18. Januar 2008
Junge Türken schreiben über Jugendgewalt
SPON gibt zur Zeit einer jungen Türkin und einem jungen Türken Raum für Meinungsäußerungen zu dem Überfall auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn. Diese beiden Menschen könnten unterschiedlicher nicht sein: auf der einen Seite eine intelligente junge Frau, die sich eloquent auszudrücken weiß und auf der anderen Seite ein primitiver Schläger, der keinen deutschen Satz richtig zu Ende bringt. Aber sie offenbaren erschreckende Gemeinsamkeiten. Beide können oder wollen nicht begreifen, was in München passiert ist. Beide bringen es auf ihre ganz eigene Weise zum Ausdruck.
Der junge Mann hat gemeinsam mit seinem Kumpan einen Menschen fast totgeprügelt. Er hat Wochen später einen Brief voll abgrundtiefer Banalität verfasst, den er als »Entschuldigung« bezeichnet. Aber damit das eine Bitte um Entschuldigung werden kann, müsste er sich zuerst der Tragweite seiner Tat bewusst werden oder vielleicht irgend etwas für den Täter-Opfer-Ausgleich tun. Dann würde ich den Versuch ernstnehmen.
In dem SPON-Artikel kommen Experten zu Wort, die eine Entschuldigung aus taktischen Gründen für angemessen halten. Ein Gericht müsse dies berücksichtigen. So dürfen wir vermuten, dass auch der Anwalt des jungen Mannes zu einer Entschuldigung geraten hat — ganz zufällig ist der Brief dann in die BILD geraten. Prozesstaktische Spielchen: wenn Gerichte solche Worte ernster nehmen als Taten, muss ein guter Anwalt seinem Mandanten auch zu solchen Briefen raten.
Die junge Frau wird in SPON als Lady Bitch Ray, Rapperin und Akademikerin, vorgestellt und ich gebe zu, dass ich sie bis heute nicht kannte. Lady Bitch Ray muss sich nicht aus taktischen Gründen entschuldigen, deshalb kann sie gleich vom Leder ziehen. Sie geht auf den eigentlichen Anlass der Debatte über Jugendgewalt überhaupt nur am Rande ein, wenn sie offenbar an den fast zu Tode geprügelten Rentner denkt:
Diese Besserwisser sind ja harmlos und regen sich gewöhnlich nur dann auf, wenn Jugendliche (aller Herkunft) in der U-Bahn ihre Füße auf gegenüberliegende Sitze abstützen.
Mir erschließt sich daraus nicht, seit wann es ein Recht darauf geben soll, U-Bahn-Sitze zu zertreten und zu verschmutzen. Aber der »Besserwisser« ist ja noch harmlos. Lady Bitch Ray schreibt dann über »Gartennazis«, die ihrer Meinung nach offenbar mehr mit Jugendgewalt zu tun haben, als die Schläger von München. Diese Gartennazis nehmen jedenfalls den wichtigsten Teil eines Artikels ein, der ein Beitrag zur Debatte über Jugendgewalt sein soll.
Prügelnde Jugendliche scheinen sich nach ihrer Meinung in einem natürlichen Prozess der jugendlichen Abgrenzung zu befinden. Seit wann es dazu gehört, jemanden fast zu Tode zu prügeln — nein, schlimmer, auf einen wehrlosen Menschen fast bis zum Totschlag einzutreten — schreibt sie nicht. Warum so etwas geschieht — der Versuch einer Antwort hätte aber unbedingt in einen Artikel zur Jugendgewalt gehört.
Ich lasse bewusst offen, welchen der beiden Beiträge ich widerwärtiger fand …
Verfasst von stefanolix um 23:18 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)