Gewinn-Maximierung oder: Der Nokia-Mythos

Um sich ganz auf die Moral-Frage konzentrieren zu können, wird fleißig am Nokia-Mythos gestrickt. Der besagt, dass Nokia aus Gewinnmaximierungssucht ein profitables Werk schließt, nachdem die Subventionen abgezockt worden sind.

Jochen Bittner zum Beispiel nennt, wie viele andere Journalisten, folgenden Grund für die Betriebsverlagerungsentscheidung von Nokia:

Rund 2300 Mitarbeiter sollen dort ihre Jobs verlieren, obwohl die Fabrik schwarze Zahlen schreibt. Von der Verlagerung nach Rumänien verspricht sich die Konzernzentrale in Helsinki 5 Prozent Einsparungen bei den Produktionskosten pro Gerät.

Leider lässt Bittner dabei unerwähnt, dass das nur ein Grund war, und offenbar nicht der wichtigste (Hervorhebung hinzugefügt):

Der finnische Konzern Nokia will die letzte deutsche Fabrik für Mobiltelefone schließen und die Produktion nach Rumänien und Ungarn verlagern. Als Grund nennt der Weltmarktführer für Mobiltelefone nicht allein die hohen Arbeitskosten in Deutschland. Weil diese weniger als fünf Prozent der Produktionskosten ausmachen, wäre das auch wenig glaubwürdig. Ausschlaggebend sei vielmehr die Weigerung der Zulieferbetriebe gewesen, sich wegen der hohen Kosten rund um die Fabrik anzusiedeln.

Man kann an der Entscheidung von Nokia einiges kritisieren; um aber zu einer gerechten Bewertung zu kommen, sollte man schon die Entscheidungsgründe von Nokia vollständig darstellen.

Bittner macht übrigens einen sehr originellen Vorschlag zur Revision von EU-Subventionsentscheidungen. Zunächst stellt er fest:

Schließlich profitiert letztlich auch die deutsche Wirtschaft davon, wenn sich die Industrielandschaft in Rumänien modernisiert, das Lohnniveau steigt und die Osteuropäer sich mehr deutsche Waren leisten können.

Die deutsche Wirtschaft profitiert nicht nur indirekt, sondern sehr direkt von der Betriebsverlagerung:

Das neue Nokia-Werk in Rumänien wird von dem deutschen Bauunternehmen Goldbeck gebaut. Das familiengeführte Unternehmen aus Bielefeld hat laut eigenen Angaben den Auftrag von Nokia bereits im Sommer 2007 erhalten. Der Auftrag des finnischen Handyherstellers habe ein Volumen von 40 Millionen Euro.

Bittner meint aber dennoch (Hervorhebung hinzugefügt):

Vielleicht wäre es gar keine schlechte Idee, (…) die moralischen Standards der OECD in EU-Recht zu gießen. Sprich, eine sehr rigide Regel zu erlassen: Ein mit EU-Subventionen errichtetes Werk darf nicht geschlossen werden, solange es Gewinn macht. Ansonsten wären die Subventionen zurückzuzahlen.

Sicher, eine solche Regel verstieße gegen den guten kapitalistischen Grundsatz, wonach Unternehmen nicht bloß Gewinn machen sollen, sondern maximalen Gewinn. Aber wenn sie dies schaffen, dann sollte man sie wenigstens nicht mit den Steuergeldern davonkommen lassen, die der Staat ihnen als Starthilfe hat zukommen lassen.

Für mich persönlich gibt es nur einen guten kapitalistischen Grundsatz: Unternehmensentscheidungen werden vom Unternehmen getroffen.

Das Herumdoktern an Subventionsvergabekriterien finde ich allerdings rührend. Und ich frage mich, wieviele Betriebsverlagerungsentscheidungen nach Ablauf der Haltefrist es noch geben muss, bis statlers Hoffnung eine realistische Basis hat:

Vielleicht verlieren die Menschen ja das Vertrauen in einen Karawanenkapitalismus, in dem die Politik mit ihren Subventionen erst die Oasen schafft, zwischen denen die Karawanen dann pendeln.

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3 Kommentare zu “Gewinn-Maximierung oder: Der Nokia-Mythos”

  1. 22.01.2008 | 10:16

    [...] Die Kritiker Nokias werfen der Firma gerne vor, in Bochum ein profitables Werk zu schließen. Nebenan wird völlig zurecht darauf hingewiesen, daß diese Argumentation ziemlich verkürzt ist und daß Nokia auch deshalb abwandert, weil sich effiziente Produktionsstrukturen, die in Rumänien möglich sind, mit den Zulieferern in Deutschland wohl einfach nicht etablieren lassen. Soweit, so gut, aber bleiben wir nochmal bei dem Gewinn-Argument. [...]

  2. stefanolix
    22.01.2008 | 10:17

    Bezogen auf den Schlusskommentar von Statler: Die Politiker sind ja meist überhaupt nicht in der Lage, Oasen zu schaffen. Sehr oft erzeugen sie nur eine Fata Morgana nach der anderen. Und sie wissen es …

  3. jopa
    22.01.2008 | 12:47

    Grundsätzlich kann die Politik natürlich die Anforderungen für Unterstützungszahlungen aus Steuermitteln erhöhen. Die Frage ist, ob diese Subventionen dann noch die gewünschte Wirkung erzielen. Der Sinn dieser Zahlungen ist es ja, den Rückfluß der Investition beim Investierenden zu erhöhen. Wenn jetzt dieser Rückfluß durch starke zukünftige Einschränkungen wieder gedrückt wird, stellt sich die Frage, welchen Sinn dann die Subvention überhaupt noch macht - sie wird netto kaum noch zusätzliche Investitionen auslösen.

    Ich glaube, daß, wie auch heute im Handelsblatt zu lesen, die Enttäuschung der Bevölkerung zum nicht geringen Teil darin gründet, daß man auf den Skandinavien-Mythos (ich weiß, Finnland gehört gar nicht zu Skandinavien…) hereingefallen ist, nach dem direkt nördlich der deutschen Staatsgrenze stets Sonnenschein herrscht, sich alle lieb haben und der “free lunch” quasi institutionalisiert ist. Die Vorstellung, daß auch in Nordeuropa knallhart gewirtschaftet wird, die Knappheit der Mittel genauso scharf und die Marktwirtschaft genauso “rauh” ist wie hier, war den meisten Menschen bisher fremd - und die Enttarnung dieses Mythos trägt zur verärgerung bei.

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