Die Sechs-Punkte-Pläne des Roland Koch (1)

oder: aus dem Leben eines Advocatus Diaboli

Roland Koch hat die SPD aufgefordert, ihre Totalblockade in Sachen Jugendkriminalität aufzugeben. Da dies von wahlkämpfenden Sozialdemokraten nicht zu erwarten ist, springe ich mal in die Bresche.

Es folgt der Sechs-Punkte-Plan der hessischen CDU zur Verbrechensbekämpfung, versehen mit einigen ohne längeres Nachdenken hinzugefügten Anmerkungen:

1. einen Warnschussarrest, der jüngst auch unter der Bezeichnung “Schock-Haft” diskutiert wurde. Nur wenn notorische jugendliche Straftäter neben einer Bewährungsstrafe gleich spüren, wie sich Gefängnis von innen anfühlt, besteht die Chance, ihre kriminellen Karrieren so schnell wie möglich zu unterbrechen.

Soweit mir bekannt ist, ist Knast für Jugendliche die beste Chance für einen kriminellen Karrieresprung. Im Knast kann man prima Networking betreiben, sich neue Tipps für den Umgang mit der Polizei und für die Vermeidung desselben holen, effektivere Methoden der Gewaltanwendung erlernen und “Street Creditibility” aufbauen.

Die Rückfallquote von jugendlichen Ex-Knackis liegt dementsprechend über 50%.

Im übrigen deutet die hier gewählte Bezeichnung “notorische jugendliche Straftäter” darauf hin, dass der Betreffende bereits mehrfach einschlägige Straftaten begangen haben muss; insofern wird dieser Straftäter dann auch nicht “gleich” spüren, wie sich Gefängnis von innen anfühlt, sondern erst dann, wenn sich seine Kriminalbiografie bereits in eine bestimmte Richtung entwickelt hat. Es sei denn, Koch meint mit “notorisch” eine Art sozio-kulturelle Rasterfahndung mit Sippenhaft.

2. die Anwendung von Erwachsenenstrafrecht auf Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren wieder zum Regelfall, das Jugendstrafrecht zur Ausnahme machen. Die Gesellschaft muss auch gegenüber Straftätern über 18 Jahren klarstellen, dass erwachsen sein Pflichten und Konsequenzen mit sich bringt.

Diese Vorschläge werden in der Praxis keine Auswirkung haben, sondern allenfalls die Quote der ausnahmsweisen Anwendung des Jugendstrafrechts erhöhen.

3. die Höchstgrenze der Jugendstrafe bei Heranwachsenden für schwerste Verbrechen von 10 auf 15 Jahre erhöhen.

Nach der Logik von Herrn Koch müsste nicht an der Höchstgrenze der Jugendstrafe herumgebastelt werden, sondern an der Mindeststrafe. Die Höchststrafe wird ja sowieso kaum verhängt.

4. zum Schutz der Bevölkerung die Sicherungsverwahrung auch bei Heranwachsenden zulassen, wenn diese zu einer Jugendstrafe von mindestens 5 Jahren wegen der Begehung einer schwerwiegenden Straftat (Verbrechen gegen das Leben, Sexualstraftaten, Raub mit Todesfolge usw.) verurteilt wurden.

In wievielen Fällen wurde denn bisher eine Jugendstrafe von mindestens 5 Jahren verhängt? Ich bin übrigens gespannt, wie die Strafe in dem Fall ausfallen wird, der die aktuelle Diskussion ausgelöst hat.

5. das jugendstrafrechtliche Handlungsinstrumentarium gezielt erweitern und flexibilisieren, indem zum Beispiel das Fahrverbot zu einer eigenständigen Sanktion des Jugendstrafrechts ausgebaut und sein Anwendungsbereich auf alle Arten von Straftaten eröffnet wird.

Dieser Vorschlag widerspricht zum einen dem Vorschlag # 2, wo ja gerade die Einschränkung des Handlungsinstrumentariums gefordert wird. Und zum anderen wird es einen jugendlichen Intensivtäter sicher ungeheuer beeindrucken, dass der Staat ihn dann zusätzlich noch wegen Fahren ohne Fahrerlaubnis drankriegen kann.

6. Wir wollen außerdem eine Änderung des Aufenthaltsrechtes. Ausländer müssen bei einer Gefängnisstrafe von mindestens einem Jahr ohne Bewährung zwingend ausgewiesen werden können, und nicht erst wie bislang unter bestimmten Bedingungen nach drei Jahren. Gleichzeitig muss auch der Ausweisungsschutz im Aufenthaltsrecht für schwer kriminelle Jugendliche zurückgefahren werden.”

Das wird in der Praxis dazu führen, dass die Jugendrichter ihre “Tarife” anpassen werden. Dann wird es halt statt drei Jahren nur noch ein Jahr auf Bewährung geben. Außerdem wird die Zahl der Einbürgerungsbegehren ansteigen. Und die Täter mit Migrationshintergrund und deutschem Pass bekommt Koch so ohnehin nicht zu fassen.

Fazit: Die Vorschläge sind unbrauchbar und ihre Umsetzung würde das Problem verschärfen.

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30 Kommentare zu “Die Sechs-Punkte-Pläne des Roland Koch (1)”

  1. FAB.
    3.01.2008 | 9:54

    Zwei kurze, ebenfalls spontane Anmerkungen zu den Anmerkungen.

    Zu Punkt 1).
    Daß “jugendliche Ex-Knackis” eine Rückfallquote von 50% haben, mag so sein. Ich nehme an, die durchschnittliche Rückfallquote aller verurteilten Jugendlichen ist niedriger? Dann bestünde eine Korrelation zwischen vollstreckter Freiheitsstrafe und hoher Rückfallwahrscheinlichkeit. Die Ursache hierfür dürfte aber mE weniger darin zu suchen sein, daß der Knast aus Lämmchen erst Gewohnheitsverbrecher macht, sondern darin, daß, wer den Knast zum ersten Mal von innen sieht, bereits ein Gewohnheitsverbrecher ist. Jedenfalls während meiner Station bei der StA hatte ausnahmslos jeder, der erstmals “ohne” verurteilt wurde, eine ellenlange Latte von Vorstrafen, also bereits eine langjährige kriminelle “Karriere”. So gesehen, ist eine Quote von 50% solcher Typen, die danach nicht rückfällig werden, garnicht mal so schlecht. Jedenfalls aber spricht der Befund mE dafür, daß eher zu spät als zu früh Freiheitsstrafen “ohne” verhängt werden, wenn es bei den anderen 50% der Verurteilten bereits zu spät ist, um sie dadurch noch zu beeindrucken.

    Zu Punkt 2) und 6).
    Wenn es so wäre, daß das Gerichtspersonal seine sehr weitgehende Freiheit dazu mißbraucht, eindeutige gesetzgeberische Vorgaben bewußt zu konterkarieren, dann hätten wir ein Justizproblem. Jedenfalls ist es gewiß kein Argument gegen einen Gesetzesvorschlag, daß möglicherweise manche Richter unter Verkennung ihrer Amtspflichten bei der späteren Anwendung des Gesetzes Obstruktion betreiben könnten.

  2. 3.01.2008 | 10:14

    Ich bin überwiegend Deiner Meinung, Marian. Danke schön, meine Notizen für meinen Beitrag kann ich jetzt wegwerfen… ;)

    Nur im ersten Punkt, da bin ich anderer Ansicht - den “Warnschussarrest” halte ich für eine sinnvolle Sache. Bei diesem geht es ja nicht um einen sehr langen Aufenthalt im Gefängnis, bei dem sich Kontakte knüpfen lassen würden (insbesondere, da er wohl schon als Einzelhaft gedacht ist). Sondern vielmehr darum, bereits einer frühen Bewährungsstrafe irgend eine Art von spürbarer Konsequenz folgen zu lassen. Das Problem ist doch, dass von vielen kriminellen Jugendlichen die Bewährungsstrafe als ein “zahnloser Tiger” wahrgenommen wird; sie wird nur als ein halbherziges “Du, Du, Du!” empfunden, was sie ja nach der Theorie gar nicht sein soll. Ihre Funktion als deutlicher Akt der Missbilligung kann sie aber nur dann erfüllen, wenn beim Verurteilten zumindest ein gewisser Grundrespekt vor dem Staat und seinen Organen vorhanden ist. Da dieser aber oft fehlt, benötigt man ein Instrumentarium, mit dem man diese Missbilligung für die schlecht sozialisierten jugendlichen Straftäter deutlicher, verständlicher gewissermaßen, ausdrücken kann.

    Der Warnschussarrest ist im Übrigen ein Instrumentarium, dem im Gegensatz etwa zu Internierungslagern… äh… Erziehungscamps auch Sozialarbeiter, Bewährungshelfer und juristische Praktiker zugeneigt sind.

  3. gis
    3.01.2008 | 10:21

    Ich erinnere mich vage an ein kleines Land mitten in Europa - jedoch ausserhalb der EU - in dem kürzlich Wahlen stattfanden. Dort hatte eine mir überhaupt nicht sympathische Partei ihren Wahlkampf mehr oder weniger mit der Forderung geführt, kriminelle Ausländer auszuweisen. Sofort packte die ganze EU-Schickeria den Faschismus-Hammer aus und versuchte jene Partei und ihren - mittlerweile vom Parlament abgewählten - Bundesrat (Minister) in die braune Schmuddelecke zu stellen.

    Parallel dazu ergriff die Sozen-Regierung in Italien drastische Massnahmen im Zusammenhang mit kriminellen Rümänen. Kaum Reaktionen.

    Jetzt der Koch. Wieder kaum Reaktionen.

    Fazit: Abgesehen davon, dass Politik sowieso ein verlogenes Geschäft ist - es ist immer wieder interessant zu sehen, mit welch verschiedenen Ellen da gemessen wird…

  4. gast007
    3.01.2008 | 10:23

    Entschuldigung..? Wie bitte?!

    Entschuldigung. Ja, es tut mir wirklich Leid, dass ich vielleicht in der Nacht zum neuen Jahr ein, zwei, drei Bierchen zu viel getrunken habe.
    Dieses Tatsache allein wäre vielleicht noch gar nicht so schlimm gewesen.
    Das Schlimme daran ist, dass mir die Nachwehen dieses Exzesses es sozusagen verwehrten, mich am darauffolgenden Tag wie gewöhnlich zu informieren, was denn gerade die großen politischen Themen in der medialen Welt der Bundesrepublik sind.
    Nun werfe ich also am Tag 2 in 2008 mal wieder einen Blick auf mein Stammportal der deutschen Nachrichtenwelt. Es ist die Website, die zwar deutlich politisch gefärbt ist und sich auch nicht gerade in Abstinenz hinsichtlich sensationslustiger Nachrichten übt. Jedoch bietet sie immer Aktualität und eine rechte weite Bandbreite an Themen.
    Aber was ist denn da passiert?
    Was lese ich denn da?
    Moment, wo ist der Alkomat? Das muss ein Backflash sein. Vielleicht erlebe ich gerade einen Alptraum.
    Also noch mal ganz ruhig.
    „Aktualisieren“ geklickt.
    Mh, es ändert sich nichts.
    Dann lese ich jetzt vielleicht noch mal genauer nach.
    Diese „Abstracts“ sind ja dann doch zumeist eher „abstrakt“.
    Ich lese nun also den gesamten Artikel – er trägt den Titel „Kochs Wahlkampf kommt auf Touren“. Naja.. nicht gerade etwas, was einen jetzt überrascht.
    Aber - Koch macht nun offensichtlich den Blocher!
    Mit wem wollten wir Liberale in Hessen noch mal koalieren?
    Achja, richtig – mit der Christlich-Demokratischen Union.
    Und wen wird die Fraktion der Freie Demokraten im hessischen Landtag dann noch mal zum Ministerpräsidenten küren?
    Achja, genau den. Diesen Roland Koch, den „Jungen Wilden“. Oder auch „Roland Koch, den skrupellosen Populisten“.
    Vielleicht sollte ich noch mal mit den Würzburger Exil-Hessen Dennis und Eva sprechen.
    Ich habe ja auch nicht wirklich den großen Einblick in den hessischen Landtagswahlkampf. Vielleicht sollte ich mich da auch einfach ganz raushalten.
    Ich lese nun den Artikel fertig.
    „Unterschriftenaktion der SPD und ihrer Spitzenkandidatin Ypsilanti für den gesetzlichen Mindestlohn“. „Löhne müssen zum Leben reichen“.
    „Klug“ gesprochen, liebe SPD. Und so volksnah. „Näher am Menschen“ wie es in diesem Jahr in Bayern wieder überall blau strahlen wird.
    Einer besser als der andere, in diesen großen, ja gar großartigen Volksparteien.
    Von wem haben die das bloß?
    Dieser dreiste, unehrliche Populismus. Woher kommt das?
    Strauß? Naja, der Franz-Josef war nicht gerade in der Mitte des politischen Spektrums anzuordnen, aber er hatte auf seine Art noch Charakter. Vielleicht sogar Stil. Ist auch egal.
    Ich nenne das eine Gespenst einfach mal „Oskar“. Und das andere.. Wie wäre es mit „Joseph“?
    Also um ehrlich zu sein: ich würde beiden Gespenstern ungern als Steigbügelhalter dienen.
    Haben wir nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera? Zwischen Überwachungsstaat, Reaktionismus, kriminalpsychologischem und –soziologischem Analphabetismus auf der einen Seite und dem geschmeidigen Dribbelschritt auf der Gegenfahrbahn ökonomischen Sachverstands in den Neo-Sozialismus auf der anderen Seite?

    Aber was sollen wir denn dann tun? Jedes Bundesland – eines nach dem anderen – „den anderen“ überlassen?
    Es ist wirklich schwierig geworden für Liberale. In Zeiten, in denen es keinen Wolfgang Clement, keinen Friedrich Merz und keinen Oswald Metzger mehr auf der großen Bühne gibt. Haben wir vielleicht irgendetwas verpasst?
    Verpasst eine „polarisierende Strategie“ zu wählen?

    Was machen wir denn jetzt in Zukunft?
    Konstruktive Oppositionsarbeit?
    Politik ausschließlich für diejenigen, die auch mal etwas weiterdenken als zwei Schritte vor und drei zurück?
    (Ich bin verwirrt.)
    Aber ich glaube ja. Wir sollten uns treu bleiben. Kein Fähnchen mehr im Wind. Kein Zünglein mehr an der Waage.
    Freiheit ist die einzige, die zählt.
    - Jetzt fange ich auch schon an. Markige Sätze mit klarer Aussage. Trivialisierung. Euphemismus. Demagogie. Manchmal ist die Welt nicht ganz so einfach. Aber das darf ich als junger Mensch ohne Lebenserfahrung Ihnen, verehrte Damen und Herren Koch, Schäuble und Beck, sicher wieder nicht erzählen – richtig? Wenigstens das habe ich mittlerweile verstanden. Klingt in Ihren Ohren wahrscheinlich wie „Alte, gebt den Löffel ab!“.
    Nein, es würde mir vollkommen ausreichen, wenn Sie Ihr Menü nicht immer so mit schwarzem Pfeffer versauen würden, wenn sie das ranzige Fett aus der roten Friteuse endlich in den Mühleimer kickten. Ich zum Beispiel hab`s ganz gern fruchtig, frisch, leicht säuerlich.
    Zitrone kann einem Gericht eine Menge Charme verleihen.

    - Oh, jetzt kommt mir der Tequila von Vorgestern wieder hoch. Entschuldigung. Ich mach jetzt besser Schluss.

    Ein nachdenklicher Liberaler

  5. 3.01.2008 | 10:42

    Menschen haben unterschiedliche Interessen und Beweggründe für ihr Handeln. So wie den einen Schüler eine schlechte Note anspornt (”dem zeig’ ich’s”, führt sie bei nächsten zum Aufgeben (”das kapier’ ich nie”), wird es auch bei jungen Straftätern sein.

    Die geeignete Maßnahme zu finden können ganz bestimmt nicht unsere Politiker.

    Was mir allerdings entscheident scheint, ist ein schnelles Verfahren, wenn man die Täter schon hat. Wenn man aber erstmal wieder frei kommt - weil man einen Wohnsitz hat - und dann nach Wochen erst eine Gerichtsverhandlung stattfindet, dann ist das meiner Meinung nach kontraproduktiv. (Frage ist natürlich, ob das so ist?)

  6. Lina
    3.01.2008 | 10:50

    “Fazit: Die Vorschläge sind unbrauchbar und ihre Umsetzung würde das Problem verschärfen.”

    Mein Fazit: Argumentation in allen Punkten geprüft, gefolgt und angenommen! Koch irrt und sollte zu geeigneter Besinnung gebracht werden. Die Frage ist nur, wo: Kloster oder Knast? (Ich neige aufgrund seiner notorischen Karrieretricks eher zu Letzterem…)

  7. stefanolix
    3.01.2008 | 11:34

    Vieles wurde schon gesagt, ich möchte trotzdem noch ein paar neue Gedanken in die Debatte werfen;-)

    Marian schreibt von einer 50%-Rückfallquote nach der Haft. Das ist eine sehr stark verdichtete Angabe. Uns fehlen hier Informationen über die Art der Haft, über die Art der Delikte und über die Zusammensetzung der Gruppe. Diese Zahl würde ich so nicht als Grundlage für politische Entscheidungen verwenden.

    Haft ist nicht gleich Haft! Wenn junge erwachsene Straftäter mit erfahrenen Verbrechern zusammengesperrt werden, ist das etwas ganz anderes, als wenn sie in einem speziellen Strafvollzug für Ersttäter einsitzen. Und »einsitzen« trifft auch nicht immer zu. Es gibt hier in Sachsen z.B. eine Modellstrafvollzugsanstalt nur für Ersttäter (jeden Alters), in der keineswegs nur »gesessen«, sondern therapiert, gearbeitet und gelernt wird. Gearbeitet wird übrigens unter moderneren Bedingungen als in manchem normalen Betrieb.

    Der Koch-Reflex “ausweisen!” ist schlichtweg widersinnig. Wer hierzulande schwere Straftaten begangen hat, muss die Strafe bei Verletzung der Bewährungsauflagen auch zwingend hier verbüßen. Es sei denn, sein Herkunftsland will ihn unbedingt zurückhaben. Wenn er die Bewährungsauflagen nicht verletzt, kann er auch hier bleiben.

    Die Koch-Forderung, Pflichten und Konsequenzen klarzustellen, ist richtig, wird aber dadurch entwertet, dass Koch selbst immer wieder politisch unverantwortlichen Wahlkampf betreibt.

    Mein Fazit: Es ist nicht /alles/ falsch, was Koch sagt und er mag auch gewisse Qualitäten auf anderen politischen Gebieten haben. Was mir seit vielen Jahren negativ auffällt, ist seine stammtischorientierte Wahlkampfführung. Schneidet man aus seinem »Sechs-Punkte-Plan« alle populistischen und ausländerfeindlichen Inhalte heraus, bleibt davon nicht viel übrig. Was übrig bleibt, kann man im Rahmen der geltenden Gesetze auch heute schon umsetzen.

    Die Wähler in Hessen sind in diesem Jahr nicht zu beneiden.

    PS @Lina: Ich würde mich weder für Knast noch für Kloster entscheiden, sondern als Höchststrafe den »Fall in die politische Bedeutungslosigkeit« verhängen.

    PS @Marian: Der »Advocatus diaboli« hatte in Wahrheit eine vergleichsweise harmlose Funktion. Vielleicht tun wir ihm hier Unrecht, wenn wir ihn mit Koch vergleichen.

  8. FAB.
    3.01.2008 | 11:40

    @ Marc

    Es sind teilweise nicht Wochen, sondern mehrere Monate bis zur Verhandlung.

    Und noch eine Ergänzung: es gibt neben der Bewährungsstrafe, die in der Tat als Sanktion nicht ernstgenommen wird, und dem längeren Aufenthalt im “echten” Knast unter lauter “schweren Jungs” gerade im JGG auch sinnvolle mittelschwere Sanktionen wie Freizeit- (zB vier Wochendenden) oder Kurzarrest (zB zwei Wochen), die mE früher angewandt werden sollten, aber zT nicht werden, da die Vollstreckungskapazitäten für solche Maßnahmen - außerhalb (!) des “echten” Jugendknastes - fehlen. Ich habe Fälle erlebt, in denen der Richter keinen Arrest verhängt hat, obwohl er ihn für sehr sinnvoll hielt, weil er wußte, daß der frühestens (!) ein dreiviertel Jahr später stattfinden würde, und dann der notwendige “gefühlte” Zusammenhang zwischen der Tat und der Sanktion wiederum fehlt. Ich weiß nicht, wie die Situation in Hessen ist, aber wenn es dort so aussieht wie in NRW, hätte Herr Koch da sehr sinnvolle Möglichkeiten, im Rahmen der bestehenden Gesetze deren Anwendung zu verbessern.

  9. FAB.
    3.01.2008 | 11:44

    @ stefanolix

    Wer hierzulande schwere Straftaten begangen hat, muss die Strafe bei Verletzung der Bewährungsauflagen auch zwingend hier verbüßen.

    Wieso?

  10. R.A.
    3.01.2008 | 11:44

    Völlig richtig, die aktuellen Vorschläge der CDU sind reiner Wahlkampf und in der Sache unbrauchbar.
    Der Witz ist: So weit ich das mitbekommen habe, ist die hessische Regierung durchaus führend in der eigentlichen Problembekämpfung. Sei es bei Reformpädagogik wie dem “Boxcamp” in Nordhessen oder der speziellen Deutschkenntnisförderung vor der Einschulung.

    Aber das ist alles kompliziert und nicht gut vermittelbar - und umgekehrt ist das Versagen der rot/grünen Linie bei eben solchen Themen auch nicht publikumswirksam darzustellen.

    Also wird die Populistenkeule als Ersatz rausgeholt, obwohl sie eigentlich wohl die besseren Argumente hätten.

  11. 3.01.2008 | 11:48

    Ich denke auch, dass es bei den Vorschlägen weniger auf Umsetzbarkeit ankommt - in der Wahlzeit kommen solche populistischen Parolen (vor allem, beim derzeitigen Agenda-Setting, bei dem Jungendkriminalität hoch im Kurs ist) einfach super beim Volk an.

  12. 3.01.2008 | 11:53

    @ all: Vielen Dank für die bisherigen Beiträge! Ich werde es wohl nie lernen, dass man so ein Thema nicht einfach aufbringen darf, wenn man eigentlich keine Zeit hat, auf die Kommentare einzugehen. Hoffentlich bleibt es so sachlich und praxisnah.

    @ FAB: Besonderen Dank für die Ergänzungen! Ich werde später darauf eingehen. Viel zu widersprechen habe ich allerdings nicht.

    @ stefanolix: Die Wendung “advocatus diaboli” wird ja wohl auch verwendet, um anzudeuten, dass man die Meinung, die man im Folgenden wiedergibt, nicht oder nicht in Gänze teilt. Und der “Diabolus” soll hier nicht Koch sein, sondern die SPD.

  13. stefanolix
    3.01.2008 | 12:07

    @R.A.: In der Sache stimme ich mit Dir überein, aber bringe das Camp bitte nicht in Verbindung mit der Reformpädagogik. Das ist etwas anderes.

  14. 3.01.2008 | 12:40

    @stefanolix/R.A.:
    Dieses Boxcamp liegt wohl eher in der Nähe der Erlebnispädagogik.

  15. stefanolix
    3.01.2008 | 13:00

    Es wird wohl irgendwo zwischen Erlebnispädagogik und »boot camp« liegen. Wir werden über dieses Camp in nächster Zeit sicher noch eine Menge Artikel in der Presse lesen können.

  16. 3.01.2008 | 13:04

    @R.A.: Ja, das wundert mich auch. Die CDU ist eigentlich erfolgreich. Sie hat die - inzwischen von anderen Bundesländern übernommenen - Sprachkurse vor der Einschulung eingeführt, und sie verwies bis vor kurzem noch auf ein sicheres Hessen mit weniger Straftaten und höherer Aufklärung.

    @Karten: Über das “Boxcamp” steht was in der Frankfurter Rundschau. Ich vermute, dass der Erfolg auch am Chef liegt, der einen passenden Ton anschlagen und auf seine Vergangenheit verweisen kann.

  17. 3.01.2008 | 13:15

    “Daß “jugendliche Ex-Knackis” eine Rückfallquote von 50% haben, mag so sein. Ich nehme an, die durchschnittliche Rückfallquote aller verurteilten Jugendlichen ist niedriger? ”

    Die Rückfallquote bei Jugendlichen, welche im Arrest waren, liegt bei ca.71%. Bei ca. 80 % liegt die Rückfallquote von denen, welche in Jugendhaft waren. Die Zahlen sind nicht erst seit gestern bekannt.

    Dies zeigt, ein Freiheitsentzug bringt rein gar nichts für die Resozialisierung, so wie er aktuell gestaltet ist. Neben der Prävention muss also dringend geschaut werden, wie man dafür sorgt, dass Jugendliche in Haft auch tatsächlich erzogen werden. Diskussionen über eine Erhöhung der Haftstrafen gehen also auch schon deshwegen an der Sache vorbei, weil es nur Kosemetik ist und nichts daran ändern wird, dass die Jugendlichen in Haft nicht auf andere Wege gebracht werden. Dazu sollte aber - nicht nur, weil im Jugendstrafrecht der Erziehungsgedanke im Vordergrund steht - die Haft genutzt werden, um dafür zu sorgen, dass die Rückfallquoten verringert werden. Was nützt, die Jugendlichen einfach nur länger wegzusperren, wenn nicht dafür gesorgt wird, dass die Rückfälligkeit geringer wird.

  18. 3.01.2008 | 13:43

    Die hohen Rückfallquoten nach Haft und Arrest könnten aber auch daran liegen, dass Haft und Arrest die Konsequenzen einer kriminellen Karriere sind, die mit Diebstählen etc. Urteilen nach Monaten und lasch erscheinenden Bewährungsstrafen sich als vielversprechende und gut funktionierende Alternative zum bürgerlichen Leben angelassen hat.

    Was mich auch wundert ist, warum die Union fordert krimelle Ausländer abzuschieben? Sollen die etwa keine Strafe verbüßen? Oder vertrauen die so sehr der Justiz im Ausland?

  19. 3.01.2008 | 13:50

    Leute, die aus der “Szene” kommen, berichten jedenfalls, die erste Nacht im Knast habe sie bekehrt, und empfehlen eine möglichst konsequente Bestrafung von Anfang an. Richtig dürfte aber sein, dass es damit nicht allein getan ist.

    Ob das “Boxcamp” erfolgreicher ist, wissen wir auch nicht. Man darf, wenn man die Methode dennoch kopieren will, aber nicht die speziellen Voraussetzungen vergessen:

    1. Der Aufenthalt dort ist freiwillig. Rausschmiss ist keine Erleichterung, sondern eine Drohung, weil dann das noch größere Übel, nämlich Knast, droht.
    2. Es ist wichtig, dass es sich bei den Betreuern und am besten auch beim Leiter um glaubwürdige, authentische Personen handelt. Das ist kein Job für Laufbahnen.

    Und wir sollten sowas auch nicht mit den berühmt-berüchtigten “Bootcamps” verwechseln. Zwar wird hier wie da auf körperliche Auslastung und Disziplin geachtet, aber der entscheidende Unterschied besteht darin, dass in den “Bootcamps” u.a. mit sinnlosen Schikanen der Wille der Insassen gebrochen werden soll. Das funktioniert vielleicht bei den Marines, aber die bleiben hinterher auch im Biotop.

    Ich vermute, dass solche Einrichtungen wie das “Boxcamp” eine gute Chance darstellen. Sie sind aber eher als eine Art “Reset” zu betrachten. Manche haben genug davon mitgenommen, um ihr Leben zu ändern. Aber andere haben wahrscheinlich nicht die Kraft dazu und fallen in ihr altes Umfeld, in ihre alte Rolle zurück. Entscheidend ist also auch, was passiert, wenn die Betroffenen wieder auf den Boden des Alltags zurückfallen. Da müsste es dann eigentlich auch eine Starthilfe geben, z.B. durch Betreuung, die dabei hilft, das im Camp positiv Erlebte wieder ins Gedächtnis zu rufen und konkret in den Alltag zu übertragen.

    Aber vor allem gilt es, früh anzufangen. “Jugendliche Intensivtäter” sollte es gar nicht erst geben dürfen. Erst recht ist es das falsche Signal, die Definition eines “Intensivtäters” an die personelle Situation der für sie zuständigen Behörde anzupassen…

  20. R.A.
    3.01.2008 | 13:55

    @Stefanolix, Karsten:
    Dieses Boxcamp ist eigentlich weder Reform- noch Erlebnispädagogik (die sich eher an die “normalen” Jugendlichen richten), sondern eher ein pädagogisch anspruchsvolles “Bootcamp”, initiiert von einem engagierten Menschen.
    Das Verdienst der Regierung besteht also maximal darin, diese Idee erkannt und gefördert zu haben - abe das ist ja auch schon was.

    @Marc:
    > Die CDU ist eigentlich erfolgreich.
    Zumindestens in einigen Bereichen.

    Und daß sie mit diesen Erfolgen keinen Wahlkampf machen kann, zeigt heftige Defizite unserer politischen bzw. journalistischen Strukturen.

    Wir beklagen uns ja häufig über “Unpolitik”, wenn also ein Politiker aus Nichts eine Forderung oder Schlagzeile aufbläst, die dann unreflektiert berichtet und zur Grundlage von öffentlichen Pseudo-Diskussionen wird.

    Hier haben wir die Kehrseite - da ist etwas, aber es wird im Wahlkampf zum Nichts eingeschrumpft, weil komplizierte Sachverhalte nicht öffentlich diskutierbar sind und auch keine Wähler mobilisieren.

  21. 3.01.2008 | 14:22

    @R.A.: Problem für die CDU ist doch eher, dass wenn sie nur auf ihre Erfolge verweist, damit automatisch der CSU (wg. München) eins reindrückt.

    Über die hessische Kriminalstatistik wurde durchaus berichtet, auch im Lokalteil.

  22. 3.01.2008 | 14:22

    “Die hohen Rückfallquoten nach Haft und Arrest könnten aber auch daran liegen, dass Haft und Arrest die Konsequenzen einer kriminellen Karriere sind, die mit Diebstählen etc. Urteilen nach Monaten und lasch erscheinenden Bewährungsstrafen sich als vielversprechende und gut funktionierende Alternative zum bürgerlichen Leben angelassen hat.”

    Abgesehen von dem “gut funktionierend” spielt das alles sicher mit rein.

    Es ist ein System und in diesem funktioniert der Baustein Jugendstrafe nicht hinreichend, denn die Jugendlichen kommen nicht erzogen aus der Haft raus, wie die Zahlen der Rückfälligkeit belegen. Dies hat auch zur Folge, dass Richter sich scheuen, grunds. Freiheitsstrafen zu verhängen, denn die “Strafen” sollen der Erziehungen dienen und jemanden einfach in Haft zu schicken mit dem Wissen, er wird dort nicht erzogen werden, widerspricht diesem Erziehungsgedanken. Abgesehen davon, dass es auch der Gesellschaft nichts bringt, wenn die Täter wieder rückfällig werden. Wenn ein Baustein nicht trägt, wackelt der ganze Bau.

    Dazu äußerte ich mich ausführlich bei uns auf dem Blog, so dass ich mich hier eh nur wiederhole.

    Daher, ich bin hier wieder weg und wünsche allen viel Spaß beim Diksutieren!

  23. R.A.
    3.01.2008 | 18:42

    @Marc:
    > Problem für die CDU ist doch eher, dass
    > wenn sie nur auf ihre Erfolge verweist,
    > damit automatisch der CSU (wg. München)
    > eins reindrückt.
    Wenns nur das wäre - das wäre kein Problem für Koch, sondern ein zusätzlicher Ansporn.

  24. 3.01.2008 | 20:04

    Es ist ja schön, wenn Ihr das alles so sachlich diskutiert, aber darum geht es Koch doch gar nicht. Wir sollen gegen Ausländer aufgebracht werden, ohne nach Hintergründen zu fragen. Und die Hessen sollen CDU wählen, dann ist das Thema abgehakt. Übrigens: Warum “Warnschuss-Arrest”? Entweder der Richter befindet, dass Haft angebracht ist oder nicht. Vielleicht weiß er in letzterem Fall, wie es in den Haftanstalten aussieht. Koch hat immer nur einfache Lösungen. Mehr:

    http://www.blogsgesang.de/2008/01/03/und-wieder-zieht-koch-gegen-auslaender-in-den-wahlkampf/

  25. 3.01.2008 | 20:19

    aber darum geht es Koch doch gar nicht.

    Warum sollten wir uns danach richten, worum es Koch geht? Ich hielte es jedenfalls immer für die sinnvollere Variante, populistisch aufgeworfene Themen, und das können schließlich nur solche sein, die die Menschen auch beschäftigen, sachlich zu diskutieren und den Populisten damit das Geschäft zu versauen. Dass Politiker weniger an Themen als an Stimmen (und Stimmungen) interessiert sind, ist leider normal, und die Mobilisierung des eigenen Wählerpotenzials, die übrigens gerade in Hessen so gut wie alle letzten Wahlen entschieden hat, ist über Polarisierung am besten zu hinzubekommen. Das kann man zu Recht immer wieder aufs Neue kritisieren, aber dann möglichst auch im Kontext.

    Entweder der Richter befindet, dass Haft angebracht ist oder nicht. Vielleicht weiß er in letzterem Fall, wie es in den Haftanstalten aussieht.

    So frei ist ein Richter da nun wieder auch nicht.

    Und “Haft” muss nicht gleich “Haft” sein, wie FAB oben kenntnisreich geschildert hat.

  26. Hans Scholz
    3.01.2008 | 21:58

    Tut mir Leid, aber dieses Land hat ein Problem:
    Nicht Jugendkriminalität, das gab es immer, wird es immer geben.
    Hier befinden sich Gruppen im Land, die aus archaischen Gewaltgesellschaften stammen, keinen Bezug zum Land haben und immer
    mehr Räume für sich erobern.

    http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/11562/1111102/polizei_essen

  27. Hans Scholz
    3.01.2008 | 22:10

    Und noch etwas, was ich nicht verstehe: In Italien regiert die LINKE
    (3 kommunistische Parteien und die Grünen und nicht Herr KOCH….

    Italien hält an Abschiebung von kriminellen EU-Bürgern festAP
    AP - Samstag, 29. Dezember, 17:10 UhrRom (AP) Das italienische Kabinett hat erneut ein Dekret zur Ausweisung krimineller EU-Bürger verabschiedet. Die Vorlage vom Freitag ersetzt eine ähnliche Maßnahme, die bereits vor Wochen beschlossen wurde, wegen Formfehlern allerdings zurückzogen werden musste. Ziel der Regierung ist es, EU-Bürger ausweisen zu können, wenn sie eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen. Die Regierung von Romano Prodi hatte das Dekret im Oktober nach einem tödlichen Überfall eines Rumänen auf eine 47-jähriger Römerin beschlossen. Die Maßnahme muss noch vom Parlament bestätigt werden.

  28. 3.01.2008 | 23:31

    FAB.,

    Ich nehme an, die durchschnittliche Rückfallquote aller verurteilten Jugendlichen ist niedriger?

    Am 27.12.2007 lief in der ARD der Dokumentarfilm “Richter: lebenslänglich” (SWR-Pressemappe, WORD-Dokument); darin gab eine der Protagonisten, die Richterin Ruth Sieveking, zu Protokoll, dass nach der neuesten Untersuchung, die sie gelesen habe, die Rückfallquote 5,8% betrage. Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, wie man auf so eine Zahl kommt; das ist ja alles eine Frage der Berechnungsmethode.

    Jedenfalls während meiner Station bei der StA hatte ausnahmslos jeder, der erstmals “ohne” verurteilt wurde, eine ellenlange Latte von Vorstrafen, also bereits eine langjährige kriminelle “Karriere”.

    Akzeptiert. Dass ich das anders dargestellt habe, liegt zum einen eben am “advocatus diaboli” und zum anderen daran, dass ich während meiner kurzen Karriere bei der Jugendstaatsanwaltschaft (vier Sitzungsvertretungen, insgesamt ca. 20 Fälle) nicht mit schweren Jungs zu tun hatte, sondern überwiegend mit Ersttätern, die Polizisten beleidigt hatten bzw. haben sollen oder schwarzgefahren waren.

    Jedenfalls aber spricht der Befund mE dafür, daß eher zu spät als zu früh Freiheitsstrafen “ohne” verhängt werden, wenn es bei den anderen 50% der Verurteilten bereits zu spät ist, um sie dadurch noch zu beeindrucken.

    Wenn ich den Sechs-Punkte-Plan richtig verstanden habe, dann ist das aber etwas anderes als der “Warnschuss-Arrest”. Wenn sogar Karsten den “Warnschuss-Arrest” für sinnvoll hält, dann nehme ich die Kritik an Punkt 1.) zurück.

    Wenn es so wäre, daß das Gerichtspersonal seine sehr weitgehende Freiheit dazu mißbraucht, eindeutige gesetzgeberische Vorgaben bewußt zu konterkarieren, dann hätten wir ein Justizproblem.

    Nach meiner Auffassung haben wir durchaus ein Justizproblem. Nur wäre das Kriterium “eindeutige gesetzgeberische Vorgaben” nicht mehr erfüllt, wenn man die Koch’schen Vorschläge in das bestehende Jugendstrafrecht implementieren würde.

    Jedenfalls ist es gewiß kein Argument gegen einen Gesetzesvorschlag, daß möglicherweise manche Richter unter Verkennung ihrer Amtspflichten bei der späteren Anwendung des Gesetzes Obstruktion betreiben könnten.

    Das sehe ich nun wirklich anders. Aufenthaltsrecht ist öffentliches Recht; ob eine Abschiebung geboten ist, sollte sich danach richten, ob der Ausländer eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung darstellt. So, wie sich Koch das vorstellt, wäre aber die Abschiebung als Strafergänzung zu verstehen. Wenn sich also Strafrichter darauf beschränken, eine Strafe zu verhängen und die öffentlich-rechtliche Würdigung den dafür zuständigen Behörden überlassen, dann erfüllen sie damit gerade ihre Amtspflicht.

    es gibt neben der Bewährungsstrafe, die in der Tat als Sanktion nicht ernstgenommen wird, und dem längeren Aufenthalt im “echten” Knast unter lauter “schweren Jungs” gerade im JGG auch sinnvolle mittelschwere Sanktionen wie Freizeit- (zB vier Wochendenden) oder Kurzarrest (zB zwei Wochen), die mE früher angewandt werden sollten, aber zT nicht werden, da die Vollstreckungskapazitäten für solche Maßnahmen - außerhalb (!) des “echten” Jugendknastes - fehlen.

    Einverstanden. Dem Kapazitäts-Problem bin ich übrigens während meiner Zeit als “Jugendstaatsanwalt” in Berlin auch begegnet, allerdings auf der Ebene der “Sozialstunden”. Da konnte man schonmal den Richter sagen hören: “Ich würde Ihnen ja am liebsten sechs Sozialstunden aufbrummen, aber da ich weiß, dass es ihm Moment eh’ keine geeignete Stelle gibt, lasse ich es mal bei einer Ermahnung bewenden.” Sowas sendet natürlich auch interessante Signale an jugendliche Straftäter.

  29. 4.01.2008 | 1:10

    Dieesen koch sollte man selbst ins Buttcamp stecken, damit er mal zu vernunft kommt und merkt, daß man den Menschen fördern und nicht kaputt machen sollte!

  30. 16.01.2008 | 19:03

    [...] Ich versuche mal, im Zusammenhang mit Roland Koch das P-Wort zu vermeiden. Aber wenn ich seine teilweise doch sehr martialischen Interviews mit der Springer-Presse mit den Forderungen abgleiche, die dann ihren Weg in die entsprechenden CDU-Papiere (Sechs-Punkte-Plan, Wiesbadener Erklärung als pdf) finden, dann kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die CDU-Spezialisten für Innere Sicherheit von einer gewissen Mutlosigkeit befallen sind. Angesichts dessen, was die üblichen Warner und Mahner (FR, ZEIT, taz et al.) allein schon gegen die jetzigen CDU-Vorschläge vorbringen, ist das auch kein Wunder. [...]

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