu geführt hat, dass der Iran gerade keine Bedrohung in der Größenordnung ist, die man bisher vermutet hat. (Atombomben die in wenigen Minuten in Berlin, London und Teheran landen können.) Und das bedeutet, dass man die Militärkarte nicht ganz vom Tisch nimmt - sie hat ja Wirkung gezeigt - dass man sie jetzt aber nicht zwangsläufig ausspielen muss, sondern wieder mehr Alternativen offen hat.

    Den Vorwurf den man mir machen kann (und den ich dafür schon abbekommen habe), ist dass ich ein Dhimmi bin, der dem Iran auf den Leim geht und dass die USA nur glaubwürdig bleiben, wenn sie einer Kriegsdrohung auch einen Krieg folgen lassen. Aber gerade wegen des Clusterfucks im Irak (und ich war von 2003 bis 2004 klar für den Irakkrieg und glaube jetzt, dass es falsch wäre die Truppen abzuziehen) bin ich persönlich dankbar, wenn ein Krieg zwar möglich, aber nicht unausweichlich ist.

  27. 23.01.2008 | 11:07

    Broder ist manchmal bisschen zu “politically incorrect”, oder etwa nicht?

    http://ario85.wordpress.com/2007/12/17/spiegel-online-hetzt-gegen-den-islam/

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