Festival der Unpolitik

Wir befinden uns gerade auf dem Höhepunkt eines exemplarischen Festivals der Unpolitik.

Das Bild von Politik, das uns in dieser Zeit verkauft wird, geht ungefähr so:

Bei Landtagswahlen entscheiden die Bilanz der gerade amtierenden Regierung und die Beliebtheit des Ministerpräsidenten. In Wahlkämpfen verdeutlichen die Parteien ihre Positionen und stellen ihre Spitzenkandidaten vor. Mit der Stimmabgabe bewertet der Wähler diese Kriterien und trifft darüber hinaus eine themenbezogene politische Aussage.

Aus den Ergebnissen der Landtagswahlen lassen sich bundespolitische Trends ablesen.

Bei der anschließenden Regierungsbildung stehen Personen und Programme im Vordergrund.

Dieses Bild ist natürlich falsch. In Wirklichkeit agieren hier politische Unternehmer auf Märkten, die sie sehr gut kennen. Alle ihre Aussagen und Handlungen sind nur als Marketing zu verstehen. Ebenso wie der Markenartikler in der Warenwelt könnte auch der Politiker blendend ohne tatsächliche Produktion auskommen, ist aber mitunter wegen der Aufmerksamkeit derjenigen, die das Erstrebte, also Geld und/oder Macht, zu vergeben haben, zumindest zur Simulation einer Gegenleistung verpflichtet.

Tatsächlich passiert ist gestern nichts. Wenigstens nichts Neues, und nichts, was zu tiefschürfenden Analysen Anlass geben könnte. Alte Konstanten der unpolitischen Politik haben wieder einmal ihre Gültigkeit bewiesen. Und hier sind sie:

1. Eine Regierung wird nach der ersten Legislaturperiode nicht abgewählt, gerne hingegen nach der zweiten.
2. In Ländern mit einer annähernden Gleichverteilung der Wählerschaft unter den Blöcken entscheidet die Mobilisierung des eigenen Potenzials.
3. Von “Großen Koalitionen” im Bund profitieren vor allem Protestparteien.

Alle grandiosen Analysen, die man jetzt in den herkömmlichen Medien, aber auch den Blogs, zu lesen bekommen wird und die über diese simplen Grundwahrheiten hinausgehen, haben ungefähr dieselbe Güte wie das Lesen in Tierinnereien.

Wen es aber interessiert, der kann sich natürlich auch mit den erfolgreichen und erfolglosen Taktiken der politischen Unternehmer auseinandersetzen. Im Mittelpunkt stehen hier die Parteien, die als einzige eine realistische Chance haben, den jeweiligen Ministerpräsidenten zu stellen. Meiner Meinung nach haben diese nach den Regeln der Unpolitik keine wesentlichen strategischen Fehler begangen.

In Niedersachsen konnte der regierende Ministerpräsident seine Chancen nur mutwillig verspielen. Durch die für solche Situationen angemessene Strategie, also inhaltliche Leere, konnte er dieses Risiko ausschließen. Sein Gegenkandidat hätte trotz der strategisch richtig geführten Kampagne nur von drastischen Fehlern des Amtsinhabers profitieren können. Da die politischen Unternehmer der SPD aber alte Hasen sind, hatten sie diesmal sowieso nur einen Zählkandidaten aufgestellt. Erstaunlich ist für mich vor allem, wie es der FDP gelungen ist, trotz des dominierenden und sympathisch wirkenden MPs ihren Stimmanteil zu halten.

In Hessen war von vornherein klar, dass wieder nur der gewinnen würde, der seine Anhänger mobilisieren kann. Deswegen war das Kochsche Rezept, gegen die attraktive Mindestlohnkampagne seiner Gegnerin auf Polarisierung in einem Bereich zu setzen, in dem ihm und seiner Partei traditionell ein Kompetenzvorsprung attestiert wird, prinzipiell sinnvoll. Sein strategisches Dilemma bestand aber darin, dass ein Ministerpräsident dann auch seine Leistungsbilanz an den großen Worten messen lassen muss, die er in Wahlkämpfen verbreitet. Die Option, mit einem Kuschelwahlkampf die relativ unbekannte Gegenkandidatin ins Leere laufen zu lassen, hätte in Lagern gedacht vermutlich auch nicht mehr Erfolg gehabt, sondern höchstens Stimmen von der FDP zur CDU geschaufelt.

Deutsche Parteipolitik ist eine Soap-Opera. Das Personal wird hin und wieder ausgetauscht, aber die Drehbücher ändern sich nicht.

Update: Man könnte fast meinen, mein wahrer Name sei Hubert Kleinert ;-)

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13 Kommentare zu “Festival der Unpolitik”

  1. 28.01.2008 | 13:25

    [...] bild: shivaelektra (cc) [↩] bild: roland koch tagebuch (cc) [↩] Nachtrag: Wie das in länger und lesenswert aussehen könnte, kann man bei Rayson nachschlagen, der allerdings möglicherweise noch unter Pseudonym bei SPON veröffentlicht. <g> [↩] Geschrieben am Montag, 28. Januar 2008 um 13:13 Uhr und abgelegt unter Hessen, Wahlen, memo to self. Verfolgen Sie die Diskussion zu diesem Beitrag per RSS 2.0 Feed. Sie können diesen Beitrag kommentieren oder einen trackback von Ihrer eigenen Webseite setzen. [...]

  2. 28.01.2008 | 13:45

    Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) sagte, für die Bundestagswahl 2009 könne man von Niedersachsen lernen, dass ein sachlich-argumentativer Wahlkampf Union und FDP gemeinsam über 50 Prozent bringen könne.

    Quelle

    Bei uns hing ein Wulff-Plakat, auf dem er Niedersachsen und -sächsinnen anlächelte. Drüber stand, ganz sachlich-argumentativ: Glück für alle Niedersachsen.

    Unpolitik ist tatsächlich so dämlich, dass man k… möchte.
    Allerdings darf man nicht aus den Augen verlieren, dass durch unpolitisches Gehampel auch ernsthafte Folgen zu sehen sind: Nämlich das Heraufspülen der SED-Kommunisten auf die politische Bühne. Wo sie, wie ich befürchte, kleben bleiben. Dass sie nämlich so schnell wieder verschwinden wie einst die Republikaner, glaube ich leider nicht.

    Also vielleicht doch Mehrheitswahlrecht bei stärkerer direktdemokratischer Öffnung der Parteien zum Bürger hin?

  3. 28.01.2008 | 13:48

    Wobei auch ein Mehrheitswahlrecht die beklagenswerte politische Unkultur nicht beseitigen wird können.

  4. 28.01.2008 | 14:09

    Es stärkt immerhin die Position des einzelnen Abgeordneten. Das könnte was wert sein.

  5. 28.01.2008 | 14:35

    Mag jetzt vielleicht ein bisschen kleinkariert sein:

    (1) Wie und wodurch soll sich Un-Politik von Politik unterscheiden? Auch wenn ich den Anstoß der Kritik durch den Begriff der Unpolitik durchaus verstehen kann, steht ja nirgends geschrieben, wie Politik auszusehen hat. Der einzige Maßstab, der bei Wahlen von Bedeutung ist, ist nun mal der Erfolg. Ganz nach dem Motto: “Nothing succeeds like success.”

    (2) “In Wirklichkeit agieren hier politische Unternehmer auf Märkten, die sie sehr gut kennen.”

    Klar, nur das war schon bei den alten Griechen so, obwohl da keiner vom Markt gesprochen hat. Es bieten sich noch eine ganze andere Menge Begrifflichkeiten an, mit denen man so eine Wahl und die Politik beschreiben kann.

  6. DDH
    28.01.2008 | 14:39

    Ein Mehrheitswahlrecht wäre zwar immer noch ein Wahlrecht (d.h. der obszöne Demokratiezirkus würde weitergehen), aber ich wäre aus einem entscheidenden Grunde dennoch schon mal dafür (*ätsch*, auch ich kann auf gradualistisch machen): der Tod des Listenabgeordneten, das wäre fürwahr ein Segen!

  7. 28.01.2008 | 14:55

    Mir macht die Ähnlichkeit des Hessenergebnisses zu dem der Bundestagswahl 2005 Sorge. Sobald die Wahlbeteiligung um die 2/3 oder höher ist, scheinen die Linken in der Mehrheit zu sein. Wahlen können CDU/FDP nur gewinnen, wenn die SPD Wähler zu Hause bleiben. Sprich: Nicht bei einer Bundestagswahl.

  8. 28.01.2008 | 14:58

    Für das Mehrheitswahlrecht spricht auch, dass es dann in Wahlkämpfen mehr um regionale Probleme geht. Sprich viele kleine regionale Lobbies sind im Parlament vertreten und blockieren sich gegenseitig, statt wenige große.

  9. DDH
    28.01.2008 | 15:59

    Wenn sich Demokraten gegenseitig blockieren, ist das GUT für den Bürger. Jedenfalls besser, als wenn sie sich gegen ihn einig sind.

  10. 28.01.2008 | 16:02

    Wer hat denn was anderes behauptet?

  11. Dirk
    28.01.2008 | 17:58

    Wenn sich Demokraten gegenseitig blockieren, ist das GUT für den Bürger. Jedenfalls besser, als wenn sie sich gegen ihn einig sind.

    Eben! Oder in Friedmans Worten: The United States today is more than 50% socialist in terms of the fraction of our resources that are controlled by the government. Fortunately, socialism is so inefficient that it does not control 50% of our lives.

    Oder

    “Thank God we don’t get as much government as we pay for!” (Charles Kettering)

  12. 29.01.2008 | 0:57

    @Boche: So plump, wie es klingt war das CDU-Plakat meiner Einschätzung nach nicht. Ich glaube - ich sitze hier ja in Hessen - das war das Plakat für die Feiertage. Denn so richtig hart wahlkämpfen ist ja vor Weihnachten nicht drin, aber präsenz muss man ja schon zeigen.

    Das Mehrheitswahlrecht würde zumindest verhindern, dass gescheiterte Direktkandidaten über die Landesliste abgesichert werden. Allerdings könnte man das auch durch ein Verbot dieser Absicherung erreichen. Und für besonders demokratisch halte ich das mehrheitswahlrecht nicht, weil zuviele Stimmen unter den Tisch fallen.

    Und ob blockierende Demokraten gut für die Bürger sind, weiß ich nicht, denn wer sagt mir, dass die Blockierer Demokraten sind. Sind es keine haben wir eine destruktive Mehrheit und nichts geht mehr.

  13. R.A.
    29.01.2008 | 10:55

    Jetzt hört doch auf mit dem Mehrheitswahlrecht!

    Es ist ein realitätsferner Mythos, daß dies automatisch für “stabile Mehrheiten” sorgen würde.

    Man denke da mal an die letzte Regierung Major - der hat sich über Jahre gequält, weil irgendwelche Hinterbänkler ihre persönlichen Wahlkreisinteressen über die Parteilinie gestellt haben.

    Es gibt übrigens auch kein Parlament in Europa, in dem so viele Parteien vertreten sind wie in GB - nur völlig schamlose Wahlmanipulation beim Zuschnitt der Wahlkreise hat Labour eine Mehrheit gesichert.

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