Und wo ist das Problem?

Die ZEIT ist ja nun nicht in erster Linie für ihre Wirtschaftskompetenz bekannt.
Also muß man es nicht sehr ernst nehmen wenn dort gefordert wird, der Staat möge endlich mal irgendetwas regeln (was genau, kann der Autor allerdings nicht sagen).

Auf jeden Fall führt er neun Punkte auf, die er für Fehler hält.
Immerhin ist er großzügig: “Es kommt mir nicht darauf an, dass jede dieser politischen Entscheidungen rückgängig gemacht wird.”
Es ist ihm wichtiger, daß der Finanzsektor mal ordentlich reduziert wird. Zu groß, zu viele Arbeitsplätze, zu viele Gewinne - völlig unerträglich für einen braven Linken.

Aber was mich mal interessieren würde und deswegen als Frage an die hier reichlich vertretenen Ökonomie-Experten weiterreiche: Ist eigentlich irgendeiner der genannten neun Punkte ernst zu nehmen oder ist das wirklich alles nur Stuß, was er schreibt.

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23 Kommentare zu “Und wo ist das Problem?”

  1. 7.02.2008 | 13:26

    Forderungen, die in Richtung von mehr Transparenz und Rechenschaftspflicht zielen, halte ich prinzipiell für so unsinnig nicht. Aber der gute Herr Zeise, den ich zur Schonung meiner Nackenmuskulatur nach diesen beiden Begegnungen ignoriere, wirft da natürlich jede Menge in einen Topf und rührt das solange kräftig um, bis der gewünschte Quark zum Vorschein kommt:

    Die dort generierten Gewinne sind zu hoch.

    Wie gut, dass wir solche fähigen Journalisten haben, die uns sagen können, wie hoch Gewinne wo zu sein haben dürfen.

    Es entbehrt übrigens nicht eines gewissen Humors und ist von den ersten Kommentatoren dort auch entsprechend vermerkt worden, wenn sich ausgerechnet jemand, für den die Forderung nach Senkung der Zinsen zum geregelten Tagesablauf zu gehören scheint, über das Anheizen des Immobilienbooms durch die Notenbanken beschwert.

  2. R.A.
    7.02.2008 | 13:50

    @Rayson:
    Ach, der Typ ist das.

    Wobei ich übrigens auch bei Transparenz und Rechenschaft nicht automatisch ja sage.
    Es gibt auch und gerade im Geschäftsleben viele Informationen, die mit Recht nicht transparent sein müssen.
    Und Rechenschaft kann es nur gegenüber Berechtigten geben (z. B. Aktionären), nicht gegenüber irgendwelchen Dahergelaufenen, die sich selber berufen fühlen.

    Wobei ich sicher bin, daß Du diese Einschränkungen auch mitgedacht hast.

  3. 7.02.2008 | 14:46

    @R.A.:
    Allerdings nicht nur gegenüber großen, institutionellen Anlegern, sondern Rechenschaft und Transparenz auch gegenüber den Kleinanlegern, denen immerhin auch ein Teil des Unternehmens gehört. Und gegenüber potenziellen Anlegern. Wer würde schon einen Anteil an einer GmbH kaufen wollen, die ihm vorher nicht ihre Bücher und Abrechnungen offen legt? Und warum sollte das bei Aktien anders sein?

    So eine AG hat zahlreiche Vorteile - zum Beispiel den, dass man auf eine (relativ) einfache Weise an frisches Kapital kommen kann. Allerdings hat sie auch ihre Nachteile, die allerdings zurecht: Die Öffentlichkeit hat besondere Rechte auf Transparenz und Rechenschaft einer AG.

  4. 7.02.2008 | 15:16

    Wie durcheinander der Autor ist, zeigt sich alleine schon daran, dass er keine seiner 9 Punkte in ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis zu etwas anderem bringt. Sie dienen nur als anekdotischen Evidenz dafür, dass der Finanzsektor “zu groß” sei und “zu hohe” Gewinne gemacht würden. Eine Liste, die dieses Gefühl untermauern soll, aber nicht der Funken einer rationalen Argumentation.

  5. R.A.
    7.02.2008 | 15:26

    @Karsten:
    Völlig Zustimmung.
    Ich habe mir halt erlaubt, auch die Kleinanleger unter “Aktionäre” zu fassen ;-)

    Ein interessanter Aspekt ist, ob “potentielle Anleger” ein Recht auf Transparenz haben.
    Da wäre ich erst einmal zurückhaltend (obwohl es sehr häufig im Eigeninteresse des Unternehmens ist).

    Nun egal, solche Details sind ohnehin für einen Zeise nicht relevant.

  6. Parker8
    7.02.2008 | 16:19

    Martin Wolf hat in der FT in einer Reihe von Kommentaren das Thema umfassend problematisiert:

    Why banking remains an accident waiting to happen
    Regulators should intervene in bankers’ pay
    Why it is so hard to keep the financial sector caged

    Er ist auch eher pro Regulierung.

  7. U. P.
    7.02.2008 | 16:22

    bin in einem anderen Herdentrieb blog der Zeit auf ein Buch gestoßen, welches sachlich fundiert das Verhältnis von Finanz- und Realwirtschaft analysiert
    “Geld arbeitet nicht”
    http://www.shaker-media.de/shop/978-3-940459-22-0
    wäre dem Herrn Zeise sehr zu empfehlen ;-)

    da wird die Finanzwirtschaft sauber beschrieben in ihrer Funktion als Geldvermittler, welche klar abgetrennt wird von der Glücksspielerei mit Zertifikaten, Optionen und dergleichen. Der Autor scheint ein überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft zu sein und befürwortet die Stärkung der Vermittlerfunktion und strenge Reglementierung des Glücksspiel.

  8. R.A.
    7.02.2008 | 16:38

    @Parker8:
    Vielen Dank für diese Links - das sind jetzt wirklich mal Artikel mit Hand und Fuß.
    Und einem guten Teil der Analyse würde ich auch durchaus beipflichten.

    Wobei mein Lösungsansatz aber nicht weitere Regulierung wäre, sondern das, was Martin Wolf “narrow banking” nennt: Die staatlichen Garantien und die entsprechende Überwachung gelten nur für das kundenrelevante Bankgeschäft mit Spareinlagen und Zahlungsverkehr.

    Der spekulative Teil dagegen sollte buchhalterisch klar abgetrennt werden - und wenn dann mal ein paar Banken wg. Fehlspekulation platt gehen, dann ist das halt so und genauso hinzunehmen wie die Pleite eines Industrieunternehmens.

    Ich sehe weder die Notwendigkeit noch die Möglichkeit, Spekulation wirksam staatlich zu kontrollieren.
    Einerseits werden die Leute dort immer ein Stück schlauer und schneller sein als ihre Kontrolleure.
    Und andererseits braucht eine Gesellschaft bzw. ihre Wirtschaft auch die riskante Spekulation, wenn sie innovativ bleiben will.

  9. R.A.
    7.02.2008 | 16:43

    @U.P.:
    > Der Autor scheint
    > ein überzeugter
    > Anhänger der
    > Marktwirtschaft
    > zu sein
    Wenn ich die Beschreibung im Link lese, scheint der Autor eher Anhänger der uralten Kapitalismus-Kritik à la “raffendes vs. schaffendes Kapital” zu sein.
    Insofern nicht unbedingt ein Gegensatz zu Zeise.

  10. 7.02.2008 | 16:53

    Was die staatliche Überwachung betrifft, sollten wir uns nicht die Ironie entgehen lassen, dass die “schlimmsten” Spekulanten anscheinend gerade in den Banken gesessen haben, deren Staatsnähe besonders hoch ist.

  11. stefanolix
    7.02.2008 | 17:02

    Wir wir in Sachsen leidvoll jeden Morgen in der Zeitung lesen können …

  12. U. P.
    7.02.2008 | 17:15

    @ RA
    “scheint der Autor eher Anhänger der uralten Kapitalismus-Kritik à la “raffendes vs. schaffendes Kapital” zu sein.”

    kann ich nach Lektüre des Buches nicht bestätigen, keine Kapitalismuskritik, sondern mit vielen Daten unterlegte Begründung für Förderung von Investitionen und Reglementierung von Glücksspiel, besonders faszinierend ist die Beschreibung der unterschiedlichen Geschäftsmodelle von Hedgefonds, Private Equity Fonds und Venture Capital Fonds sowie die daraus abgeleiteten praktischen Empfehlungen,
    lesenswert!

  13. stefanolix
    7.02.2008 | 17:26

    Da kommt bei mir auch gleich die Frage auf: wie will man dabei differenzieren. Es gibt schaffendes Kapital (nennen wir es “direkt investiert”). Es gibt angelegtes Kapital (private equity, venture capital, nennen wir es “indirekt investiert”). Das ist ja in Ordnung, auch wenn die Linken natürlich jede Art von Kapital als “raffend” verteufeln.

    Aber seit 1998 der erste Hedgefonds beinahe mit unabsehbaren Folgen zusammengebrochen wäre, habe ich mir auch so meine Gedanken gemacht, ob man das rein spekulative System (Glücksspiel) nicht von unserem normalen Finanzsystem trennen könnte.

  14. R.A.
    7.02.2008 | 17:41

    Ich habe ja nun beruflich etwas mit dem Thema zu tun (wenn auch nur, um die Vorstellungen gewisser Finanzleute in EDV umzusetzen) und habe auch den Eindruck, daß manche Produkte etwas merkwürdig sind.

    Trotzdem halte ich es für methodisch unsinnig, zwischen “ordentlich investieren” und “Glücksspiel” zu unterscheiden.

    Die Nazi-Bezeichnungen “raffend” vs. “schaffend” hatten ja letztlich nur tiefe Unkenntnis zur Ursache, was eigentlich an Finanzmärkten vor sich geht (und ich will diese Bezeichnungen auch gar nicht weiter verwenden, weil diese Anspielung nicht als Godwin gedacht war).

    Letztlich liegt es alleine an der Intention des Investors, ob er Schiffsladung Schweinebäuche oder ein hochkompliziertes Future-Konstrukt oder eine Hedgefonds-Beteiligung nun kauft, weil er sich als normaler Geschäftsmann verhält oder ob er Zockerinstinkte befriedigen will.
    Letztlich geht es immer um “Geld aufs Spiel setzen, Gewinn haben wollen” mit unterschiedlichen Risiken und Chancen.

    Und dieses Investieren/Spekulieren ist absolut notwendig für modernes Wirtschaften und niemand außer dem Betreffenden selber kann valide entscheiden, ob und wofür er sein Geld riskiert.

  15. R.A.
    7.02.2008 | 17:44

    @stefanolix:
    > Aber seit 1998 der
    > erste Hedgefonds
    > beinahe mit
    > unabsehbaren
    > Folgen
    > zusammengebrochen
    > wäre
    Eigentlich hätten die Folgen nur ganz banal sein dürfen: Die Eigentümer sind ihr Geld los und grämen sich privat ein bißchen.

    Das ist eigentlich überhaupt nicht kritisch.

    Gefährlich wirds nur, wenn konventionelle Banken (letztlich mit dem Geld ihrer Sparer) direkt oder indirekt in Hedgefonds investieren.

    Dies ist aber dann KEIN Problem der Hedgefonds, sondern dieser Banken und ihrer Aufsicht.
    Wenn die z. B. für entsprechende Beträge Lotterielose kaufen, wäre da auch nicht das Problem der Lotterie, sondern im Zweifelsfall eines der falschen Risikobewertung dieser “Investition”.

  16. 7.02.2008 | 17:50

    Der Artikel enthält zweifellos mehr Bauchgefühl als sachliche Analyse. Aber auch Bauchgefühl kann manchmal richtig liegen.
    Der Finanzsektor gehört zu den mit Abstand grössten Staatsprofiteuren in unserer korporatistisch geprägten Wirtschaft. Er hängt unmittelbar an der Zitze des staatlichen Geldwesens.
    Hierzu verweise ich mal auf meine kleine Ausführung zur etatistischen Logik der “Heuschrecken”: http://zine.paxx.tv/?p=12

    Vor diesem Hintergrund ist aber natürlich die Forderung verstärkter staatlicher Aufsicht und Kontrolle ziemlich witzlos. Das wäre, wie wenn man einen hungrigen Hund damit beauftragt, einen Wursthaufen zu bewachen…

  17. R.A.
    7.02.2008 | 18:08

    @Christian:
    Richtig ist auf jeden Fall, daß Hedge Fonds und Private Equity nicht nur “echtes Spekulantengeld” einsetzen (was ja problemlos auch mal verloren gehen könnte), sondern auch das geliehenes Geld verjuxen.

    Aber man braucht jetzt gar nicht über “fiat money” und Goldstandard zu philosophieren (das ist wirklich ein Thema für sich).

    Denn völlig unabhängig davon, woher die Banken dieses Geld haben - sie dürfen dies natürlich (nach den eigentlich üblichen Sicherungsregeln!) nicht so fröhlich in Risikoanlagen stecken.

    Falls Du mit Deinen Überlegungen recht hast, vergrößert dies vielleicht die Versuchung - aber das eigentliche Problem hier ist nicht die Zentralbankpolitik.

  18. 7.02.2008 | 18:23

    Was die staatliche Überwachung betrifft, sollten wir uns nicht die Ironie entgehen lassen, dass die “schlimmsten” Spekulanten anscheinend gerade in den Banken gesessen haben, deren Staatsnähe besonders hoch ist.

  19. ockenfels
    7.02.2008 | 18:40

    wahr ist, dass taubenhafte geldpolitik in spanien, irland und vor allem den usa zu einer asset price inflation geführt haben. wahr ist auch, dass diese durch straffung der geldpolitik unterblieben wäre. und ganz auszuschließen ist ein zusammenhang zwischen immobilienblase (bzw deren platzen) und der assetprice-inflation auch nicht!

    sonst steht tatsächlich nur schrott drin!

  20. 7.02.2008 | 20:42

    Wahr ist, dass es die Immobilienblase mit restriktiverer Geld nicht gegeben hätte. Ja. Aber heißt das, dass die “lockere” Geldpolitik die Immobilienblase herbeigeführt hat? Oder waren es nicht doch überwiegend die großen Fehleinschätzungen der Banken und privaten Haushalte?

  21. 7.02.2008 | 23:55

    @R.A.: Die Geldpolitik ist m.E. das bedeutendste politische Problem.
    Privatanleger entscheiden selbst über das Risikoprofil ihrer Anlagen. Jeder hat das Recht darauf, in windige Fonds zu investieren und das eigene Geld zu verjucken. Jeder hat auch das Recht, PE-Fonds Geld zu leihen. Wenn Banken sich verspekulieren, geht das von deren Gewinn ab. So what? Besteht davon abgesehen ernsthaft die Gefahr, dass Banken das Geld ihrer Sparer verzocken? Ich kann dies nicht erkennen.

    Die Stossrichtung des Artikels war m.E. mehr die Frage, wie es zu “Exzessen” in der Finanzbranche kommt. Hier setzt eben der Staat mit seiner Geldpolitik bedeutende sehr ungesunde Rahmenbedingungen.

  22. R.A.
    8.02.2008 | 11:32

    Daß die ZEIT es auch besser kann, zeigt sie heute

    Der Autor weist m. E. zu Recht darauf hin, daß nicht Regulierungsdefizite bei den Fonds das Problem sind, sondern Vollzugsdefizite bei der normalen Bankaufsicht (bzw. der internen Risikokontrolle dort).

    Und ein kritisches Wort zu den Ratings-Agenturen ist wohl auch gerechtfertigt.

  23. der_gute_don
    8.02.2008 | 14:02

    sondern Vollzugsdefizite bei der normalen Bankaufsicht

    Das ist in der Tat seit 10 Jahren ein offenes Geheimnis, man muss sich nur die Angestelltenzahlen bei der BaKred (jetzt BaFin) ansehen … irgendwie lustig, für jeden Mist gibts genug Beamten, da wo es wirklich sinnvoll wäre, zu wenig.

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