22. Januar 2008
Gewinn-Maximierung oder: Der Nokia-Mythos
Um sich ganz auf die Moral-Frage konzentrieren zu können, wird fleißig am Nokia-Mythos gestrickt. Der besagt, dass Nokia aus Gewinnmaximierungssucht ein profitables Werk schließt, nachdem die Subventionen abgezockt worden sind.
Jochen Bittner zum Beispiel nennt, wie viele andere Journalisten, folgenden Grund für die Betriebsverlagerungsentscheidung von Nokia:
Rund 2300 Mitarbeiter sollen dort ihre Jobs verlieren, obwohl die Fabrik schwarze Zahlen schreibt. Von der Verlagerung nach Rumänien verspricht sich die Konzernzentrale in Helsinki 5 Prozent Einsparungen bei den Produktionskosten pro Gerät.
Leider lässt Bittner dabei unerwähnt, dass das nur ein Grund war, und offenbar nicht der wichtigste (Hervorhebung hinzugefügt):
Der finnische Konzern Nokia will die letzte deutsche Fabrik für Mobiltelefone schließen und die Produktion nach Rumänien und Ungarn verlagern. Als Grund nennt der Weltmarktführer für Mobiltelefone nicht allein die hohen Arbeitskosten in Deutschland. Weil diese weniger als fünf Prozent der Produktionskosten ausmachen, wäre das auch wenig glaubwürdig. Ausschlaggebend sei vielmehr die Weigerung der Zulieferbetriebe gewesen, sich wegen der hohen Kosten rund um die Fabrik anzusiedeln.
Man kann an der Entscheidung von Nokia einiges kritisieren; um aber zu einer gerechten Bewertung zu kommen, sollte man schon die Entscheidungsgründe von Nokia vollständig darstellen.
Bittner macht übrigens einen sehr originellen Vorschlag zur Revision von EU-Subventionsentscheidungen. Zunächst stellt er fest:
Schließlich profitiert letztlich auch die deutsche Wirtschaft davon, wenn sich die Industrielandschaft in Rumänien modernisiert, das Lohnniveau steigt und die Osteuropäer sich mehr deutsche Waren leisten können.
Die deutsche Wirtschaft profitiert nicht nur indirekt, sondern sehr direkt von der Betriebsverlagerung:
Das neue Nokia-Werk in Rumänien wird von dem deutschen Bauunternehmen Goldbeck gebaut. Das familiengeführte Unternehmen aus Bielefeld hat laut eigenen Angaben den Auftrag von Nokia bereits im Sommer 2007 erhalten. Der Auftrag des finnischen Handyherstellers habe ein Volumen von 40 Millionen Euro.
Bittner meint aber dennoch (Hervorhebung hinzugefügt):
Vielleicht wäre es gar keine schlechte Idee, (…) die moralischen Standards der OECD in EU-Recht zu gießen. Sprich, eine sehr rigide Regel zu erlassen: Ein mit EU-Subventionen errichtetes Werk darf nicht geschlossen werden, solange es Gewinn macht. Ansonsten wären die Subventionen zurückzuzahlen.
Sicher, eine solche Regel verstieße gegen den guten kapitalistischen Grundsatz, wonach Unternehmen nicht bloß Gewinn machen sollen, sondern maximalen Gewinn. Aber wenn sie dies schaffen, dann sollte man sie wenigstens nicht mit den Steuergeldern davonkommen lassen, die der Staat ihnen als Starthilfe hat zukommen lassen.
Für mich persönlich gibt es nur einen guten kapitalistischen Grundsatz: Unternehmensentscheidungen werden vom Unternehmen getroffen.
Das Herumdoktern an Subventionsvergabekriterien finde ich allerdings rührend. Und ich frage mich, wieviele Betriebsverlagerungsentscheidungen nach Ablauf der Haltefrist es noch geben muss, bis statlers Hoffnung eine realistische Basis hat:
Vielleicht verlieren die Menschen ja das Vertrauen in einen Karawanenkapitalismus, in dem die Politik mit ihren Subventionen erst die Oasen schafft, zwischen denen die Karawanen dann pendeln.
Verfasst von Marian Wirth um 09:11 Uhr in der Kategorie Wirtschaft, Wirtschaftspolitik (Trackback)