Nokia, Bastiat und Dr. House

Im Verlauf der Diskussionen um den Fall “Nokia” fiel es mir erneut auf, was mich an manchen moralischen Argumentationen stört: Sie leben von einer willkürlichen Beschränkung der zur Verfügung stehenden Alternativen. Sie müssen es, weil sie sonst nicht widerspruchsfrei durchgehalten werden können. Nur mit einem für jeden Fall jeweils immer wieder neu zusammengesetzten Set von Handlungsmöglichkeiten fallen die Widersprüche nicht auf.

Das Problem mit Handlungen ist, dass alles, was wir tun, zugleich auch definiert, was wir nicht tun. Einer Handlung kann daher höchstens eine relative, nie aber eine absolute moralische Überlegenheit zugeschrieben werden.

Beispiel:

Wenn ich vor mir eine alte Frau sehe, so ist es aus moralischer Sicht bestimmt zu bevorzugen, wenn ich einfach an ihr vorbeigehe, statt auf sie einzuprügeln. Andererseits wäre es sicher besser, wenn ich sie freundlich anschaue und ihr einen “Guten Tag” wünsche, statt einfach nur vorbeizuspazieren. Und doch ist das moralisch sicher minderwertig gegenüber meiner Bereitschaft, für sie die schweren Einkaufstüten zu ihr nach Haus zu tragen. Was nun wiederum schäbig anmutet, vergleiche ich es mit dem Angebot, sie in ihre Wohnung zu begleiten, um diese mal gründlich zu putzen und ihr etwas zu Essen zu machen. Man ahnt, worauf ich hinaus will…

Es ist - und hier kommt die nächste Assoziation, die ich in diesem Fall einer Diskussion in “Zettels kleinem Zimmer” verdanke, ins Spiel - die Logik der Bergpredigt: Was auch immer du meinst, Großartiges angestellt zu haben; ich zeige dir, was wirklich großartig gewesen wäre.

Die Aldi-Moralisten von heute stellen sich hin und fordern praktisch vom Unternehmen Nokia, zugunsten des Erhalts der aktuellen Arbeitsplätze von ca. 2000 in Deutschland lebenden Menschen auf Vermögen zu verzichten. Damit wäre dann alles ok und der Konzern wäre “seiner Verantwortung gerecht” geworden. Gerne wird hinzugefügt, dass Deutschland ja Nokias wichtigster Absatzmarkt sei. Ist das eine Argumentation mit moralischem Gehalt?

Nun wage ich zu behaupten, dass es arbeitslosen Rumänen materiell deutlich schlechter geht als arbeitslosen Deutschen. Leben wir nicht in einem Europa? Sind Rumänen etwa weniger wert als Arbeitnehmer in Deutschland? Damit nicht genug: Wenn die Leute bei Nokia ihr Excel richtig beherrschen, können die Handys in Rumänien deutlich günstiger hergestellt werden als in Deutschland. Nun wird man sich streiten, wo der Gewinn landen wird: In den gierigen Griffeln der hartleibigen Kapitalisten von Nokia oder in den mitfühlenden weichen Händen der deutschen Konsumenten. In beiden Fällen werden aber finanzielle Mittel frei, die man ganz anders verwenden könnte: Zum Beispiel dafür, zusätzliche Handys zu kaufen und diese nach Afrika zu verschenken, wo sie einen ganz gewaltigen infrastrukturellen Beitrag leisten würden, der den dortigen Armen weitere Chancen gibt, ihre Lage zu verbessern. Also was war das eben noch für ein Bullshit von dem einen Europa? It’s one world! Deutscher Arbeitsplatzverlust rettet Leben…

Aber das kann man doch nicht gegeneinander aufrechnen!? Doch, wir tun es jeden Tag. Nur verlieren wir darüber keine Worte, weil es unsere heile Welt vom angeblich moralischen Handeln durcheinanderbrächte. Neulich bei Dr. House drehte sich eine Folge um einen Arzt, der in Afrika Tuberkulose-Patienten heilte. Dieser rechnete den wiederum hartleibigen Kapitalisten in den Pharma-Unternehmen vor, wieviele Sekunden in Afrika jedesmal ein Mensch an Tuberkulose stirbt, und wieviele Leben sie dadurch retten könnten, dass sie ihren Lagerbestand verschenkten[1]. Beziehungsweise, wieviele Leute sie dadurch umbrächten, dass sie das nicht tun. Nun, jeder, der das hier liest, killt wohl auch ein paar Leben am Tag, weil er sein Geld lieber in einen stromfressenden Computer, einen stromfressenden Monitor und einen DSL-Anschluss investiert, statt es den Problemregionen dieser Welt zu spenden.

Das ist die Tragik knapper Ressourcen. Die Zeit, die ich mit Musikhören verbringe, helfe ich nicht in der Obdachlosenküche. Das Geld, das ich für den Kauf von CDs ausgebe, fehlt einem kranken Kind in Afrika.

Es gibt allerdings einen Trick, wie man sich dessen bewusst sein kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Man teilt Verantwortung. Nicht auf, sondern zu. Es sind dann immer Andere, die ich dafür zuständig erkläre, meine individuellen Versäumnisse auszugleichen. Wie praktisch, dass es die Arbeitsteilung gibt. So kann ich das Problem der Versorgung der Kranken in der Dritten Welt zu einem Problem der Pharma-Industrie machen oder die Versorgung der Hungernden mit Lebensmitteln zu einem Problem der Lebensmittel-Industrie (allerdings ungern der Bauern, denn das sind schließlich auch Bedürftige). Kommt mir doch einer auf die Schliche, dass ich damit die Verteilung zu einer Aufgabe der Produzenten erkläre, dann ziehe ich mich darauf zurück, dass erstmal die dran sind, die mehr tun können als ich mit meinem bescheidenen Beitrag. Und wenn mir gar nichts mehr einfällt, rufe ich nach dem Staat, was den enormen Vorteil hat, mich selbst als Wohltäter hinstellen zu können, ohne dafür direkt und spürbar Ressourcen bereitstellen zu müssen.

Bei solchen Entscheidungen bevorzugen wir zudem einseitig das Nahe und Bekannte. Was, wenn nicht das doch längst als verhänglich entlarvte Nationalgefühl, bewegt uns dazu, uns für die Arbeiter von Bochum mehr einzusetzen als für die in Rumänien? Warum wollen wir zuerst die Armut im eigenen Land bekämpfen und erst dann die in der Dritten Welt? Natürlich: Wir wollen angeblich alles gleichzeitig, und irgendein Hirni wird uns auch noch einreden wollen, dass dies funktioniere. Es gibt da allerdings einen einfachen Test: Wofür würde jeder von uns einen zusätzlichen Euro ausgeben? Der funktioniert sogar, wenn ich den narrensicheren Weg über das staatliche Budget gehe: Wohin fließen zusätzliche Steuereinnahmen? In diesen Grenzsituationen, also wenn wir uns überlegen, welche Entscheidung wir als nächste treffen, offenbart sich das, was wir wirklich wollen und was nur Selbstbetrug ist.

Es bleibt dabei: Ich kann jeden Euro nur ein einziges Mal ausgeben. Mit jeder Verwendung, für die ich mich entscheide, entscheide ich mich automatisch gegen alle anderen. Was Bastiat mit seinem “ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas” meint, ist genau das. Ich sehe das Nokia-Werk in Bochum. Ich sehe die Menschen, die dort beschäftigt sind. Es sind konkrete Schicksale damit verbunden. Aber ich sehe nicht das Werk, das ohne Subventionen wahrscheinlich woanders gebaut worden wäre. Ich sehe nicht die Menschen, die dort hätten arbeiten können. Und vor allem sehe ich nicht, welchen Menschen es zugute kommt, dass ich das bei Handys eingesparte Geld für andere Dinge ausgeben kann.

Aus der Nummer komme ich nicht raus, selbst wenn ich das Geld anderer Leute dafür heranziehe, was, um kurz den Bogen zur Bergpredigt zu schließen, Jesus übrigens niemandem hätte durchgehen lassen. Nur deswegen müssen wir wirtschaften. Idealist ist, wer das nicht zur Kenntnis nehmen muss. Die moralische Überlegenheit ist daher die neue Kleidung der kleinen Kaiser von heute.

[1]Was natürlich dazu führte, dass Dr. House alle von diesem Arzt zukünftig geretteten Leben für sich reklamierte, weil er wiederum dessen Überleben ermöglichte. Antwort Wilson: “Ich gebe gleich in Stockholm Bescheid.”

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36 Kommentare zu “Nokia, Bastiat und Dr. House”

  1. 24.01.2008 | 19:14

    Wow, ich hätte es nicht besser schreiben können. Ich habs in jedem Satz gelesen, dass du das mal rauslassen musstest. Frag doch mal bei den FDOGs nach, ob das für einen der nächsten Podcasts von David Harnasch eingesprochen werden kann. Als Sondersendung!

  2. 24.01.2008 | 19:15

    Bin ich allzu sehr von der Menschheit enttäuscht wenn ich sage, dass mir diese theoretischen Erklärungsversuch für das Nokia-Verhalten der Deutschen im Speziellen und der Bochumer im Allgemeinen ziemlich egal ist?

    Kein Deutscher denkt an die Rumänen, die sind “uns” schlicht egal. Es geht “uns” schlecht, also müssen “wir” dafür sorgen, dass es besser wird. Egal, was es Nokia (oder sonst eine Firma) kostet - das interessiert sowieso nicht, dass ist ein Gedankengang zu viel.

    Wobei gesunder Egoismus nicht schadet, denn mit diesem Egoismus haben es “die Deutschen” ja geschafft, Nokia 10 Jahre in der BRD zu halten … wieder was ganz anderes, auch das interessiert die Deutschen nicht.

  3. Parker8
    24.01.2008 | 21:30

    Eine Verantwortung in der Kommunikation hätte es bei Nokia schon gegeben. Der heute wieder befeuerten antikapitalistischen Stimmung, wo es geht, vorzubeugen, das kann durchaus als Unternehmensaufgabe begriffen werden.

    Außerdem ist die Frage, ob die Widerlegung des moralischen Standpunkts überhaupt gelingen kann. Die ist für die Entlassenen ja kein Trost. Vielleicht ebensowenig wie es der Beweis der Sinnhaftigkeit des alliierten Feldzugs für die Bombenopfer des zweiten Weltkriegs war.

    An dieser ‘Solidarisierung’ kann kein Politiker vorbeigehen, jedenfalls nicht in der Demokratie. (Auch nicht diejenigen von der FDP, soweit ich das verfolgt habe.) Und wenn der Politiker konsistent sein will, muss er sich anderen, unbeteiligten Wählern gegenüber ebenso negativ über die Standortverlagerung äußern.

  4. 24.01.2008 | 23:04

    @SteffenH

    ich hätte es nicht besser schreiben können

    Ich fass das mal als Kompliment auf ;-). Danke!

    Frag doch mal bei den FDOGs nach

    Ach nee, lass mal stecken…

    @VolkerD

    Ein “gesunder Egoismus” hätte wenigstens den Vorteil, ehrlich zu sein und nichts anderes vorzugeben als das, was er ist.

    @Parker8

    Ich glaube nicht, dass Unternehmen einen Erziehungsauftrag haben. Und ein Trost sind die Moralpredigten für die Entlassenen sicher auch nicht, höchstens ein Ventil für ihre Wut.

  5. 24.01.2008 | 23:24

    @rayson

    Das war ein Kompliment. Es wäre aber nett, wenn du deine Kritik an meinem Schreibstil zukünftig etwas subtiler ausdrücken könntest. ;-) ;-)

    @parker8

    Irgendwie hast du ein eigenartiges Verständnis von gutem Politikstil. Für dich scheint das heere Ziel eines Politikers zu sein, seine Wähler möglichst pathetisch zu verarschen. Der Politiker muss wie seine Wähler auch konsistent idiotisch verhalten.

    Der Vergleich zwischen den Bombenopfern und den Nokia-Entlassenen hinkt ja wohl gewaltig, sowohl in der Dimension als auch im Prinzip. Wie oft muss man es noch sagen, dass die Unterschrift unter einen Arbeitsvertrag kein Dauerarbeitsverhältnis besiegelt, es sei denn man trocknet seinen Arsch im öffentlichen Dienst. Während in ein paar Monaten kein Hahn mehr nach den Nokia-Leuten kräht, sie selbst eingeschlossenen, weil sie längst andere, vielleicht besser bezahlte Jobs haben, war es um die Bombenopfer geschehen. Ist es denn so schwer zu verstehen, dass Nokia niemand geopfert hat?

  6. 24.01.2008 | 23:26

    @rayson

    Apropos Podcast. Dass du auch immer so bescheiden bist. Jeder redet heute vom barrierefreien Internet und du zierst dich so. ;-)

  7. Parker8
    24.01.2008 | 23:53

    @Rayson

    Erziehungsauftrag kann man das glatt nennen. Die Leute aus den Kommunikationsabteilungen haben durchaus so ein Verständnis. Wenn man sie denn fragt, was bei “Connecting People” wohl nicht die Regel ist.

    Wir sehen ja keinen schnellen Rückzug wie bei BenQ damals. Nokia hat eine lange Zeit damit verbracht, das Terrain in Rumänien zu sondieren. Es hätte also ausreichend Gelegenheit gegeben, den Abgang in Bochum etwas vorzubereiten.

    Vielleicht indem man Politiker eingebunden hätte, die dann jetzt nicht auf Barrikaden klettern würden. Das hätte geschehen können durch Engagement in Auffanggesellschaften oder ähnliches. Der Imageschaden in Deutschland derzeit kostet ja auch einiges. Insofern ist das Ganze vielleicht für andere Unternehmen lehrreich. Wiewohl ich glaube, dass die große Outsourcing-Welle ohnehin vorbei ist.

  8. 25.01.2008 | 0:20

    @Parker8

    Betriebswirtschaftlich gesehen stimme ich dir völlig zu.

  9. 25.01.2008 | 1:07

    Rayson, in Gänze ein wirklich sehr guter Artikel. Deshalb will ich das sinnlose Loben lassen und die einzige mir aufgefallene kontextuale und logische Inkonsistenz aufzeigen.

    Du schreibst:

    Was, wenn nicht das doch längst als verhänglich entlarvte Nationalgefühl, bewegt uns dazu, uns für die Arbeiter von Bochum mehr einzusetzen als für die in Rumänien?

    Diesen linksseitigen Hieb scheinst Du irgendwie angestrengt unterbringen zu wollen. Er wirkt deplaciert und wird durch Dich auch ein paar Sätze weiter als oberflächlich entlarvt:

    Aber ich sehe nicht das Werk, das ohne Subventionen wahrscheinlich woanders gebaut worden wäre. Ich sehe nicht die Menschen, die dort hätten arbeiten können. Und vor allem sehe ich nicht, welchen Menschen es zugute kommt, dass ich das bei Handys eingesparte Geld für andere Dinge ausgeben kann.

    Genau darum geht es. Die Reaktionen auf die Werksschließung in Bochum haben viel weniger mit “Nationalgefühl” (de facto nicht existent) als mit generellen menschlichen Wahrnehmungs- und Empfindungsmustern zu tun. Wenn mir etwas weggenommen wird, empfinde ich Verlust — wenn ich ich etwas nie gehabt habe, nicht kenne, dann nicht.

  10. Ben Czerny
    25.01.2008 | 2:17

    @rayson

    Das ist eine in sich wirklich logische Argumentation.
    Und außerdem mit Dr. House veranschaulicht, das gibt große Vorschusslorbeeren von mir…
    Provokativ stellst Du die Frage nach der Plausibilität und den Grenzen von Solidarität.

    Mir fällt nur auf, dass man die Gegenposition sprachlich genauso pointiert vertreten könnte. (Das macht bitte ein anderer).
    Ob man “den Staat” jetzt toll findet, oder nicht, an der nationalstaatlichen Gliederung der Welt wird sich auf absehbare Zeit nicht viel ändern. OK, vielleicht werden die Territorien größer. Ihr kennt ja den Anteil von umgesetzten EU-Vorgaben an der deutschen Gesetzgebung.

    Will heißen: Nationalgefühl? So weit würde ich gar nicht ausholen wollen. Aus Sicht eines Steuerzahlers tut’s schon schnöder Eigennutz.

    Gut finde ich, dass Dein Beitrag aufzeigt, wie komplex das Handeln nach einer bestimmten Ethik heute ist. Egal, welche man letztendlich zu Grunde legt.

  11. 25.01.2008 | 2:22

    Beim linksseitigen Hieb ging es meiner Lesart nach (und ich bin examinierter Rayson-Exeget) weniger um die, denen tatsächlich etwas weggenommen wurde, sondern vielmehr um die, die sich über das Wegnehmen fürchterlich aufregen und ihre Telephone in den Staub treten, obwohl es sie selbst gar nicht betrifft. Und das diese sich irgendeiner Sache beraubt fühlen, weil jetzt Rumänen statt Deutscher für Nokia arbeiten dürfen, kann ich mir tatsächlich auch nur mit verstecktem Nationalismus erklären. Wobei ich nicht behaupte, daß der denjenigen wirklich bewußt ist. Aber eine einleuchtendere Erklärung für dieses Verhalten ist mir bisher einfach nicht in den Sinn gekommen. Oder doch: Da die Rumänen billiger arbeiten als die Deutschen, werden sie offensichtlich ausgebeutet und würden besser gar nicht arbeiten. Das war wohl bisher der überzeugendste Versuch.

  12. 25.01.2008 | 2:24

    Mist, Anschluß versemmelt. Natürlich halte ich die Erklärung zum Schluß nicht für “einleuchtender”. Als Hinweis, falls man es sich nicht schon denken kann.

  13. 25.01.2008 | 2:29

    Mir fällt nur auf, dass man die Gegenposition sprachlich genauso pointiert vertreten könnte.

    Meinst Du, auch genauso stringent? Das will ich sehen.

  14. Ben Czerny
    25.01.2008 | 2:45

    @David
    Ich meinte damit nicht eine Position, die auf vermeintliche moralische Überlegenheit abstellt, sondern auf Eigennutz. Gute Nacht, David.

  15. 25.01.2008 | 9:22

    Absolute Spitze! Gratulation zum Artikel. Darum: Moral ist privat und richtet in der Politik nur Schaden an.

  16. Lina
    25.01.2008 | 9:46

    IMHO: dieser in seiner ein- und ausladenden Betrachtung beachtliche Artikel gründet auf einem Missverständnis von Moral im Zusammenhang mit kapitalistischer Praxis, hier speziell in der Anwendung auf das Sichtbare am Bochumer Geschehen.

    IMHO: ein “Nationalcharakter” von Moral ist zu bestreiten, er mag öffentlich und medial so erscheinen, im Kern ist er es nicht; Moral entstammt tiefer liegenden Bereichen und kommt von dort her in Konflikt mit moralfreien, rechnerischen Praktiken einer Wirtschaftsform, die mit Menschen als Material umgeht - vertraglich Leistung und Gegenleistung in Freiwilligkeit genannt. Eine menschliche Vertrauensbasis ist nicht erforderlich, wird aber doch - bewusst oder unbewusst - als fehlend beklagt bzw. vermisst.

    IMHO: allein aus diesem Widerspruch des Umgangs, der theoretisch-moralisch gesehen unterhalb von Menschenwürde liegt, erklärt sich auch hier der eigentliche Konflikt. Er trägt alle Züge einer Kapitalismuskritik, wie sie solange nicht verstummen wird, bis der Wirtschaftsform auch überzeugende humane bzw. soziale Prinzipien und Verbindlichkeiten gutgeschrieben werden können - also wahrscheinlich nie.

    Dreimal IMHO mit der Bitte, es auch so zu verstehen; aber darüber mache ich mir bei Dir, lieber Rayson, eigentlich keine Sorgen ;-)

  17. R.A.
    25.01.2008 | 10:23

    @Parker8:
    > Vielleicht indem
    > man Politiker
    > eingebunden hätte,
    > die dann jetzt
    > nicht auf
    > Barrikaden
    > klettern
    > würden.
    Die Politiker stehen nicht auf den Barrikaden, weil Nokia sie nicht eingebunden hat.
    Sie stehen auch nicht dort, um irgendetwas Positives für die Betroffenen zu erreichen.

    Sie stehen nur dort, um Reklame für sich selber zu machen.

    Wenn Nokia seine Pläne früher bekannt gemacht hätte, dann wäre der Ärger noch größer gewesen.
    Jetzt können sie eine klare Entscheidung präsentieren, die keine Fragen mehr offen läßt.
    Ansonsten hätte es ein monatelanges Gezerre gegeben - mit letztlich demselben Ausgang, aber mit viel mehr Kräfteverschleiß.

  18. Gomez Davila
    25.01.2008 | 11:34

    Hervorragender Artikel!, den ich allerdings als Plädoyer gegen die Frontstellung von Moral und Betriebswirtschaft gelesen habe. Schließlich geht es (mit Bastiat) auch hier um die Frage, was man sieht und was man nicht sieht. Darauf nicht hingewiesen zu haben (auf den Subventionsirrwitz und darauf, daß man den Lebensstandard der Rumänen schon viel früher hätte heben können [und so mittelbar unseren eigenen] bzw. darauf, daß durch die verbilligten Handys mehr Optionen und so letztlich auch neue Arbeitsplätze entstehen), das halte ich für den eigentlichen Fehler, wobei ich wirklich bedauerlich finde, daß der Kapitalismus seine PR so jämmerlich schleifen lässt.
    Der Text schlägt jedoch auch mit einem älteren hier veröffentlichten (”So tun sie doch was!”) ganz gut Funken: Es ist doch auffällig, daß die Politik das Prinzip des “was man nicht sieht” schon ganz gut einsetzt, um eine Sinnhaftigkeit ihres blinden Aktionismus zu suggerieren (”wenn wir abc nicht getan hätten, wär xyz noch viel schlimmer ausgefallen” - tja, kann bloß empirisch keiner nachprüfen, sehr bequem).

  19. 25.01.2008 | 12:04

    @lina:

    Du begehst einen klassischen Fehler und betrachtest das Wirtschaftssystem als etwas Exogenes, den Menschen unfreiwillig aufgezwungenes. Doch sind wir es die Handeln, mit all unseren Stärken und Schwächen. Ich komme nicht umhin dir noch einen weiteren Lesetipp zu geben: Paul H. Rubin - Darwinian Politics: The Evolutionary Origin of Freedom, eine wunderbare Einführung in die Evolution von sozialem Verhalten, der Basis für ökonomische Interaktionen. Hier ein guter Review-Artikel und hier eine Kurzfassung seiner “Folk-Economics”.

  20. 25.01.2008 | 12:48

    R.A.,

    was ich am wenigsten verstehe: warum kommen die Politiker damit immer wieder durch? Und wie lange noch?

  21. R.A.
    25.01.2008 | 14:11

    > warum kommen die
    > Politiker damit
    > immer wieder durch?
    Dazu hat Steffen gerade etwas geschrieben.

    > Und wie lange noch?
    Noch lange - solange ökonomischer Analphabetismus die Regel bleibt.

  22. Lina
    25.01.2008 | 17:29

    @ SteffenH

    Yes, I’m an “untrained person”, wie es in den “Folk-Economics” heisst; aber das wird sich ändern, wenn Du mir weiter so freundlich mit Zuspruch und Leseempfehlungen auf die Sprünge hilfst - danke!

    “Untrained” deshalb, weil ich meinem Bauchgefühl in der Beurteilung den natürlichen Vorrang lasse. Auch weil ich als unabhängige Selbständige und Arbeitgeberin keine spürbar abhängigen Angestellten haben möchte, sondern selbstbestimmte Mitarbeiter, die wissen, wofür sie gebraucht werden. Unser kreatürliche Bestimmung dürfte es gewesen sein, nur für uns selbst und den Anhang namens Sippe zu arbeiten, was aber in einem komplexen Wirtschaftsgefüge nur die Wenigsten tun können.

    Dass aber der Kapitalismus als Ausdruck seiner Abwertung menschlicher Arbeitskraft einen Begriff wie den des “Leiharbeiters” hervorbringen konnte, nehme ich ihm übel; daran magst Du erkennen, wo mein (zugegeben moralisches) Problem liegt….;-)

  23. 25.01.2008 | 18:06

    ist es nicht die politik, die den leiharbeiter mit ihren knebelgesetzen hervorgebracht hat?

  24. Eloman
    25.01.2008 | 20:19

    Na ob die Entscheidung von Nokia wohl so fundiert war wage ich doch zu bezweifeln wenn ich im MM unter anderem lese daß die Arbeitslosenquote in der Gegend Rumäniens, in der das neue Werk gebaut werden soll, bei ca. 3% liegt, was nach meiner Kenntnis Vollbeschäftigung darstellt. Wo wollen die denn da die tausenden von Arbeitskräften herholen. Und daß Manager-Entscheidungen immer rational sind wage ich angesichts solcher Koryphäen wie Edzard Reuter oder Schrempp etc. auch zu bezweifeln. Gleiches wurde mir von einem Freund, der bei diversen Pharmefirmen im Management ist oder war, auf Nachfrage bestätigt.

  25. 25.01.2008 | 23:43

    @Ben Czerny

    Gut finde ich, dass Dein Beitrag aufzeigt, wie komplex das Handeln nach einer bestimmten Ethik heute ist. Egal, welche man letztendlich zu Grunde legt.

    Das ist eine der Maximen, die ich ständig versuche zu predigen. Letztlich geht es um Bescheidenheit…

    @Lina

    Dass aber der Kapitalismus als Ausdruck seiner Abwertung menschlicher Arbeitskraft einen Begriff wie den des “Leiharbeiters” hervorbringen konnte, nehme ich ihm übel; daran magst Du erkennen, wo mein (zugegeben moralisches) Problem liegt….;-)

    Wofür “der Kapitalismus” nicht alles verantwortlich sein soll… Jetzt sogar schon für verwendete Begriffe. Der Einwand von “ähem truth” ist da durchaus berechtigt. Zeitlich befristete Arbeit halte ich für nichts Übles - ich lebe davon und mache es gerne.

    @Eloman

    Manager-Entscheidungen sind meistens rational, aber ihre Rationalität ist nicht immer die des Betriebes. Wenn die Entscheidung von Nokia jetzt eine wäre, die von der internationalen Presse gefeiert wird und den Stern des Vorstandsvorsitzenden hell leuchten lässt, wäre Skepsis womöglich angebracht. Aber hier scheint es mir eher um eine ziemlich leidenschaftlos betriebene Brot-und-Butter-Entscheidung zu gehen, wo das Management sowieso nur die Entscheidungen von unten abnickt, statt wie in den kritiserten Fällen meist sich die eigene Bauchentscheidung unten zurechtrechnen zu lassen.

    Wie auch immer: Vor Fehlern ist niemand gefeit. Unter anderem deswegen sind Wettbewerbswirtschaften ja so eine gute Sache. Nur fürchte ich, dass die Lektüre des MM und der Versicherung eines Freundes allein noch nicht genug dafür qualifizieren, fundiert etwas über die Güte der von Nokia getroffenen Entscheidung sagen zu können.

  26. 26.01.2008 | 2:19

    [...] Nokia, Bastiat und Dr. House >> B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » [...]

  27. 26.01.2008 | 3:44

    wenn ich im MM unter anderem lese daß die Arbeitslosenquote in der Gegend Rumäniens, in der das neue Werk gebaut werden soll, bei ca. 3% liegt, was nach meiner Kenntnis Vollbeschäftigung darstellt.

    Gibt es in Rumänien große Zäune allerorten, die den Zuzug aus anderen Landesteilen in dieses Gebiet verhindern? Und was ist mit den 3%?

  28. Lina
    26.01.2008 | 9:29

    @ Rayson

    “…jetzt sogar schon für verwendete Begriffe.”

    Ich korrigiere erst Dich: nicht für “verwendete”, sondern für hervorgebrachte Begriffe ist er mir verantwortlich, “der Kapitalismus”…

    …dann mich: die Charakteristik einer Zeit bringt etwas hervor, und wer in ihr - Politik oder Wirtschaftsystem - im Zusammenspiel den “Leiharbeiter” kreiert hat, ist letztlich egal; für mich bleibt es ein die menschliche Arbeitskraft abwertender Begriff; nur darauf wollte ich hinaus.

    Der Begriff des “Zeitarbeiters”, wie Du einer zu sein scheinst, steht im Vergleich dazu doch sehr respektabel da - unter uns Pedanten gesagt ;-)…

    P.S.: Begriffe prägen den Umgang - oder umgekehrt. Wenn ich in der hiesigen U-Bahn höre, wo “Personen mit Mobilitätseinschränkungen” auszusteigen haben, wünsche ich mich nach New York, wo die selben Menschen “Persons with special needs” heissen; ich finde das menschlich respektabler - wenngleich hier völlig OT…

  29. Parker8
    26.01.2008 | 12:28

    Die Politiker stehen nur dort, um Reklame für sich selber zu machen.

    Aber doch nur deshalb, weil die Wähler dort das so wollen. Sonst ergibt es keinen Sinn.

    Genauso wie die Präsidentschaftskandidaten in den USA den Globalisierungsverlierern Honig um den Bart schmieren. In Iowa beispielsweise gab das Schicksal eines zugemachten Hausgeräte-Herstellers (Maytag) dazu Anlass.

    So ist das nunmal. Der Kapitalismus produziert notwendigerweise auch Verlierer, und das sind zugleich Wähler. Es hat keinen Zweck, sie durch VWL-Klugscheißerei noch zusätzlich zu verdrießen. (Das haben sich auch FDP-Politiker letzte Woche sehr bewusst gespart.)

    Wichtig ist eben, das Verlierer-Schicksal nicht dominant werden zu lassen.

  30. Ben
    26.01.2008 | 12:37

    @Lina

    P.S.: Begriffe prägen den Umgang - oder umgekehrt. Wenn ich in der hiesigen U-Bahn höre, wo “Personen mit Mobilitätseinschränkungen” auszusteigen haben, wünsche ich mich nach New York, wo die selben Menschen “Persons with special needs” heissen; ich finde das menschlich respektabler - wenngleich hier völlig OT…

    Bitte verzeih’ mir die Fortführung des OT, aber auf mich wirkt die deutsche Variante nicht beleidigend. Im Gegenteil: ich finde die euphemistische Begriffsakrobatik in den USA problematisch. Bei Ausdrücken wie “mentally challenged” beschleicht mich ein ungutes Gefühl.

    Begriffsanalysen finde ich auch spannend und sinnvoll. Da sind wir uns einig, denke ich.

  31. 26.01.2008 | 20:32

    [...] und hier noch der intellektuelle Gegenentwurf von Rayson. Wirtschaft [...]

  32. 27.01.2008 | 1:10

    @parker8:

    VWL-Klugscheißerei wirkt aber horizonterweiternd und Menschen mit breiterem Horizont haben in der Regel auch mehr Handlungsoptionen.

  33. 27.01.2008 | 1:23

    @Lina

    Und wenn die Gegner des Kapitalismus Begriffe hervorbringen, dann liegt das auch irgendwie am Kapitalismus? So gesehen…

  34. Lina
    27.01.2008 | 7:48

    @ Rayson

    An welchen gegnerischen Begriff dachtest Du da jetzt - damit ich ihn nach Herkunft und Motivlage in seine Bestandteile zerlegen und bewerten kann? ich will ja gerecht sein ;-)…

    @ Ben

    Dein Einwand gilt; trotzdem ist mir sprachlich beschönigen lieber als neutralisieren oder abwerten; es legt immerhin die gute Absicht nahe, sich in freundlicher Gesinnung eines Urteils enthalten zu wollen.

  35. 27.01.2008 | 17:23

    @Lina

    Ich dachte vor allem daran, dass der Kapitalismus auch seine Gegner ernährt und daher in ihm auftauchende Begriffe durchaus auch von denen erdacht worden sein können. Wie viele Unternehmen kennst du, die sich “Leiharbeitsfirma” nennen oder die “Leiharbeit” anbieten? Ein schnelles Googeln legt für mich jedenfalls den Schluss nahe, dass “Leiharbeit” ein von Gewerkschaften bevorzugter Begriff für “Zeitarbeit” ist.

  36. DDH
    27.01.2008 | 17:45

    Was, wenn nicht das doch längst als verhänglich entlarvte Nationalgefühl, bewegt uns dazu, uns für die Arbeiter von Bochum mehr einzusetzen als für die in Rumänien?

    Der neuralgische Punkt!

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