6. Februar 2008
Super Tuesday: Ein Arbeitssieg für Clinton? Nein, für Obama.
So, das wäre das. Der Tsunami Tuesday ist also über die Bühne. Bei den Republikanern ist John McCain wohl durch (was an der Verachtung und dem Hass, der ihm aus dem eigenen Lager entgegenschlägt, ebenso wenig ändern wird, wie seine Wahlkampf-Spots mit der Botschaft “Ich bin doch ein Konservativer!”, siehe youtube-Video).
Und die Demokraten sehen betroffen: “Der Vorhang zu - und alle Fragen offen!”
Naja, fast alle Fragen sind offen. Aber so viel lässt sich wohl doch sagen: Gabor Steingart, der Barack Obama nach der knappen Niederlage in New Hampshire schon zum “Winterkönig” ausgerufen hatte, liegt mal wieder daneben, wenn er das Ergebnis zu einem “Arbeitssieg für Clinton” umdeutet. (Dass er das tut, weiß ich nur aus einer Mail von Björn, weshalb ich auch nicht weiter auf Steingart eingehen kann und will.)
Auch wenn Rayson mich zu einem eindeutigen Endorsement für Barack Obama drängt, möchte ich mich hier in meiner Einschätzung nicht von meinen Präferenzen, sondern von meinen Wahlbeobachtungen leiten lassen; das Obama-Endorsement kommt dann später, und es wird den für Obama-Endorsements obligatorischen Einstieg “for the first time in my life” enthalten.
Nun aber zurück zum gestrigen Wahlergebnis. Warum war das Ergebnis ein Arbeitssieg für Obama und nicht für Clinton?
Nun, zum einen hat Obama in der letzten Woche vor dem Super Tuesday den Vorsprung von Clinton zunichte gemacht und dabei in den landesweiten Umfragen pro Tag einen Prozentpunkt hinzugewonnen.
Obama hat zudem mehr Staaten gewonnen als Hillary Clinton und hat jetzt etwa die gleiche Anzahl von Delegierten, wenn man mal von den Superdelegierten absieht, von denen sich der Großteil noch nicht öffentlich festgelegt hat - und diejenigen, die sich festgelegt haben, können diese Festlegung jederzeit wieder ändern.
Außerdem kommt noch hinzu, dass Obama zwar im Aufwind ist, dieser sich aber nicht so stark gezeigt hat, dass für ihn die Gefahr besteht, dass das Pendel in die andere Richtung ausschlägt (reverse bandwaggon effect nennen das die Schlaumeier-Experten).
Ohne irgendeine Experten-Meinung oder Nachwahlbefragung gelesen zu haben, ist für mich klar:
1.) Obama hat überall da gewonnen, wo er persönlich Wahlkampf gemacht hat. Das Problem im weiteren Verlauf werden für ihn also die noch verbleibenden Flächenstaaten sein, vor allem Texas. Jetzt streiten sich die Experten, ob ihm noch die Zeit bleibt, genügend viele Wahlkampfauftritte zu absolvieren und so seinen Bekanntheitsgrad zu steigern. Ich meine: Ja, die Zeit hat er.
2.) Obama hat überall da verloren, wo Ted Kennedy für ihn Wahlkampfauftritte absolviert hat. Das ist auch kein Wunder, weil die Auftritte von Ted Kennedy an Peinlichkeit nicht zu überbieten sind, Kennedy-Mythos hin oder her. Zudem steht Ted Kennedy in deutlichem Widerspruch zu der Botschaft, die Barack Obama eigentlich vermitteln will.
3.) Obama gelingt es nach wie vor, Erstwähler für sich zu aktivieren. Nach allem, was ich so über das Internet mitbekomme, sind das keineswegs nur naive Jungwähler, sondern auch ältere oder gar alte Menschen, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt für die Vorwahlen interessieren.
Bei diesen Erstwählern wird er weiterhin Boden gutmachen.
4.) Bei weißen und hispanischen lateinamerikanischen (auf Intervention eines Kommentators korrigiert, M.W.) Wählern ohne Hochschulabschluß wird Hillary Clinton immer die Oberhand behalten. Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass das am Ende für sie nicht zur Präsidentschaft reichen wird. Wahrscheinlich reicht es noch nichtmal zur Nominierung.
5.) Dass das Rennen bei den Demokraten weiterhin offen ist, wird sich positiv für sie auswirken. Die Medien berichten jetzt schon (rein zeitlich gesehen) unausgewogen über die Kandidaten der beiden Parteien. Nach dem mehr oder weniger deutlichen Durchmarsch von McCain wird sich die Berichterstattung noch deutlicher zugunsten der Demokraten verändern.
Ich sehe diese Unausgewogenheit übrigens nicht nur als Ausdruck von politischer Voreingenommenheit, sondern halte sie ganz einfach für mit den Mediengesetzen erklärbar: Die Medien setzen nunmal auf einfache Botschaften, die sich in das 1:30- Format pressen lassen. Und bei den zwei demokratischen Kandidaten geht das besser als bei den fünf bzw. mittlerweile drei GOP-Kandidaten.
Jetzt gibt es natürlich die Schlaumeier unter den Experten, die meinen, es würde den Demokraten schaden, wenn sich ihre beiden Spitzenkandidaten noch monatelang beharken. Ich denke, dass diese Annahme falsch ist - zumindest dann, wenn Obama am Ende gewinnt. Nach allem, was ich wahrnehme, ist es nämlich so, dass die meisten Clinton-Anhänger über Obama sagen: “Den könnte ich auch wählen”, während die Obama-Anhänger über Clinton überwiegend nicht zitierfähige Beleidigungen ausstoßen.
Die Schlaumeier sagen weiter, dass die Obama-Anhänger auf jeden Fall sowohl im Wahlkampf als auch an der Wahlurne am Ende Clinton wählen werden, wenn es Obama nicht ins Finale schafft. Dazu ist mein Eindruck: Das mag für die Parteisoldaten gelten, die auch eine mit Puderzucker besteubte Laugenbrezel wählen würden, wenn sie damit einen GOP-Präsidenten verhindern könnten. Aber für die Wahlkampfhelfer und Wähler, die Obama gerade erst für sich rekrutiert hat, gilt: My Vote for Hillary? Forget about it, man!
(Dieselben Schlaumeier sagen auch, dass die GOP-Anhänger, die John McCain - um es vorsichtig zu formulieren - für ungeeignet halten, ihn am Ende im Finale doch wählen werden; mein Eindruck ist auch da: My Vote for McCain? Nope. I’d rather vote for Clinton.)
Ich hätte gerne mehr über die Republikaner geschrieben, aber die Lage scheint mir doch recht eindeutig zu sein - und Romney und Huckabee finde ich beide so unerträglich, dass ich es nicht fertig bringe, mir irgendwelche Informationen über sie anzueignen.
John McCain finde ich hingegen nach wie vor gut - und wenn es zur Schlacht “McCain vs. Obama” kommen sollte, dann haben die Amerikaner nach meinem Dafürhalten eine echte Wahl zwischen zwei echten, wählbaren Alternativen. Das unterscheidet diese Wahl zum Beispiel von Frankreich, Serbien, Kenia oder Hessen, wo für mich jeweils beide Spitzenkandidaten absolut unwählbar gewesen wären.
Soweit meine nicht durch Umfragen und jahrelanges Rumhängen in CNN-Studios vernebelte Schlaumeier-Meinung, die ich mir durch das Lesen von hunderten von Zeitungsartikeln und das tagelange Rumhängen in amerikanischen Blogs (von ganz rechts bis ganz links - really, I’ve read it all) gebildet habe.
Verfasst von Marian Wirth um 12:41 Uhr in der Kategorie International, Politik (Trackback)