24. Januar 2008
Nokia, Bastiat und Dr. House
Im Verlauf der Diskussionen um den Fall “Nokia” fiel es mir erneut auf, was mich an manchen moralischen Argumentationen stört: Sie leben von einer willkürlichen Beschränkung der zur Verfügung stehenden Alternativen. Sie müssen es, weil sie sonst nicht widerspruchsfrei durchgehalten werden können. Nur mit einem für jeden Fall jeweils immer wieder neu zusammengesetzten Set von Handlungsmöglichkeiten fallen die Widersprüche nicht auf.
Das Problem mit Handlungen ist, dass alles, was wir tun, zugleich auch definiert, was wir nicht tun. Einer Handlung kann daher höchstens eine relative, nie aber eine absolute moralische Überlegenheit zugeschrieben werden.
Beispiel:
Wenn ich vor mir eine alte Frau sehe, so ist es aus moralischer Sicht bestimmt zu bevorzugen, wenn ich einfach an ihr vorbeigehe, statt auf sie einzuprügeln. Andererseits wäre es sicher besser, wenn ich sie freundlich anschaue und ihr einen “Guten Tag” wünsche, statt einfach nur vorbeizuspazieren. Und doch ist das moralisch sicher minderwertig gegenüber meiner Bereitschaft, für sie die schweren Einkaufstüten zu ihr nach Haus zu tragen. Was nun wiederum schäbig anmutet, vergleiche ich es mit dem Angebot, sie in ihre Wohnung zu begleiten, um diese mal gründlich zu putzen und ihr etwas zu Essen zu machen. Man ahnt, worauf ich hinaus will…
Es ist - und hier kommt die nächste Assoziation, die ich in diesem Fall einer Diskussion in “Zettels kleinem Zimmer” verdanke, ins Spiel - die Logik der Bergpredigt: Was auch immer du meinst, Großartiges angestellt zu haben; ich zeige dir, was wirklich großartig gewesen wäre.
Die Aldi-Moralisten von heute stellen sich hin und fordern praktisch vom Unternehmen Nokia, zugunsten des Erhalts der aktuellen Arbeitsplätze von ca. 2000 in Deutschland lebenden Menschen auf Vermögen zu verzichten. Damit wäre dann alles ok und der Konzern wäre “seiner Verantwortung gerecht” geworden. Gerne wird hinzugefügt, dass Deutschland ja Nokias wichtigster Absatzmarkt sei. Ist das eine Argumentation mit moralischem Gehalt?
Nun wage ich zu behaupten, dass es arbeitslosen Rumänen materiell deutlich schlechter geht als arbeitslosen Deutschen. Leben wir nicht in einem Europa? Sind Rumänen etwa weniger wert als Arbeitnehmer in Deutschland? Damit nicht genug: Wenn die Leute bei Nokia ihr Excel richtig beherrschen, können die Handys in Rumänien deutlich günstiger hergestellt werden als in Deutschland. Nun wird man sich streiten, wo der Gewinn landen wird: In den gierigen Griffeln der hartleibigen Kapitalisten von Nokia oder in den mitfühlenden weichen Händen der deutschen Konsumenten. In beiden Fällen werden aber finanzielle Mittel frei, die man ganz anders verwenden könnte: Zum Beispiel dafür, zusätzliche Handys zu kaufen und diese nach Afrika zu verschenken, wo sie einen ganz gewaltigen infrastrukturellen Beitrag leisten würden, der den dortigen Armen weitere Chancen gibt, ihre Lage zu verbessern. Also was war das eben noch für ein Bullshit von dem einen Europa? It’s one world! Deutscher Arbeitsplatzverlust rettet Leben…
Aber das kann man doch nicht gegeneinander aufrechnen!? Doch, wir tun es jeden Tag. Nur verlieren wir darüber keine Worte, weil es unsere heile Welt vom angeblich moralischen Handeln durcheinanderbrächte. Neulich bei Dr. House drehte sich eine Folge um einen Arzt, der in Afrika Tuberkulose-Patienten heilte. Dieser rechnete den wiederum hartleibigen Kapitalisten in den Pharma-Unternehmen vor, wieviele Sekunden in Afrika jedesmal ein Mensch an Tuberkulose stirbt, und wieviele Leben sie dadurch retten könnten, dass sie ihren Lagerbestand verschenkten[1]. Beziehungsweise, wieviele Leute sie dadurch umbrächten, dass sie das nicht tun. Nun, jeder, der das hier liest, killt wohl auch ein paar Leben am Tag, weil er sein Geld lieber in einen stromfressenden Computer, einen stromfressenden Monitor und einen DSL-Anschluss investiert, statt es den Problemregionen dieser Welt zu spenden.
Das ist die Tragik knapper Ressourcen. Die Zeit, die ich mit Musikhören verbringe, helfe ich nicht in der Obdachlosenküche. Das Geld, das ich für den Kauf von CDs ausgebe, fehlt einem kranken Kind in Afrika.
Es gibt allerdings einen Trick, wie man sich dessen bewusst sein kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Man teilt Verantwortung. Nicht auf, sondern zu. Es sind dann immer Andere, die ich dafür zuständig erkläre, meine individuellen Versäumnisse auszugleichen. Wie praktisch, dass es die Arbeitsteilung gibt. So kann ich das Problem der Versorgung der Kranken in der Dritten Welt zu einem Problem der Pharma-Industrie machen oder die Versorgung der Hungernden mit Lebensmitteln zu einem Problem der Lebensmittel-Industrie (allerdings ungern der Bauern, denn das sind schließlich auch Bedürftige). Kommt mir doch einer auf die Schliche, dass ich damit die Verteilung zu einer Aufgabe der Produzenten erkläre, dann ziehe ich mich darauf zurück, dass erstmal die dran sind, die mehr tun können als ich mit meinem bescheidenen Beitrag. Und wenn mir gar nichts mehr einfällt, rufe ich nach dem Staat, was den enormen Vorteil hat, mich selbst als Wohltäter hinstellen zu können, ohne dafür direkt und spürbar Ressourcen bereitstellen zu müssen.
Bei solchen Entscheidungen bevorzugen wir zudem einseitig das Nahe und Bekannte. Was, wenn nicht das doch längst als verhänglich entlarvte Nationalgefühl, bewegt uns dazu, uns für die Arbeiter von Bochum mehr einzusetzen als für die in Rumänien? Warum wollen wir zuerst die Armut im eigenen Land bekämpfen und erst dann die in der Dritten Welt? Natürlich: Wir wollen angeblich alles gleichzeitig, und irgendein Hirni wird uns auch noch einreden wollen, dass dies funktioniere. Es gibt da allerdings einen einfachen Test: Wofür würde jeder von uns einen zusätzlichen Euro ausgeben? Der funktioniert sogar, wenn ich den narrensicheren Weg über das staatliche Budget gehe: Wohin fließen zusätzliche Steuereinnahmen? In diesen Grenzsituationen, also wenn wir uns überlegen, welche Entscheidung wir als nächste treffen, offenbart sich das, was wir wirklich wollen und was nur Selbstbetrug ist.
Es bleibt dabei: Ich kann jeden Euro nur ein einziges Mal ausgeben. Mit jeder Verwendung, für die ich mich entscheide, entscheide ich mich automatisch gegen alle anderen. Was Bastiat mit seinem “ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas” meint, ist genau das. Ich sehe das Nokia-Werk in Bochum. Ich sehe die Menschen, die dort beschäftigt sind. Es sind konkrete Schicksale damit verbunden. Aber ich sehe nicht das Werk, das ohne Subventionen wahrscheinlich woanders gebaut worden wäre. Ich sehe nicht die Menschen, die dort hätten arbeiten können. Und vor allem sehe ich nicht, welchen Menschen es zugute kommt, dass ich das bei Handys eingesparte Geld für andere Dinge ausgeben kann.
Aus der Nummer komme ich nicht raus, selbst wenn ich das Geld anderer Leute dafür heranziehe, was, um kurz den Bogen zur Bergpredigt zu schließen, Jesus übrigens niemandem hätte durchgehen lassen. Nur deswegen müssen wir wirtschaften. Idealist ist, wer das nicht zur Kenntnis nehmen muss. Die moralische Überlegenheit ist daher die neue Kleidung der kleinen Kaiser von heute.
[1]Was natürlich dazu führte, dass Dr. House alle von diesem Arzt zukünftig geretteten Leben für sich reklamierte, weil er wiederum dessen Überleben ermöglichte. Antwort Wilson: “Ich gebe gleich in Stockholm Bescheid.”
Verfasst von Rayson um 18:47 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik (Trackback)