Was trägt der Rechtsextreme von Welt?

Im Deutschlandfunk wurde heute morgen über die Mode der Rechtsextremen gesprochen. Über Marken, die dem modebewussten Neonazi die Möglichkeit gibt, halbwegs verschlüsselte Botschaften der Gruppenzugehörigkeit zu senden und Bekenntnisse zu vermeintlichen Volksmythen und untergegangen Parteien und Organisationen abzulegen.
Auch anderenorts machte man sich darob seine Gedanken und verfolgte die aktuellen Entwicklungen dieser Modeszene.

Auf die Gefahr hin, wieder als Verharmloser oder gar Sympathisant verunglimpft zu werden: Ist das nicht etwas albern?
Welchen Nutzen bringt es, die in Mode und Marken verschlüsselten Signale der Rechtsextremen zu überwachen und öffentlich zu machen?

Zuerst fiele mir der ein: Man könnte Rechtsextreme auf der Straße erkennen.
Voraussetzung: Man hat nicht jemanden vor sich, der den Mode-Code nicht kennt und sich unbewusst damit kleidet.
Ziele: Fraglich. Was nutzt mir das Erkennen eines Rechtsextremen auf der Straße?
Denkbar wäre, dass man dies zur Gefahrenabwehr nutzt. Wenn man zur Zielgruppe rechtsextremer Gewalt gehört. Aber dann könnte das Modesignal wohl eher zu spät kommen.
Oder, man nutzt es, um den Menschen anzusprechen und in eine kritische Diskussion seiner Haltung zu verwickeln. Das wäre demokratisch-anständig und lobenswert, unter Umständen gegenüber einem Extremisten aber wenig erfolgversprechend (und eventuell gefährlich). Ich glaube auch kaum, dass dies passiert. (Vielleicht seitens engagierter Lehrer in der Schule. Für die könnten Informationen über solche Mode-Signale also vielleicht tatsächlich von Nutzen sein.)
Als drittes Ziel der Erkennbarmachung bliebe dann natürlich noch die Möglichkeit, seine antifaschistische Gewalt gezielter zu steuern. Dass ich dieses Ziel aus grundsätzlichen Erwägungen nicht akzeptiere, hatte ich ja erwähnt (und möchte es bitte nicht neu diskutieren). Die oben genannte Voraussetzung müsste, würde man dieses Ziel akzeptieren, wohl auch erst einmal als sicher erfüllt angesehen werden.

Ein weiterer, wohl ungewollter, Nutzen des Öffentlichmachens rechtsextremer Modecodes ist meines Erachtens die Verbreitung genau dieses Codes bei der Zielgruppe von Thor Steinar und Co.

Wozu beschäftigt man sich also öffentlich mit den Erkennungs- und Bekenntnissignalen einer extremistischen Minderheit?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß auch nicht, was das Hase-und-Igel-Spiel bringen soll, von Rechtsextremen genutzte Marken und deren Verkauf zu behindern. Ich fände eine Welt ohne Hitler-Verehrer, Antisemiten und Rassisten zwar auch schöner. Nur fehlt mir der Glaube, dass man ihr dadurch näher kommt, dass man deren Symbole bekämpft. Der Erfindungsreichtum der betreffenden Szene dürfte sicher nicht allzu schnell erschöpft sein. Ein Staat oder interessierte Bürger, die diesem Underground-Code-Basteln hinterherhecheln ist keine erbauliche Vorstellung.

PS: Übrigens fiele mir doch noch ein Nutzen ein. Man könnte die Signalfunktion der rechtsextremen Marken und Modeartikel außer Kraft setzen, indem man sich als Nicht-Rechtsextremer darin kleidet. Massenhaft. Kein geistiger Glatzkopf wüsste dann mehr, ob er einen Gesinnungsbruder oder einen Mode-Guerilla vor sich hat.

PPS: Und demnächst schauen wir mal nach, was der DLF oder die oben verlinkte grüne junge Dame zu kommunistischen Propaganda-Symbolen zu sagen haben.

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11 Kommentare zu “Was trägt der Rechtsextreme von Welt?”

  1. Hans
    13.02.2008 | 18:38

    Boche, die Idee, ein Modelabel mit rechter Botschaft per inflationaerem Gebrauch zu entwerten, hat von linker, antifaschistischer Seite nur den Kommentar eingebracht, dass man doch nicht eine Firma unterstuetze, die womoeglich mit dem rechtsextremen Gedankengut (bewusst) sympatisiert.

    Mir scheint es eher um die Aufrechterhaltung eines Feindbildes zu gehen.

  2. 13.02.2008 | 19:47

    Regt sich eigentlich irgendjemand darüber auf, dass es die Kufiya (als Symbol des Antisem… äh… Antizionisten von Welt) inzwischen bei Karstadt zu kaufen gibt? Siehste.

    Warum sollen die rechtsextremistischen Trottel ihre Dummheit nicht ebenso zur Schau tragen dürfen, wie die linksextremistischen Trottel?

  3. 13.02.2008 | 20:33

    jo@chim,

    nicht nur bei Karstadt: Gaza Fashion

  4. Lina
    13.02.2008 | 22:13

    @ Hans

    “Mir scheint es eher um die Aufrechterhaltung eines Feindbildes zu gehen.”

    Nicht doch eher um das Gegenteil davon - die Egalisierung eines Feindbildes? Immerhin tritt dieses Feindbild im Gewand des modischen Markenartikels auf, der mit seiner Etablierung gleichzeitig die Botschaft gesellschaftsfähig machen könnte.

    Entweder schleift sich die Idee aus ästhethischen Gründen schnell ab, oder sie wird so unglaublich “normal” wie ein TV-Gespräch zwischen Horst Mahler und Michel Friedmann…

  5. Milfweed
    13.02.2008 | 23:03

    Warum sollen die rechtsextremistischen Trottel ihre Dummheit nicht ebenso zur Schau tragen dürfen, wie die linksextremistischen Trottel?

    Jetzt denke ich ganz anders über ehemalige Mitschüler mit “No Nazi” Stickern, Oldschool Stoffschuhen, schwarzen Hosen und Kapuzenpullis nach ^^

    Solange Liberale und Libertäre ihre Intelligenz mit (Business)Anzügen, Dreiteilern und Brille zur Schau tragen ist alles im Lot. ^^

  6. 13.02.2008 | 23:13

    Natürlich. Ich schlafe sogar darin.

  7. N. Neumann
    14.02.2008 | 2:47

    Regt sich eigentlich irgendjemand darüber auf, dass es die Kufiya (als Symbol des Antisem… äh… Antizionisten von Welt) inzwischen bei Karstadt zu kaufen gibt? Siehste.

    Das mithin naive Tragen von Palitüchern scheint neben den geneigten Arabern und linken Antisemiten auch die Nazis nicht zu negativ zu beeindrucken.

    Eher im Gegenteil: Alle drei Fraktionen finden es gut, dass das Ding auch von mehr oder weniger unpolitischen Personen getragen wird.

    Warum? So symbolisiert es mehr Normalität und gilt als weniger deviant.

    Ähnlich verhält es sich mit den Klamotten von Thor Steinar. Die sind einerseits - so wie die seltener gewordenen althergebrachten Naziklamotten - identitätsbildende Distintinktionsmerkmale, andererseits folgen sie einem durchschnittlichen sportlichen Design.

    Und dass sie ohne Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln, Glatze und Bomberjacke beim politisch eher uninormierten Durchschnittsbürger besser oder zumindest weniger schlecht ankommen, wissen viele Nazis.

    Sie wollen - nicht nur, aber auch - als ganz normale Leute gelten.

  8. Fuchur
    14.02.2008 | 17:06

    Ich vermute, es hat was mit “Überlegenheit” zu tun. Man will auf diese Weise klarstellen, dass man die Neonazis durchschaut, und ihnen immer einen Schritt voraus ist.
    So wie bei Jugendcliquen: Man denkt sich irgendeine Geheimsprache aus, und dann beleidigt man damit jemanden, und der merkt’s nicht, und das ist dann total witzig…
    Stellt euch z.B. vor, es würde jemand mit einem Thor-Steinar-Pullover auf einer Antifa-Veranstaltung auftauchen, und keiner würde was merken, dann hätte er die so richtig verar***t! Und die Neonazis würden sich diebisch freuen über diesen gelungen Coup. Und das muss man natürlich unbedingt verhindern…

  9. 14.02.2008 | 17:14

    @Fuchur

    Ja, so ähnlich könnte ich mir das auch vorstellen.

  10. 17.02.2008 | 19:00

    Nun ja,

    ich berichte in meinem Blog über Entwicklungen, die ich für interessant und neu halte. Viele Menschen kennen sich nicht so gut mit Nazi-Jugendkultur aus wie ihr. Deswegen ist es interessant für diese, dass Nazis heute anders aussehen als in den Neunziger Jahren, als viele von denen Glatzen hatten und Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln trugen.

  11. 17.02.2008 | 19:10

    Ich finde, für diese Menschen wäre es noch interessanter zu erfahren, dass nicht das Äußere den Nazi macht.

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