27. Januar 2008
Der Überfall auf Marcus Bensmann und die Rolle des Auswärtigen Amtes
Vor ziemlich genau einer Woche wurde der deutsche Journalist Marcus Bensmann in der kasachischen Hauptstadt Astana überfallen, ausgeraubt und lebensgefährlich verletzt.
Das Wichtigste vorweg: Ich wünsche Marcus Bensmann eine möglichst vollständige und möglichst baldige Genesung! Da er als freier Journalist aus Zentralasien berichtet hat, ist ziemlich klar, dass die während des Heilungsprozesses zu erwartenden Einnahmeausfälle für ihn existensgefährdend sein können.
Ich möchte deshalb auf den Spendenaufruf der Weltreporter zu seinen Gunsten hinweisen. Dort finden sich alle nötigen Angaben. Ich meine, dass gerade in diesem Fall eine Spende sinnvoll ist, auch, um ein Signal der Wertschätzung an die anderen freien Journalisten zu senden. Denn wer geht schon ein größeres persönliches Risiko ein als freie Journalisten, die aus Krisengebieten berichten? Gerade diese Leute sind es, die den Begriff “Pressefreiheit” mit Leben füllen.
Jetzt aber zu dem Vorfall selbst, der mal wieder sehr viel über den gegenwärtigen Zustand Deutschlands verrät.
Zuerst las ich über den Vorfall bei DonDahlmann, zuletzt bei den Kollegen vom Antibürokratieteam. Wie diese beiden Blogs, so haben auch alle anderen deutschsprachigen Blogs, in denen ich (z.T. mit Hilfe von technorati und Google Blogsuche) etwas dazu gelesen habe, sich auf genau zwei Quellen berufen und auch nur diese verlinkt. Dabei handelt es sich um die erste von bis jetzt zwei Meldungen der tageszeitung sowie den Eintrag von David Schraven bei den Ruhrbaronen.
Das ist ein bisschen dürftig, denn es gibt da draußen im Netz sehr viel mehr und sehr viel bessere Quellen zu dem Fall. An erster Stelle ist hier das Blog der Weltreporter zu nennen, bei dem sich bis jetzt in der Kategorie “Marcus Bensmann” acht Einträge finden, zum Teil mit weiteren Quellenangaben. Das Blog ist weder bei technorati, noch bei Google gelistet. Willkommen in der deutschen Blogosphäre! Der m.E. beste Kurzartikel ist übrigens auf stern.de erschienen.
Ich möchte zunächst einen Aspekt herausgreifen, der mir in dem Artikel von David Schraven besonders verzerrt dargestellt erscheint, nämlich das Verhältnis des Auswärtigen Amtes zu Marcus Bensmann. David Schraven schreibt dazu, dass das Auswärtige Amt Marcus Bensmann seine Arbeit in Zentralasien “übel genommen” habe:
Immer wieder kamen Zwischentönen aus dem Amt, die seine Arbeit diskreditieren sollten, die ihn beleidigten. Im diktatorischen Zentralasien konnten diese Signale nur so gedeutet werden, dass die Deutsche Regierung kein Interesse am Wohl des Journalisten Marcus Bensmann habe.
Angesichts der kompromisslosen Haltung von Marcus Bensmann besonders gegenüber den Regierungen von Kasachstan und Usbekistan und seiner scharfen Kritik an der Zentralasien-Strategie der Bundesregierung (hier sind sich die Kanzlerin und der Außenminister ausnahmsweise einmal einig) wäre es nicht allzu verwunderlich, dass das Auswärtige Amt und die Botschaften vor Ort nicht sehr angetan von seinen Artikeln und Interviews waren. Die Kritik von David Schraven am Auswärtigen Amt geht m.E. aber dann doch ein bisschen arg weit. Zum Verhalten des AA im konkreten Fall schreibt Schraven:
Als Marcus im Krankenhaus lag, schaute ein Botschaftsangesteller nur kurz vorbei. Und verschwand wieder. Dem Autoren gegenüber machte der Diplomat nachher telefonisch deutlich, dass ihn der Journalist nicht interessiere. Erst auf Druck der Medien wurde diese Haltung später von der Deutschen Botschaft in Kasachstan geändert. Schnell hieß es, der Überfall könne nur einen kriminellen Hintergrund haben. Marcus sei betrunken gewesen.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was der Botschaftsangestellte im Krankenhaus weiter hätte tun sollen - vielleicht Johannes B. Kerner - Fragen stellen: “Wie fühlen sie sich?” “Als die Räuber ihnen den Schädel einschlugen - was haben sie da gedacht?”
Da ich außer in diesem einen Eintrag bei den Ruhrbaronen keine weiteren Hinweise auf ein Fehlverhalten des Auswärtigen Amtes gefunden habe, will ich hier noch auflisten, wie das AA im vorliegenden Fall an die Öffentlichkeit getreten ist.
In der ersten taz-Meldung (Angriff auf taz-Reporter in Kasachstan. Von Barbara Oertel, tageszeitung vom 23.01.2008) wurde der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Jäger folgendermaßen zitiert:
“Unsere Botschaft in Astana hat sich sofort eingeschaltet und kümmert sich in enger Absprache mit der Familie um Marcus Bensmann”, erklärte Martin Jäger, Sprecher des Auswärtigen Amtes. Es gehe im Augenblick darum, die bestmögliche ärztliche Versorgung zu gewährleisten. Daneben dränge die deutsche Botschaft die kasachischen Behörden zu einer raschen und umfassenden Aufklärung.
Eine ähnliche Meldung findet sich auf der Seite der deutschen Botschaft in Kasachstan:
Der Sprecher des Auswärtigen Amts, Martin Jäger, auf Nachfrage von “Reuters”:
„Wir haben mit Schrecken erfahren, dass der Journalist Marcus Bensmann in Kasachstan überfallen und brutal verletzt worden ist.
Unsere Botschaft in Astana hat sich sofort eingeschaltet und kümmert sich in enger Absprache mit der Familie um Marcus Bensmann. Im Augenblick geht es vor allem darum, die bestmögliche ärztliche Versorgung zu gewährleisten.
Daneben drängt die deutsche Botschaft gegenüber den kasachischen Behörden auf rasche und umfassende Aufklärung der Gewalttat. Die Täter müssen gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden.“
Wer ein bisschen vertraut mit der Sprache der Diplomaten ist, wird mir vielleicht zustimmen, dass “Schrecken” nicht gerade zu den häufigsten Vokabeln gehört, wenn sich das AA zu den Schicksalen deutscher Staatsangehöriger äußert. In ähnlichen Fällen tauchen vielleicht die Wendungen “mit Bedauern” oder “mit Bestürzung” auf - aber “Schrecken” deutet eher auf eine persönliche Verbundenheit mit dem Opfer hin.
Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn man sich die Äußerungen von Martin Jäger in der DLF-Sendung “Markt und Medien” vom gestrigen Samstag anhört (mp3). Hier meine Abschrift:
“Marcus Bensmann ist einer derjenigen unter den Journalisten, die helfen, den eigenen Blick zu schärfen.”, so Martin Jäger, der Sprecher des Aúswärtigen Amtes, bezüglich des freien Journalisten Marcus Bensmann, der seit etwa zehn Jahren für unterschiedliche deutschsprachige Medien aus Zentralasien berichtet hat.
Nicht selten kritisierte er dabei auch die Rolle der deutschen Außenpolitik, so Martin Jäger.
“Aber gerade deswegen haben wir uns sehr oft und sehr intensiv mit ihm auseinandergesetzt und haben immer erfahren, dass er sehr gut informiert ist. Er zählt mit großer Gewißheit zu den besten Kennern Zentralasiens, die wir in Deutschland haben.”
(…)
Alles deute derzeit auf einen rein kriminellen Überfall und kein politisches Motiv; trotzdem dürfe das natürlich als Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, betont auch (neben dem WDR, M.W.) das Auswärtige Amt.
Ich kann mich noch ganz gut an die Stellungnahmen des AA im Fall Susanne Osthoff erinnern; da klang das alles sehr viel kühler, nüchterner und (nach ihrer Freilassung) zunehmend auch genervter als hier in Bezug auf Marcus Bensmann.
Die Ehefrau von Marcus Bensmann hat sich mehrfach gegenüber den Medien geäußert und mit keinem Wort das Verhalten des Auswärtigen Amtes kritisiert; wenn man sich vor Augen führt, dass es in letzter Zeit Usus ist, dass deutsche Opfer oder deren Angehörige sich negativ über das Verhalten von Vertretern des Auswärtige Amtes im jeweiligen Fall äußern, dann ist das schon bemerkenswert. Und auch der WDR, in dessen Auftrag Marcus Bensmann zum Zeitpunkt des Überfalls in Astana recherchierte, hat sich in seiner Pressemitteilung jeglicher Kritik an deutschen Behörden enthalten:
Betreut wurde er von Mitarbeitern des ARD Studios Moskau sowie von Vertretern der Deutschen Botschaft.
Kritik an der deutschen Zentralasienstrategie oder insgesamt an der deutschen Außenpolitik oder dem Auswärtigen Amt kann man (und sollte man) ja äußern - aber im konkreten Fall kann man die Kirche auch im Dorf lassen. Das ist jedenfalls meine Meinung.
Verfasst von Marian Wirth um 02:49 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, International (Trackback)