Wir ham ja keine Zeit!…

Und weil ich die gerade auch nicht habe (aber trotzdem bloggen möchte), drei Artikel in einem Beitrag:

Erstens:

Die Diskussion über Jugendgewalt ist mittlerweile ja schon sehr unterhaltsam geworden (im gleichen Maße, wie sie sinnlos geworden ist). Kurz gefasst: Roland Koch missbraucht ein Thema für den Wahlkampf. Seine wesentlichen Antworten sind neue Gesetze da, wo mehr Geld für die Justiz sinnvoller wäre, sowie mehr Publicity für bestehende Projekte der Sozialen Arbeit da, wo mehr Finanzierung für die gleichen Projekte mehr als notwendig wäre. Der Struck greift ihn nicht etwa entlang dieser Linie an, sondern tut so, als würde er glauben, was der Koch den Stammtischen erzählen möchte (dass er nämlich Schleifer-Camps, die in den USA schon ihr Versagen bewiesen haben, haben wollte). Und tut so, als würde er dagegen kämpfen, während er natürlich eigentlich froh sein müsste, weil ein Problem, das seine Partei offiziell nicht wahr haben möchte (die Probleme mit jungen kriminellen Ausländern) auch mal angegangen wird, ohne dass nur von “Abschiebung” die Rede ist. Während Koch natürlich ständig von Abschiebung redet, weil ja Wahlkampf ist, obwohl er die eigentlichen Gesetze gar nicht beeinflussen kann… was für ein Chaos, das vor allem mit Unpolitik, kaum aber mit Politik, zu tun hat.

Zweitens:

Es ist wirklich so, dass manche Leute nach Jad Vaschem gehen können - und die Lehre, die sie aus dem Besuch dieses Ortes ziehen, ist die, dass man mehr Gewalt ausüben sollte, dass Bomben und Zerstörung der richtige Weg sind. Für diese Personen ist offenbar die Frage, ob “more firepower” wirklich etwas bringen würde, relativ unwichtig; die einzige Erkenntnis aus dem Wissen, dass nicht genug (oder nicht das richtige) getan wurde, ist die, dass nicht “enough firepower” angewandt wurde. Und viele werden diesem Mann ohne Nachdenken zustimmen, und ob uns das an die Lehre heranführt, die ein Ort wie Jad Vaschem bringen soll… da habe ich meine Zweifel.

Drittens:

Wenn wir schon einen speziellen Hörschutz brauchen, um uns vor den Emissionen unserer Kinder abzuschirmen - haben wir dann nicht eine etwas seltsame Vorstellung von Emissionen, Störungen, Gesundheitsschädigungen und Umwelteinflüsse überhaupt? Und wer kann das “richtige Leben” überhaupt noch vom “falschen” unterscheiden?

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4 Kommentare zu “Wir ham ja keine Zeit!…”

  1. stefanolix
    12.01.2008 | 6:02

    Karsten, ich will mir aus aktuellem Anlass nur den zweiten Punkt herausnehmen und kurz für mich selbst einordnen, was Bush da gesagt hat. Bush hat nach meinem Kenntnistand sinngemäß gesagt: man hätte die Zufahrtswege nach Auschwitz bombardieren sollen (hier zitiert nach SPON):

    Der Vorsitzende des Holocaust-Zentrums, Avner Schalev, sagte während Bushs Besuch, dieser habe Außenministerin Condoleezza Rice gefragt, warum die USA während des Zweiten Weltkrieges nicht die Zufahrtswege zum Konzentrationslager Auschwitz zerstört haben. Dann habe er gesagt: “Wir hätten bombardieren sollen”, um das Töten zu beenden.

    Die Tagesschau gibt den Fall etwas weniger konkret wieder:

    Beim Gang durch die Ausstellung sagte Bush zu Rice, die USA hätten im Zweiten Weltkrieg das Konzentrationslager Auschwitz bombardieren sollen, um das Töten zu beenden – eine Beobachtung des Direktors von Jad Vashem, Avner Shalev, am Rande.

    Unterstellen wir, dass Bush gemeint hat: Hätte man die Vernichtungsmaschinerie der Nazis mit gezielten Bombenangriffen lahmlegen können, wäre der Völkermord vielleicht zeitiger gestoppt worden.

    Es ist aber keine zwingende Schlussfolgerung aus Bushs Worten, dass nicht genug militärische Mittel angewandt wurden. Man kann auch auf dem Standpunkt stehen, dass die militärischen Mittel nicht an der richtigen Stelle oder zu spät angewandt wurden.

    Ich glaube nicht, dass es eine einzige Lehre aus dem Holocaust geben kann. Aber zu den Lehren aus dem Holocaust gehört neben anderen, dass militärische Mittel gegen ein extrem verbrecherisches Regime rechtzeitig und richtig eingesetzt werden müssen.

    Die wichtigste Lehre besteht darin, dass in keinem Land und zu keiner Zeit wieder eine Situation eintreten darf, in der ganze Menschengruppen zuerst diffamiert und ausgegrenzt, dann ghettoisiert, abtransportiert und vernichtet werden. Der Widerstand muss sehr zeitig beginnen, sonst kann es zu spät sein. Letzteres mag die wichtigere Lehre sein. Wenn der Widerstand in diesem Land aber nicht ausreicht, muss militärische Macht angewandt werden.

    Obwohl ich ein ganzes Stück von Bush entfernt stehe, akzeptiere ich seine Bemerkung, so wie sie gesagt wurde. Dass die erste Lehre missbraucht werden kann, ist mir dabei klar. Dass sie keine beliebige Hochrüstung und kein unkontrolliertes Streben nach mehr fire power rechtfertigt, steht auch noch auf einem ganz anderen Blatt.

  2. Spruance
    12.01.2008 | 11:58

    … und zu Punkt 1 Bernd Khler heute in der FAZ: “Die Wut der Sozialdemokraten darüber, daß der hessische Ministerpräsident mit seinen Äußerungen zur Ausländerkriminalität ihren eigenen Wahlkampfschlager, den Mindestlohn, an den Rand drängte, kennt schon seit Tagen kaum Grenzen.”
    Wenn sie wollen, daß ich sie respektiere, warum verhalten sie sich dann wie Clowns?

  3. Angi
    12.01.2008 | 14:57

    Na klar kann Koch die Gesetze beeinflussen: durch eine entsprechende Bundesratsmehrheit.

    Und ich wüsste auch nicht, warum es Tabu-Themen für einen Wahlkampf geben sollte.

  4. 14.01.2008 | 12:11

    @Karsten

    was für ein Chaos, das vor allem mit Unpolitik, kaum aber mit Politik, zu tun hat.

    Sehe ich auch so. Liest man SPON, bekommt man fast den Eindruck, als sei das eigentliche Problem damit erledigt, wenn man Kochs durchsichtiges Vorgehen an seinen eigenen Taten misst. Als Kenner der Spielregeln der Unpolitik prophezeihe ich, dass nach der Wahl kein Mensch mehr von dem Thema reden wird. So lange schon Nazi als bezeichnet werden kann, wer nicht nur völlig inakzeptable Problemlösungen offeriert, sondern auch nur wagt, ein Problem anders zu benennen als der Komment es vorschreibt, werden die “Opfer” wieder in die Regionalspalten der Tageszeitungen verschwinden. Da nur Koch skrupellos genug ist, so ein Thema wahltaktisch auszuschlachten, wird man es danach wieder, die eigene Prophezeihung bestätigend, den Nazis überlassen.

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