Über den Daumen gepeilt…

…ist der Mindestlohn noch weniger als eine Nullnummer. Eine einfache Schätzung mit Hilfe von Arbeitsnachfrageelastizitäten des ifo-Instituts Dresden legt nahe, dass der Mindestlohn für eine große Anzahl von Niedriglohnbeziehern den Jobverlust bedeuten könnte. 7,50 € würden ganz schnell für 3% weniger Beschäftigte in Westdeutschland und mehr als 6% in Ostdeutschland sorgen. Im absoluten Niedriglohnbereich würde das bis zu 50% der Beschäftigten den Job kosten. Ein wahrhaft linkes Ding.

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23 Kommentare zu “Über den Daumen gepeilt…”

  1. 11.02.2008 | 13:57

    Zu befürchten ist, dass die 7,50 Euro schon längst nicht mehr Grundlage der Diskussion sind. Seit die Gewerkschaften gemerkt haben, dass mit allgemeinverbindlich erklärten Branchentarifverträgen noch viel mehr herauszuholen ist und das Arbeitsministerium dafür die gesetzliche Grundlage schaffen will, dürften die Forderungen eher in Richtung 9 Euro gehen. Ach ja, 3 Prozent der Arbeitnehmer in Westdeutschland sind 850.000.

  2. Milfweed
    11.02.2008 | 17:28

    Ich bin auch gegen einen Mindestlohn.

    Aber wenn man ihn einführt, dann sollte man wenigstens Sozialhilfe usw. streichen (nun gut, stark verringern). Das könnte den Effekt haben, dass Geringqualifizierte ihren niedrig bezahlten Job verlieren und gezwungen sind, sich weiterzubilden.

    Das ist Wunschdenken. MD sollte lieber doch nicht eingeführt werden.

  3. 11.02.2008 | 17:48

    @Milfweed:

    Die geringproduktiven Tätigkeiten verschwinden nicht einfach nachdem sich die Leute weitergebildet haben. Beispiel: Tütenpacker in einem ameriakanischen Supermarkt. Da es günstige Arbeitskraäfte gibt, lohnt es sich die Leute für eine Arbeit zu bezahlen, die der Kunde sonst allein machen müsste. Er bräuchte mehr Zeit für den Einkauf, die er anderweitig produktiver verwenden könnte. Wenn wir keine einfachen Dienstleistungen aufgrund von Mindestlohnregelungen anbieten, dann müssen schlichtweg hochqualifizierte Konsumenten all diese einfachen Dienstleistungen selbst machen oder ganz auf sie verzichten, was zu Lasten ihrer hohen Produktivität geht (Ein Ingenieur ist wesentlich produktiver auf der Arbeit als beim Fensterputzen zu Hause, weshalb er sich einen Fensterputzer kommen lässt und die gesparte Zeit lieber die Entwicklung einer Maschine investiert.). Es sei denn wir erfinden rasch günstige Automaten, die diese Arbeit übernehmen. Also sinkt die Produktivität der Wirtschaft, wenn die Leute nicht entsprechend ihrer Fähigkeiten eingesetzt werden. M.a.W. eine arbeitsteilige Gesellschaft braucht Niedriglohnjobs um ihr Produktivitätspotential auszureizen. Wenn wir die unangenehmen Konsequenzen dieser Jobs nicht wollen, also Armut unter den Niedriglöhnern, dann sollten wir das durch ausgleichende Sozialhilfe beseitigen, für die aber alle aufkommen, nicht nur die jeweiligen Unternehmen und ihre Kunden. Natürlich spricht das nicht gegen Qualifikation, aber eine höhere Qualifikation macht aus einem Tütenpacker noch keinen hochproduktiven Arbeiter.

  4. Libero
    11.02.2008 | 18:35

    Ein Ingenieur ist wesentlich produktiver auf der Arbeit als beim Fensterputzen zu Hause, weshalb er sich einen Fensterputzer kommen lässt und die gesparte Zeit lieber die Entwicklung einer Maschine investiert.

    Du scheint der reichlich nunja Ansicht zu sein, das sich Ingenieure während ihrer Arbeitszeit vorwiegend mit Ingenieuraufgaben und Forscher, ebenfalls während ihrer Arbeitszeit, vorwiegend mit Forschungsaufgaben beschäftigen. Gepriesen sei der Herr, der dir diese Ansicht eingab.

    In den Forschungsabteilungen, die ich kenne, dient maximal 30 bis 40 % der Arbeitszeit der eigentlichen Forschung. Man ist ja nicht Meßknecht, sondern verbringt seine Zeit in internen und externen Sitzungen, mit dem Beschreiben von Berichten und Anträgen sowie mit allerlei Arbeiten, die zum Beispiel eine gute Sekretärin ebenfalls erledigen kann.

    Also sinkt die Produktivität der Wirtschaft, wenn die Leute nicht entsprechend ihrer Fähigkeiten eingesetzt werden.

    Wenn es hochkommt, arbeiten 50 % der Ingenieure nach 20 Berufsjahren noch als Ingenieure. Wenn sie noch arbeiten. Bei den Ingenieuren über 50 Jahre sind es nur 18 %, die überhaupt noch arbeiten.

    Aber schön, daß wenigstens einer an die heile Welt der Ingenieure und Naturwissenschaftler glaubt. Was man sieht und was man nicht sieht. Hier sehe und lese ich die heile Ideenwelt der Liberalen und das ist langweilig.

  5. 11.02.2008 | 18:38

    blinded by the light!

  6. Milfweed
    11.02.2008 | 18:44

    @ Libero

    Es ist aber besser, wenn wir mehr Menschen haben, die 20 Jahre als Ingenieur arbeiten und technischen Fortschritt und Wohlstand schaffen, als Menschen, die 45 Jahre im Friseurhandwerk tätig sind oder als Sekretärin mit zig Formularen hantieren.
    Und wir brauchen uns bestimmt keine Sorgen machen, dass es mal zuu viel Ingenieure gibt. ^^

  7. hw
    11.02.2008 | 18:46

    Spätestens wenn die EU-Beschlüsse zur Entsenderichtlinie, sowie der Dienstleistungsrichtlinie in Deutschland vollkommen umgesetzt werden müssen, wird man um einen Mindestlohn nicht herumkommen, um deutsche Arbeitsplätze zu schützen.
    Denn sonst wird man dann, insbesondere in Grenznähe, auf ausländische “Billigarbeiter” zurückgreifen oder aber das Lohnniveau in Deutschland kräftig nach unten anpassen müssen.

  8. 11.02.2008 | 18:46

    “Das könnte den Effekt haben, dass Geringqualifizierte ihren niedrig bezahlten Job verlieren und gezwungen sind, sich weiterzubilden.”

    Wer bezahlt die Weiterbildung? Selbst mit einem Mindeslohn wird das Gehalt so knapp sein, dass der Arbeitnehmer kein Geld dafür über haben wird - oder glaubt es nicht über zu haben.

    Und die Arbeitsämter und ARGEn werden auch nur unter ganz bestimmten Umständen jemanden weiterbilden. Ich habe mal mit Arbeitsamtmitarbeitern gesprochen und die erklärten mir, dass die Erfolge aus Qualifizierungsmaßnahmen zu gering waren und deswegen diese deutlich runtergefahren wurden.

    Ich glaube das sogar, weil man ja nicht weiß zu was man die Leute weiterbilden soll, weil die Prognose zur zukünftigen Nachfrage erfahrungsgemäß schwierig ist. Das vorherzusagen klappt ja noch nicht einmal bei Akademikern.

  9. Libero
    11.02.2008 | 19:01

    Es wäre noch besser, wenn Forscher und Entwickler sich auf Forschung und Entwicklung konzentrieren könnten. Davon sind wir weit entfernt.

  10. Gomez Davila
    11.02.2008 | 19:07

    Leider sind die von Ragnitz und Thurn aufgestellten theoretischen Vorannahmen schon ungefähr 1283 mal genannt worden. Zumindest die ersten beiden Annahmen wurden ebensooft angezweifelt. Zur Flucht in die Automatisierung: Wo diese eine offensichtlich stumpfsinnige Arbeit ersetzt, ist sie sogar ein Segen. Aber offensichtlich lassen sich Wachleute deshalb nicht von Automaten substituieren, weil diese nicht über das Urteils- und Interventionsvermögen verfügen, das gebraucht wird. Infoterminals statt Serviceschalter werden oftmals als Zumutung empfunden.- Bei der Erhöhung der Absatzpreise mit Nachfrageminderung wird vergessen, daß diese Minderung durch die Nachfrageerhöhung der Mindestentlohnten zumindest teilweise kompensiert wird. - Die letzten beiden Argumente, Flucht in Schwarzarbeit und Scheinselbständigkeit, treffen leider zu. Das allerdings m.E. wegen der besonders im Osten großen Reservearmee.
    Zu der Diskussion in den Kommentaren: Vielleicht würde es weiterhelfen, zwischen Produktivität und Qualifikation zu differenzieren. Eine hohe Qualifikation bedeutet nicht automatisch eine hohe Produktivität, und umgekehrt.

  11. 11.02.2008 | 19:08

    @Libero

    Das alles lässt ja nur Raum für zwei Erklärungen:

    1. Der Wettbewerb ist entweder völlig zum Erliegen gekommen oder wenigstens kurz davor, so dass sich alle Unternehmen im Markt leisten können, Mitarbeiter von ihrer Arbeit abzuhalten.

    2. Der Staat verlangt, natürlich nur zu unser aller Nutzen und Frommen, einen derartigen Bürokratieaufwand.

    Oder vielleicht gibt es noch eine dritte: Die Welt des Liberos ist etwas kleiner als die Welt an sich.

  12. Gomez Davila
    11.02.2008 | 19:27

    @Rayson:

    zu 2.: leider steigt mit der Unternehmensgröße auch tendenziell die interne Bürokratie, ohne daß der Staat was dafür könnte. Der Markt scheint da nur die ärgsten Kapriolen zu bestrafen.
    Zudem haben politisierende Unternehmensverbände (Lobbyismus) das Monster zumindest teilweise gut gehegt, welches den einzelnen Unternehmen jetzt die Luft abdrückt. Das würde zumindest das unter 1. genannte teilweise erklären.

  13. 11.02.2008 | 19:29

    @Gomez:

    Es mag sein, dass ein Automat eine stumpfsinnige Arbeit seinem Voränger abnimmt. Nur fragt sich, ob die Arbeitslosigkeit weniger stumpfsinng ist. auf jeden Fall hebelt dein Argument nicht den Einwand von Ragnitz und Thum aus.

    Du hast nicht richtig gelesen. Durch den Mindestlohn wird nicht mehr, sondern weniger produziert, also führt das zu einer Güterverknappung und höheren Preisen. Das ein paar Mindestlöhner jetzt höhere Löhne haben, liegt nur daran, dass ein paar Konsumenten mehr Geld für die Güter ausgeben und die Unternehmer etwas geringere Gewinne haben. Kurzfristig reine Umverteilung, langfristig aufgrund der Anreizeffekte eine totsichere Wachstumsbremse.

  14. 11.02.2008 | 19:37

    @Gomez Davila

    Der Markt scheint da nur die ärgsten Kapriolen zu bestrafen.

    Warum eigentlich? Kollektive Blödheit?

  15. Gomez Davila
    11.02.2008 | 21:00

    @SteffenH: Automatisierung als mittelbare Ursache für Arbeitslosigkeit? Hat was von “Rettet die Faustkeilindustrie”. Außerdem war das gar nicht mein Argument. Ich wollte nur darauf hinweisen, daß im Dienstleistungsbereich Automatisierungen schwerer umzusetzen sind. Daß ich nicht richtig gelesen habe, stimmt, allerdings anders: Der Beschäftigungsrückgang infolge Nachfragerückgang wurde als hypothetisches Urteil formuliert:”Wenn, dann…” Das mit der Umverteilung ist richtig. Der mittlere Angestellte trägt weniger Geld ins Restaurant, der Friseur mehr Geld zu Aldi.

    @Rayson: Ich wittere Ironie. Nur: bezogen auf meine Aussage oder die Situation?

  16. 11.02.2008 | 21:38

    @Gomez:

    Nicht das du mich falsch verstehst. Ich gehöre sicher nicht zu der Fraktion der modernen Maschinenstürmer. Aber die Tatsache, dass mit einem Mindestlohn Leute auf der Straße sitzen für deren Ersatz man Maschinen konstruieren musste, reduziert noch lange nicht das Problem, dass die Leute auf der Straße sitzen. Im Idealfall wäre es so, dass die freigesetzten Leute was anderes vernünftiges machen. Dürfen sie aber nicht, weil das was sie machen den Mindestlohn nicht wert ist. Es wäre jetzt Unsinn, solange auf diese Leistung zu verzichten, bis wir eine neue Maschine dafür entwickelt haben.

  17. 11.02.2008 | 22:07

    @Gomez Davila

    Wenn bei vielen Unternehmen die Entwickler 40% ihrer Zeit vertrödeln, könnte ein anderes Unternehmen diese für ein Drittel mehr Gehalt abwerben, nur noch 10% der Zeit Blödsinn machen lassen und würde dann doch mehr Gewinn machen als der Konkurrent. Dass dies offensichtlich nicht geschieht, spricht für eine kollektive Blödheit. Oder etwa nicht?

  18. Gomez Davila
    11.02.2008 | 22:57

    @Rayson: Ich weiß nicht, ob Blödheit das richtige Wort ist. Denn einerseits ist die Bürokratisierung ja der Größe geschuldet. Oder man ruht sich auf Staatsaufträgen aus: Stichwort: etliche Rüstungsfirmen. Andererseits spielt das typische Primatenverhalten eine Rolle: Tieeeeefe Hierarchien (ich Chef, du nix, das postfordistische Unternehmen mit flachen Hierarchien hat sich jedenfalls nicht auf breiter Front durchgesetzt), Mißgunst zwischen den Abteilungen, Peter-Prinzip usw. Habe manchmal den Eindruck, daß bei vielen großen Firmen Beamtenmentalität den Unternehmensgeist verdrängt, also auch hier die “Theorie des kollektiven Handelns” voll zutrifft: Sich einen großen Teil des Kuchens schnappen ist rationaler für den Einzelnen, als den Kuchen zu vergrößern.

  19. 11.02.2008 | 23:07

    @Gomez Davila

    Die Realität in vielen Konzernen musst du mir nicht schildern. Aber in Zeiten des Shareholder Value sollte sich doch wenigstens das eine oder andere Unternehmen finden lassen, dass die Schwäche der Großen nutzt, oder? Erleben wir auf den Absatzmärkten doch jeden Tag.

    Das Problem dürfte, so mein Tipp, wahrscheinlich eher in der Inflexibilität der Entwickler selbst liegen. Als guter deutscher Arbeitnehmer optimiert man eben nicht seinen Marktwert (was bin ich aber auch wieder für ein kalter Neoliberaler, so ein Wort in den Mund zu nehmen: Wo kämen wir denn da hin, wenn sich Arbeitnehmer nicht mehr als Abhängige begriffen), sondern definiert sich über seinen “Arbeitsplatz”. Der Hang zur Verkrustung herrscht eben auf allen Ebenen.

  20. 11.02.2008 | 23:08

    Warum ibt’s so Firmen noch?

  21. 11.02.2008 | 23:08

    gibt

  22. tigger
    12.02.2008 | 10:58

    @Libero

    Also da muss ich als Ingenieur aber widersprechen. Die Berichte/Dokumente, die ich erstelle, betrachte ich durchaus als “Ingenieurstätigkeit”, denn sie dienen als Input für nachfolgende Abteilungen, wie Testabteilung oder Fertigung, und diese Dokumente könnte die Sekretärin - egal wie gut - nicht erstellen. Genausowenig käme es gut an, wenn ich unsere Sekretärin an meiner Stelle in eine Besprechung schicken würde. Was den sonstigen Bürokratieaufwand betrifft (Arbeitszeitverwaltung, Papierkram bei der Beschaffung von Messtechnik) ist das Unternehmen ohnehin ständig bestrebt, Prozesse zu finden, mit denen wir möglichst wenig damit belästigt werden.

    Es kann ja sein, dass es Unternehmen gibt, wo die eigentliche Ingenieursarbeit nicht so wichtig ist, aber bei uns wäre das nicht der Fall.

    Mir sen ja au im Ländle…

  23. Milfweed
    12.02.2008 | 17:22

    Es wäre noch besser, wenn Forscher und Entwickler sich auf Forschung und Entwicklung konzentrieren könnten. Davon sind wir weit entfernt.

    Die Aussage halte ich für anmaßend, denn ob Sicherheitsleute (oder andere Geringverdiener) sich ständig Sekunde für Sekunde auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren bezweifel ich.
    Oder müssen Hochqualifizierte den ganzen Tag ackern und Arbeitnehmer mit geringen Marktwert dürfen sich mal hier und da mehr Pausen gönnen und sich mit sinnlosen Formularen beschäftigen?

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