Einige Gedanken zu Steuern, Recht und Gesellschaft

In der heutigen FAZ ist ein interessantes Gespräch mit dem “Fundamentaltheologen” (was auch immer das ist) Gregor Maria Hoff zu finden, der jenseits aller verbalen Amokläufe und des öffentlich praktizierten Pharisäertums Interessanten zu dem zu sagen hat, was in den letzten Tagen auch Teile der politischen Blogosphäre beschäftigte. Auch ohne davon allem inhaltlich zuzustimmen, eignen sich die Aussagen des Theologen gut dazu, ein paar Gedanken über bestimmte Aspekte der Debatte anzubringen.

Einzelne - lassen Sie uns exemplarisch bei Herrn Zumwinkel bleiben - bestimmen angesichts der herrschenden Gesetze, wie sie mit diesen umgehen und sie für sich auslegen. Es wird abgewogen, wann eine Beachtung der Gesetze sinnvoll erscheint und wann nicht. Die normative Kraft und auch die ethische Autorität dieser Gesetze geht in diesem Augenblick verloren, das Gewebe unserer gesellschaftlichen Struktur wird brüchig.

Das ist im Kern auch das Problem, das ich mit den teil sehr heftig vorgetragenen Bekenntnissen libertärer Nachbarn habe, wonach der Zugriff des Steuerstaates einem höheren Recht widerspräche, dem allein zu folgen sei, wenn man sich nicht der Zustimmung zu den Nürnberger Rassegesetzen für schuldig erklären wollte. Oder so ähnlich.

Tatsächlich aber kann eine Gesellschaft, in der das geltende Recht nur soweit akzeptiert wird, wie es dem Recht bestimmter Gruppen darin nicht widerspricht, nicht bestehen. Das mag dann zwar ein anarchistisches Ideal sein, aber wie viele Diskussionen mit Libertären zeigen, erweisen sich die angeblichen Alternativen zu staatlicher Macht um so vager, je staatsunähnlicher und machtfreier sie skizziert werden.

Wer es zu Recht nicht dulden will, dass in diesem Staat Muslime die weltlichen Gesetze nur im Rahmen der Scharia gelten lassen wollen, wer sich dagegen wendet, dass Extremisten sich zur Legitimation eigenen gesetzeswidrigen Handelns ein Widerstandsrecht gegen diesen Staat anmaßen, der kann es auch nicht hinnehmen, wenn andere Gruppen ihr weltanschauliches Ideal so absolut setzen, dass es im Konfliktfall demokratisch beschlossenen Normen vorgeht. Und er muss es erst recht als unerträglich empfinden, wenn Einzelne, die sich ohnehin schon viele Privilegien gesichert haben (nicht zuletzt auch durch ihre Staatsnähe, liebe libertäre Freunde!), für sich ein Sonderrecht in Anspruch nehmen, das bewusste Gesetzesverstöße zu Kavaliersdelikten verharmlost.

Das Hauptproblem zeigt sich in den Motiven systematischer Steuerhinterziehung. Untersucht man diese auf die Rationalisierungsmuster hin, die es jedem Menschen erlauben, beinahe jede seiner Entscheidungen zu begründen - man lese dieser Tage nur Jonathan Littells “Wohlgesinnte” -, dann stößt man auf einen verschwiegenen Gerechtigkeitsdiskurs.

Verschwiegen ist er, weil sich seine Ansprüche gesellschaftlich nicht offen kommunizieren lassen, denn hier reklamiert jemand das Recht auf immer mehr Geld für seine Lebensleistung - vor allem auf deutlich mehr, als sich die bei weitem meisten Mitglieder der Gesellschaft wirklich vorstellen können. Die Besteuerungshöhe des eigenen Einkommens wird unter diesem Gesichtspunkt als ein überzogener Eingriff des Staates in “erworbene persönliche Rechte” gewertet - in sich schon eine problematische Konstruktion. Die Scham des unverschämten Anspruchs auf die nächste Million, die viele Arbeitnehmer in einem Leben insgesamt kaum erwirtschaften können, bildet den psychologischen Untergrund für die Entscheidung, ins Steuerexil zu wechseln.

An die Stelle des höheren Rechts, das die Libertären anrufen, tritt hier das höhere Selbst des “Leistungsträgers”, der es sich in einem Zirkelschluss bequem gemacht hat: Weil er so Unvergleichliches leistet, stehen ihm Macht und immer größerer materieller Wohlstand zu, und weil er über so viel Macht und Wohlstand verfügt, muss er wohl Unvergleichliches geleistet haben. Der Theologe äußert sich hier noch mit einer gehörigen Portion christlicher Nächstenliebe, die auch dem ärgsten Sünder gilt, denn im Grunde führt diese Art der Selbsterhöhung zu einer Vergötzung des Ichs.

Es gibt da draußen Leute, die sowas mit dem Etikett “neoliberal” versehen, aber da bestimmt die Absicht den anthropologischen Blick: Menschen haben schon vor Jesu Zeiten so gedacht, und sie werden wohl bis ans Ende aller Zeiten so denken.

Dabei gibt es nur einen einzigen wirklich empirisch haltbaren Grund, warum Topmanager so hoch bezahlt werden, und dieser Grund ist zugleich auch die Legitimation dieses Treibens aus liberaler Sicht: Sie haben Arbeitgeber gefunden, die ihnen so viel von ihrem eigenen Vermögen überlassen. Das mag man als besondere Leistung anerkennen, eine gesellschaftlich verdienstvolle ist es allerdings nicht. Vielleicht würde man gnädiger mit den Steuersündern umgehen, wäre der Fall von der eigenen Anspruchshöhe nicht so groß.

So eindeutig die Analyse ausfällt,

Wir stimmen überein, dass wir bestimmte Gesetze brauchen, aber viele würden eben auch sagen, dass man bei sich selbst eine Ausnahme machen kann. Es werden hier unterschiedliche Gerechtigkeitsmaßstäbe angesetzt. Und man muss wissen: Wer sich selbst als einen Ausnahmefall statuiert, macht dies wiederum auf Kosten anderer. Wenn jeder selbst befindet, welche Regel es zu beachten gilt und welche nicht, ist das ein Ausdruck einer konsequent pluralistischen Gesellschaft mit starken Individualisierungstendenzen.

so hilflos ist der Therapievorschlag:

In der Summe kann dies zur Erosion der Grundstruktur unseres Gemeinwesens führen. Die auseinanderscherenden Moralvorstellungen sind aneinander zu vermitteln. Hinter ihrer Pluralität ist nicht mehr zurückzugehen. Aber gerade um einer offenen Gesellschaft willen muss ihre ethische Konsenskultur noch einmal justiert werden. Gegen Auswüchse können wir per Gesetz faktisch vorgehen, allein die normative Durchsetzung ist schon kaum noch möglich.

Wieviel Pluralismus kann sich eine Gesellschaft leisten, wenn sie noch als eine solche gelten will? Für Maggie Thatcher kein Problem:

There is no such thing as society: there are individual men and women, and there are families.

(Für manchen Liberalen ist der letzte Halbsatz ein Schönheitsfehler, aber das Prinzip sollte klar sein.)

Andererseits lässt es sich kaum verleugnen, dass Menschen aus vielerlei Motiven heraus das Bedürfnis haben, Kooperationen einzugehen und ihre Interaktionen nicht nur auf den Austausch von Gütern zu beschränken. Wiederum andererseits wird dieser Staat von vielen aber nicht als Ergebnis einer solchen Kooperation angesehen. Den einen ist er Anspruchsziel, den anderen ein Räuber. Als eine Geben und Nehmen vermittelnde Institution wird er nicht wahrgenommen - die einen wollen immer mehr nehmen, die anderen immer weniger geben. Der Staat ist als Zwischenhändler in diese Beziehung eingetreten und hat damit die Solidarität als menschliche Handlung abgeschafft: Der Begriff existiert nur noch als abstrakte Begründung des Umverteilungsmechanismus.

Die zunehmende Individualisierung und Auffächerung dieser Gesellschaft freut den Liberalen. Es darf vielleicht aber auch die Frage gestellt wird, ob diese Entwicklung denn wirklich eine von den Betroffenen in all ihren Konsequenzen gewollte ist, und ob es sich dort nicht etwa nur um die Kehrseite des staatlichen Machtanspruchs handelt, der seine Allzuständigkeit mit dem Versprechen der individuellen Verantwortungslosigkeit verbunden hat. Im ganz Kleinen könnte Davids Erlebnis dafür exemplarisch stehen. Wenn das Bedürfnis nach Gemeinschaft mit Überweisungen und Überwachung beantwortet wird, karikiert man es zur Unkenntlichkeit. Die These sei gewagt, dass dieser Staat noch so viele Wohltaten ausschütten kann, ohne diese Lücke je zu füllen.

Deswegen ist er in einer echten Legitimationskrise, deswegen bekennen sich immer weniger Menschen nur noch zu ihrer individuellen Referenzgruppe oder verfallen in eine durch künstliche Unterhaltung und Drogen nur schwach aufgehellte Isolation. Der Staat hat überreizt. Er ist kein Teil des “wir”, sondern er ist nur noch das “andere”.

Der Vorwurf, Topmanager und Reiche hätten sich aus der Verantwortung für diese Gemeinschaft gestohlen, ist falsch, denn eine solche Gemeinschaft gibt es zumindest hier und heute längst nicht mehr. Staatsgrenzen und Sozialversicherungsnummern reichen nicht als Identifikation.

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63 Kommentare zu “Einige Gedanken zu Steuern, Recht und Gesellschaft”

  1. R.A.
    22.02.2008 | 12:54

    Natürlich ist es grundsätzlich ein Wert, daß sich alle an die Regeln halten. Auch an Regeln, die ihnen persönlich falsch oder ungerecht vorkommen.Durchs

    Aber das funktioniert nur so lange, wie das Regelsystem insgesamt akzeptabel ist und ein vernünftiges Zusammenleben ermöglicht.

    Das ist schon lange nicht mehr der Fall. Die maßlose Überregulierung und die beständigen Ungerechtigkeiten im deutschen Recht, nicht nur im Steuerrecht, haben schon längst dazu geführt, daß sich keiner mehr wirklich daran gebunden fühlt.

    Das ist keine Besonderheit der “Reichen”, deswegen sind die Ausführungen dieses Theologen recht einseitig und letztlich falsch.

    Ich bestreite auch, daß die Betreffenden wirklich für sich in Anspruch nehmen, wg. ihrer überragender Bedeutung Sonderrechte bekommen zu müssen.
    Das mögen manche so sehen, bei den meisten ist das nur die einzige Argumentation, mit der sie sich noch in die neidzerfressene Öffentlichkeit trauen können.

    Der eigentliche Grund ist, daß sie zu Recht nicht mehr bereit sind Ausbeutungsstrukturen zu akzeptieren, die gezielt gegen sie gerichtet sind und allen Regeln eines fairen und gerechten Miteinanders Hohn sprechen.

    Es ist unerheblich, wie hoch das Einkommen eines Einzelnen im Vergleich zum Lebeneinkommen anderer ist - alleine schon dieser Neid-Vergleich disqualifiziert den Theologen.

    Es geht darum, daß die staatliche Gier irgendwo Grenzen haben muß. Und das nach erfolgter Besteuerung in exorbitanter Höhe eine jährlich wiederkehrende Mehrfachbesteuerung einfach unsittlich ist.
    Und auch GG-widrig.

    Daß die deutsche Politik selber ganz unbekümmdert gegen Gesetze und GG verstößt, um die staatliche Geldgier zu befördern, sollte eigentlich am Anfang von moralischen Überlegungen stehen - dann erst kann man fragen, wie sich die Bürger verhalten sollten.

    Siehe dazu auch:
    http://zettelsraum.blogspot.com/2008/02/marginalie-steuerhinterziehung-ein.html#links
    und
    http://83273.homepagemodules.de/topic-threaded.php?board=83273&forum=14&threaded=1&id=1007&message=6386

  2. 22.02.2008 | 13:01

    Das ist keine Besonderheit der “Reichen”, deswegen sind die Ausführungen dieses Theologen recht einseitig und letztlich falsch.

    Da hast du wohl das meiste nicht so verstanden wie ich. Von einer “Besonderheit der Reichen”, was das Prinzip betrifft, steht da m.E. gar nichts. Es gibt nur eine spezifische Motivation.

    Daß die deutsche Politik selber ganz unbekümmdert gegen Gesetze und GG verstößt, um die staatliche Geldgier zu befördern, sollte eigentlich am Anfang von moralischen Überlegungen stehen - dann erst kann man fragen, wie sich die Bürger verhalten sollten.

    Ich sehe keinen Grund für ein solches Junktim. Übrigens wird in dem Interview die fragwürdige Art der Strafverfolgung ebenfalls als Teil des Problems thematisiert. Ich wollte nur nicht praktisch den ganzen Text hier reinkopieren, zumal dazu bereits schon genug gesagt wurde. Man muss ja nicht wie ein Mantra alles wiederholt nachbeten.

  3. Spruance
    22.02.2008 | 13:23

    @Rayson: Schöner Kommentar! Aber ich glaube, daß die Desintegration unseres Rechtsempfindens schon länger im Gange ist! Mit fällt da die Abtreibungsgesetzgebung ein, die unter Strafe stellt, was (glücklicherweise) nicht verfolgt wird, die krebsartige Wucherung der Steuer-, Miet- und Sozialgesetze, die es einem Nicht-Fachjuristen nicht mehr erlaubt, durchzublicken und damit das Rechtsbewußtsein verschwinden läßt. Und zum Sozialstaat hier (http://www.samizdata.net/blog/archives/008487.html) mehr!

  4. 22.02.2008 | 13:29

    @Spruance

    Klar! Alles, was du da aufzählst, trägt zur Entfremdung von diesem Staat bei.

  5. R.A.
    22.02.2008 | 13:49

    @Rayson:
    Mit den Gesetzesverstößen der deutschen Politik meinte ich nicht nur den aktuellen Fall.

    Damit meine ich z. B. auch die Hemmungslosigkeit, mit der immer aufs neue GG-widrige Gesetze beschlossen werden.

    Siehe auch Steinbrücks Reaktion, als die Streichung der Pendlerpauschale per Gerichtsurteil für verfassungswidrig erklärt wurde - da macht er einfach weiter und verläßt sich darauf, daß viele Leute ihren Steuerbescheid nicht anfechten und damit hinterher auch nicht davon profitieren, wenn das Verfahren rechtskräftig wird.

    Siehe auch das Diskriminierungsgesetz:
    Da wird ein Verhalten kriminalisiert, daß die Betroffenen mit gutem Recht als völlig legitim betrachten.
    Und deswegen halten sie sich natürlich auch nicht an das Gesetz - die damit verbundene Repression führt nur dazu, daß mehr gelogen wird.

    Beispiele dieser Art gibt es zunehmend.
    Mal ganz abgesehen davon, daß gerade beim Steuerrecht politisch gewollt die Regeln so kompliziert sind, daß ohnehin keiner mehr wirklich rechtstreu leben kann.

    Der Fisch stinkt vom Kopfe her, und zwar schon einige Zeit und sehr massiv.
    Und deswegen hat der größte Teil der Bevölkerung es sich schon längst angewöhnt, staatliche Regeln nur noch zu befolgen, wenn es ein echtes Strafrisiko gibt.

    Wie gesagt, ein allgemeiner Trend, letztlich verschuldet durch die Politik.

    Und da kommt dann dieser Hoff, ignoriert weitgehend die Vorgeschichte und den Hintergrund und hängt sich am Beispiel Zumwinkel auf, und daß man damit doch die Basis unserer Gesellschaft gefährden würde.
    Und bringt dann die üblichen Klischées des Sozialneids.
    Thema verfehlt, üblicher linker Stammtisch.

  6. PG
    22.02.2008 | 14:20

    Der Sozialstaat existiert mittlerweile nicht mehr. Die Globalisierung hat sehr viel zu beigetragen, dass die soziale Ungerechtigkeit in der EU immer weiter zunimmt…

  7. 22.02.2008 | 14:22

    @R.A.

    Sorry, mit diesem Frontdenken (”linker Stammtisch”) komme ich nicht mehr mit.

    Genau das, was du da kritisierst, wird doch in dem Interview behandelt. Vielleicht nicht mit dem Zungenschlag, den du gerne hättest, und auch nicht mit den eindeutigen Schuldzuweisungen, die dir so leicht von der Hand gehen.

    Gerade als Liberaler sollte man Einzelne nicht so billig aus der Verantwortung für ihr eigenes Handeln entlassen, wie es gerade in einem für mich unverständlichen Reflex gehandhabt wird.

    Das mit dem zu komplizierten Steuerrecht lasse ich so auch nicht durchgehen. Man könnte es vielleicht gelten lassen, wenn der Fehler nicht immer systematisch auf Steuerverkürzung hinausliefe. Aber dass dieses Steuersystem Menschen zur bewussten Hinterziehung zwänge, kann mir niemand erzählen. Auch ein Herr Zumwinkel kennt das Welteinkommensprinzip und weiß, dass man Einkünfte nicht verschweigen darf. Eben weil er das aber wollte, ist er (und sind seine Gesinnungsgenossen) doch mit dem Geld ins Ausland gegangen.

  8. R.A.
    22.02.2008 | 14:41

    @Rayson:
    > mit diesem
    > Frontdenken
    > (”linker
    > Stammtisch”)
    > komme ich
    > nicht mehr mit.
    OK, ich versuche wieder einen Gang zurück zu schalten.

    Ich gebe zu, daß ich derzeit ziemlich genervt bin von dieser ganzen Kampagne, an die sich dieses Interview letztlich dranhängt.

    > Vielleicht
    > nicht mit
    > dem
    > Zungenschlag,
    > den du gerne
    > hättest, …
    Das ist mehr als Zungenschlag, da werden Ursache und Wirkung auf den Kopf gestellt.

    Zuerst ist das System vermurkst worden.
    Und dann erst kommt das Problem, daß sich keiner mehr dran hält.

    Und dafür gibt es so viele Beispiele, da ist es billig, den aktuellen Sündenbock vorzuschicken.

    > Das mit dem zu
    > komplizierten
    > Steuerrecht
    > lasse ich so
    > auch nicht
    > durchgehen.
    Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Mängel im Steuerrecht sind selbstverständlich keine Entschuldigung für Zumwinkel.
    Obwohl durchaus noch zu prüfen ist, ob ihm seine Berater dieses Modell nicht als legal verkauft haben und er nichts Illegales vorhatte.

    Aber gemeint war etwas anderes: Das System ist so murksig, daß eigentlich keiner sicher sein kann, ob er eine korrekte Steuererklärung abgibt.
    Es sei denn, er verzichtet auf alle ihm zustehenden Absetzmöglichkeiten etc. und liefert freiwillig den Höchstbetrag ab.

    Es werden letztlich alle abgezockt: Die Reichen, wenn sie sich an alle Regeln halten, die Anderne, wenn sie eben dies nicht schaffen.

  9. Freie Radikale
    22.02.2008 | 17:37

    Die „Soziale Marktwirtschaft“ ist bloß ein Etikett, was gut gepasst hat, als es in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wirtschaftlich bergauf ging.
    Jetzt, wo das Adjektiv „sozial“ eine genaueren Definition bedarf, zeigt sich, dass nicht der Staat sozial ist, allenfalls seine Bürger und die bedürfen dafür einer Motivation. Diesem grundlegenden Irrtum wird jetzt mit weiteren Gesetzen gegen „Asoziale“ auferlegen. Die Frage nach der Motivation wird nicht gestellt. Mit „Du bist Deutschland“ zeigt sich das ganze Elend.

    Was hält diese „Gesellschaft“ zusammen? Was meint Ihr, wenn Ihr über „diesen Staat“ debattiert? Ein Staat macht noch keine Gesellschaft. Und noch bevor diese Frage geklärt ist, wird versucht, dieses künstliche Gebilde auszuweiten – Stichwort EU.

    Prinzipiell habe ich nichts gegen einen „nationslosen“ Staat. Der muss dann aber zwingend wirtschaftlich orientiert sein. Wenn der Bürger allerdings für hunderttausend Euro einen Studienplatz finanziert um den Akademiker dann hinterherzuwinken oder der Unternehmer mit seinen Steuern die Konkurrenz gepudert sieht, kann das Gebilde nicht funktionieren. Entweder der Staat ist sozial und nur sozial, oder er dirigiert die Wirtschaft, wozu er nach allen Erfahrungen nicht geeignet ist.

    Ich bin Deutschland. Ja und?

  10. Lina
    22.02.2008 | 17:53

    “Der Staat hat überreizt. Er ist kein Teil des “wir”, sondern er ist nur noch das “andere”.

    Diesen Satz von Dir, Rayson, und einiges von dem, was der Theologe sagt, nehme ich als ein Indiz dafür, dass der Bürger dringend mehr Freiheit vom Staat braucht - bevor er sie sich selber nimmt; vom “anderen” nimmt man gern, viel leichter jedenfalls als von einem freiheitlich verfassten “uns”. (Sollte man meinen, aber ganz sicher bin ich mir nicht…)

    Eigentlich sind wir gesellschaftlich gerade (vor ziemlich spektakulärem Hintergrund) an einem Punkt angekommen, da der Geduldsfaden reisst und Liberalisierung auf vielen Gebieten das Gebot der Stunde wäre, bevor die Dinge wieder ins andere Extrem kippen: noch mehr staatliche Geldgier, noch mehr Einfluss, noch mehr Kontrolle, mehr und höhere Strafen. Der politischeTrend geht deutlich nach Links, wo noch der kleinste Verbrecher und der letzte Cent gerechtigkeitshalber verwaltet werden will. Wird die Gelegenheit (hinterzogener Steuern) nicht zum Nach- und Umdenken genutzt, dann tritt auf Dauer ein, was der Theologe sagt, nämlich:

    “…dann stößt man auf einen verschwiegenen Gerechtigkeitsdiskurs. Verschwiegen ist er, weil sich seine Ansprüche gesellschaftlich nicht offen kommunizieren lassen.”

    Und warum nicht? Weil sie verlogen sind und dagegen kein Kraut gewachsen ist. “Menschen haben schon vor Jesu Zeiten so (an ihren Vorteil) gedacht, und werden wohl bis ans Ende aller Zeiten so denken”, schreibst Du und hast Recht damit. - Eine ultimative Frage noch: kann irgendeine Staatsform diesem Phänomen “gerecht” werden?

  11. jopa
    22.02.2008 | 18:03

    Ich muß gestehen, daß ich das meiste, was der Mann da von sich gibt, für ziemliche Gemeinplätze halte. Insgesamt dürfte sich nahezu jeder ständig im Recht fühlen. Was dem Herrn Zumwinkel seine persönliche Leistung (?) ist, mit der er seine (angebliche) Steuerhinterziehung für sich begründen mag, ist die gefühlte Armut des anderen, mit der dieser für sich seine besonderen Ansprüche auf staatliche Unterstützung reklamiert. Es gibt schlichtweg kein Gemeinschaftsgefühl (mehr?) in DE, daß hier noch greifen würde. Diejenigen, die noch ein Gemeinschaftsgefühl vorgeben, sind meist Transferempfänger, bei denen sich die “Gemeinschaft” in direkten Zuwendungen zu äußern hat. Den Wunsch des Herrn nach einer gesellschaftlichen Vereinbarungen über den Inhalt des Wortes “Gerechtigkeit” finde ich eher lächerlich, das wird schlicht nicht funktionieren, wie sollte es auch?

    Es bleibt dabei, dieser Staat ist keine wie auch immer geartete Gemeinschaft, und er wird es auch nie werden. Das Einzige, was er kann, ist ein Umfeld schaffen, in dem die Individuen in der Lage sind, nach ihrem persönlichen Glück zu streben.

  12. 22.02.2008 | 18:51

    Das ist im Kern auch das Problem, das ich mit den teil sehr heftig vorgetragenen Bekenntnissen libertärer Nachbarn habe, wonach der Zugriff des Steuerstaates einem höheren Recht widerspräche, dem allein zu folgen sei

    Eine Unterscheidung von Recht und Gesetz gehört doch wohl zum Grundbestand des Liberalismus. Ich kenne eigentlich keinen grossen liberalen Philosophen, der staatlich gesetztes positives Recht als stets gerecht betrachtet. Jeder Mensch sollte Gesetze kritisch betrachten, abwägen. Ich würde das Gewissensfreiheit nennen. Und auch das Grundgesetz kennt ja ein Widerstandsrecht bei empfundenem Unrecht.

    “aber wie viele Diskussionen mit Libertären zeigen, erweisen sich die angeblichen Alternativen zu staatlicher Macht um so vager, je staatsunähnlicher und machtfreier sie skizziert werden.”

    Dazu haben die Freiheitsfabrikanten jüngst eigentlich alles nötige gesagt. Dieser Vorwurf der Staatsgläubigen erinnert mich aber immer wieder an einen Sowjetbürger, der von einem Marktwirtschaftler eine genaue Erklärung verlangt, wie in Freiheit das Brot auf den Tisch kommt. Auch nach einer Erklärung von Angebot und Nachfrage sagt dieser dann: “Na, das ist aber arg vage - warum sollte ich mich auf das Risiko einlassen. Bei unserer Planwirtschaft weiss ich wenigstens woran ich bin.”

    für sich ein Sonderrecht in Anspruch nehmen, das bewusste Gesetzesverstöße zu Kavaliersdelikten verharmlost.

    Steuerinterziehung ist im tyrannischen Steuerstaat BRD nicht nur ein Kavaliersdelikt - es ist Breitensport. Lieber Rayson, besuche doch mal einen Slum in Südamerika oder Indien und erklär den dort tätigen Betreibern kleiner illegaler Geschäfte, dass ihre Tätigkeit illegitim weil ungesetzlich ist. Sie würden dich zu Recht auslachen. Wann immer der Staat seine Gier und Gängelei überzieht (und das tut er als Monopolist nunmal ständig), suchen sich mündige Menschen freiheitliche Ventile. Schwarzabreit, Schattenwirtschaft, Steuerhinterziehung etc. sind solche Ventile. Ohne sie wären die Bürger kommunistischer Staaten vermutlich noch viel häufiger verhungert, als sie es ohnehin taten.

    Weil er so Unvergleichliches leistet, stehen ihm Macht und immer größerer materieller Wohlstand zu, und weil er über so viel Macht und Wohlstand verfügt, muss er wohl Unvergleichliches geleistet haben. Der Theologe äußert sich hier noch mit einer gehörigen Portion christlicher Nächstenliebe, die auch dem ärgsten Sünder gilt, denn im Grunde führt diese Art der Selbsterhöhung zu einer Vergötzung des Ichs.

    Das ist doch wohl nicht dein Ernst. Gut, im Falle von Zumwinckel kann man darüber streiten, ob er sein Einkommen “verdient” hat - er hat sich ja permanent den Kräften des Marktes entzogen. Aber erstens ist Steuerhinterziehung weiss Gott kein “Reichen-Phänomen”, sondern in allen gesellschaftlichen Schichten beheimatet (sie werden also nicht hinterzogen,”weil” X reich ist). Und zweitens sind Löhne eben gerade nicht unvergleichlich. Sie sind (oder sollten zumindest) das Ergebnis transparenter Marktprozesse sein. Wäre der Post-Markt ein Markt, so wäre Zumwinckels Gehalt aufgrund der freiwilligen Zustimmung seiner Transaktionspartner entstanden. Was soll das mit einer Überhöhung des Ich zu tun haben? Es ist die Demut vor dem Gegenüber, die auf einem Markt zu finanziellem Erfolg führt.

    “Das mag man als besondere Leistung anerkennen, eine gesellschaftlich verdienstvolle ist es allerdings nicht.”

    Überlass das doch mal denjenigen, die die entsprechenden Verträge abschliessen.

    Dein Glaube an die staatlichen Gesetze ist ein kläglicher Ersatz für einen klaren moralischen Kompass. Gerade von einem bekennenden Christen sollte man doch anderes erwarten können. Gerade dieses von dir wiedergegebene Zitat sagt doch alles:
    “Aber gerade um einer offenen Gesellschaft willen muss ihre ethische Konsenskultur noch einmal justiert werden. Gegen Auswüchse können wir per Gesetz faktisch vorgehen, allein die normative Durchsetzung ist schon kaum noch möglich.”
    Ja, die Konsenskultur muss justiert werden - weg von Zwang, hin zu Freiheit und Respekt vor dem Individuum. Dann bedarf ihre Durchsetzung auch nicht mehr so abenteuerlich-mafiöser Massnahmen, wie die heutige!

  13. 22.02.2008 | 22:36

    Dein Glaube an die staatlichen Gesetze ist ein kläglicher Ersatz für einen klaren moralischen Kompass.

    Das sollte er sich übers Bett hängen!

  14. Gomez Davila
    23.02.2008 | 14:03

    @Christian Hoffmann:

    “Dein Glaube an die staatlichen Gesetze ist ein kläglicher Ersatz für einen klaren moralischen Kompass.”

    “Ich kenne eigentlich keinen grossen liberalen Philosophen, der staatlich gesetztes positives Recht als stets gerecht betrachtet.”

    Ich schon. Bei Kant gibt es sogar einen moralischen Imperativ zur Staatlichkeit. Warum? Weil ein moralischer Kompaß nicht ausreicht, so lange es keinen legitimen Sanktionsapparat gegen die gibt, die ihm eben nicht folgen. Und für Kant ist staatlich gesetztes positives Recht zwar nicht immer gerecht, aber nichtsdestotrotz stets zu befolgen. Warum? Weil sich sonst jeder anmaßen kann, zu entscheiden, was für ihn rechtens ist oder nicht.

    Hinsichtlich der Frage, ob ein bestimmtes Einkommen “verdient” ist oder nicht, würde ich dafür plädieren, moralische Fragen beiseite zu lassen. Denn ob jemand für ein Unternehmen viel rausholt, hängt ja auch von seiner Position im Unternehmen ab. Ob er nun durch seine Brillanz oder doch nur durch Kungelei oder Nepotismus oder Elitenreproduktion oder sonstwas dahin gekommen ist, wer vermag das genau zu sagen? Das führt nur zu unseligen Diskussionen, die sowieso nicht zu entscheiden sind.

  15. 23.02.2008 | 17:02

    Lieber Christian Hoffmann,

    “Eine Unterscheidung von Recht und Gesetz gehört doch wohl zum Grundbestand des Liberalismus. Ich kenne eigentlich keinen grossen liberalen Philosophen, der staatlich gesetztes positives Recht als stets gerecht betrachtet.”

    Ich kenne überhaupt niemanden, der das tut. Was wäre das für ein Wunderstaat, der stets Gesetze produziert, die “gerecht” sind (was immer das sein mag)?

    “Gerechtigkeit” scheint mir überhaupt keine liberale Kategorie zu sein. Es ist doch völlig ins Belieben gestellt, was man als gerecht und was man als ungerecht betrachtet.

    Worum es den liberalen Staatsphilosophen ging - auf Kant hat ja Gomez Davila schon hingewiesen -, das ist eine staatliche Rahmenordnung, die es dem Einzelnen ermöglicht, seine eigene Autonomie als Subjekt zu realisieren, ohne dabei in die Autonomie der anderen einzugreifen. Das ist, salopp gesagt, immer ein Balanceakt.

    “Jeder Mensch sollte Gesetze kritisch betrachten, abwägen.”

    Gewiß. Betrachten. Aber doch nicht entscheiden, ob man sich nun an ein Gesetz hält oder nicht. Ich kenne Dutzende Gesetze, die ich für idiotisch halte. Das gibt mir aber doch keinen Freibrief zum Gesetzesbruch.

    Kantianisch gesehen: Wenn ich mir dieses Recht zum Gesetzesbruch herausnehme, dann muß ich das ethisch rechtfertigen, dh ich muß zeigen, daß die Maxime dieser meiner Entscheidung zur Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnte.

    Diese müßte dann lauten: Jeder Bürger darf jedes Gesetz brechen, sofern er es für sich nicht akzeptiert.

    Das ist nicht nur nicht liberal, sondern es hat den Charme, auch selbstreferentiell zu sein, denn natürlich würde dieses Gesetz auch für sich selbst gelten müssen. Mit anderen Worten, eine solche Gesetzgebung würde sich selbst für ungültig erklären.

    “Ich würde das Gewissensfreiheit nennen. Und auch das Grundgesetz kennt ja ein Widerstandsrecht bei empfundenem Unrecht.”

    Nein, lieber Christian Hoffmann, da widerspreche ich so heftig, wie es in meinen Kräften steht. ;-)

    Gewissensfreiheit ist die Freiheit, sich innerhalb der Gesetze nach seinem Gewissen zu entscheiden.

    Solang man die gesetzliche Ordnung akzeptiert. Wenn man natürlich diese Ordnung nicht akzeptiert, dann kann man sich gegen sie stellen. Dazu braucht man aber keine Erlaubnis des Grundgesetzes. Im Gegenteil, es wäre absurd, den Kampf gegen die Ordnung des Grundgesetzes ausgerechnet mit diesem selbst zu rechtfertigen.

    Es gibt kaum eine Bestimmung des GG, die so oft mißverstanden wird wie die über das Widerstandsrecht. Es bezieht sich ausschließlich darauf, daß Widerstand gegen einen Umsturz erlaubt ist, der das Grundgesetz beseitigen will.

    Herzlich, Zettel

  16. 23.02.2008 | 20:55

    @Zettel: Und was hätte Stauffenberg also Ihrer Meinung nach tun sollen? Verfassungsbeschwerde einreichen?

  17. 23.02.2008 | 20:58

    Es bezieht sich ausschließlich darauf, daß Widerstand gegen einen Umsturz erlaubt ist, der das Grundgesetz beseitigen will.

    Die Professoren Schachtschneider (Erlangen-Nürnberg) und Rupp (Mainz) sahen das bereits bei der EURO-Einführung als gegeben an. Also hilft dieser Kompaß auch nicht weiter!

    Im übrigen ist Bentham besser als Kant!

  18. 23.02.2008 | 22:32

    Und das ist “Recht”, wenn Reichsarbeitsdienst auch bei drohender Existenzvernichtung erzwungen wird: http://zwanglos.wordpress.com/2008/02/23/die-gesamtwirtschaftlichen-kosten-der-zwangsdienste-ein-konkreter-fall/

    ???

    Das_ist_jenes “Wolfsgesetz”, dass die Staatler den Anarchisten so gerne in die Schuhe schieben. Sie sollten vor der eigenen Türe wischen!

  19. 24.02.2008 | 0:41

    @Gomez Davila:

    Und für Kant ist staatlich gesetztes positives Recht zwar nicht immer gerecht, aber nichtsdestotrotz stets zu befolgen. Warum? Weil sich sonst jeder anmaßen kann, zu entscheiden, was für ihn rechtens ist oder nicht.

    Bodo Wünsch beisst mir vermutlich den Kopf ab, wenn ich das sage, aber Kants Leistungsausweis als liberaler Philosoph ist m.E. bestenfalls zwiespältig. Und deine Darlegung beschreibt warum. Kant erkennt richtig, dass staatliche Gesetze falsch, unmoralisch sein können. Aber dann geht der Preusse mit ihm durch: “Es kann nicht sein, dass einfach jeder macht, was er will!” Das ist schon richtig, nur würde ich Kant vehement widersprechen, dass der Staat die angesagte Institution ist, um Moral durchzusetzen. Sprich: Wenn erkannt wurde, dass staatliches “Recht” ungerecht sein kann, dann kann diese Erkenntnis nicht einem Wunsch nach Ruhe und Ordnung geopfert werden - das ist schlicht ein philosophischer Kurzschluss. Nein, dann muss als nächstes die Frage beantwortet werden, wie Recht Durchsetzung finden kann, ohne sich selbst ad absurdum zu führen.

  20. 24.02.2008 | 1:01

    Lieber Zettel,

    ““Gerechtigkeit” scheint mir überhaupt keine liberale Kategorie zu sein. Es ist doch völlig ins Belieben gestellt, was man als gerecht und was man als ungerecht betrachtet.”

    Was ist eine “liberale Kategorie”? Der Liberalismus basiert auf einem moralischen Grundverständnis - der Erkenntnis der Menschenwürde und der Unantastbarkeit der individuellen Person. Eine Verletzung derselben ist also Nicht-Recht aka “ungerecht”. Diesen Kern stellt der liberale Respekt vor subjektiven Wertungen nicht zur Disposition.

    “das ist eine staatliche Rahmenordnung, die es dem Einzelnen ermöglicht, seine eigene Autonomie als Subjekt zu realisieren, ohne dabei in die Autonomie der anderen einzugreifen. Das ist, salopp gesagt, immer ein Balanceakt.”

    Das, lieber Zettel, ist die Quadratur des Kreises - “wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass”. Staat ist Zwang und Zwang ist ein Eingriff in die Autonomie. Liberale Staatsphilosophie ist daher eben vor allem Anti-Staatsphilosophie. Selbst ein notwendiges Übel ist nunmal zweifellos ein Übel. Der von dir genannte Balanceakt ist somit vielmehr ein Arrangement mit der Macht des Faktischen. Die Erkenntnis des Unrechts beisst sich in der “liberalen Staatsphilosophie” mit der Trägheit der Akzeptanz des Gewohnten.

    “Kantianisch gesehen: Wenn ich mir dieses Recht zum Gesetzesbruch herausnehme, dann muß ich das ethisch rechtfertigen, dh ich muß zeigen, daß die Maxime dieser meiner Entscheidung zur Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnte.”

    Eben! Die Ablehnung von Zwang ist die liberale goldene Regel. Steuern und Staat folgen dem Recht des Stärkeren - es ist der Zwangsmonopolist, der faktisch seinen Willen durchsetzt. Der Staat beruht somit eben nicht auf einer kantischen Maxime, er beruht auf Gewalt. Dies zu verquasten, indem einem Gesetzgebungsprozess das inhärente Mäntelchen der Legitimität umgehängt wird, ist zutiefst illiberal. Das kritische Hinterfragen von Gesetzen impliziert daher selbstverständlich gegebenenfalls auch einen moralischen Impetus zur Befolgungsverweigerung.

    Gewissensfreiheit ist die Freiheit, sich innerhalb der Gesetze nach seinem Gewissen zu entscheiden.

    Das erinnert mich stark an diese Aussage:
    ” Wir fanden ja die DDR gut, schon zu Ost-Zeiten. Wir konnten machen, was wir wollten, wir hatten keine Existenzängste. Ich fand alles gut. Auch die Mauer war für mich eine klare Sache: Da stand dran “Wer versucht rüberzugehen, wird erschossen.” Und wenn man dann rübergeht, weiß man, dass man erschossen werden kann. Man hatte also immer eine Alternative. Ich musste mich damals auch entscheiden: Ich wollte auf keinen Fall zur Armee, man musste aber hin, sonst konnte man sogar ins Gefängnis kommen. Trotzdem habe ich mich dagegen entschieden. Dafür durfte ich dann nicht studieren und konnte nicht Arzt werden. Das war für mich eine freie Entscheidung. Für mich bedeutet Freiheit, dass man die Wahl hat zu tun, was man will. Und das hat für mich im Osten sehr gut funktioniert.”
    http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/1407/_mir_fehlt_die_ddr.html

    Das ist nicht die Freiheit eines mündigen, souveränen Individuums, sondern eines Sklaven!

    Beste Grüsse,
    CH

  21. Gomez Davila
    24.02.2008 | 16:42

    @Lydia Krasnic:

    “Im übrigen ist Bentham besser als Kant!”

    Und Bratwurst ist besser als Grützwurst. Das ist doch albern. In der Philosophie geht es nicht um Wertungen, sondern um die besseren Argumente. Und daß der Autor des “Panopticon” einer Überwachungs- und Disziplinierungsmanie huldigte, stempelt ihn imho nicht gerade zum Vorzeigeliberalen.

    @Christian Hoffmann:

    Was Kant als liberalen PÜhilosophen ausweist, ist, daß er am gründlichsten dem Freiheitsproblem nachgegangen ist. Würden die Liberalen mehr Kant lesen, würde ihnen aufgehen, daß ihr Begriff von Freiheit der der bloßen Willkürfreiheit ist. Und daß diese nicht mit Recht Freiheit genannt werden kann, wußte schon Spinoza (und wissen moderne Hirnforscher). Im übrigen: Hätte ich jedesmal, wenn ich die Bemerkung “da ging der Preusse mit ihm durch” 10 Cent erhalten … Wenn man den Begriff der Freiheit entfaltet, landet man schon nach wenigen Schritten beim Zwang. Jemand, der sich selbst nicht im Griff hat, sich nicht selbst bezwingt, ist nicht frei. Und im entgegengesetzten Fall auch kein Zwangsneurotiker, um einen möglichen Einwand gleich vorwegzunehmen, sondern einfach ein autonom Handelnder. Auf die Antwort auf die Frage, wie diese Autonomie des Einzelnen zu schützen sei, wie also “Recht Durchsetzung finden kann, ohne sich selbst ad absurdum zu führen”, OHNE dabei auf Zwangs- und Sanktions-, mithin staatliche Strukturen zurückzugreifen, bin ich sehr gespannt.

    Daß der Staat sich immer mehr Kompetenzen anmaßt, sogar aus Unrecht Gesetz machen kann, das Problem habe ich ja gar nicht bestritten. Deswegen ist die Demokratie ja nicht nur eine Staatsform, sondern eine Lebensaufgabe, Mißtrauen in der Demokratie gegen den Staat erste Bürgerpflicht. Aber deshalb kann man ja nicht so weit gehen, einen “moralischen Impetus zur Befolgungsverweigerung” zu rechtfertigen. Selbst in dem von Lydia Krasnic angeführten Totschlagbeispiel Stauffenberg darf ja nicht vergessen werden, daß der Mann nicht einfach so einem moralischen Impetus gefolgt ist, sondern ungeheurer mit sich gehadert hat. Völlig zu Recht, selbst bei einem solchen Ungeheuer wie Hitler! Das macht solche Menschen ja eben zu Helden, daß sie auch ihre moralische Existenz aufs Spiel setzen. Denn wenn der Fall nicht so eindeutig wie bei Hitler gelegen hätte, hätten sie womöglich einen Bürgerkrieg zu verantworten.

  22. stefanolix
    24.02.2008 | 18:33

    Lieber Christian,

    als Bürger der ehemaligen DDR kann ich sagen, dass die zitierte Aussage für die achtziger Jahre zum Teil zutrifft. Allerdings wussten wir in dieser Nischengesellschaft genau, dass die Freiräume immer zur Disposition stehen konnten. Ich weiß nicht, was den Zitierten zu seiner Aussage gebracht hat, aber er scheint nach so vielen Jahren einiges umzudeuten.

    Ein Totalverweigerer hatte es in der DDR extrem schwer. Es gab im Prinzip nur die Wahl zwischen einer Art »Bausoldatendienst« (die bauten zum Beispiel Schießplätze oder andere militärische Anlagen und wurden auch für schmutzige Arbeiten in der DDR-Industrie eingesetzt; der Erlös wanderte in den Militärhaushalt) und dem normalen Wehrdienst in der NVA.

    Aber Zettels Aussage kann man auch so lesen:

    Gewissensfreiheit ist die Freiheit, sich in einem demokratischen Rechtsstaat innerhalb der Gesetze nach seinem Gewissen zu entscheiden.

    Und dann ist Dein Einwand nicht mehr notwendig. Natürlich darf man den demokratischen Rechtsstaat nicht idealisieren und ich mache mir auch große Sorgen über die Erosionsprozesse. Aber allemal ist es besser als in der DDR.

  23. 24.02.2008 | 21:43

    @Rayson:

    “Die Bezeichnung “Gesetz” für all das, was die gewählten Volksvertreter beschließen und für jede Anordnung, die sie als Regierung unter dem Gesetz treffen … ist aber nicht viel besser als ein schlechter Witz. Das ist in Wahrheit einfach gesetzlose Ausübung der Regierungsgewalt.”
    Friedrich August von Hayek, Drei Vorlesungen über Demokratie, Gerechtigkeit und Sozialismus, Tübingen 1977

  24. 25.02.2008 | 1:35

    @stefanolix: Ich hege doch die Hoffnung, dass die zitierte Passage sarkastisch gemeint war. Natürlich ist die Wahl “Geld oder Leben” das Gegenteil von Freiheit. Und daher ist auch die Wahl “Bleib in der DDR oder werde erschossen” natürlich das Gegenteil von Freiheit.

    Im Übrigen, ja sicher ist die BRD “besser” als die DDR. So wie es besser ist, einmal geohrfeigt, als zehnmal mit dem Stock verprügelt zu werden. Aber das Label “demokratischer Rechtsstaat” (whatever that may be) ist für mich sicher keine ausreichende Legitimation für die Ausübung von Zwang. Dennoch mag es angenehmer sein, als das Label “Militärdiktatur” - keine Frage.

  25. 25.02.2008 | 1:44

    @Gomez Davila:

    “Auf die Antwort auf die Frage, wie diese Autonomie des Einzelnen zu schützen sei, wie also “Recht Durchsetzung finden kann, ohne sich selbst ad absurdum zu führen”, OHNE dabei auf Zwangs- und Sanktions-, mithin staatliche Strukturen zurückzugreifen, bin ich sehr gespannt.”

    Die intelligenteste Antwort, die ich bisher darauf finden konnte, stellt fest, dass die Initiierung von Zwang als illegitim zu betrachten ist - nicht ihre Abwehr oder Wiedergutmachung. Sprich: Ja, wenn A gegen B Zwang initiiert, erwirbt B dadurch das Recht auf Wiedergutmachung - und sei es gegen den Willen von A. Aber es ist eben nicht legitim, wie der Staat dies tut, präventiv Menschen einem pauschalen Zwang zu unterwerfen. Sprich: Der Staat als territorialer Gewaltmonopolist muss qua seiner Natur Rechte verletzen. Die Verteidigung individueller Rechte (sei es Notwehr, sei es Nothilfe) muss dies hingegen nicht.

    Damit sollte auch deutlich werden, dass eine radikal-liberale Position nicht dem Chaos das Wort redet. Die Grenzen der legitimen Aktivitäten einer Person werden stets in den Rechten anderer Personen gefunden. Wenn aber der Staat illegitimer Weise Steuern erpresst, dann ist die Verweigerung der Steuerentrichtung Notwehr - und damit eben legitim.

  26. Lina
    25.02.2008 | 8:57

    @ Christian Hoffmann

    “Die Ablehnung von Zwang ist die liberale goldene Regel. Steuern und Staat folgen dem Recht des Stärkeren…”

    …und damit der IMHO unveränderlichen Natur des Menschen. Alle erzieherischen Massnahmen über jede bislang praktizierte Staatsform sind daran gescheitert, weil der Eine seiner Veranlagung nach frei sein (und denken) sein kann und der Andere nicht. Und weil die freiwillig Unfreien in der Mehrzahl sind und sich immer wieder als die Stärkeren erweisen, hat ein dirigistischer Staat leichtes Spiel.

    Wir machen die Rechnung immer wieder auf, ohne die menschliche Natur, die offenbar festgeschriebenn ewigen Gesetzen folgt, wenn sie - wie an Boches neuem Artikel gut abzulesen - unbelehrbar den selben Entscheidungsmustern folgt, sich sozusagen im Kreis ihrer beschränkten Möglichkeiten dreht, ohne sich zu besinnen.

    Da hilft auch Kant nicht weiter; Darwin ist es eigentlich, der den vorgeschobenen Riegel (und damit die eigentliche Quadratur des Kreises) aufdeckt. Aus unter Mühen und befristet gewonnener demokratischer Pseudoliberalität findet der “grosse Haufen” nach dem “Recht des Stärkeren” offenbar immer wieder zwanghaft zurück in die Sklaverei und umgekehrt. Sich per Gesetz und trotz Steuern in einer flexiblen, erträglichen Mitte aufzuhalten, erscheint mir daher (wenn auch nicht wünschenswert) nach menschlichem Ermessen zumindest vernünftig - wobei es dann immer noch wesentlich auf die gestalterischen Details ankommt…

  27. Gomez Davila
    25.02.2008 | 10:43

    @Christian Hoffmann:

    Das Recht, die Initiierung von Zwang per Notwehr zu verhindern, nützt nur dann etwas, wenn sich alle anderen freiwillig daran als einzig legitime Gewaltausübung halten. Wenn nicht, war´s das mit der liberalen Kommune.

    Das Recht, per Nothilfe die Initiierung von Zwang etwas zuverlässiger als bei der Notwehr zu verhindern, durch Bündelung der Kräfte nämlich, setzt voraus, daß Unbeteiligte sich die Sache des Bedrängten zu eigen machen. Und damit ist der Keim für weitere Verstaatlichung gelegt. Es muß nämlich entschieden werden, ob der “Bündnisfall” zurecht vorliegt, und da es dafür keine harten Kriterien gibt, kann sowohl die Gemeinschaft zuungunsten eines bloß vermeintlichen Rechtsbrechers, oder ein bloß vermeintlich Bedrängter zu seinen eigenen Gunsten lügen.

    Ein Naturrecht allein nutzt nix, denn um in Kraft zu treten bedarf es seiner Institutionalisierung, und diese ist nun mal eine permanente Gewaltdrohung (so Benjamin, Zur Kritik der Gewalt). Deshalb funktioniert, leider, die liberale Nachtwächterkommune schon theoretisch nicht, weil ihre eigene Verfallsgeschichte gewissermaßen schon analytisch in ihr angelegt ist.

  28. Lina
    25.02.2008 | 12:17

    @ Gomez Davila

    “Deshalb funktioniert, leider, die liberale Nachtwächterkommune schon theoretisch nicht, weil ihre eigene Verfallsgeschichte gewissermaßen schon analytisch in ihr angelegt ist.”

    Gut gesagt - ja, leider! Zur notwendigen Institutionalisierung von Naturrecht und permanenter Gewaltandrohung fällt mir Heine ein:

    “Der Obrigkeit gehorchen ist / Die erste Pflicht für Jud und Christ / Es schliesse jeder seine Bude / Sobald es dunkelt, Christ und Jude.”

    Wohlgemerkt: jeder, auch jeder Steuerzahler ;-)…

  29. 25.02.2008 | 13:27

    @Lina:
    “Und weil die freiwillig Unfreien in der Mehrzahl sind und sich immer wieder als die Stärkeren erweisen, hat ein dirigistischer Staat leichtes Spiel.”

    Eine freiwillige “Unfreiheit” ist eine Freiheit - da freiwillig. Sie legitimiert in jedem Fall nicht die Knechtung anderer.
    “Der Mensch ist nunmal so” ist m.E. kein treffendes Argument. Ja, es gibt Menschen, die Zwang ausüben wollen - aber das heisst nicht, dass man sie gewähren lassen sollte (Sein/Sollen).

    “Sich per Gesetz und trotz Steuern in einer flexiblen, erträglichen Mitte aufzuhalten, erscheint mir daher (wenn auch nicht wünschenswert) nach menschlichem Ermessen zumindest vernünftig”

    Nochmal, einmal geohrfeigt zu werden, ist “besser”, als zehnmal mit den Stock verdroschen zu werden. Richtig ist beides nicht - das Ziel sollte es immer sein, gar nicht verletzt zu werden. Wer die Ohrfeige als Ziel postuliert, da sie “realistisch” ist, hat intellektuell und moralisch kapituliert… So lässt sich ironischerweise auch kein Staat machen. “Gute” Staaten entstehen nie, weil Menschen mehr von einem Staat X wollen, sondern weil sie weniger Staat wollen. Punkt. Daher halte ich Raysons Ausführungen zur Legitimität positiven Rechts für zutiefst illiberal.

  30. 25.02.2008 | 13:35

    @Gomez Davila:

    “Das Recht, die Initiierung von Zwang per Notwehr zu verhindern, nützt nur dann etwas, wenn sich alle anderen freiwillig daran als einzig legitime Gewaltausübung halten.”

    “Die Vorstellung, dass ein Gewaltmonopolist Sicherheit und Ordnung schafft funktioniert nur, wenn alle sich daran halten.”

    Beide Aussagen sind falsch. Wir reden hier von zwei Systemen, mit denjenigen umzugehen, die hier wie da Zwang initiieren. Das eine System beruht auf allgemeinem Zwang, das andere auf Freiheit.

    “Das Recht, per Nothilfe die Initiierung von Zwang etwas zuverlässiger als bei der Notwehr zu verhindern, durch Bündelung der Kräfte nämlich, setzt voraus, daß Unbeteiligte sich die Sache des Bedrängten zu eigen machen. Und damit ist der Keim für weitere Verstaatlichung gelegt.”

    Durchaus nicht, da stets derjenige, der Zwang initiiert, dafür zur Verantwortung gezogen werden kann - anders als heute. Dein Argument findet sich übrigens so auch bei Nozick und wurde u.a. von Rothbard widerlegt. Durch freiwillige Kooperation erzeugte Sicherheit führt genausowenig “automatisch” zu einem Angebotsmonopol, wie die Produktion von Brötchen.

    “Ein Naturrecht allein nutzt nix, denn um in Kraft zu treten bedarf es seiner Institutionalisierung, und diese ist nun mal eine permanente Gewaltdrohung”

    Natürlich bedürfen Rechte einer Institutionalisierung. Man denke nur an Verträge. Rechte, die jedoch für ihre Existenz permanente Gewalt bedürfen, sind keine lebensfähigen.

    “Deshalb funktioniert, leider, die liberale Nachtwächterkommune schon theoretisch nicht, weil ihre eigene Verfallsgeschichte gewissermaßen schon analytisch in ihr angelegt ist.”

    Sicher - der liberale Nachtwächterstaat funktioniert schon deshalb theoretisch nicht, weil eine Institution des Zwangs niemals Freiheit herstellen kann.

  31. Gomez Davila
    25.02.2008 | 15:30

    @Christian Hoffmann:

    “Das eine System beruht auf allgemeinem Zwang, das andere auf Freiheit.”

    Ich war eigentlich der Ansicht, daß meine als falsch herbeizitierte Aussage das System beschreibt, das auf Freiheit basiert.

    “Durchaus nicht, da stets derjenige, der Zwang initiiert, dafür zur Verantwortung gezogen werden kann.”

    Wie denn?
    Und wo steht oder wie lautet Rothbards Widerlegung? Wenn das “wie” durch den Folgesatz beantwortet ist, so ist zu sagen, daß auch diese freiwillige Kooperation voraussetzt, daß sich ihre Mitglieder an die Spielregeln halten. Ich versteh nicht, wie man sich am Zwang als ultima ratio bei Rechtsbruch stoßen kann. Denn das meiste von dem, was in Deutschland bei Übertretung sanktioniert wird, mache ich ja ohnehin freiwillig.

    “weil eine Institution des Zwangs niemals Freiheit herstellen kann.”

    Sorry, aber da fehlt mir das Argument, das diese apodiktische Aussage stützt.

  32. Lina
    25.02.2008 | 15:42

    @ Christan Hoffmann

    “Wer die Ohrfeige als Ziel postuliert, da sie “realistisch” ist, hat intellektuell und moralisch kapituliert… So lässt sich ironischerweise auch kein Staat machen.”

    Mag sein. Es ist aber auch eine Kapitulation vor der Vernunft zu meinen, menschliches wie gesellschaftliches Zusammenleben ginge ohne verpflichtende Regeln, und ironischerweise lässt sich trotzdem ein Staat daraus machen, denn wir haben, brauchen und leisten uns einen. “Staat machen” können wir, so wie er ist, nicht mit ihm.

    Dieses “Wir sind eben so”, das bei mir immer mitschwingt, ist einerseits belastbare Biologie und zum anderen der finale Schluss einer skeptischen Praktikerin, wenn sie die deutlichen Grenzen der avisierten grösstmöglichen, ja, gelegentlich bis zur Abstraktion getriebenen Liberalisierung sieht; das Denkbare und das Machbare waren schon immer zweierlei, dazwischen liegt das Feld der Politik.

  33. 25.02.2008 | 17:04

    @Lina:

    Es ist aber auch eine Kapitulation vor der Vernunft zu meinen, menschliches wie gesellschaftliches Zusammenleben ginge ohne verpflichtende Regeln

    Sicher, aber das behauptet ja auch niemand hier.

    “und ironischerweise lässt sich trotzdem ein Staat daraus machen, denn wir haben, brauchen und leisten uns einen.”

    “Haben” sicher ja, “brauchen” wage ich zu bezweifeln. Der gängige Fehler besteht darin, aus dem Haben ein Brauchen abzuleiten.
    Vor allem aber gibt es niemanden, der diesen Staat will. Das wundert mich immer an den Staatsgläubigen - sie lassen ihren Glauben an den Staat (bzw. seine Notwendigkeit) durch keine Erfahrung des Scheiterns erschüttern.

    “das Denkbare und das Machbare waren schon immer zweierlei, dazwischen liegt das Feld der Politik.”

    Schön, nur dazwischen liegt auch das Feld der Kriminalität. Eine Feststellung des Ist ersetzt eben nicht eine Erörterung des Sollens.

  34. 25.02.2008 | 17:13

    @G. Davila:

    “Ich war eigentlich der Ansicht, daß meine als falsch herbeizitierte Aussage das System beschreibt, das auf Freiheit basiert.”

    Sicher, nur postulierst du darin, dass dieses eine allgemeine Akzeptanz voraussetzt. Das halte ich für falsch.

    Wie denn?

    Wie gesagt, durch Notwehr und Nothilfe - auch durch vetraglich vereinbarte Hilfe.

    “Und wo steht oder wie lautet Rothbards Widerlegung?”

    Ich kann hier nicht die gesamte Auseinandersetzung rekapitulieren. Nozick behauptet, dass der Staat als territorialer Gewaltmonopolist auch unter Respekt individueller Rechte enstehen kann, ja wohl enstehen muss, da ihm eine inhärente Tendenz zur Monopolbildung zugrunde liegt. Rothbard zeigt am Ende von “Ethik der Freiheit”, dass das von Nozick beschriebene Kontinuum keines ist, sondern dass die Etablierung eines Gewaltmonopolisten immer einer Rechtsverletzung bedarf. Auch kann der inhärente Zwang zur Monopolbildung schlicht nicht erwiesen werden.

    “Ich versteh nicht, wie man sich am Zwang als ultima ratio bei Rechtsbruch stoßen kann.”

    Das tue ich nicht, im Gegenteil, ich befürworte ja Selbstverteidigung.

    “Denn das meiste von dem, was in Deutschland bei Übertretung sanktioniert wird, mache ich ja ohnehin freiwillig.”

    Den Einwand verstehe ich nicht. Sicher sanktioniert der Staat freiwillige Handlungen. Genau das ist ja meist das Problem.

    “Sorry, aber da fehlt mir das Argument, das diese apodiktische Aussage stützt.”

    Der Staat als territorialer Gewaltmonopolist beruht auf einem Akt der Gewalt: Der gewaltsamen Durchsetzung seines alleinigen Rechts auf Rechtssprechung und -durchsetzung, auf Gewaltanwendung. Eine Institution aber, die qua ihrer Existenz Freiheit untergräbt kann letztlich nie dem Ziel dienen, Freiheit zu erreichen.

  35. 25.02.2008 | 17:51

    @Christian Hoffmann

    Wenn für dich Liberalismus die Ablehnung des Rechtsstaats und die Abschaffung des Grundgesetzes als Voraussetzung hat, dann bin ich gerne nicht liberal. Ich bezweifle aber, dass diese Begriffsgebung allgemeine Gültigkeit beanspruchen könnte.

  36. 26.02.2008 | 1:35

    @Rayson: Liberalismus setzt für mich die Freiheit des Individuums und damit die Ablehnung von Zwang voraus. Wo der Staat Zwang ausübt und Freiheit untergräbt, sollte der Liberale den Staat ablehnen. Das rhetorische Herumfuchteln mit dem Grundgesetz ist einer sachlichen Diskussion unwürdig.

  37. Gomez Davila
    26.02.2008 | 8:13

    @Christian Hoffmann:

    Also mir ist das Herumfuchteln mit dem Grundgesetz allemal lieber als diese verstiegene libertäre Ideologie, nach der sich jeder anmaßen kann, im Namen der Freiheit jede Verbindlichkeit aufzukündigen, und die wohl praktisch auf einen Kampf aller gegen aller mit anschließender Monopolisierung eines einzelnen herausliefe, der sich die Gelegenheit zur Tyrannei gewiß nicht nehmen ließe (auch die Oligopolisierung von einigen mit Verhältnissen wie im Schottland des Mittelalters halte ich für kein Ideal). Zu meiner spontanen Begeisterung trägt gewiß auch nicht bei, daß sich solch gefährliche Spinner wie Charles Murray auf libertäre Ideen berufen.
    Trotzdem will ich nicht bestreiten, daß ich die Naturrechtstheorie, die durch Deine erhellende Antwort durchschimmert, sehr interessant finde. Danke auch für den Buchtip: Trotz aller Skepsis werde ich die “Ethik der Freiheit” wohl mal lesen müssen. Zu meinem unverstandenen Einwand: Ich meinte nicht, daß der Staat freiwillige Handlungen sanktioniert, sondern die ÜBERTRETUNG von Gesetzen, die normalerweise ohnehin freiwillig befolgt werden. So finde ich z.B. das Tötungsverbot ganz okay und kann damit leben, daß der bestraft wird, der es übertritt, und fühle mich durch diese Strafdrohung auch nicht in meiner Freiheit eingeschränkt. Ich wollte nur darauf hinweisen, daß in den meisten modernen Staatstheorien (Rousseau, Kant, Hegel) der Staat als die Verwirklichung der Freiheit gedacht wird, trotz des Zugeständnisses (bei den letzten beiden), daß der historische Ursprung des Staates ein Gewaltakt war.

  38. 26.02.2008 | 12:19

    @Christian Hoffmann

    Du kannst dir den Pelz nicht waschen, ohne dich nass zu machen. Grundgesetz und Rechtsstaat sind nicht à la carte zu haben. Sie existieren entweder allgemein gültig oder sie existieren nicht.

    Nenn das meinetwegen “rhetorisches Herumfuchteln”. Ich nenne das konsequent. Warum auf einmal so Wischiwaschi, wenn es ans Eingemachte geht?

  39. rolf
    26.02.2008 | 15:37

    Wer für Eigentum, Marktwirtschaft und individuelle Selbstbestimmung steht, sollte nicht mit dem Grundgesetz unterm Kopfkissen schlafen. Das GG negiert diese Werte (immer mit der Nummer “garantiert die Freiheit XY, es sei denn…” DAS NÄHERE REGELT DAS BUNDESGESETZ).

  40. 26.02.2008 | 15:43

    Das ist doch mal ne klare Ansage. Nicht jeder Gegner des Grundgesetzes bekennt sich so offen dazu.

  41. 26.02.2008 | 21:15

    @Gomez Davila:

    “als diese verstiegene libertäre Ideologie, nach der sich jeder anmaßen kann, im Namen der Freiheit jede Verbindlichkeit aufzukündigen, und die wohl praktisch auf einen Kampf aller gegen aller mit anschließender Monopolisierung eines einzelnen herausliefe, der sich die Gelegenheit zur Tyrannei gewiß nicht nehmen ließe”

    Hm, also dann ist das libertäre Wort Case-Szenario auch nicht schlimmer als der Status Quo… Ein Grund mehr, für libertäre Experimente!

    So finde ich z.B. das Tötungsverbot ganz okay und kann damit leben, daß der bestraft wird, der es übertritt, und fühle mich durch diese Strafdrohung auch nicht in meiner Freiheit eingeschränkt.

    Nein sicher nicht. Problematisch wird es dort, wo der Staat selbst Zwang und Gewalt ausübt. Die These ist also nicht, dass die Ausübung von Zwang nicht pönalisiert werden sollte - im Gegenteil. Sie sollte immer und konsequent pönalisiert werden, auch wenn sich der Täter das Staatsmäntelchen umhängt.

  42. 26.02.2008 | 21:18

    @Rayson:

    “Grundgesetz und Rechtsstaat sind nicht à la carte zu haben. Sie existieren entweder allgemein gültig oder sie existieren nicht.”

    Natürlich sind Grundgesetz und Rechtsstaat nur à la carte zu haben - beide sind schliesslich das Objekt politischer Willkür. Das GG von heute ist nicht das GG von 1960. Und das GG von 2030 wird nicht das GG von heute sein. Gleiches gilt für den Rechtsstaat.

    Meine Position ist durchaus nicht “wischiwaschi” - wo GG und Rechtsstaat der Freiheit dienen, begrüsse ich sie. Wo nicht, ist mir die Freiheit der höhere Wert.

  43. 26.02.2008 | 22:32

    [...] Passend zu der in verschiedenen Kreisen entstandenen Irritation ob der libertären Position “Steuerhinterziehung ist Menschenrecht“, hier ein passendes Werk von bureaucrash: [...]

  44. Gomez Davila
    27.02.2008 | 8:29

    @ Christian Hoffmann:

    “Hm, also dann ist das libertäre Wort Case-Szenario auch nicht schlimmer als der Status Quo… Ein Grund mehr, für libertäre Experimente!”

    Doch, durchaus schlimmer, denn im Status Quo gewährt mir eine verbindliche Rechtstaatlichkeit Schutz vor den Konsequenzen der Taten von Leuten, die alles auf ihr eigenes Freiheitsempfinden abstellen, deren Verhalten eben nicht verbindlich und verläßlich ist. Und, das eine politische Experiment, das ich am eigenen Leibe erfahren habe, ist mir genug für dieses Leben.
    Natürlich ist das GG nicht mehr das gleiche, aber doch in den Kernelementen unverändert. Auch wenn das überraschend klingt: Wir leben nicht mehr im 3. Reich.

    “Wo nicht, ist mir die Freiheit der höhere Wert.”

    Entschuldigung, aber das ist RAF-Logik. Der Einwand, daß sei im Sinne eines passiven Widerstands gemeint, würde auch nicht ziehen. Denn in staatlich organisierten Gemeinwesen lädiert auch z.B. Steuerhinterziehung andere Menschen, da hier das Wechselseitigkeitsprinzip verletzt wird. Und, um mich zu wiederholen: Die Freiheit, wie sie bei den Libertären gebraucht wird, ist mir persönlich tatsächlich sehr wischiwaschi. Ist bei irgendeinem libertären Autor eine genaue, d.h. philosophisch anspruchsvolle Begriffsanalyse vorhanden? Würde mich tatsächlich interessieren.

  45. 27.02.2008 | 20:21

    @Gomez Davila:

    Doch, durchaus schlimmer, denn im Status Quo gewährt mir eine verbindliche Rechtstaatlichkeit Schutz vor den Konsequenzen der Taten von Leuten, die alles auf ihr eigenes Freiheitsempfinden abstellen, deren Verhalten eben nicht verbindlich und verläßlich ist.

    Der Status Quo gewährt dir alleine, dass kein Verbrecher je grösseren Schaden anrichten kann, als Vater Staat selbst. Wenn dir das ein Gefühl von Sicherheit gibt, dann vermutlich nur, weil du das Gefühl für Relationen verloren hast…
    “Verbindlich” sind für den Leviathan im Übrigen nur seine eigenen Regeln - er nimmt für sich also ein Recht in Anspruch, das er seinen Bürgern nicht gewährt. Mal wieder…

    “Entschuldigung, aber das ist RAF-Logik.”

    Und das ist ein sinnloses Totschlag-Argument.

    “Denn in staatlich organisierten Gemeinwesen lädiert auch z.B. Steuerhinterziehung andere Menschen, da hier das Wechselseitigkeitsprinzip verletzt wird.”

    Das ist doch wirklich Unsinn. Der Bürger wird dadurch lädiert, dass der Staat im Geld abnimmt, nicht dadurch, dass er anderen keines nimmt. Wo ist denn da die Wechselseitigkeit? Ich beraube dich, aber du dafür mich nicht? Sehr logisch…

    “Ist bei irgendeinem libertären Autor eine genaue, d.h. philosophisch anspruchsvolle Begriffsanalyse vorhanden?”

    Ich würde es mal bei Radnitzky und Bouillon, evtl. auch Rothbard/Hoppe versuchen.

  46. Gomez Davila
    28.02.2008 | 9:53

    “Verbindlich” sind für den Leviathan im Übrigen nur seine eigenen Regeln - er nimmt für sich also ein Recht in Anspruch, das er seinen Bürgern nicht gewährt.”

    Auf die Regeln kann durchaus jeder Einfluß nehmen. Denn der Leviathan ist kein abstraktes Monster, sondern das Forum des Interessenausgleichs Aller (natürlich mit der Differenz des Idealen und Realen, und im Idealfall “ist” der Staat die Bürger, das meinte ich ja mit der Demokratie als Aufgabe). Zweitens war das mit der RAF kein Argument, sondern ein Urteil , drittens durchaus nicht sinnlos: Denn der Staat ist kein Abstraktum, dem man schaden kann, man schadet mit ihm immer ganz konkreten Personen (die Kollateralschäden der RAF) oder Bevölkerungsgruppen. Denn nach der Logik der Libertären (ich denke da an Blankertz) hält der Staat als Umverteilungsmaschine die Menschen in Unselbständigkeit. Erst nimmt er breiten Gruppen (durch falsche Konjunkturpolitik oder deshalb, weil er sich überhaupt in die Wirtschaft einmischt) die Möglichkeit, für sich selbst zu sorgen, dann spielt er sich durch Sozialleistungen auch noch als Robin Hood auf. Wenn also Steuern hinterzogen werden, betrifft das immer Menschen, die für die Umverteilungslogik des Staates schließlich nix können; die Aufforderung “starve the beast” führt zum Hunger konkreter Menschen, und sicherlich nicht der Staatsbeamten, die sich im Zweifel immer an den Untertanen schadlos halten. Wichtiger für den Vergleich mit der RAF halte ich aber, daß Eigeninteressen nicht kommuniziert, sondern eigenmächtig wahrgenommen werden, also im gemeinschaftlichen Austausch ihre tatsächliche Berechtigung gar nicht mehr geprüft werden kann.

    Ich danke für die Literaturhinweise, kann mir aber bezüglich Hoppe die Bemerkung nicht verkneifen, daß sich die Libertären nicht wundern sollen, wenn sie als rechtslastige Sekte wahrgenommen werden.

  47. Michel
    28.02.2008 | 20:09

    @Gormez: Das Argument, dass der Staat dem Interessenausgleich dient, lässt sich doch mit einem Blick in die politische Praxis sofort in den Boden stampfen. Nach welchen Kriterien wird das Steuerrecht festgelegt? Einnahmemaximierung unter Berücksichtigung derer die am lautesten schreien. Das kann man zwar auch Interessensausglich nennen, aber dazu gehört schon eine gehörige Portion Zynismus.

    “die Aufforderung “starve the beast” führt zum Hunger konkreter Menschen”
    Seit wann hat denn der Staat hat ein Monopol auf Solidarität?

    “Wichtiger für den Vergleich mit der RAF halte ich aber, daß Eigeninteressen nicht kommuniziert, sondern eigenmächtig wahrgenommen werden, also im gemeinschaftlichen Austausch ihre tatsächliche Berechtigung gar nicht mehr geprüft werden kann.”

    Den Punkt sollte man ausdiskutieren. Du bist also tatsächlich der Meinung das die Berechtigung von Eigeninteressen von der Gesellschaft - wer auch immer das ist - geprüft werden müssen? So ein Prinzip halte ich für ungeeignet. Es würde dazuführen, das Recht auf Freiheit für einen Sklaven z.B. in den USA Anfang des vorletzten Jahrhunderts zu verneinen. Nein wegen der Forderung das Recht reziprok sein muss, sind die Lösungen der meisten Rechtskonflikte evident.

  48. Gomez Davila
    28.02.2008 | 21:03

    @Michel:

    Das mit dem Staat und dem Interessenausgleich habe ich ja schon mit dem Vorbehalt geschrieben, daß da Sein und Sollen auseinanderklaffen. Du beschreibst die Steuerwirklichkeit ja sehr treffend. Ich nenne das auch keinen Interessenausgleich und lasse mir daher auch keinen Zynismus vorwerfen.
    Nur halte ich ein Hinarbeiten auf eine Änderung des Steuerrechts für sinnvoller als ein Hinarbeiten auf die Abschaffung des Staates. Dabei ist ein Begreifen, was ist (was sind die strukturellen Gründe für diesen Zustand, da ist z.B. Mancur Olson ganz gut), hilfreicher als das Basteln von Utopien.
    Wie glaubst Du, wurden die Sklaven denn befreit? Durch einen öffentlichen (gesellschaftlich vermittelten) Diskurs der Abolitionisten, die die Eigeninteressen der Sklavenbesitzer eben unberechtigt fanden, der leider nicht lange nur Diskurs blieb.
    Was eine Gesellschaft ist? Was ist denn ein Individuum? Ich kenne keines, zumindest kein nicht von der Gesellschaft und Kultur hervorgebrachtes (außer vielleicht Kaspar Hauser in jungen Jahren).

  49. Gomez Davila
    28.02.2008 | 21:58

    @Michel:

    “Seit wann hat denn der Staat hat ein Monopol auf Solidarität?”

    Also sichern sich die Steuerhinterzieher, bevor sie Steuern hinterziehen, erst mal ab, ob auch ein Privater die entstehende Finanzierungslücke freiwillig stopft?

  50. 28.02.2008 | 22:23

    Wenn also Steuern hinterzogen werden, betrifft das immer Menschen, die für die Umverteilungslogik des Staates schließlich nix können; die Aufforderung “starve the beast” führt zum Hunger konkreter Menschen, und sicherlich nicht der Staatsbeamten, die sich im Zweifel immer an den Untertanen schadlos halten.

    Das Argument hinkt gleich mehrfach. 1. führt eine Reduktion der Staatseinnahmen (die wir ohnehin schon seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben) nicht primär zum Verhungern gewisser abhängiger Individuen - da ist noch reichlich Fett dazwischen. 2. können Bedürftige auch durch Individuen und Institutionen jenseits des Staates versorgt werden - auch von daher also keine Hungergefahr. 3. macht die Tatsache, dass andere Menschen von ihr profitieren, eine Massnahme noch lange nicht legitim - die Tatsache, dass also der Staat Bedürftige in Unmündigkeit und Abhängigkeit führt, ändert nichts am Recht des Individuums auf sein Einkommen, sein Eigentum - und damit auch auf Steuerverweigerung.

    Im Übrigen halte ich deine Utopie (der Staat als Forum für uns alle, “wir alle” als Staat) für noch sehr viel unrealistischer, als die libertäre. Etatisten neigen dazu, zu verdrängen, dass sie mindestens so “unrealistischen” Idealen anhängen, wie Libertäre.

    Zuletzt: Ich nenne dir 4 Autoren und du kommst mir wegen einem davon mit “rechter Sekte”. Man sieht offenbar, was man sehen will. Der frühe Hoppe hat recht interessante Dinge zur libertären Theorie beigetragen (”Eigentum, Anarchie und Staat”). Dass er danach abgedriftet ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich verkneife es mir mal, im Gegenzug auf die totalitären Vordenker der “etatistischen Sekte” hinzuweisen…

  51. Freie Radikale
    28.02.2008 | 22:41

    Also sichern sich die Steuerhinterzieher, bevor sie Steuern hinterziehen, erst mal ab, ob auch ein Privater die entstehende Finanzierungslücke freiwillig stopft?

    Welche Finanzierungslücke meinst Du? Die aus dem Fünfjahresplan?

  52. Gomez Davila
    29.02.2008 | 11:01

    @Christian Hoffmann:

    “Der frühe Hoppe hat recht interessante Dinge”

    Dann hättest Du in Deinem vorherigen Beitrag “der frühe Hoppe” schreiben sollen.

    “im Gegenzug auf die totalitären Vordenker der “etatistischen Sekte””

    geschenkt

    “halte ich deine Utopie (der Staat als Forum für uns alle, “wir alle” als Staat) für noch sehr viel unrealistischer”

    Und ich Deine von libertären Garten Eden. Seit wann herrscht in diesem Blog Dissensverbot?

    “die Tatsache, dass also der Staat Bedürftige in Unmündigkeit und Abhängigkeit führt, ändert nichts am Recht des Individuums auf sein Einkommen, sein Eigentum - und damit auch auf Steuerverweigerung.”

    Prämisse richtig, Folge falsch. Denn was macht Dich so sicher, daß Du im Recht bist? Sollten die von Deiner Verweigerung Betroffenen nicht auch gefragt werden?

    “Das Argument hinkt gleich mehrfach.”

    Das tut Dr. House auch - und der hat meistens Recht.

    “1. führt eine Reduktion der Staatseinnahmen (die wir ohnehin schon seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben) nicht primär zum Verhungern gewisser abhängiger Individuen - da ist noch reichlich Fett dazwischen.”

    Aber sekundär wäre egal? Reichlich Fett dazwischen - Steuerhinterziehung als kalkuliertes Diätprojekt für “gewisse Abhängige”? Jetzt ist es wohl an mir, Dir Zynismus vorzuwerfen.

    “2. können Bedürftige auch durch Individuen und Institutionen jenseits des Staates versorgt werden - auch von daher also keine Hungergefahr.”

    Können. Und ich fürchte, daß ein Arbeitsloser, dem sein Überleben nicht rechtlich zusteht, der dazu auf die Milde seiner reichen Mitbürger angewiesen ist, die ihm Almosen mit der Bemerkung “und versaufs nicht” hinwerfen, um den letztzen Rest seiner Würde gebracht ist. Der ist dann mit Haut und Haaren von diesen Leuten abhängig, also total unfrei. Ob sie es denn auch tatsächlich tun, die mildtätigen Individuen, dürfte den Steuerhinterziehern schließlich herzlich egal sein.

    “3. macht die Tatsache, dass andere Menschen von ihr profitieren, eine Massnahme noch lange nicht legitim”

    Hab ich nie behauptet. Aber dann muß die Legitimität eben öffentlich diskutiert werden. Schließlich kann jeder alles für illegitim befinden - das macht es aber eben noch nicht illegitim.

    @Freie Radikale:

    Welch feiner, überlegener Witz! Aber ernsthaft: Reflektion statt Reflexe, bitte. Was ist denn so verwunderlich daran, daß sich jemand an dem Statement “Steuerhinterziehung=Menschenrecht” stoßen kann, ohne gleich Kommunist zu sein?

  53. Michel
    29.02.2008 | 19:51

    @ Gomez: Es ist doch kein Zufall das Sein und Sollen in der Politik soweit auseinander klaffen. Das ist die notwendige Folge davon, dass Politiker selbst von einer bestimmten Politik profitieren, die mit den Interessen der Nicht-Politiker eben nicht deckungsgleich sind. Die Missstände in der Politik werden sich nicht von selbst wieder korrigieren.
    Lebst du eigentlich in der gleichen Welt wie ich? Das gleich ein Hungersnot ausbricht, wenn die Staatseinnahmen mal sinken ist doch völlig absurd, das glaubst du doch nicht selbst.
    Die Würde von Arbeitslosen rechtfertigt nicht dass ihretwegen Gewalt gegen Steuerflüchtlinge angewendet wird, noch nicht einmal gegen Spendenverweigerer, erst recht nicht wenn bis dahin nicht alle anderen Mittel ausgeschöpft wurden.

  54. Gomez Davila
    29.02.2008 | 20:31

    @Michel:

    “Das gleich ein Hungersnot ausbricht, wenn die Staatseinnahmen mal sinken”

    Hab ich nicht gesagt. Aber Du wirst doch nicht bestreiten können, daß Steuerkürzungen und Zusammenstreichen der Sozialhilfe Hand in Hand gehen, wenn man die Sache empirisch betrachtet. Das mit dem Hunger war ohnehin nur als Beispiel dafür gedacht, daß libertäres Handeln, welches sicher sein will, niemandem zu schaden, nur in einem imaginären libertären Gemeinwesen möglich ist. Zu den anderen Punkten: Ich wüßte nicht, daß ich etwas Gegenteiliges behauptet hätte, noch will ich etwas Gegenteiliges behaupten. Daß der Staat mit den Steuern und Sozialausgaben allerhand Unfug anstellt und selten was rechtes, ist ja wohl wirlkich nicht neu.

  55. 29.02.2008 | 23:21

    @G. Davila:

    “Sollten die von Deiner Verweigerung Betroffenen nicht auch gefragt werden?”

    Hm, wenn ein Verbrecher mich überfallen will, muss ich den dann auch erst um Zustimmung bitten, bevor ich mich wehre? Diebstahl ist Diebstahl - und ein Erwehren desselben bedarf keiner präventiven demokratischen Abstimmung.

    “Aber sekundär wäre egal? Reichlich Fett dazwischen - Steuerhinterziehung als kalkuliertes Diätprojekt für “gewisse Abhängige”? “

    Durchaus nicht, sondern als Akt der Selbstverteidigung. Um die Bedürftigen kann man sich kümmern, vor, während und nachdem das Unrecht beseitigt wird.

    “die ihm Almosen mit der Bemerkung “und versaufs nicht” hinwerfen, um den letztzen Rest seiner Würde gebracht ist.”

    Du meinst im Gegensatz zu den durch und durch humanen Verteilungs-, Berechnungs- und Überwachungspraktiken der Sozialbürokratie? Die direkte, zwischenmenschliche Solidarität ist da dem Sozialamt in menschlicher Wärme irgendwie unterlegen?
    Bedenke einmal, wieviele Menschen in Deutschland effektiv bedürftig sind, im Sinne von nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen und nicht durch eine Familie unterstützt. Dann bedenke, wieviele Milliarden Euro die Deutschen pro Jahr spenden - trotz Sozialstaat. Und dann bedenke, wieviel mehr Geld die Bürger in den Taschen hätte ohne Steuerraub. Und dann machst du dir noch ernsthaft Sorgen, dass nicht genug Ressourcen für die Versorgung Bedürftiger vorhanden wären? Get real.

  56. Michel
    1.03.2008 | 16:05

    “Die direkte, zwischenmenschliche Solidarität ist da dem Sozialamt in menschlicher Wärme irgendwie unterlegen?”

    Den Punkt kann man noch weiter ausbauen. Staatliche “Solidarität” begnügt sich damit monatlich Geld zu überweisen, ein privates Solidarwesen hätte eine wesendliche Aufgabe darin vorallem Lebesnhilfe zu geben. Der Gedanke Hilfe zur Selbsthilfe würde dort nicht nur auf dem Papier stehen. Missstände wie die Vernachlässigung von Kindern würden in einer solchen Gesellschaft schneller erkannt und sie wäre schneller in der Lage darauf zu reagieren.

    @ Gomez: Wenn jemand aufhört einseitig herbeigeführte Verpflichtungen (hoffe das ist genehmer als von Abpressen zu sprechen) zu profitieren würde ich das nicht als Schaden begreifen.

  57. Gomez Davila
    1.03.2008 | 18:16

    @Christian Hoffmann:

    “Diebstahl ist Diebstahl”

    Ich habe oben bereits darauf hingewiesen, daß meine Abgaben ja nicht beim Staat bleiben, sondern umverteilt werden.

    “Verteilungs-, Berechnungs- und Überwachungspraktiken der Sozialbürokratie?”

    Glaubst Du denn ernsthaft, private Sozialinstitutionen würden darauf verzichten? Gerade die von Michel angerührten Punkte “Hilfe zur Selbsthilfe” sowie “Erkennung der Vernachlässigung von Kindern” schreien doch geradezu nach solchen Maßnahmen. Die staatlichen Institutionen können wenigstens noch rechtstaatlich kontrolliert werden. Zudem gibt es eine sozialstaatliche Verpflichtung - gut, daß diese vor den Sozialschmarotzerkampagnen aus der Privatwirtschaft schützt! -, euer privatwirtschaftliches Modell aber soll ja gerade ohne einen solchen Zwang auskommen. Und auf die freiwillige Solidarität seiner Mitmenschen angewiesen zu sein wie der Bettler in der Einkaufspassage wünsche ich wirklich keinem.

    Wenn Du auf die defizitäre Struktur staatlicher Institutionen hinweist, beweist das doch noch lange nicht, daß private Institutionen das besser könnten. Ich halte den Manichäismus Staat=schlecht, Markt=gut, mit Eigenem wird gut, mit fremden Eigentum schlecht umgegangen, für geradezu haarsträubend simplizistisch, zumal schon ein Blick in die Empirie verrät, daß es für jedes Beispiel auch ein Gegenbeispiel gibt.

    Ich empfehle mal einen Blick in die Romane Zolas und Dickens´, oder auch in das Werk eines Vorzeigeliberalen wie Malthus, damit Du verstehst, daß ich in die soziale Empathie wohlhabender Privatleute nicht allzuviel Vertrauen setze. Und die publicitywirksamen Steuersparmodelle einiger Prominenter von heute lasse ich mir auch nicht in jedem Fall als mitfühlende Liberalität verkaufen.

  58. Lina
    1.03.2008 | 19:11

    @ Gomez Davila

    “Ich halte den Manichäismus Staat=schlecht, Markt=gut, mit Eigenem wird gut, mit fremden Eigentum schlecht umgegangen, für geradezu haarsträubend simplizistisch”

    Ich auch; ebenso begrüsse ich Ihre Empfehlung, mal einen Blick in betimmte Romane zu werfen für den Fall, dass die registrierbare Wirklichkeit nicht ausreicht, um sich von der Idee einer ersatzweise privatwirtschaflich organisierten Wohlfahrt zu verabschieden. Die Gründe liegen - wie beim Menschenbild der Literatur - auf der Hand.

    (Und noch was: es tut (mir) ausserordentlich gut, auf diesem Weblog Ihre fein kontrastierende Stimme zu hören!)

  59. stefanolix
    1.03.2008 | 21:47

    Über die privat(wirtschaftlich) organisierte Wohlfahrt kann das abschließende Urteil nicht gesprochen werden, denn sie wurde noch nie richtig ausprobiert.

    Würde heute nur privat organisierte Fürsorge den Topf der Armen füllen, dann wäre das Hilfssystem sicher auch nicht perfekt. Ihm läge aber nicht das Prinzip zugrunde, die Armen so lange wie möglich an den großen Topf zu binden, während die Arbeitenden gezwungen werden, diesen Topf täglich neu zu füllen.

  60. Lina
    1.03.2008 | 22:34

    @ stefanolix

    “…die Armen so lange wie möglich an den großen Topf zu binden”

    …halte ich für eine aus der Abwehrhaltung konstruierte Unterstellung. Die AA arbeitet mit den Hartz-Gesetzen wesentlich effektiver als früher, versucht ihre “Kunden” sehr zügig, unvezüglich geradezu, über Zeitarbeitsagenturen in Arbeit zu bringen - um Dich zu entlasten ;-)

  61. stefanolix
    1.03.2008 | 22:40

    Das halte ich für ein Gerücht — es mag aber vielleicht auf einige Gebiete in Süddeutschland zutreffen, die ohnehin noch nie ein ernsthaftes Problem mit Arbeitslosigkeit hatten;-)

  62. Freie Radikale
    2.03.2008 | 0:07

    Eine durchaus relevanter Hinweis.

    Schade, dass es so abtriftet. Schade für den Beitrag.

  63. 12.03.2008 | 8:01

    [...] Posted by admin on 12 Mrz 2008 at 08:01 am | Tagged as: Allgemein […] > > Wir sollten uns daran gewöhnen, daß die Arbeit (wenn wir keinen Krieg > > anzetteln) nicht mehr mehr wird. ……. > Als wenn ein Krieg die Lage irgendwie bessern würde (oder geht es > z.b. den USA durch den Irak-Krieg besser?). 1. ist das kein Krieg sondern ein völkerrechtswidriger Überfall 2. ist das ein extrem asymmetrischer Konfikt, sowohl von der Waffentechnik als auch von der Leistungskraft der Volkswirtschaften her > Ein Krieg herhöht > lediglich die Zahl der Invaliden und der Witwen und Weisen. Dazu wird > die Infrastruktur noch (zumindest teilweise) zerstört, wenn die > kreigshadungen das eigene Staatsgebiet erreichen. Ich meinte eben diesen “klassischen” Krieg: Früher zogen alle paar Jahrzehnte Haufen von Soldateska durch das Land, plünderten, brandschatzten, beseitigten die “Marktsättigung” von Gütern und Infrastruktur - und anschließend konnte wieder aufgebaut werden. Der letzte solche Krieg wird wohl WKII gewesen sein, wenn ich mir die Waffenpotentiale so ansehe […] > Uns geht auch keineswegs die Arbeit aus. Da gäbe es eigentlich > gewaltige Herausforderungen. So z.B. unsere Wirtschaft auf die > Herausforderungen vorbereiten die sich durch die zunehmende > energieverknappung ergeben. Dies würde eigentlich gewaltige > Investitionen in Forschung und Infrastruktur erfordern. Wo sollen die herkommen, wenn Banker und Konzernvorstände nur bis zum nächsten Quartalsbericht denken? > Dann gäbe es > auch den Schutz gegen Naturkatasrophen deutlich zu verbessern. So > sind die Deiche an der Nordsee keineswegs auf die maximal zu > erwaertenden Sturmfluten ausgelegt. Da kann durchaus auf einmal > Hamburg, Bremen, Enden etc. unter wasser stehen.Dann bleiben > inswischen viele Menschen kinderlos oder hanem höchstens ein Kind, > u.a. auch weil es mit der kinderbetreuung nicht klappt (die niedrige > Geburtenrate ist mit eine Ursache für die schrumpfende > Binnennachfrage und die schlechten wirtschaftlichen Aussichten in > D.). Halt ich schon für ein bisserl komplexer als Du es hier darstellst… Aber das sind genau die Themen, die es zu diskutieren gilt - Arbeit im klassischen Sinn als Broterwerb gegen Entlohnung ist das von dem ich meinte, daß es nicht mehr mehr wird - im Kulturbetrieb gibt es schon etliche Initiativen die durch unbezahlte Arbeit und Sponsoring durch mittelständische Firmen recht gut funktionieren - wäre sicher bei Deichbau und Kinderbetreuung ebenfalls möglich Man müßte halt diese “gemeinnützige Arbeit” endlich mal vom Image “da schaffen die, die nix anderes können” oder “gepreßte Hartz IV-Leute, die zu faul und zu doof zum Arbeiten sind” befreien und solcher Arbeit einen eigenen Wert zuordnen. Nur mal ein kleines Beispiel: Ich hänge jetzt schon seit mehreren Jahren meinen Sommerurlaub in ein archäologisches Ausgrabungsprojekt - da sind jeden Sommer so rund 200 Leuts jeweils 2-3 Wochen ehrenamtlich tätig. Da gibt es ein mittelständisches Unternehmen, das uns schon seit Jahren jeden Sommer so 2500-3500 Essen sponsort, Läden, die uns mit Getränken und Lebensmitteln versorgen… wollten wir darauf warten, daß der Staat etwas untenimmt, wären die wichtigsten archäologischen Funde schon längst von den Grabräubern geklaut und verscherbelt worden. Projekte wie dieses gäbe es zuhauf - auch die von Dir angeführten bgl. Sturmflut und Kinderbetreuung. Ich häng die Altenbetreuung nochmal als ganz wichtigen Punkt mit dran… Fakt ist jedoch, daß viele solcher ehrenamtlicher Projekte sozusagen “von amts wegen” abgewürgt werden, weil sie den Verwaltungsbeamten zeigen, was der Staat eigentlich leisten müßte und die entsprechenden Beamten sich angegriffen fühlen (was bei unserem Grabungsprojekt glücklicherweise nicht der Fall ist) […] > Also die Arbeit geht uns nicht aus. Uns fehlt es lediglich an fähigen > Politikern! Bezahlte Arbeit meinte ich… D.M. [...]