Hic Wiesbaden, hic salta!

Die Debatte über Jugendgewalt eignet sich gut dazu, Mechanismen unserer politischen Ordnung aufzuzeigen. Dem hessischen Ministerpräsidenten Koch wird vorgeworfen, das Thema “Gewalt von Jugendlichen”, das nun einmal trotz aller Relativierungsbemühungen leider auch das Thema “Gewalt von Jugendlichen ausländischer Herkunft” nach sich ziehen muss, im Wahlkampf zu missbrauchen. Koch behandle ein komplexes Problem in grob vereinfachender Weise, nur um an der Regierung zu bleiben.

Nun, mit Letzterem haben die Kritiker selbstverständlich Recht. Nur: Das ist das Schicksal aller komplexen Probleme in Wahlkämpfen. Die SPD macht es beim Thema “Mindestlohn” natürlich auch nicht besser.

Es geht also in Wirklichkeit nicht darum, wie ein Thema behandelt wird, sondern welches. In diesem Zusammenhang hört man auch mal gerne den Satz, man dürfe etwas “nicht zum Wahlkampfthema machen”. Das lässt dann eigentlich nur zwei mögliche Konsequenzen zu: Entweder man betrachtet den Bürger generell als Stimmvieh, das nur noch mit Nichtaussagen oder Sympathiewerbung behelligt werden darf, oder man muss offenlegen, welche komplexen Themen denn an den Wähler herangetragen werden dürfen und welche nicht.

Alles, was mit Ausländern, Einwanderungspolitik und Integration zu tun hatte, war bislang ein guter Kandidat, von einer demokratischen Partei nicht in Wahlkämpfen angesprochen zu werden und blieb damit ein Privileg der Gruppierungen am rechten Rand. Wenn sich zu viele Wähler dann nicht genug von diesen unseriösen Haufen fragwürdiger Herkunft und minimaler Kompetenz abschrecken ließen, weil sie sich woanders nicht Gehör verschaffen konnten, setzte dann pflichtbewusst die ritualisierte Empörung ein: Der Unwille, sich bei den Kriterien für die Stimmvergabe an die Vorgaben der großen Parteien zu halten, kann schließlich nicht oft genug gegeißelt werden.

Dabei sind die Ängste und Sorgen, die jetzt ans Tageslicht gekommen, genau so individuell und unmittelbar gefühlte Wirklichkeit wie die Preissteigerungen nach der Euro-Einführung oder die Angst vor Entlassungen. Wer vor ein paar Jahren dieselben Zahlen als Preis in Euro wiederfand wie die, die er noch mit der Bezeichnung “DM” dahinter in Erinnerung hatte, kann kaum mit dem Verweis auf den Index des Statistischen Bundesamts abgespeist werden. Und wer nach allen Meldungen über Massenentlassungen fürchtet, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, wird abends nicht allein deswegen besser einschlafen, weil lt. Erhebungen die Zahl der Beschäftigten steigt. Nein, schlimmer: Dass unter Jugendlichen ausländischer Herkunft sog. Intensivtäter und Gewaltdelikte deutlich überproportional verbreitet sind, ist sogar auch statistische Wahrheit. Um so erstaunlicher, dass erst ein Ministerpräsident Angst um seinen Job haben musste, damit dieses Problem öffentlich thematisiert wird.

Denn die Feststellung, da gäbe es zwar ein Problem, aber über das müsse erstens anders und zweitens zu einem anderen Zeitpunkt gesprochen werden, wirkt natürlich unglaubwürdig, wenn genau das jahrelang eben nicht geschah und im Gegenteil Ansätze dazu politisch unterdrückt wurden. Es gibt offensichtlich Themen, die zwar in der Bevölkerung präsent sind, von der veröffentlichten Meinung aber hartnäckig unbehelligt bleiben. Zum Beispiel, weil man sich fürchtet, in eine rechte Ecke gestellt zu werden, wenn man die rosarote Brille absetzt. Welch Triumph einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung: So lange hat man das Thema den Rechten überlassen, bis es von ihnen nicht mehr zurückzuholen war. Was natürlich auch bequem ist: Man begnügt sich damit, die offensichtlich gleich in mehrfacher Hinsicht unakzeptablen Lösungsvorschläge als solche zu brandmarken und sich dabei gut zu fühlen.

Koch hat Erfahrung in solchen Konstellationen. Bei seiner Kampagne gegen die Doppelstaatsbürgerschaft war es nicht anders. Die politische Mehrheit und die veröffentlichte Meinung bliesen ins selbe Horn, aber ohne große Teile der Bürger zu überzeugen. Diese Diskrepanz machte sich der CDU-Politiker zunutze. Damals allerdings gab es sogar ein politisches Argument, die Materie im Landtagswahlkampf aufzugreifen, nämlich die Einflussnahme über den Bundesrat. Das ist der wesentliche Unterschied zur heutigen Lage: Erstens würde sich, hätte Koch mit seiner Kampagne Erfolg, an der Ausgangssituation im Vergleich zu vor der Wahl überhaupt nichts ändern, und zweitens muss sich die hessische Regierung zu Recht vorwerfen lassen, dort, wo sie hätte zur Lösung beitragen können (z.B. in der Ausstattung mit Polizei und Betreuungseinrichtungen), eher Teil des Problems gewesen zu sein. Das hieße, Koch gelänge es zwar, das Thema zu besetzen und dafür Zustimmung zu ernten. Ob es sich aber in Stimmengewinnen niederschlägt, ist eine ganz andere Frage. Da braucht es dann auch Lösungskompetenz. Zwar wird diese bei Fragen der Kriminalitätsbekämpfung traditionell der Union zugesprochen (was einen großen Teil der Aufgeregtheit beim politischen Gegner erklärt), doch auch deren Politiker kommen spätestens nach acht Regierungsjahren an den Punkt, durch Taten überzeugen zu müssen.

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8 Kommentare zu “Hic Wiesbaden, hic salta!”

  1. der_gute_don
    8.01.2008 | 15:45

    thx für den Beitrag.

    Mich ärgert es, daß man in D’land lieber über die Täter als über die Opfer redet:

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,527225,00.html

    und

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,527162,00.html

    vom heutigen Tag zeigen es einmal mehr auf.

  2. R.A.
    8.01.2008 | 16:10

    Volle Zustimmung.
    Der Spruch, man dürfe etwas nicht zum Wahlkampfthema machen, ist grotesk antidemokratisch.

    Der eigentliche Gag ist wirklich, daß hier ein Politiker nach langjähriger Regierungsverantwortung eine typische Oppositionskampagne führt.
    Präzise terminiert und in sicherer Kalkulation der Dummheit seiner Gegner in Politik und Medien.

    Diese haben die gewünschte Empörung abgeliefert - anstatt ihn kühl als Versager darzustellen.

    Speziell die SPD steht wieder einmal kurz vor der Wahl völlig desorientiert in der Landschaft und jammert - nachdem sie im Dezember eigentlich überraschend gut Fuß gefaßt hatten.

  3. 8.01.2008 | 17:25

    Zwei bei der Darmstädter SPD haben etwas gemerkt:

    „Die CDU regiert seit 1999 im Land Hessen und hätte genügend Zeit gehabt, das Problem anzugehen. Gewalttäter, die heute 14 Jahre alt sind, waren damals erst 6 Jahre alt. Offensichtlich hat die CDU vor diesen Problemen die Augen verschlossen und nichts getan“,

    Vermutlich ist man so in seinen Reflexen, dass man die naheliegenden Dinge ausblendet.

    Inzwischen kam mir aber der Gedanke, dass SPD/Grüne/Linke nächstes mal als erste die Verschräfung fordern sollten. Oder gleich zustimmen. Wenn schärfere Gesetze nichts bringen kann man sie ja auch verschärfen.

  4. 8.01.2008 | 17:33

    Ich wollte schon einen Artikel mit ähnlichem Tenor schreiben. Im vorliegenden Fall kommt allerdings dazu, dass die SPD nach den jeweiligen Wahlkämpfen alles tut, um das Thema weiterhin von der Tagesordnung fernzuhalten.

    Im Wahlkampf lautet die Begründung, dass es nicht in den Wahlkampf gehöre - und nach dem Wahlkampf wird regelmäßig der Handlungsbedarf geleugnet.

    Dass sich jetzt die SPD durch Koch dazu gezwungen sieht, den Handlungbedarf bereits im Wahlkampf zu leugnen, kann man m.E. genauso als Populismus bezeichnen, wie das, was Koch macht.

    Denn Koch ist in zwei Punkten tatsächlich populistisch: Das, was er in der BILD und in einigen Presseerklärungen zu dem Thema sagt, hat mit der Beschlußlage der CDU nicht viel zu tun (abgesehen vom Ausländerrecht). Und: Einige von der CDU vorgeschlagene Maßnahmen würden eine Stange Geld kosten, das dann aber nicht - wie es konsequent wäre - zur Verfügung gestellt wird.

    Das Grundproblem der SPD ist allerdings, dass die Parteispitze den Kontakt zur Basis und zur Stammwählerschaft völlig verloren zu haben scheint; sonst müssten Sie wissen, dass das, was Koch behauptet, an der Basis weit verbreitet ist (nicht überwiegend, aber doch deutlich vernehmbar). In dieser Situation Koch Populismus vorzuwerfen, wird also diese Wähler gerade nicht gegen Koch mobilisieren, sondern eher für ihn.

  5. R.A.
    8.01.2008 | 17:43

    @Marc:
    > Zwei bei der
    > Darmstädter SPD
    > haben etwas
    > gemerkt
    Nicht nur die - es gab von Anfang an einige Stimmen bei der SPD, die diesen Aspekt gebracht haben.
    Aber die sind in der Empörungswelle untergegangen.

    Und wenn nun ausgerechnet Schröder in den Wahlkampf eingreift, kann sich Koch richtig freuen.

  6. R.A.
    8.01.2008 | 17:47

    @Marian:
    > und nach dem
    > Wahlkampf wird
    > regelmäßig der
    > Handlungsbedarf
    > geleugnet.
    Richtig. Und das ist nicht nur bei der SPD so.
    So richtig will keiner an dieses schwierige und unangenehme Thema ran. Weil eben keine reine Soft- oder Hard-Lösung möglich ist, sondern nur eine Mischung, die schwer erklärbar ist.

    > Denn Koch ist in
    > zwei Punkten
    > tatsächlich
    > populistisch …
    Aber ja doch!

    Wobei ich das als Reaktion durchaus vertretbar finde.
    Was die SPD beim Thema Bildung an verantwortungslosem Wahlkampf-Populismus gebracht hat, ist wirklich schlimm.

    Da ist es mir als Hesse durchaus recht, wenn Koch erfolgreich dagegen hält.
    Denn bei ihm bin ich sicher, daß er den Blödsinn nach der Wahl wieder in die Kiste tut.
    Bei Ypsilanti dagegen muiß ich befürchten, daß sie das wirklich auf unsere Kinder losläßt.

  7. 8.01.2008 | 18:20

    R.A.,

    Wobei ich das als Reaktion durchaus vertretbar finde.

    Schauen wir uns die Vertretbarkeit mal genauer an:

    1.) Vertretbar, um mich persönlich als Wähler zu gewinnen?

    Nö. Aber ich darf ja in Hessen nicht wählen. Und wenn ich es dürfte, wäre mir Roland Koch sicher nicht allzu böse, wenn ich zwar nicht ihn, dafür aber die FDP wähle.

    2.) Vertretbar, weil die SPD genauso populistisch oder sogar noch populistischer ist?

    Nö. Wenn ich eine ganz bestimmte Grenze habe, was vertretbar ist und was nicht, dann gilt die absolut, auch für diejenigen, die mir politisch näher stehen. So hat ja meine Entfremdung von der SPD angefangen. Dort wird ja nach dem gleichen Schema argumentiert; das ging mir bereits bei der BTW 2005 auf den Senkel: “Klar ist das populistisch, was wir machen! (”das Merkel”, “dieser Professor aus Heidelberg”, “Merkel-Steuer”). Sachlich wäre zu anstrengend. Und letztlich geht es doch darum, die Merkel und den raubtierkapitalistischen Westerwelle zu verhindern! Da ist uns jedes Mittel recht.”

    3.) Vertretbar in Bezug auf die eigentliche Wähler-Klientel von Koch?

    Nun, hier wäre das Vorgehen von Koch dann nicht vertretbar, wenn die Vorwürfe, die gegen dieses Vorgehen von links erhoben werden, zuträfen. Wenn ich das in den letzten Tagen richtig mitbekommen haben, lauten diese Vorwürfe: Erzeugung von “Pogromstimmung”, Vergiftung des Klimas zwischen Migranten und Nicht-Migranten, Vergiftung der politischen Kultur (hab’ ich was vergessen?)

    a.) Lassen sich für die Erzeugung von “Pogrom-Stimmung” irgendwelche konkreten Anhaltspunkte finden? In den Medien jedenfalls nicht.

    b.) Nach Angaben der CDU/CSU (Uhl, Schäuble, u.a.) findet die harte Linie gerade bei wertkonservativen, älteren Migranten Zustimmung. Nach meinen Erfahrungen mit Angehörigen dieser Personengruppe halte ich das zumindest für nicht ganz unwahrscheinlich. Ein 50jähriger türkischer Facharbeiter hat nämlich weder ein Faible für Intensivtäter mit Migrationshintergrund, noch für Sozialpädagogen, die diese Intensivtäter (und ihn selber!) gegen Koch meinen in Schutz nehmen zu müssen.

    c.) Wenn jetzt Heil, Madame Y. und Beck sich über die Vergiftung der politischen Kultur ereifern und dabei mit dem Finger auf Koch und die CSU zeigen, dann zeigen vier Finger auf sie selbst zurück. Hier passt Dein “die sind ja auch nicht besser!”-Argument.

    Also: Im Großen und Ganzen ist Kochs Wahlkampf-Taktik vertretbar, da gebe ich Dir Recht.

  8. stefanolix
    8.01.2008 | 23:28

    @Marian: Ich würde noch einen Schritt weitergehen: streng genommen überhaupt kein integrierter ausländischer Arbeitnehmer hat ein Faible für »Intensivtäter mit Migrationshintergrund«. Im Ernstfall werden diese Täter ihm nämlich genauso gefährlich wie uns. Eine konservative Wahlkampfstrategie müsste also gerade auf diese Wähler zugehen.

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