Zum Mindestlohn

Im Handelsblatt gibt es einen Artikel des “Korrespondenten” Norbert Häring, der sich vordergründig gegen die CDU-Strategie ausspricht, branchenbezogene Mindestlöhne einzuführen, und zwar mit dem Argument, dass diese Alternative gegenüber den anderen beiden “kein Mindestlohn” und “allgemeiner Mindestlohn” stets die schlechtere sei.

Damit hat er recht. Die “branchenbezogenen Mindestlöhne” haben die Tendenz, höher zu sein als jeder allgemeine Mindestlohn, was sie automatisch zu den schlechteren Alternativen macht.

Aber eigentlich votiert Herr Häring sehr massiv für eine bestimmte Alternative, nämlich den allgemeinen Mindestlohn. Von Volkswirten geäußerte Gegenmeinungen werden damit abgetan, dass da “deutsche Ökonomen” den Arbeitsmarkt “wie den Kartoffelmarkt” analysierten. Als Gegen”beweis” dient die These, der Arbeitsmarkt funktioniere nicht wie der Kartoffelmarkt. Die Fragwürdigkeit dieser Argumentation offenbart sich in zweierlei: Erstens denken keinesfalls nur deutsche Ökonomen so (man google z.B. mal bei Greg Mankiw nach “minimum wage”). Zweitens wird die angeblich “widerlegende” These nicht belegt, sondern nur behauptet. Was auch kein Wunder ist angesichts der fragwürdigen theoretischen Begründungen für Mindestlöhne.

Die dann folgende eigene Begründung, ein Mindestlohn sorge für eine stärkere Legitimation von ALG-II-Empfängern, kann ich nur als bizarr bezeichnen. Die dafür grundlegende These, die Bezieher von Transfereinkommen litten an einem Legitimationsdefizit, halte ich schlicht für falsch. Im Gegenteil, hierzulande ruft der Wähler nach noch mehr Absicherung und macht alle anderen für Arbeitslosigkeit verantwortlich, nur nicht die Bezieher von staatlichen Leistungen. Vielleicht ausgenommen die Xenophoben, aber um die soll es uns hier nicht gehen.

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41 Kommentare zu “Zum Mindestlohn”

  1. stefanolix
    6.02.2008 | 7:51

    Was wäre denn eine »bessere Legitimation« für Menschen, deren Einkommen trotz 40-Stunden-Woche zum Leben nicht reicht? Man müsste sie mit dem Finanzamt abrechnen lassen und nicht mit der Hartz-IV-Behörde. Man müsste einen höheren Anteil ihres Einkommens von Sozialabgaben freistellen. Aber was würde ein Mindestlohn mit sich bringen? — Sie säßen wieder auf der Wartebank bei der Arbeitsagentur.

  2. 6.02.2008 | 8:08

    Ich nehme an der Autor geht von der Unausweichlichkeit des Mindestlohn aus, angesichts der politischen Lage in Deutschland. Und da muss man sich halt das Unausweichliche schön reden.

  3. Schmock
    6.02.2008 | 13:30

    Es gibt doch in vielen Staaten einen Mindestlohn. Was sind denn die praktishen Erfahrungen damit? Wieviele Arbeitsplätze gingen verloren? Wie haben sich die Löhne entwickelt?
    Das ist eine ganz ernst gemeinte Frage, denn ich weiß nicht genau was ich von einem allgemeinen Mindestlohn halten soll. Eine Erklärung wie: die Arbeitsplätze deren Produktivität unter dem Mindestlohn würden wegfallen, reicht mir nicht, denn diese Problem, fiele einem durchschnittlicher Grundschüler schon auf, also auch einigen klugen Leuten vom Fach, die einen Mindestlohn befürworten. Sie müssen also gute Gründe haben, warum die obige Argumentation sie nicht überzeugt. Außerdem macht Ökonomie ganz ohne Empirie wenig Sinn.

  4. 6.02.2008 | 13:44

    @Schmock

    Eigentlich beziehe ich mich auf einen ganz konkreten Artikel.

    Außerdem macht Ökonomie ganz ohne Empirie wenig Sinn.

    Empirie ohne Theorie aber auch nicht. Das Problem ist natürlich, dass man die Effekte einer einzelnen Maßnahme kaum von anderen gleichzeitig wirkenden Einflussfaktoren isolieren kann. Die Ökonomen versuchen das nach besten Kräften, aber je genauer ihnen das gelingt, um so weniger Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben die Ergebnisse dann meist auch.

    Und schließlich kann ein Mindestlohn ja noch so niedrig sein, dass er sich überhaupt nicht auswirkt.

    Die mir bislang bekannten theoretischen Begründungen für positiv wirkende Mindestöhne gehen von einem Arfbeitsmarkt mit Monopson aus. Diese Annahme muss man nicht für sinnvoll halten.

  5. Gomez Davila
    6.02.2008 | 13:45

    Die Löhne im Niedriglohnsektor befinden sich im freien Fall. Was ich nicht verstehe: Einen richtigen “Marktlohn” gäbe es im Niedriglohnbereich doch nur, wenn auch die Möglichkeit des Aufstockens wegfiele, der ihn, da Subvention, verzerrt. Denn dann wäre es existentieller Selbstmord, diesen Job anzunehmen, da er die Zeit wegnimmt, um auf anderem Wege (Kriminalität etc.) die Existenz zu sichern. Folglich könnten solche Jobs zu solchen Löhnen nicht mehr angeboten werden und diese müssten steigen.
    Wenn man dazu, aus Gründen des sozialen Friedens vielleicht, nicht bereit ist, müsste man folgerichtig den Weg gehen, den stefanolix beschreibt, zumal um die Niedriglöhner vor der demütigenden “Verfolgungsbetreuung” der Sozialämter zu bewahren.

  6. R.A.
    6.02.2008 | 14:18

    @Schmock:
    > Eine Erklärung wie:
    > die Arbeitsplätze
    > deren Produktivität
    > unter dem Mindestlohn
    > würden wegfallen,
    > reicht mir nicht,
    > denn diese Problem,
    > fiele einem
    > durchschnittlicher
    > Grundschüler schon
    > auf, …
    Das ist eine sehr optimistische Vermutung.
    Nach meinen Erfahrungen kennen auch Akademiker mehrheitlich das Konzept “Produktivität eines Arbeitsplatzes” überhaupt nicht.

    In vielen Diskussionen zu diesem Thema muß man selbst Leuten, die von Gewerkschaften oder Parteien als “Experten” losgeschickt werden, so etwas erst einmal erklären.

    Siehe die Diskussion um die Post-Mindestlöhne: Sehr viele Leute gehen davon aus, daß die Zahl der auszutragenden Briefe eine Konstante ist - egal wie die Kosten sind.
    Und dann (und nur dann) könnte man auch eine fast beliebige Lohnerhöhung an die Kunden weiterreichen und jeden Arbeitsplatzverlust vermeiden.

    Dieses statische Denken ist recht typisch für den ökonomischen Analphabetismus in Deutschland.

  7. 6.02.2008 | 14:48

    @Schmock:

    Ich empfehle zum Sachstand über den Mindestlohn gern den Aufsatz “The Economic Effects of Minimum Wages” von David Neumark:

    The evidence from a large body of existing research suggests that minimum wage increases do more harm than good. Minimum wages reduce employment of young and less-skilled workers. Minimum wages deliver no net benefits to poor or low-income families, and if anything make them worse off, increasing poverty. Finally, there is some evidence that minimum wages have longer-run adverse effects, lowering the acquisition of skills and therefore lowering wages and earnings even beyond the age when individuals are most directly affected by a higher minimum.

  8. R.A.
    6.02.2008 | 16:19

    Als Ergänzung:
    Im Grunde ist die Debatte schon etwas verlogen.
    Denn letztlich geht es (wenn man den Mindestlohn nicht sehr hoch ansetzt - und dann wäre er eine Katastrophe für den Arbeitsmarkt) kaum darum, daß die Betroffenen wirklich mehr Geld zur Verfügung haben.
    Sondern es geht nur darum, daß sie nicht mehr ergänzende Sozialhilfe brauchen.

    Mit anderen Worten: Der Staat spart bei einigen Leuten Geld, und zahlt dafür anderen Leuten Stütze aus.

  9. 6.02.2008 | 16:39

    Mit anderen Worten: Der Staat spart bei einigen Leuten Geld

    Das würde er nur, wenn Mindestlöhne funktionierten. Tun sie das?

  10. Freie Radikale
    6.02.2008 | 17:01

    Was geflissentlich übersehen wird: Durch steigende Mindestkosten auf der Angebotsseite steigen auch die Preise, wenn man zugrunde legt, dass Mindestlöhne nicht zu Stellenabbau führen. Wer sind die Leidtragenden von Inflation? Bestimmt nicht die, die den Mindenstlohn beschließen werden. Ich wette, dass in der BRD bald jeder weiß, was Stagflation bedeutet.

  11. tigger
    6.02.2008 | 20:50

    “Es gibt doch in vielen Staaten einen Mindestlohn.”

    Staaten mit vergleichbar ausgebautem Kündigungsschutz, und inflexiblen Arbeitsmärkten wie in Deutschland ? Da fällt mir auf der Stelle nur Frankreich ein. Die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich ist doppelt so hoch wie in Deutschland. Muss doch irgendwas dran sein an der trockenen Theorie, oder ?

  12. F.Alfonzo
    7.02.2008 | 2:13

    Durch steigende Mindestkosten auf der Angebotsseite steigen auch die Preise, wenn man zugrunde legt, dass Mindestlöhne nicht zu Stellenabbau führen.

    …davon würde ich grundsätzlich nicht ausgehen, da Unternehmen ihre Kosten nicht beliebig auf die Nachfrager umwälzen können.
    Gerade deshalb entsteht ja die Arbeitslosigkeit durch Mindestlöhne: Ein Unternehmen steht damit evtl. vor der Entscheidung “Leute entlassen oder Pleite gehen”, falls nicht sowieso beides eintritt.

    Außer natürlich, man legt die Höhe des Mindestlohns branchenspezifisch so fest, dass sie nur noch vom größten Unternehmen gezahlt werden können, siehe Post.

  13. Freie Radikale
    7.02.2008 | 2:43

    @F.Alfonzo

    davon würde ich grundsätzlich nicht ausgehen

    Ich auch nicht.

    Die hast grundsätzlich recht. Ich wollte nur diese Auswirkung in Erinnerung bringen, im Konjunktiv. Die Wenigsten werden die Kosten umlegen können. Manche schon.

    Welche Möglichkeiten gibt es denn? Preise erhöhen, Mitarbeiter entlassen/verlagern oder ein Mix aus beidem. Ich würde dennoch das Thema Inflation in diesem Zusammenhang nicht vernachlässigen.

    Außer, die Inflation frisst die Lohnsteigerung schneller auf, als die „Lohnbehörde“ nachkommt. ;-)

    Ich kann einfach nichts soziales an diesem Plan erkennen.

  14. Lina
    7.02.2008 | 8:07

    @ stefanolix

    “Man müsste einen höheren Anteil ihres Einkommens von Sozialabgaben freistellen.”

    Womit das Finanzamt weniger an Abgaben einnimmt. Ist es da nicht egal, ob der Staat ihnen hinterher etwas aus der Hartz-IV-Kasse drauflegt? In Zahlen kommt das doch für beide Seiten auf’s Selbe raus, oder nicht?

    Einziger Vorteil, den ich sehe: so wäre das Problem umgangen, dass die Wirtschaft die Staats-Offerte schamlos ausnützt und sich die Niedriglöhne dadurch weiter “im freien Fall befinden” können (Gomez Davila). Und die Würde des Niedriglöhners hätte eine kosmetische Korrektur erfahren…

  15. 7.02.2008 | 8:39

    Ich erlaube mir einen manuellen Trackback auf einen thematisch verwandten Artikel:

    Gewerkschaften: die Folgen für die Menschen

    Besten Dank.

  16. stefanolix
    7.02.2008 | 10:41

    Lina, mir geht es darum, dass diese Menschen aus der Abhängigkeit von der Sozialbürokratie herauskommen und von den Schikanen befreit werden. Beim Finanzamt ist’s ja nun auch nicht immer schön. Aber dort würden sie gemeinsam mit Leistungsträgern und nicht mit Leistungsempfängern behandelt. Dadurch würde ihre Arbeit als Friseurin oder Hilfsarbeiter respektiert, das ist mir als Liberaler mit DDR-Vergangenheit einfach ein Anliegen. Es spricht viel dafür, dass man unabhängig vom Marktwert jeden respektiert, der mit seinen Händen oder seinem Kopf arbeitet — und so haben wir das damals auch gelernt.

  17. 7.02.2008 | 12:18

    Was ich nicht verstehe: Einen richtigen “Marktlohn” gäbe es im Niedriglohnbereich doch nur, wenn auch die Möglichkeit des Aufstockens wegfiele, der ihn, da Subvention, verzerrt.

    Der Ausgangspunkt ist ja, dass bei den Geringqualifizierten massive Arbeitslosigkeit vorherrscht. Wenn deren Produktivität nicht reicht, um den eigenen Bedarf zu erarbeiten, brauchen sie Transfers. Nun wird mitunter befürchtet, dass die Arbeitgeber die Löhne weiter senken und den Transfer abschöpfen.

    Die Lohnsenkung ist aber gewollt, denn davon verspricht man sich ja mehr Beschäftigung. Erst wenn der Arbeitsmarkt der Geringqualifizierten geräumt ist und die Löhne noch weiter sinken, schöpfen die Arbeitgeber offenkundig die ergänzenden Transfers ab. In dieser Situation könnte sogar ein Mindestlohn gerechtfertigt sein. Da sind wir aber noch meilenweit von entfernt, die Arbeitslosenquote der Geringqualifizierten liegt über 20 Prozent.

  18. Gomez Davila
    7.02.2008 | 12:34

    @Holger:

    Daß die hohe Arbeitslosigkeit mit der geringen Produktivität zu tun hat, das ist nur die halbe Wahrheit, denn sie erklärt nicht die sinkenden Löhne in diesem Bereich - schließlich ist die Produktivität eines Friseurs nicht gesunken. Man muß kein Sozialist sein, um zu erkennen, daß die hohe Arbeitslosigkeit unter den Geringqualifizierten (obwohl nicht nur dort Hungerlöhne bezahlt werden, immerhin haben laut IAQ 3/4 der Minijobber eine formale Ausbildung) deren Verhandlungsmacht mindert, was eben ausgenutzt wird. Oder, neutraler: größeres Angebot bei gleicher Nachfrage - geringerer Preis.

  19. 7.02.2008 | 12:53

    @Gomez Davila

    Produktivität ist da nicht als durchschnittliche oder individuelle zu verstehen, sondern als Grenzproduktivität, also die Produktivität eines zusätzlich neu eingestellten (in diesem Fall:) Friseurs.

    Wenn die gleich geblieben wäre, das an neu einzustellende Friseure zu zahlende Entgelt sich aber verringert hat, dann sind die Inhaber von Friseursalons (aktuelle und potenzielle) lauter Dummbatzen, die sich Gewinnmöglichkeiten entgehen lassen.

    Ist das deine These?

  20. 7.02.2008 | 12:56

    @Gomez:

    Wenn die Produktivität der Geringqualifizierten so viel höher wäre als deren Lohn, würden sie doch massenhaft eingestellt, da die Arbeitgeber in diesem Fall hohen Gewinn aus der Beschäftigung erzielen könnten. Ist aber nicht der Fall, im Gegenteil: Einfache Tätigkeiten wurden massenhaft wegrationalisiert.

    Die absolute Produktivität der Friseure sinkt zwar nicht, aber durchaus im Verhältnis zu anderen (z.B. Metallfacharbeiter). Insofern erklärt sich ein wachsender Lohnunterschied sehr wohl aus der Produktivitätsentwicklung.

    Dass die Minijobber zum Teil eine Ausbildung haben, besagt im Grunde nichts. Erstens sind Minijobber nicht gleich Geringqualifizierte und -verdiener. Zweitens zählt nicht die Ausbildung, sondern die für die Ausübung der Tätigkeit erforderliche Qualifikation. Der promovierte Germanist, der Taxi fährt, ist in der Regel auch nicht viel produktiver als der Taxifahrer mit abgebrochener Hauptschule.

  21. 7.02.2008 | 13:10

    @Holger

    Und drittens streben nicht alle Minijobber auch einen Vollzeitjob an. Unglaublich, aber wahr.

  22. 7.02.2008 | 13:23

    @Rayson:

    Korrekt. Nur 21 Prozent der Teilzeitbeschäftigten sind in Teilzeit, weil keine Vollzeitbeschäftigung zu finden war. Überwiegend dominieren familiäre Gründe für Teilzeit (50 Prozent).

  23. Gomez Davila
    7.02.2008 | 13:36

    @Rayson, @Holger:

    Danke für die instruktiven Antworten! Aber noch zwei Verständnisfragen in Thesenform:

    1. würde die relativ gestiegene Produktivität einen wachsenden Lohn der Metallarbeiter erklären, aber nicht einen sinkenden der Friseure. Von einem Lohnunterschied habe ich nicht gesprochen. Wenn aber aus einem mir nicht einsichtigen Grund die wachsende Produktivität von Berufsgruppe A einen sinkenden Lohn von Berufsgruppe B bedeutete, würde Berufsgruppe B in the long run endgültig und hoffnungslos dem workfare anheimfallen.

    2. Daß die Inhaber von Friseursalons Dummbatzen sind, ist mitnichten meine These. Eher die, daß das Friseurhandwerk sich kaum auf technischem Wege produktiver machen lässt. Konkurrieren kann man dort nur über sinkende Preise, und die kann man dort nur über sinkende Löhne erzielen, und die so entstehenden Kampfpreise schmälern den Gewinn. Der Inhaber des Friseursalons hat also nix von den sinkenden Personalkosten. Er nutzt die hohe Arbeitslosigkeit unter den Geringqualifizierten, muß sie nutzen, die anderen ziehen allerdings nach.

  24. Schmock
    7.02.2008 | 13:36

    @Rayson
    Da es offenbar einen Dissens gibt (anscheinend auch unter Ökonomen), wie sich ein Mindestlohn auswirkt, erscheint es mir angebracht, wie in jeder Wissenschaft die sich mit der realen Welt beschäftigt, die Empirie zurate zu ziehen. In öffentlichen Kontroversen über den Mindestlohn scheint das selten zu passieren. Manchmal wird ein einzelnes Beispiel gebracht, was freilich nicht passen muss, manchmal begnügt man sich mit abstraktem räsonnieren.

    “Wenn die gleich geblieben wäre, das an neu einzustellende Friseure zu zahlende Entgelt sich aber verringert hat, dann sind die Inhaber von Friseursalons (aktuelle und potenzielle) lauter Dummbatzen, die sich Gewinnmöglichkeiten entgehen lassen.”
    Die Argumentation geht eher so:
    1.Ein Arbeitgeber hat einen Stamm von Angestellten und er sieht keinen Gewinn darin zusätzlich Leute einzustellen.
    2.Die Produktivität der Angestellten und der reale Gewinn des Arbeitgebers sind leich geblieben.
    3.Die realen Löhne der Angestellten sind gefallen, das ist möglich da die Arbeitgeber auch bei fallenden Löhnen aus Angst vor Arbeitslosigkeit nicht kündigen.
    4.Der Arbeitgeber ist Friseur und in dem Viertel in dem sein Friseursalon steht sieht er keine Perspektive, dass sich noch mehr Leute die Haare schneiden lassen.

    Zu den vermeintlichen Dummbatzen:
    Warum ist es so, dass das Liter Normalbenzin an Tankstellen in Deutschland so viel kostet wie das Liter Super, obwohl es im Einkauf billiger ist? Machen die Tankstellenbesitzer beim Super einen Verlust? Wenn nicht so könnte ein Tankstellenbesitzer Normalbenzin billiger machen und damit einen Marktvorteil haben, oder etwa nicht?
    Sind Tankstellenbesitzer dumm?

  25. Schmock
    7.02.2008 | 13:39

    @SteffenH
    Danke für den Link. Der Aufsatz ist in der Tat ein inhaltlicher Beitrag.

  26. 7.02.2008 | 16:38

    Gomez,

    nein, einen absolut sinken Lohn der Friseure erklärt der Produktivitätszuwachs der Metallarbeiter nicht. Der ließe sich, sofern es sich tatsächlich so verhält, nur über eine gesunkene Prosuktivität der Friseure (unwahrscheinlich) oder ein zunehmendes Angebot/sinkende Nachfrage nach Friseuren erklären.

    Langfristig sind Tätigkeiten mit wenig Möglichkeiten der Produktivitätssteigerung in der Tat gefährdet, da sie notwendig relativ immer teurer werden (siehe Baumols Kostenkrankheit).

  27. 7.02.2008 | 17:04

    @Holger:

    Tätigkeiten, deren Produktivität nicht steigerbar ist, sind nur dann gefährdet, wenn es Substitute dafür gibt. Billige Harrschneidemaschinen zum Selbstfrisieren, leicht verwendbare Haarfärbemittel aus dem Drogeriemarkt etc. Wenn nicht, dann bleibt die Nachfrage erhalten oder kann mit steigendem Einkommen sogar steigen, weil sich die Leute dann öfter oder aufwendiger Frisieren lassen. Die höhere Produktivität in der Gesamtwirtschaft, führt dann in diesen Bereichen auch zu einer steigenden Produktivität,weil mit gleichem Arbeitseinsatz ein höherer Umsatz erwirtschaftet werden kann. Entsprechend steigen dann auch die Löhne der Friseure.

  28. tigger
    7.02.2008 | 19:24

    “Warum ist es so, dass das Liter Normalbenzin an Tankstellen in Deutschland so viel kostet wie das Liter Super, obwohl es im Einkauf billiger ist?”

    Das bezweifle ich. Die Preise machen doch die Raffinerien.

  29. F.Alfonzo
    8.02.2008 | 5:56

    @ Freie Radikale:

    ich weiss, woruf du hinaus willst: Inflation wird immer von jenen Leuten bezahlt, die sich’s am wenigsten leisten können.

    …hat aber eigentlich nicht das geringste mit Mindestlöhnen zu tun, weil da Geld einfach nur umverteilt wird (und zwar inkl. eines Wohlfahrtsverlustes).

    …macht m.E. kurzfristig nicht viel aus…
    Wenn du ein Problem mit Inflation hast, dann wende dich bitte an den “genialen” Zentralbanker Bernanke, der könnte (wenn er wollte) davon ein Lied singen :-)

  30. F.Alfonzo
    8.02.2008 | 6:21

    @Lina:

    Zum Thema “Senkung der Sozialabgaben”:
    Um mal einen liberalen Standpunkt zu bringen (ich weiss, interessiert keine Sau in Deutschland):

    Geringere Sozialabgaben = höheres verfügbares Einkommen = mehr Wahlfreiheit für jedes Individuum.

    Das Argument funktioniert natürlich nicht in einem Staat, der davon ausgeht, die Leute seien zu blöd um selber zu denken.

    Anderer Punkt: Private Versicherungen sind nach meiner Kenntnis billiger als Staatliche (wenn man Beiträge und Leistung vergleicht).
    Ein Beispiel: Meine Mutter ist 67 Jahre alt, privat krankenversichert, und zahlt monatlich weniger als ich, obwohl ich im Moment (als Angestellter) gerade mal 700-800 Euro/Monat verdiene… kommt dir das nicht irgendwie idiotisch vor?

    Nehmen wir an, ich hätte das deutsche Durchschnittseinkommen von ca. 28.000 Euro / Jahr zur Verfügung… wie viel würde ich wohl für die Krankenversicherung zahlen? Annähernd 28000 x 0.14 = ein Vielfaches meiner Mutter, von der man annehmen sollte, dass sie wesentlich höhere Arztkosten haben wird als ein 28-jähriger…

  31. 8.02.2008 | 9:59

    @F.Alfonzo:
    Arbeitgeberanteil nicht vergessen. Also eher x0,8.

  32. Lina
    8.02.2008 | 15:37

    F.Alfonzo

    “…kommt dir das nicht irgendwie idiotisch vor?”

    Doch, das kommt mir sogar spanisch vor. - Ich kenne nur höhere private Beiträge. Vielleicht ist der Krankenversicherungsbeitrag Deiner Mutter in seiner Bemessung einer mit einem sogenannten Selbstbehalt?

    “Das Argument funktioniert natürlich nicht in einem Staat, der davon ausgeht, die Leute seien zu blöd um selber zu denken.”

    Das unterschreibe ich sofort, hat aber nichts mit der von mir aufgemachten Rechnung zu tun, wonach eine Abgabenminderung seitens des Finanzamts in Zahlen etwas anderes brächte, als dem Niedriglöhner “Hilfe zum Lebensunterhalt” aus der Hartz-IV-Kasse zu gewähren - ausser einem Gewinn an staatsbürgerlicher Würde, versteht sich, und da pfeift er vermutlich auch noch drauf, wenn er entwürdigenderweise von seinem Lohn allein nicht leben kann.

    P.S.: Dass unsere Sozialabgaben generell zu hoch sind, weiss doch “jede Sau” und nimmt es - friedfertig wie sie ist - einfach hin;-)

  33. Optimist
    10.02.2008 | 18:30

    wonach eine Abgabenminderung seitens des Finanzamts in Zahlen etwas anderes brächte, als dem Niedriglöhner “Hilfe zum Lebensunterhalt” aus der Hartz-IV-Kasse zu gewähren

    Ich habe es schon mal angemerkt. Was ist daran so schwer zu verstehen? Außer man leidet an Ignoranz. Also noch einmal: Hartz 4 wird Bedarfsgemeinschaften gewährt, sofern diese attestiert wird. Also nicht Individuen. Wohingegen die EK-Steuer individuell ist.

    Ein Beispiel für Dich, Luna: Du bist arm und wohnst bei deinem Freund/Freundin. Der verdient „zu gut“, mir dem Ergebnis, dass du nichts bekommst. Dein Mitbewohner kann deinen Lebensunterhalt nicht von der Steuer absetzen.

  34. 10.02.2008 | 18:41

    Außer man leidet an Ignoranz

    Hier leidet niemand an irgendetwas. Höchstens ich an Kommentaren, die ihren durchaus vorhandenen Gehalt durch solche unsachlichen Angriffe auf andere Kommentatoren versauen.

    Für alle: Persönlich und beleidigend werden dürfen hier nur Boche und ich. Und das auch nur aus historischen Gründen.

  35. Freie Radikale
    10.02.2008 | 18:47

    @Alfonzo

    ich weiss, woruf du hinaus willst: Inflation wird immer von jenen Leuten bezahlt, die sich’s am wenigsten leisten können.

    Das wollte ich nicht behaupten. Es trifft alle, außer diejenigen, die ihre Diäten der Inflationsrate anpassen können. Dass ein Inflationsschub ein Nullsummenspiel wäre, kann ich auch nicht so ganz verstehen.

  36. Freie Radikale
    11.02.2008 | 0:40

    … [Inflation] hat aber eigentlich nicht das geringste mit Mindestlöhnen zu tun, weil da Geld einfach nur umverteilt wird (und zwar inkl. eines Wohlfahrtsverlustes).

    Ich muss nochmal das Thema Inflationsschub aufgreifen. Der ist mE. nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Werden in einer betroffenen Branche keine Stellen abgebaut, müssten die Preise steigen. Werden hingegen Stellen gestrichen und Anbieter ziehen sich zurück, werden auf mittlere Sicht auch Preise steigen, da das Angebot sinkt. Trifft meine These zu, müsste dieser Effekt bei der Post zu beobachten sein und das Porto steigen. Ich bin gespannt …

  37. 11.02.2008 | 1:49

    @freie radikale:

    Was du beschreibst ist aber der Anstieg eines einzelnen Preises und keine Inflation, also der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, der immer nur ein monetäres Phänomen der Geldentwertung durch Geldmengenausdehnung ist.

  38. Freie Radikale
    11.02.2008 | 2:42

    @ SteffenH

    Was du beschreibst ist aber der Anstieg eines einzelnen Preises

    Du hast Recht. Das Porto soltte nur als Beispiel dienen für den Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, den ich im Zusammenhang mit Mindestlöhnen befürchte. Du nicht?

  39. Freie Radikale
    11.02.2008 | 4:24

    @ SteffenH
    Es stimmt, dass Preissteigerungen nicht zwangsläufig die Inflation erhöhen. Kann ja sein, dass gleichzeitig Flugzeuge billiger werden. Danke für den Hinweis.

    Ungeachtet dessen ist zu befürchten, dass die Lebenshaltungskosten steigen und man für einen Euro nur noch 1 statt 2 Brötchen bekommt. Inflation hin oder her.

  40. 11.02.2008 | 10:55

    @Freie Radikale:

    Eine Preisniveausteigerung eines Gutes kann nicht zur Steigerung des allgemeinen Preisniveaus führen, da es sich nur um den Anstieg eines Preises relativ zu anderen handelt. Wenn also der Preis für Postdienstleistungen wegen höherer Lohnkosten steigt, dann werden davon ja auch weniger produziert, also sinkt insgesamt auch die Nachfrage nach anderen Gütern. Echte Inflation entsteht nur über eine Ausweitung der nominalen Geldmenge, die den Wirtschaftssubjekten die Illusion einer höheren Kaufkraft verschafft, die sich über kurz oder lang in höheren Preisen niederschlägt. Siehe diese Inflationsdefinition.

  41. 11.02.2008 | 10:58

    @Freie Radikale:

    Was ich noch sagen wollte. Natürlich wirkt der Mindestlohn wie eine Produktsteuer für die Konsumenten des Gutes. Steven Landsburg hat das mal schön beschrieben.

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