Rücksichtnahme oder Durchsetzungskraft?

In manchen Aspekten bin ich ja doch ein recht traditioneller Mensch. Und so mag es auch sein, daß ich diverse Trends verpaßt habe und deswegen beim Spiegel-Höflichkeitstest
so häufig daneben liege.


Wenn z. B. die moderne Frau vom Tisch aufsteht, wenn sich ein Herr zur Begrüßung nähert - nun gut, das nehme ich gelassen und würde nicht mit meiner Tochter streiten, ob nicht doch die althergebrachten Sitten hier vorzuziehen wären.

Aber bei anderen Ratschlägen des SpOn frage ich mich doch, welche Rolle Höflichkeit bei denen eigentlich hat.
Ich halte es nach wie vor für selbstverständlich, daß man auf seinen Gegenüber eingeht, daß man einem jungen Mann anders die Hand drückt als einer alten Dame.
Alles Quatsch, meint der Test:
“Falsch, mit dem Händedruck sollten Sie nicht auf Ihr Gegenüber reagieren, sondern zeigen, dass Sie das Heft in der Hand halten.”

Und bei einer Begrüßung abzuwarten, daß Bekannte eine Vorstellung arrangieren, soll inzwischen auch falsch sein:
“Falsch. Besser ist es, das Heft selbst in der Hand zu behalten.”

Geht es hier wirklich um höfliches Benehmen in guter Gesellschaft - oder ist das ein Management-Seminar der “Ellenbogen”-Richtung?

Es ist vielleicht kein Zufall, daß der Spiegel auch im politischen Teil eher auf Seite von Leuten steht, die “das Heft in der Hand behalten”.
Egal, ob sie dabei mit Inhalten oder Stil akzeptabel bleiben.

Ähnliche Beiträge


6 Kommentare zu “Rücksichtnahme oder Durchsetzungskraft?”

  1. dagny
    31.01.2008 | 13:21

    In Stilfragen ist Asfa Wossen-Asserate zu empfehlen. Nur ob die Spiegel-Redakeure das Buch “Manieren’ seiner kaiserlichen Hoheit, auch noch Corpsstudent, gelesen haben?

  2. Ben Czerny
    31.01.2008 | 14:41

    Ich stehe mit diesen Benimmregeln auch etwas auf Kriegsfuß, obwohl ich sie fast alle kenne. Da wird mit zweifelhafter Autorität die kulturelle Vielfalt in Deutschland stellenweise eingeebnet. So ist es zum Beispiel in weiten Teilen Bayerns durchaus üblich und richtig, “Helf’ Gott” oder “Gesundheit” zu wünschen, wenn jemand niesen musste.

    Die wahre Kunst ist doch, sich in jedem Umfeld angemessen verhalten zu können und steuern zu können, ob das eigene Tun herausstechen soll, oder nicht.

    So gesehen ist der “Knigge” nur ein grober Leitfaden für Anfänger. ;)

  3. R.A.
    31.01.2008 | 16:20

    @Ben:
    Das man angeblich nicht mehr “Gesundheit” wünschen darf, ist m. E. auch außerhalb Bayerns Quatsch.
    Wobei die meisten Regeln dieser Art halt reine Gewohnheitssache sind, und wenn die sich ändern, sehe ich es mit Gelassenheit.

    Mit ging es speziell um dieses “Heft in der Hand behalten”.
    Das ist m. E. ein grundsätzliches Mißverstehen, was Höflichkeit ist und sein soll.

  4. jopa
    31.01.2008 | 18:25

    Was in diesen Regelwerken vor allem permamnent unterschlagen wird, ist, daß das optimale Benehmen stark vom Rahmen bestimmt wird. Seitens der stockkatholischen Großmutter wird etwas anderes erwartet als seitens der 25-jährigen Enkelin. Letztlich geht es beim Benehmen doch darum, sein Gegenüber glücklich zu machen - also sollte man sein Verhalten dem Gegenüber anpassen. Ob solche allgemeinen Regeln dabei hilfreich sind?

  5. googlehupf
    31.01.2008 | 20:06

    Feste, enge Regeln für alle sozialen Situationen unabhängig von den Personen; was kann da schon schiefgehen? Außer, dass man wie ein sozialer Roboter rüberkommt, meine ich?

  6. 5.02.2008 | 23:44

    Benimmregeln sind zur zeit das wichtigste

Bad Behavior has blocked 991 access attempts in the last 7 days.