Wikipedia, der Schrecken des Establishments

Bei John Gapper habe ich das hier gefunden:

Klaus Kleinfeld, the former chief executive of Siemens, described his reaction to the growing influence of Wikipedia concisely at a Davos breakfast this morning: “Scary. Absolutely scary”.

The thing that intimidated him most was that “the person who was editing my site [The page devoted to Mr Kleinfeld in the German language Wikipedia] was a 15-year-old schoolkid in Germany.”

Mr Kleinfeld left Siemens after the company was engulfed in a bribery scandal and is now president of Alcoa. He had a tussle over his Wikipedia entry, which at one point included an unfounded suggestion that he and his wife were separating.

Siemens’ public relations department corrected the entry but there was controversy over whether it should have done so. The incident ended with Mr Kleinfeld’s entry being suspended.

Nun bin ich wohl auf ewig vor der Gefahr gefeit, einen Wikipedia-Artikel gewidmet zu bekommen (zumindest keinen, der sich länger als 1 Minute halten kann ;-)), aber ich kann sehr gut verstehen, dass es dem Herrn Kleinfeld etwas mulmig wird, wenn sein Eintrag in einem der wichtigsten Online-Medien dieser Tage von einer Person bearbeitet wird, die noch nicht einmal voll geschäftsfähig ist und dann auch noch Gerüchte über sein Privatleben darin verbreitet werden.

Auf der anderen Seite wird immer gerne Kritik laut, sobald eine Organisation oder eine Person sie selbst betreffende Einträge verändert.

Ich fürchte, es wäre tatsächlich etwas zu optimistisch zu erwarten, dass gerade bei kontrovers diskutierten Einträgen die Mischung aus Inkompetenz, Lobbyismus, PR und Kreuzrittertum einen halbwegs objektiv gehaltenen Eintrag ergibt.

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9 Kommentare zu “Wikipedia, der Schrecken des Establishments”

  1. R.A.
    23.01.2008 | 16:22

    Interessantes Beispiel.

    Ich halte Wikipedia ja wirklich für einen Riesenfortschritt und nutze sie sehr oft.

    Aber sie hat natürlich einige Schwachpunkte. Das hier geschilderte Beispiel wäre so eines.

    Ich glaube nicht, daß man da strukturell viel gegen machen kann, ohne die echten Vorteile der Wikipedia zu schädigen.

    Da ist es doch besser, sie mit etwas Vorsicht zu benutzen und sie gerade bei aktuellen Kontroversen und ideologisch aufgeladenen Fragen nur als ersten Einstiegspunkt zu nutzen, ohne sich auf die Angaben zu verlassen.

  2. stefanolix
    23.01.2008 | 16:39

    Es gibt einen Widerspruch zwischen Verantwortung und dem Wiki-Prinzip. Die Wikipedia wird sich eines Tages dafür entscheiden (müssen), der Verantwortung größeres Gewicht einzuräumen.

    Es gibt einen Widerspruch zwischen der durchschnittlichen Art der Wikipedia-Nutzung und dem Wiki-Prinzip: man kann zwar zu jedem Artikel eine Versionskontrolle und eine Diskussion finden, aber ich wette, dass 90% der Nutzer dies nicht wissen und dass die Werkzeuge für sie unbenutzbar sind. Um es klar zu sagen: Wikis sind meiner Meinung nach nicht für den durchschnittlichen Nutzer einer Enzyklopädie gemacht.

  3. 23.01.2008 | 18:07

    Ich nutze Wiki auch oft.

    Vor ein paar Monaten habe ich mal selbst einen Artikel geschrieben. Er wurde sofort zur Löschung vorgeschlagen, was ich natürlich zu verhindern suchte. Auf die Details will ich nicht eingehen, nur soviel andeuten: das war eine sehr interessante Erfahrung.

    Was passiert, wenn viele Leute in einem zunächst nicht-hierarchisch geordneten System ‘zusammen’ arbeiten?

    Da geht es richtig heftig zu. Und es geht ganz stark um Eigeninteressen und das Durchdrücken von Interessen von Interessengruppierungen. Usw. Und ohne Rücksicht auf Verluste.

    Aber faszinierend, dass doch etwas für den Alltagsgebrauch Brauchbares aus diesen Kleinkriegen entsteht. Nach meinen Erfahrungen würde ich das eigentlich nicht für möglich halten.

  4. 23.01.2008 | 18:50

    Ich sehe eigentlich keinen Nachteil, den Wikipedia gegenüber einer klassischen Enzyklopädie hat. Kein Nachschlagewerk profitiert so stark von der globalen bzw. nationalen Fülle von Wissen, auch wenn da mitunter eine Menge Schrott dabei ist. Fatal wäre es nur, wenn die schlechte Reputation einzelner Einträge zu einem generellen Misstrauen gegenüber dem Nachschlagewerk führen würde und gerade Experten es ignorierten. Je mehr Menschen Wikipedia nutzen, umso größer ist die Kontrolle des Inhalts. Steigen dagegen gerade Wissenschaftler bzw. Experten aus, dann überlassen sie das Werk dem “Pöbel”. So kann man eigentlich nur hoffen, dass möglichst viele Leute Wikipedia möglichst vorsichtig und kritisch nutzen. Das schließt eigenes Handanlegen natürlich ein.

  5. Florian
    23.01.2008 | 19:21

    Nun, man muss halt die Genzen des Wikipedia-Systems kennen.

    Ein Artikel über - sagen wir mal - die Funktionsweise eines Dynamos wird ganz sicher exzellent sein. Fachliche Fehler sind durch das “1000-Augen-Prinzip” so gut wie ausgeschlossen.
    Hingegen sind weltanschauliche Artikel (sagen wir mal über den Kommunismus oder über Helmut Kohl) prinzpiell immer problematisch. Selbst dann, wenn sie “ausgewogen” sind (denn was soll man z.B. davon halten, wenn “ausgewogen” über Vor- und Nachteile des Nationalsozialismus geschrieben wird?).
    Besonders heikel sind hier natürlich weltanschauliche Artikel zu eher obskuren Themen außerhalb des Mainstream-Interesses. Da kann man davon ausgehen, dass die Artikel überwiegegend aus nicht-neutralem Blickwinkel geschrieben werden. Zum Beispiel ein Artikel über eine christliche Sekte, die seit 100 Jahren in einer kleinen Stadt im amerikanischen Mittleren Westen sitzt und nur noch 200 Mitglieder hat. Wer wird wohl den Artikel über diese Sekte verfassen und pflegen wenn nicht ein Sektenmitglied?

    Aber das ist einfach ein nicht lösbares Problem.
    Wenn man das weiß und berücksichtigt, kann man mit Wikipedia natürlich tolle Ergebnisse erzielen.

  6. Jana
    23.01.2008 | 22:06

    Ich finde Wikipedia klasse, und nutze sie auch oft. Nur ist sie mir, besonders bei naturwissenschaftlichen Themen, zu ausufernd. Dafür bräuchte ich wohl ne Kinder-Wikipedia. ;-) Und bei gesellschaftspolitischen Themen führt die Bemühung um Objektivität zu Trockenheit. Es fehlt das Anekdotenhafte, das aber nur möglich wäre, wenn es einzelne Autoren gäbe, die mit ihrem Namen dafür einstünden.

  7. 23.01.2008 | 23:51

    Jana,

    Dafür bräuchte ich wohl ne Kinder-Wikipedia.

    Hast Du es schonmal mit “simple English” versucht? (Beispiel: Photosynthese)

  8. Jana
    24.01.2008 | 9:47

    Danke, Marian. ich werz mir am Wochenende anschauen. … Just a question: Upon German gives it not, or?

  9. 24.01.2008 | 10:07

    Wie stefanolix oben schreibt: Die Versionskontrolle und vor allem die Diskussionsseiten sind ein leider krass unterschätztes Mittel, um Wikipediaeinträge beurteilen zu können - da kann jeder im Alltag, Bekanntenkreis, etc. tatsächliche Aufklärungsarbeit leisten.

    Ich bin nun kein ausgewiesener Artikelschreiber in der Wikipedia, habe bei meinen bisher (mit)verfassten Artikeln noch keine negativen Erfahrungen wie ex-blond gemacht. Man kann natürlich sagen, dass die Wikipedia-Gemeinschaft zunächst nicht-hierarchisch war und jetzt hierarchisch ist; ich denke aber, dass man mit dieser Betrachtung etwas wesentliches aus den Augen verliert. Die Hierarchien in (fast) alles OpenSourceProjekten sind immer da, sind aber auch (fast) immer selbstorganisierend und damit weicher als klassische hierarchischen Strukturen in bspw. Unternehmen.
    Wenn die erste Reaktion gegen jemand neuen von außen eine Abwehrhaltung ist, verwundert mich das nicht. Mit etwas ausdauerndem Atem, wird man in solchen Gemeinschaften aber meist recht schnell aufgenommen, bzw. akzeptiert. - Man kann das als negativ sehen, man kann es aber auch als Garant einer gewissen Kontinuität sehen.

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