Sprachschluderei und Strategiedebatte in der F.A.Z.

F.A.Z.-Herausgeber Berthold Kohler liest offensichtlich nicht beim Antibürokratieteam mit. Das ist zu seinem eigenen Schaden: er hat heute in seinem Leitartikel den »bad guy« Roland Koch fast schon rührend als »bösen Jungen« übersetzt, nachdem dieser monatelang so überzeugend den miesen Kerl, den Bösewicht und den Kotzbrocken gegeben hat. Hätte Berthold Kohler diesen Artikel unserer Kollegen und die dazugehörigen Kommentare gelesen, wäre ihm das sicher nicht passiert.

In seinem Leitartikel schreibt Kohler, die CDU müsse nach der Hessenwahl auch über das Undenkbare nachdenken. Das Undenkbare ist in diesem Fall eine »schwarze Ampel«. Dazu dürften die hessischen Grünen aber nicht gleichzeitig für eine potentielle Koalition mit der SPD und mit den Kommunisten bereitstehen. Genau dadurch wird die Zusammenarbeit zwischen Schwarz und Grün nämlich undenkbar. Abgesehen davon war Koch ja im Wahlkampf der »böse Junge«, der alle anderen auf dem Spielplatz verhauen hat …  Kohler schließt:

Doch die Erfolge der Linkspartei zwingen auch die Union, über das Undenkbare nachzudenken. Hessen ist wieder zur Experimentierstube der deutschen Parteiendemokratie geworden, in der die Volksparteien versuchen (müssen), Mehrheiten mit Zukunft zustande zu bringen. Dazu muss freilich auch die CDU erst einmal an sich selbst glauben. Kochs Politik war und ist bei weitem nicht so falsch und so schlecht, wie sie jetzt geredet und geschrieben wird.

Das mag sein. Aber sein Wahlkampf war unterirdisch.

Ähnliche Beiträge


10 Kommentare zu “Sprachschluderei und Strategiedebatte in der F.A.Z.”

  1. R.A.
    29.01.2008 | 14:03

    > Aber sein
    > Wahlkampf war
    > unterirdisch.
    Vielleicht kriege ich hier mal geklärt, was mir beim A-Team und anderen Foren keiner beantwortet hat: Was konkret war denn nun so schlimm an Kochs Wahlkampf?

    Das er einige unbrauchbare populistische Forderungen gestellt hat ist doch nun wirklich nichts Ungewöhnliches und kaum Grund für diese spezielle Koch-Antipathie.

  2. stefanolix
    29.01.2008 | 14:14

    Meiner Meinung nach ist es stillos, dass er den Überfall in München für seinen Wahlkampf ausnutzen wollte. Dass er es tat, obwohl es gerade bei der Bekämpfung der Jugendgewalt in Hessen offensichtlich Defizite gegeben hat, scheint mir eine große Dummheit zu sein.

    Überregional (zumindest hier) wurde auch nicht bekannt, dass Koch auf wirtschafts- oder bildungspolitische Erfolge verwiesen hätte. Wenn man glaubwürdig auf eine Koalition mit der FDP hinarbeiten will, muss man das doch gerade betonen.

    Schließlich fand ich seine Flughafenpolitik in der Zeit kurz vor der Wahl taktisch unklug. Und er hat zu wenig fundiert gegen den Sozialpopulismus der Linken argumentiert.

  3. R.A.
    29.01.2008 | 15:03

    > Meiner Meinung
    > nach ist es
    > stillos, dass
    > er den Überfall
    > in München für
    > seinen Wahlkampf
    > ausnutzen wollte.
    Warum?
    Es ist doch völlig normal, daß aktuelle Ereignisse benutzt werden, um politische Forderungen zu stellen.

    Ob das dann realistische Forderungen sind ist eine ganz andere Frage. Ebenso, ob es taktisch schlau war oder nicht - Dummheit wäre kein Grund für moralische Vorhaltungen (im übrigen ist es fachlich höchst umstritten, ob er hier in Hessen wirklich Versäumnisse zu verantworten hat).

    Jugendkriminalität ist ein Problem, das darf durchaus im Wahlkampf diskutiert werden.

  4. stefanolix
    29.01.2008 | 15:32

    Selbstverständlich kann im Wahlkampf über Jugendkriminalität diskutiert werden. Wer aber dieses Thema so nachdrücklich aufgreift, muss selbst Erfolge aufweisen und präsentieren können! Eine Diskussion über »umstrittene Versäumnisse« hat er schon verloren, bevor er sie überhaupt begonnen hat.

    Als ich »unterirdisch« schrieb, meinte ich die ganze Strategie des Wahlkampfs. Später kamen Stilfragen hinzu. Aber nie wollte ich ein moralisches Urteil fällen. Dass Wahlkampf sehr wenig mit Moral zu tun hat, ist mir schon selbst klar. Um so wichtiger sind Qualität und Erfolg;-)

  5. 29.01.2008 | 16:25

    “Unterirdisch” ist ja noch sehr neutral ausgedrückt, da fiele mir auch anderes ein. Koch thematisierte nicht wirklich Jugendkriminalität, sondern er machte sich den Vorfall in München zu nutze. Ohne selbst kompetente Politik in diesem Bereich betrieben zu haben, geschweige den Erfolge vorweisen zu können, setze er auf die Ressentiments der Wähler, die Münchner Täter waren schließlich “Ausländer”. Er ist damit Gottseidank gescheitert.

  6. R.A.
    29.01.2008 | 17:45

    @stefanolix:
    Da hatte ich Dich mißverstanden.
    Das Kochs Strategie letztlich dumm, weil kurzsichtig und falsch angelegt war, da bin ich völlig bei Dir.

    Beim Stil vermute ich aber, daß Du in erster Linie von der Berichterstattung beeindruckt wurdest (bei Statler hatte ich denselben Eindruck).
    Wenn man sich nämlich die Mühe macht, mal die Originalzitate Kochs im Kontext zu lesen - die sind so skandalös nicht (jedenfalls nicht die, die ich gefunden habe).

  7. R.A.
    29.01.2008 | 17:54

    @Klaus:
    > Koch thematisierte
    > nicht wirklich
    > Jugendkriminalität,
    Nein?
    Im Sechs-Punkte-Programm
    war genau davon die Rede.
    In meinen Augen wenig brauchbare Vorschläge - aber durchaus eine Thematisierung der Jugendkriminalität.
    Mit nur einem Punkt davon geht es um Ausländer - und da auch nur in der üblichen “Straftäter raus”-Logik eines Schröder.

    > die Münchner Täter
    > waren schließlich
    > “Ausländer”.
    Und das ist jetzt die Schuld von Koch?
    Es war ein spektakulärer und medienwirksamer Fall. Voll geeignet, um eine law-and-order-Linie zu propagieren, wie es Konservative eben tun.

    Darf jetzt die SPD keine “Anti-rechte-Gewalt” Forderungen mehr aufstellen, weil die Aufhänger dafür ganz einseitig und rassistisch nur deutsche Täter betreffen?

  8. Fuchur
    29.01.2008 | 19:31

    Genau, das Beispiel mit “rechter Gewalt” ist sehr gut: Was denn, wenn kurz vor der Wahl zwei Neonazis einen Ausländer verprügelt hätten. Und SPD und Grüne hätten das aufgegriffen, um für “mehr Integration” in Hessen zu werben.

    Wäre das auch “unterirdisch”?

  9. Lina
    29.01.2008 | 21:11

    @ Klaus

    So ist es: “Ohne selbst kompetente Politik in diesem Bereich betrieben zu haben, geschweige denn Erfolge vorweisen zu können, setzte er auf die Ressentiments der Wähler…”

    …und hat sich schwer verspekuliert dabei - was das Entscheidende (und auch für mich Wichtigste) an der Hessen-Wahl ist, weil es zeigt, dass der Wähler so dumm nicht ist, sich an Billigware aus dem Koch’schen Wahlkampfkatalog zu bedienen.

    @ stefanolix

    “Aber sein Wahlkampf war unterirdisch…”

    …während oberirdisch die Presse tätig wurde - die nicht unbedingt in Weblogs lesen muss, bevor sie sich ein Urteil bildet, d.h. ein Teil von ihr wäre vielleicht ganz gut beraten - um dem saftigen Eigenlob Deines Intros ein wenig entgegen zu kommen;-)

  10. stefanolix
    29.01.2008 | 22:49

    Ich lobte die Kollegen;-) — »Eigenlob der Blogger« kann eigentlich nicht funktionieren, weil Blogger eine sehr heterogene Gesellschaft sind. Im Grunde störte mich nur die unzutreffende Übersetzung. Ich hatte den Satz schon vor dem Bezahlen der Zeitung gesehen und hätte sie deshalb beinahe wieder hingelegt;-)

Bad Behavior has blocked 941 access attempts in the last 7 days.