2. Januar 2008
Kenia: Bis zu 115% Wahlbeteiligung
Die Wahlbeteiligung wird oft als Ausweis für das Funktionieren und den Zustand einer Demokratie angesehen.
Zettel schreibt dazu:
Ich ärgere mich immer, wenn aus den vergleichsweise niedrigen Wahlbeteiligungen in den USA darauf geschlossen wird, daß dort die Demokratie nicht gut funktioniere. Tatsächlich gibt es - vielleicht mit Ausnahme der Schweiz - kaum ein Land auf der Welt, in dem “das Volk” so viel zu bestimmen hat wie in den USA.
Wenn die Wahlbeteiligung tatsächlich ein Anhaltspunkt für das Ausmaß von Demokratie ist, dann ist Kenia viel demokratischer als die USA, wie sich Spiegel Online entnehmen lässt:
“Es gibt ein großes Fragezeichen bezüglich der Stimmzählung”, erklärt Alexander Graf Lambsdorff, der oberste EU-Wahlbeobachter. Von diversen Zählungen seien seine Beobachter ausgeschlossen worden, “in Mombasa wurden überhaupt keine Resultate angezeigt”. Insbesondere in der Kibaki-treuen Provinz “Central” sei eine “hohe Wahlbeteiligung” festgestellt worden. “Hohe Wahlbeteiligung” ist freilich sehr diplomatisch gesagt. Samuel Kivuitu, Chef der kenianischen Wahlkommission ECK hatte gestern erklärt, die Wahlbeteiligung in “Central” hätte bei 115 Prozent gelegen. 115 Prozent! Und von denen haben 99 Prozent für den amtierenden Präsidenten gestimmt.
In der Tagesschau sagte Lambsdorff außerdem:
Es gibt einige Wahllokale, wo wir eine Wahlbeteiligung von 98 oder 99% hatten - das gibt’s eigentlich in keiner normalen Wahl.
Robert von Lucius kommentiert in der FAZ mit der Nüchternheit des langjährigen Afrika-Korrespondenten:
[E]s sollte auch nicht übersehen werden, dass nach Jahrzehnten der Stagnation, des Machtbeharrens und des Verfalls schon der Ablauf der Wahl ein Fortschritt war. Einen Wahlausgang, der nicht von vornherein feststand, gab es in dem ostafrikanischen Land bisher nicht; ebenso wenig einen so starken Einfluss ausländischer Wahlbeobachter.
Mir fällt es immer noch schwer, der Veranstaltung von Wahlen in Ländern ohne ausreichend stabile Bürgergesellschaft etwas abgewinnen und solche Fortschritte positiv hervorheben zu können.
Da Herr Lambsdorff in den Medien naturgemäß immer nur mit einzelnen Sätzen zitiert wird, hier noch der Link zur offiziellen Seite der EU-Wahlbeobachtung: EUEOM KENYA. Dort findet sich auch eine erste Einschätzung der Wahlen (pdf, engl.), samt Presseerklärung (pdf, engl.).
Verfasst von Marian Wirth um 16:16 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, International, Politik (Trackback)