Nur fünf Prozent?

Immer wieder geht dieser Vorwurf durch die politischen Kommentare, das Nokia-Werk in Bochum hätte schwarze Zahlen geschrieben und die Personalkosten würden nur fünf Prozent ausmachen, weshalb eine Verlagerung nach Rumänien nicht zu rechtfertigen wäre. Derartige Bemerkungen können nur von Leuten kommen, die entweder noch nie ein Unternehmen betrieben haben oder den Nonsens dieser Aussage aus purem Populismus willentlich ignorieren.

Eine Unternehmensverlagerung macht immer Sinn, solange dadurch bei ansonsten unveränderten Bedingungen Kosteneinsparungen möglich sind. Selbst wenn Nokia pro Handy nur einen Cent Personalkosten sparen würde und die Telefone trotzdem zum selben Preis verkaufen könnte, würde sich eine Verlagerung auszahlen. Immerhin wird in einem Unternehmen Gewinn nicht einfach nur gemacht, sondern maximiert, zumindest wird das angestrebt. Wäre das nicht der Fall, entfiele jeder Anreiz zur Kosteneinsparung, die Produktivität würde stagnieren und wir lebten heute noch wie in der Steinzeit.

Mal abgesehen davon, wer lebt selbst nach einer Fünf-Prozent-Regel? Niemand. Vor ein paar Jahren hat in meiner Nähe eine IKEA-Filiale geöffnet. Seitdem fahre ich nicht mehr mit der Bahn nach Spandau um Gerätschaften für den Haushalt zu besorgen. Obwohl vorher die Transportkosten auch nur einen Bruchteil der Gesamtkosten des dortigen Einkaufs ausmachten, musste ich diese Entscheidung nicht lange überlegen. Viele meiner Zeitgenossen offenbar auch nicht, denn sonst hätte IKEA keine weitere Filiale eröffnet. Es gibt Dutzende dieser Beispiele. Eifrige Marktmoralisten sollten sich daher häufiger mal selbst beobachten.

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25 Kommentare zu “Nur fünf Prozent?”

  1. 22.01.2008 | 12:11

    Als Nicht-BWLer, aber Freiberufler würde ich gerne wissen, welches produzierendes Gewerbe mit 5% Personalkosten auskommt. Wenn ich 2000 Mitarbeiter (Zeitarbeiter nicht eingerechnet) à 2000 Euro (Niedriglohnarbeit) kalkuliere, macht das 48 Millioen jährlich - ergäbe also 960 Millionen Umsatz für diese nicht einmal große Fabrik. Kann das sein? Wenn die Zeitarbeiter als Personal gebucht werden, ergäbe das 72 Millionen Euro jährlich rund 1,44 Milliarden Umsatz. Hä?

  2. Die Stimme aus dem Off
    22.01.2008 | 13:24

    Ich sprecht mir alle im Moment dermaßen aus der Seele, es ist kaum zu glauben. Das liegt daran, dass ich gerade ein Unternehmen gründe und mich mit der unternehmerfeindlichen Grundhaltung meiner Mitmenschen herumschlagen darf.

  3. 22.01.2008 | 13:41

    Da ich mittlerweile in meinem Fünften selbständigen Jahr bin kann ich die Frustartion hinsichtlich der Diskussion von betriebswirtschaftlichen Fakten sehr stark nachvollziehen.

  4. R.A.
    22.01.2008 | 14:00

    Da hat Torsten einen interessanten Aspekt gebracht.
    Bisher habe ich mir keine Gedanken gemacht, woher eigentlich diese ominösen 5% kommen.
    Weiß jemand die Quelle?

  5. FG
    22.01.2008 | 14:28

    Ich meine kürzlich irgendwo von einer jährliche Produktion von etwa 20 Millionen Handys in BO gelesen zu haben, kann das aber im Moment leider nicht verifizieren. Wenn die Größenordnung stimmt, dann geht die Rechnung von Torsten ohne Probleme auf (sogar mit noch höheren Personalkosten).

  6. HaJo
    22.01.2008 | 14:52

    Naja, da hat der Herr BWL-Student wohl etwas zu kurz gedacht. Ein Unternehmen will ja nicht nur die Kosten minimieren sondern vor allem den Gewinn maximieren. Ob dabei jetzt die Entscheidung in Anbetracht der Tatsache, daß Deutschland ein gigantischer Absatzmarkt für Handies v.a. der Marke Nokia ist, Sinn macht, daß möchte ich nicht beurteilen. Aber ganz so offensichtlich wie der Autor es vielleicht meint verhält es sich sicher nicht. Überhaupt werden die Beiträge hier immer flacher… Ciao!

  7. 22.01.2008 | 15:09

    @HaJo:

    Sollte dir diese Ceteris Paribus-Bemerkung (bei sonst unveränderten Bedingungen) im Blogpost entgangen sein? BWL-Studenten, obwohl ich keiner bin, denken so diszipliniert und drehen nicht an allen Modellparametern gleichzeitig, um zu vermeiden zum Schluss nichts erklärt zu haben.

    Natürlich will ein Unternehmen alles mögliche. Eben, vor allem den Gewinn maximieren. Dazu gehört eben auch die Kosten zu senken, was man Nokia ja auch vorwirft. Also macht es wenig Sinn auf alle möglichen anderen Motive für einen Standortwechsel einzugehen. Es ist außerdem eine eigenartige Argumentation, jetzt so zu tun, als ob der herbeigeredete Image-Schaden genau so vorauszusehen gewesen wäre und Nokia allein deshalb auf die Verlagerung hätte verzichten sollen. Deutschland ist nicht die Welt und telefoniert wird auch woanders, zumal das angeknackste Image bald vergessen sein wird.

    Aber ich kann dich nicht davon abhalten den Hut zu nehmen. Ciao!

  8. FG
    22.01.2008 | 15:24

    BWL-Studenten, obwohl ich keiner bin, denken so diszipliniert und drehen nicht an allen Modellparametern gleichzeitig, um zu vermeiden zum Schluss nichts erklärt zu haben.

    Sooo allgemein würde ich das nur ungern so stehen lassen. ;-)

  9. 22.01.2008 | 15:28

    @FG:

    Fall mir nicht immer in den Rücken! ;-) Ich bitte um eine qualifizierte Kritik zum oben gesagten. Das mag zwar Lehrbuchökonomie gewesen sein, aber die ziehe dem verschwörungstheoretischen Multifaktoreneinerlei so mancher Kommentatoren einfach vor. Also bitte…

  10. jopa
    22.01.2008 | 15:38

    Man darf ohnehin davon ausgehen, daß die Herrschaften bei NOKIA durchaus rechnen können und sich auch die Auswirkungen auf die Marke ausmalen konnten. Insofern finde ich die Argumentation der “nur 5%” von vornherein ziemlich albern. Mit dem Umzug der Produktion entstehen erhebliche Kosten, und die wäre man wohl kaum eingegangen, wenn man sich nicht sicher wäre, sie in absehbarer Zeit halbwegs sicher wieder herauszuhaben.

  11. FG
    22.01.2008 | 16:16

    Man darf ohnehin davon ausgehen, daß die Herrschaften bei NOKIA durchaus rechnen können

    Ganz genau. Ich frage mich ohnehin, woher die Herrscharen an Küchenconsultern die Informationen haben, um das beurteilen zu können. Das schließt natürlich nicht aus, dass sich die NOKIA-Entscheider am Ende geirrt haben könnten, aber die Entscheidungsgrundlage dürfte Umfassender und fundierter sein als die Informationen sämtlicher Rüttgers und Becks dieser Welt.
    Dass die Belegschaft in Bochum nicht einverstanden ist und protestiert, kann ich verstehen. Dass man versucht, mit betriebswirtschaftlichen Argumenten Nokia zu überzeugen zeugt schon von einem gerüttelt Maß an Hybris.

  12. R.A.
    22.01.2008 | 16:28

    @FG:
    > Dass die
    > Belegschaft in
    > Bochum nicht
    > einverstanden ist
    > und protestiert,
    > kann ich
    > verstehen.
    Als ich das letzte Mal meinen Job verloren habe hat auch keiner protestiert.
    Insofern ist mein Verständnis dafür, daß die Betroffenen nun Demos machen statt sich Alternativen zu suchen recht gering.

    Noch geringer ist mein Verständnis für die Stadt Bochum, die für diese Veranstaltung schulfrei gibt.

    Das paßt zur Bildungsmisere im Schulbereich, wenn es um Ökonomie geht.

  13. Boris Eichler
    22.01.2008 | 16:37

    …und weil alles so wie immer ist bei solchen Gelegenheiten, hat sich die WDR-Reporterin am Rande der heutigen Demo mit pubertierenden Demonstranten in Pose gesetzt, die dann sagen durften: “Ich finde es doof, dass die Fabrik zumacht.” “Ich finde es toll, dass ihr demonstriert”, bedankte sich die Reporterin und der WDR war mal wieder auf der richtigen Seite.

  14. FG
    22.01.2008 | 16:48

    Als ich das letzte Mal meinen Job verloren habe hat auch keiner protestiert.

    Ich hätte aber verstanden, wenn du protestiert hättest. (Wenn es dafür allerdings Schulfrei gegeben hätte, hätte ich dann wahrscheinlich protestiert.)
    Die Personen, die in Bochum persönlich betroffen sind, haben mitunter leider nicht immer so ohne weiteres die Möglichkeit “sich Alternativen zu suchen.” Und das kann ich vielen von ihnen auch kaum persönlich anlasten.

  15. 22.01.2008 | 16:57

    @FG:

    Aber sie hatten auch keinen unbefristeten Arbeitsplatz, sondern Verträge, in denen betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen waren. Sie haben sie unterschrieben. Beide Vertragsparteien müssen nun zu ihrem Vertrag stehen. Nokia zahlt sicherlich Abfindungen. Im Nachhinein noch die Arbeitsverträge durch öffentlichen und politischen Druck ändern zu wollen erscheint mir nicht gerade sehr stilvoll zu sein.

  16. FG
    22.01.2008 | 17:04

    @ Steffen

    Alles richtig. Wenn man aber 50 ist, 3 Kinder zu ernähren hat und mit seiner Qualifikation nur äußerst geringe Aussichten auf einen anderen Job habe, dann sucht man natürlich jeden Strohhalm, und das kann ich absolut nachvollziehen. Darüber rede ich.

  17. 22.01.2008 | 17:16

    @FG:

    Versteh mich nicht falsch, dass sehe ich ähnlich. Nur läge meine Therapie nicht in einem öffentlichem Skandal, sondern darin die Leute zur Jobsuche zu ermutigen. Vielleicht gründet ja auch jemand mit eine Wohlfahrtsinitiative zur Anpassungshilfe für Nokia-Entlassene? Da könnte eine Menge Holz zusammenkommen, wenn jeder Schreihals 10 Euro spenden würde.Ich bin dabei…

  18. R.A.
    22.01.2008 | 17:36

    @FG:
    > Ich hätte aber
    > verstanden, wenn
    > du protestiert
    > hättest.
    Weiß nicht.
    Wenn ich da einsam mit meinem Protestschild vor dem Büro gestanden wäre, hättest Du mich vielleicht eher für einen armen Irren gehalten als Verständnis zu haben.

    So ein Protest ist nun mal recht sinnlos, und das wird nicht besser, wenn es 2000 Leute machen.

    > Die Personen,
    > die in Bochum
    > persönlich
    > betroffen sind,
    > haben mitunter
    > leider nicht
    > immer so ohne
    > weiteres die
    > Möglichkeit “sich
    > Alternativen zu
    > suchen.”
    Das ist mir völlig klar.
    Aber “ohne weiteres” heißt eben nicht “garantiert ohne jede Chance”.

    Während die Demo garantiert ohne Chance ist.
    Und das sagt den Leuten keiner, sie werden vielmehr von Politik und Medien bestärkt.
    Diese Lügen finde ich fast schon menschenverachtend.

    Im übrigen schließe ich mich Steffen an.

  19. R.A.
    22.01.2008 | 17:41

    Und passend zu meinem letzten Beitrag jetzt der SpOn-Bericht.

    Da kommt mir wirklich das Kotzen.
    Die Gewerkschafts-Bonzen machen große Sprüche, die Idioten von schwarz, rot, grün und blutrot belügen die Leute.

    Wobei einige von denen es wohl wirklich nicht besser wissen - ökonomischer Analphabetismus gehört ja auch in der deutschen “Elite” zur Normalität.

    Aber bei Huber und einigen anderen kann man wohl davon ausgehen, daß sie sehr wohl wissen, daß sie pure Heuchelei verbreiten.
    Denen geht es nur darum, aus der Not der Leute noch persönlichen Nutzen zu ziehen.

  20. 22.01.2008 | 18:14

    Zunächst mal: Der Protest der Arbeitnehmer ist im engeren Sinn nicht rational, aber trotzdem verständlich. Denn die Entscheidung von Nokia verursacht ihnen im besten Fall beträchtliche Unannehmlichkeiten und führt im schlimmsten Fall zu einem erheblichen Vermögensverlust. Eine Demo ändert daran zwar nichts, hilft aber, den Schock zu verdauen und sich gegenseitig aufzurichten.

    Die Sprüche von Politikern, Gewerkschaftsbonzen und einigen Medienvertretern, die den Leuten suggerierten, viel Geschrei und Aufruhr könnte ihre Lage verbessern, erfüllen zwar objektiv gesehen den Tatbestand der arglistigen Täuschung und sind eher dem Versuch geschuldet, von eigenen Versäumnissen abzulenken. Aber ich würde die Menschen nicht für dümmer halten, als sie sind. Denn es ist ja nicht die erste Werksschließung, die wir erleben. Man weiß inzwischen, dass der Ausgang überall identisch ist. Das Ritual wird deswegen um seiner selbst willen praktiziert. Darüber hinaus ist es zweckfrei.

  21. Thomas Wolf
    22.01.2008 | 18:52

    Das Ritual wird deswegen um seiner selbst willen praktiziert. Darüber hinaus ist es zweckfrei.

    Ist das tatsächlich so? Könnten die Proteste Nokia nicht vielleicht dazu bewegen, ein paar Euro mehr für Abfindungen und Weiterbildungsmaßnahmen und so locker zu machen, als wenn die Verlagerung ganz geräuschlos über die Bühne gegangen wäre? So als PR-Maßnahme? Oder bin ich da jetzt zu naiv?

  22. 22.01.2008 | 19:58

    @rayson:

    Meinst du mit Vermögensverlust den Verlust ihres betriebsbedingten Humankapitals? Das ist weg, man hofft es war nicht so groß, ansonsten nichts, es sei den du zählst nicht geleistete Einkommenserwartungen zum Vermögen. Auf Kredit gekaufte Häuser oder Autos kann man ebenfalls nicht zum Vermögen zählen.

  23. 22.01.2008 | 20:41

    Vieles basiert auf der Dummheit der Leute. Interessant war dieser Beitrag bzw. Kommentar im Spreeblick.

    Standortsicherung ist immer auch eine kommunale Aufgabe. Ob da nie jemand nachgedacht hat “hey, die Subventionen sind abgelaufen, vielleicht sollten wir mal mit Nokia reden”?

  24. 22.01.2008 | 23:18

    @SteffenH

    Ich hatte mir die Freiheit genommen, Vermögen als zukünftig erwartetes Einkommen zu definieren. Was es ja auch ist.

  25. 23.01.2008 | 10:05

    @rayson:

    Finde ich schwierig, aber zumindest den Erwartungswert könnte man tatsächlich anrechnen.

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