Staatsangelegenheit

Im vorletzten Jahr hatten Mitglieder der Kirchengemeinde meines Heimatdorfes auf dem Kirchenbasar selbstgemachte Konfitüre zum Verkauf angeboten. Da nicht alles davon weggegangen war, hatte man die Reste der Gießener Tafel übergeben.
Im letzten Jahr wollte man es genauso machen, doch es hieß dann, die Konfitüre erfülle nicht die nötigen Vorschriften (ich weiß nicht genau, welche das sind), um der Tafel übergeben zu werden. Aber verkaufen durfte man sie immerhin noch. War ja in der Kirche.

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11 Kommentare zu “Staatsangelegenheit”

  1. Lina
    20.02.2008 | 14:01

    Schöner Beweis auch der gelungenen Trennung von Kirche und Staat… - aber deshalb Kirchenraum gleich als ungeregelten, grundliberalen Marktplatz sehen zu wollen? Na ja, vielleicht mit einem Spritzer Weihwasser obendrauf…

    Zu prüfen, ob etwa Schimmel auf der Konfitüre sitzt, würde ich doch lieber grundsätzlich staatlicher Kontrolle überlassen, weil ich überzeugt davon bin, dass der Handel selbst kein Interesse an unserer Gesunderhaltung hat; ich möchte nicht wissen, was uns noch alles an Gammelware verkauft würde, wenn es die “Lebensmittelaufsichtsbehörden” (zumindest als Mahnung) nicht gäbe.

    Gemeinnützige Vereine wie die “Tafeln”, unterliegen bei der Herausgabe von Waren vermutlich genauso der Lebensmittelaufsicht, weshalb sie “Fremdware” ablehnen müssen, um sich nicht durch mögliche Schadenersatzklagen in Schwierigkeiten zu bringen. In “Staasangelegenheiten” geht eben doch Vorsicht vor Wohlfahrt ;-).

  2. 20.02.2008 | 14:18

    Das war die ev. Kirche, da gibt’s kein Weihwasser. Hätte ich aber auch so schreiben sollen, schließlich gibt es mehr als eine Kirchengemeinde am Ort.

    Gegen eine (moderat gehaltene) staatliche Lebensmittelaufsicht habe ich zunächst prinzipiell nichts. Nicht gesundheitsschädigende Lebensmittel sind wohl tatsächlich ein Bedürfnis, das tatsächlich alle haben. (Was genau ‘gesundheitsschädigend’ heißt, wäre dann natürlich zu klären.)

    Aber selbstgemachte Konfitüre nicht an die Tafel geben dürfen? Während man sie in der Kirche verkaufen und auch jedem, der sie will, schenken könnte? Meinetwegen kann man sie ja mit “hausgemacht” (oder besser etwas alternativem, das noch nicht bedeutet: “Industriell hergestellt und mit ‘hausgemacht’ ettikettiert”) auszeichnen, dann kann jeder selbst entscheiden, wie viel Vertrauen er evangelischen Kirchgängern entgegenbringen will. Gäbe es ein tatsächliches Risiko, so müßte man jedenfalls wesentlich häufiger von Gesundheitsschäden durch selbstgemachte Konfitüre hören, oder?

  3. 20.02.2008 | 15:04

    Lebensmittel müssen wenn sie in den Handel gelangen bestimmten Anforderungen entsprechen, das mag man nicht immer teilen aber in der Summe sehe ich das ebenso. Konfitüre, wie Du schreibst, muss ganz bestimmten Anforderungen entsprechen z.B. was Zuckergehalt (wegen der Haltbarkeit, besonders auch mit Blick auf die Ansiedlung von Schimmelkulturen) betrifft und auch was die Angabe eines Haltbarkeitsdatum betrifft. In dem Bereich hast Du mit Sicherheit Probleme bei hausgemachter Konfitüre die sehr oft besser ist(im Sinne von höherem Fruchtgehalt) als industriell für den Markt hergestellte Ware. D.h. Deine Ware vom Kirchenbasar ist mit Sicherheit nicht marktgängig zumal die entsprechenden Analysen fehlen. Diese Voraussetzungen mußt Du auch erfüllen und im Notfall belegen wenn Du das Produkt mit ‘hausgemacht’ etikettierst.

    Was die Sicherheit von Nahrungsmitteln und die Notwendigkeit regelmäßiger Kontrolle von Seiten des Staates angeht, so empfehle ich einfach mal einen Blick in die USA, dort werden aktuell mehr 140 Millionen Pound an Fleisch zurückgerufen, wobei allerdings der Großteil längst gegessen ist u.a auch im Rahmen von Lebensmittelhilfen wie Schulspeisung etc. Einer der Gründe für diese Rückrufaktion sind unterlassene Konsequenzen aus der Selbstverpflichtung zur Kontrolle und Dokumentation.

    Ich kann Deine Verwunderung durchaus nachvollziehen aber das ist das Problem einer jeden Selbstvermarktung die über eine gewisse Verarbeitungsstufe hinausgeht. Da helfen nur noch Tricks um nicht permanent mit einem Fuß im Knast zustehen. Hab ich selbst über Jahre mitgemacht. Trotz allen Unverständnis und Frust, der Nutzen* ausgehend von den Bestimmungen über das Inverkehrbringen von Nahrungsmitteln ist mit Sicherheit positiver zu bewerten als die Hemmnisse auch für die Gute Tat und die Übergabe an die Tafel entspricht eben diesem in den Verkehr bringen.

    * wenn denn auch entsprechend kontrolliert wird und da bestehen berechtigte Zweifel.

  4. 20.02.2008 | 15:12

    @balou:

    Um Sinn und Unsinn der gängigen Vorschriften bewerten zu können, fehlt mir das nötige Hintergrundwissen. Daß nicht alles bloß Schikane ist, glaube ich gerne. Aber gerade was Haltbarkeit betrifft, so übergeben doch meines Wissens auch die Supermärkte den Tafeln meist die Lebensmittel, die kurz vor Ablauf der Frist stehen (und erfahrungsgemäß halten ja selbst streng kontrollierte Lebensmittel die nicht immer durch). Im Extremfall war die Konfitüre wohl frischer als die von den Supermärkten gestellte.

    Letztlich stelle ich mir die Frage: Wie hätten es die ‘Kunden’ der Tafel am liebsten?

  5. 20.02.2008 | 17:01

    Du hast aber auf Deiner ‘hausgemachten’ “Konfitüre” kein Haltbarkeitsdatum, vielleicht ein geschätztes oder gefühltes aber keins basierend auf Analysen. Das ist ein rechtliches Problem auch was Deine Qualifikation angeht - Gott nee, hät ich das meiner Mutter gesagt, die hät mich verflucht - aber so is es nun mal. Die Wünsche der Kundschaft sind ebenfalls ohne Belang, es sei denn Du bekochst sie selbst und lädst sie ein.

    Bei industriell gefertigten Produkten kannst Du, unter der Voraussetzung, dass das “handling” der Ware entspricht (z.B. Kühlkette), davon ausgehen, dass sie auch noch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums genießbar ist, dennoch darf sie nach diesem Zeitpunkt strenggenommen nicht mehr abgegeben werden. Ich weis, das ist frustrierend, vor allem weil ich sicher bin, die ‘hausgemachte’ Qualität schlägt das industriell gefertigte Produkt um Längen, aber in diesem Fall steh ich auf Seiten der geltenden Regeln, selbst wenn man über Grenzen durchaus streiten kann und auch sollte.

    Alternative wäre der Einstieg in die “professionelle” Produktion einschließlich Labor und Kontrolle … sorry, nicht wirklich ernst gemeint.

  6. 20.02.2008 | 17:07

    Ich habe im Übrigen nie selbst Konfitüre gekocht.

    Daß das alles vorschriftsmäßig ist, davon gehe ich schon aus. Inwiefern die Vorschriften sinnvoll sind, das ist die Frage. Warum z.B. die Wünsche der Kundschaft ohne Belang sein sollen, ist mir ein Rätsel. (Nicht, daß mir nicht klar wäre, daß sie es de facto sind).

  7. 20.02.2008 | 20:27

    Möglicherweise hatte es gar nichts mit irgendwelchen Vorschriften zu tun, sondern man wollte die Konfitüre schlicht nicht haben. Statt unhöflich, aber ehrlich abzulehnen hat man sich eine verquere Begründung ausgedacht. Soll ja schon vorgekommen sein..

  8. nite
    20.02.2008 | 23:37

    Die “Tafeln” nehmen auch von Supermärkten (ich arbeite in einem) nicht alles - und kriegen auch nicht alles angeboten.

    @Lina: “weil ich überzeugt davon bin, dass der Handel selbst kein Interesse an unserer Gesunderhaltung hat;”

    Da kann man nicht verallgemeinern. Die meisten haben viele Qualitätsstandards und versuchen die auch zu erfüllen bevor der Kunde etwas beanstanden kann, problemlos umgetauscht wird sowieso.
    Auch die Lieferanten kontrollieren sich selbst - und rufen auch Ware zurück.

    Aber zum Ausgangsthema zurück: mir ist schonmal aufgefallen das eine städtische Behörde stichprobenartig sich Konfitüre und Honig aushändigen lässt, um sie als Probe an ein Labor zu schicken. Insoweit könnte es da auch noch Sonderregelungen geben.

  9. flawed
    21.02.2008 | 13:46

    Ein Unterschied zwischen hausgemachter und industrieller Konfitüre ist übrigens, dass hausgemachte Konfitüre oft Konservierungsstoffe enthält, die in industrieller Konfitüre nicht zulässig sind.

  10. quer
    21.02.2008 | 22:00

    Es begab sich, daß wie in jedem Jahr, mein Verein ein Sommerfest plante. Wie schon seit Jahrzehnten backen die Frauen Kuchen, um ihn an die Gäste zugunsten des Vereins zu verkaufen. Damit ist jetzt aber weitgehend Schluß. Denn nun verlangt die Vereinsführung detaillierte Inhaltsangaben der jeweiligen Backwaren, um Allergiker (gem. EU-Richtlinie !!!) vor sich selbst zu schützen. Werde den Teufel tun, einer Spende auch noch den Bürokram hinterherzutragen. Ergo: Aus mit einer Tradition von 100 Jahren.

  11. der gute don
    25.02.2008 | 19:40

    Letztlich stelle ich mir die Frage: Wie hätten es die ‘Kunden’ der Tafel am liebsten?

    die sollen lieber hungern als den Gefahren verdorbener Lebensmittel ausgesetzt zu werden.

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