14. Januar 2008
Fazit
Nun blogge ich schon seit bald drei Jahren. Das gewählte Umfeld war das der politischen Blogs, weil es dem Antrieb entsprach, den ein von der Politikplattform dol2day Enttäuschter nun einmal hatte.
Aus vielerlei Gründen ist jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt, ein Resümee zu ziehen.
Die Bloggerei hat, das ist unbestreitbar, etwas mit mir getan. Noch zu dol2day-Zeiten hätte ich mich linksliberal eingestuft, wozu auch die Lektüre der Werke von Amartya Sen beitrug, aber diese Gesellschaft wurde mir dann doch etwas unheimlich. Die Einstiegsdroge in eine andere Welt war das Blog “Statler & Waldorf”, auf das in der dol2day-Partei IDL mal jemand hingewiesen hatte. Der Statler da sagte so vieles, das mir bis dahin nur auf der Zunge gelegen hatte. Das war der Anlass, mich mehr mit den Hintergründen zu beschäftigen. Mises, Hayek, Eucken - diese Herren begleiteten mich durch die nächsten Monate. Bald danach war mir klar: Ich mochte den Mises wegen seiner Kompromisslosigkeit, ich bewunderte den Hayek wegen seiner Originalität, und ich schätzte den Eucken für sein politisches Gespür. Dass ich in der Quintessenz bei Hayek gelandet bin, bitte ich alle anderen zu verzeihen. Aber Mises war mir dann doch zu apodiktisch und Eucken zu staatsgläubig, und nur Hayek lieferte eine mich zufriedenstellende intertemporale ökonomische Begründung des Liberalismus. Man mag es mir verzeihen, wenn ich meinen Sen darüber dennoch nicht vergessen mag.
Zu den Libertären gewann ich ein zwiespältiges Verhältnis. Libertär zu sein, widerspricht meinem nach Differenzierung gierenden und auf Moderation ausgerichteten Geist. Aber ich finde, dass sich jede Idee an libertären Ideen messen lassen muss. Aus der Art, wie und wo sie an diesem Ideal scheitern, kann man Erkenntnisse ziehen. Überhaupt: Mag mein Ideal auch ein moderiertes sein, so teste ich doch gerne die Ideen anderer an für sie extremen Gegenpositionen. Aus der Art, wie darauf eingegangen wird, vermag ich dann Rückschlüsse zu ziehen, was Tiefe und Glaubwürdigkeit der anderen Ansätze angeht.
Neu war für mich die Begegnung mit dem Phänomen der Antideutschen und der “Pro-Westler”. Das waren und sind Kategorien, mit denen ich nicht viel anfangen kann. Wer gegen wen - das interessiert Fan-Boys, aber nicht mich.
Weiter interessant, aber letztlich nicht überraschend war für mich die Konfrontation mit Glaubenskriegern. Darunter zähle ich alle, die ihre politische Meinung oder Richtung als ausreichend wichtig ansehen, ihren Gegnern körperlichen oder seelischen Schaden zufügen zu müssen. Es gehört nur wenig Fantasie dazu, diese als im Internet überproportional vertreten anzusehen.
Was bleibt hängen? Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein zwiespältiges. Sich auf eine Metaperspektive zurückziehend, kann man nur konstatieren, dass Diskussionen jenseits bereits vorgefasster Grenzen nicht nur nicht stattfinden, sondern dass es auch vielfältige Bestrebungen gibt, solche zu unterbinden. Das Ideal der heutigen demokratischen Auseinandersetzung ist nicht das der Debatte, sondern das der störungsfreien Akklamation. Jede Seite versucht, die Ansichten der anderen Seite durch Subsumieruhg unter bekannte und geächtete Einstellungen zu erledigen, bevor es zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung kommt. Es bleibt abzuwarten, wie lange es dieser Strategie noch gelingt, Themen klein zu halten, mit denen der angebliche Souverän tagtäglich konfrontiert wird.
Bislang hat es sich als erfolgversprechend erwiesen, Minderheitenpositionen als solche zu verunglimpfen, was zwar als einer Mehrheitsdemokratie inhärent angesehen werden mag, aber idealistischen Fehlentwicklungen durchaus zu denken geben kann.
Jetzt, am Ende dieser vielen Monate, muss ich wenig überraschend feststellen, dass die Welt dieselbe geblieben ist. Noch herrschen die Phrasen, noch gibt es Wächter, die Abweichler maßregeln und in ihre Grenzen weisen wollen.
Diese Gesellschaft erträgt vieles. Je schlimmer die Zumutung, um so größere Erfolgsaussichten hat sie. Aber irgendwann wird die nach Kräften herbeigeredete Schuld nicht mehr ausreichen, aktuelles Scheitern zu vertuschen. Es geht nur noch darum, wann es losgeht.
Verfasst von Rayson um 21:39 Uhr in der Kategorie In eigener Sache, Politik (Trackback)