Hochgerechnet

Arbeitsplatzabbau ist derzeit ein Verkaufsschlager der Massenmedien. Also ist es attraktiv den Beschäftigungsabbau möglichst hoch auszuweisen: Wer bringt die Schlagzeile mit den höchsten Entlassungszahlen? Und dazu bedienen sich manche Journalisten besonders durchsichtiger Methoden der “Hochrechnung”. So liest man heute bei tagesschau.de:

Allein in Deutschland würden bis zu 2000 Stellen gestrichen, weltweit seien es 3800, teilte die Siemens AG in München mit. Von weiteren 3000 Beschäftigten will sich Siemens durch Verkäufe und Partnerschaften trennen. Damit stehen insgesamt 6800 Arbeitsplätze zur Disposition.

Ich kann so manchen verstehen, der immer wieder in Bastiats “Was man sieht und was man nicht sieht”-Falle tappt, aber derartiger Nonsens stößt schon an die Grenzen des Tolerierbaren. So tun, als würden Verkäufe und Aufgabenauslagerungen Werksschließungen entsprechen. Keine Ahnung wer so etwas ernst nimmt. Aber dennoch, haben die Öffentlich-Rechtlichen einen Verbildungsauftrag?

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12 Kommentare zu “Hochgerechnet”

  1. 26.02.2008 | 20:36

    Wenn man jemanden darauf hinweist, dass in den letzten 30 Jahren in Westdeutschland 2,2 Millionen zusätzliche sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse entstanden sind, erntet man in der Regel nur ungläubliges Staunen oder Misstrauen. Die Öffentlichkeit ist von den Entlassungsmeldungen der Medien so gesättigt, dass Fakten, die in das Gedankenschema “uns geht die Arbeit aus” nicht hineinpassen, gar nicht zur Kenntnis genommen werden. Kein Wunder, dass die Gewerkschaften mit ihrer “lump-of-labor-fallacy” bis weit in die wirtschaftspolitische Tradition hierzulande vordringen konnten.

  2. 26.02.2008 | 20:39

    @Holger

    Wohl wahr. Ich möchte auch nicht wissen, wie hoch der Benzinpreis wäre, würde man alle Meldungen der Medien über dessen Veränderung einfach mal addieren.

  3. 26.02.2008 | 21:01

    Im Übrigen ist auch bei den von Siemens abgebauten 2000 Stellen nicht gesagt, dass diese per Saldo dem deutschen Arbeitsmarkt verloren gehen. Wäre ja möglich, dass Siemens Marktanteile an einen deutschen Wettbewerber verloren hat, der dementsprechend mehr Arbeit nachfragt.

  4. 26.02.2008 | 21:09

    Das meinte Steffen mit dem Verweis auf Bastiat.

  5. 26.02.2008 | 23:32

    Doch, diese Verkäufe und Auslagerungen muss man durchaus als Stellenabbau bezeichnen - es ist ein langsames Sterben. Zunächst wird ein Programm aufgelegt: vorgezogene Rente u.a., um einen Teil der unkündbaren Mitarbeiter oder der Mitarbeiter, die man schwer kündigen kann, zum freiwilligen Gehen zu bewegen. Insgesamt wird psychologisch großer Druck gemacht usw … Programme zum Umorientieren etc … drohenden Kündigungen. Das was übrig bleibt wird verkauft …
    Dem Verkauf / Auslagerung folgen neue Manager, ehrgeizige Ziele, die schließlich nicht erreicht werden, eine weitere Halbierung der Belegschaft, dann Umorganisation, wieder Verkauf usw .. am Ende ist nur noch ein Häuflein übrig.

    Vermutlich wären solche komplizierten Prozedere, die auch mit einem enormen psychischen und taktischen Kleinkrieg zwischen Arbeitgebervertreterm und Arbeitnehmern einhergehen, überflüssig, wenn der Kündigungsschutz bei uns amerikanischen Verhältnissen angepasst würde. Das geht natürlich nur dann, wenn gleichzeitig ein Arbeitgeber dann auch bereit ist, Leute schneller und ohne großem TamTam einzustellen (er kann sie ja jederzeit wieder loswerden) UND wenn Arbeitgeber sich hier auch Quereinsteigern öffnen würden oder ältere Arbeitnehmer ohne Bedenken einstellen könnten — kurz, die ganze Mentalität müsste sich grundlegend ändern.

  6. 27.02.2008 | 10:07

    @ex-blond:

    Das kann ich nicht nachvollziehen. Wenn ich einen Unternehmensteil verkaufe, weil ich mich beispielsweise aus organisatorischen Gründen auf meine Kerngeschäft konzentrieren möchte, dann bedeutet das nicht die Leute zu entlassen. Der Zweig wird dann von einem anderen Unternehmen erworben und bestenfalls umstrukturiert, aber nicht zwangsläufig abgewickelt. Ich wäre auch vorsichtig mit diesen unbegründeten “Nieten in Nadelstreifen”-Unterstellungen, nach den jede Unternehmensveränderung immer auf Versagen zurückgeführt wird und zwangsläufig zum Abstieg führt. Ich verweise hier nur auf den obigen Einwand von Holger. Immerhin sind die vergangenen Jahrzehnte der deutschen Wirtschaftsgeschichte alles andere als ein Niedergang, obgleich evtl. auch mehr drin gewesen wäre.

  7. R.A.
    27.02.2008 | 10:33

    @ex-blond:
    > diese Verkäufe
    > und Auslagerungen
    > muss man
    > durchaus als
    > Stellenabbau
    > bezeichnen - es
    > ist ein
    > langsames
    > Sterben.
    “muss” ist auf jeden Fall falsch.

    Das von Dir beschriebene Szenario kann vorkommen. Wie es generell vorkommen kann, daß ein Unternehmen scheitert.

    Aber das ist eben nicht die Regel, noch nicht einmal besonders häufig - ansonsten würde sich nämlich für solche Unternehmensteilverkäufe kein Käufer mehr finden.

  8. Gomez Davila
    28.02.2008 | 16:43

    Also, um bei Bastiat zu bleiben, sehe ich, konkret bei BMW, einen starken Euro und einen schwachen Dollar. Kann es sein, daß ich in D die positiven Effekte deshalb nicht sehe, weil es nichts zu sehen gibt?
    Ein Autor, den ich lieber namentlich nicht erwähne, um bei einigen hier nicht den Blutdruck in die Höhe zu treiben, meinte kürzlich, daß, umgerechnet auf die Wettbewerbsfähigkeit, der Fall des Dollars einer Lohnsteigerung im Export um bis zu 20% entspräche, und somit die Politik des Gürtel-enger-Schnallens, welche die deutsche Exportstärke zuungunsten der Binnennachfrage und der europäuschen Nachbarländer u.a. ermöglicht hat, somit ihre natürliche Grenze erreicht habe. In einem solchen Fall stünden dem sichtbaren Arbeitsplatzabbau tatsächlich kein unsichtbarer Arbeitsplatzaufbau gegenüber.

  9. R.A.
    28.02.2008 | 17:12

    > weil es nichts
    > zu sehen gibt?
    Bei aller Skepsis gegenüber amtlichen Statistiken - so ein bißchen was zu sehen gibt es schon.

  10. 29.02.2008 | 17:40

    @ SteffenH
    ich mache keine pauschalen Unterstellungen.
    Das beschriebene Szenario haben einige meiner Freunde durchlebt bzw. durchleben das gerade - daher die Beschreibung.

    Ich bin insgesamt auch kein pessimistischer Typ - wenn Ihr meinen Post so verstanden habt, dass ich D kurz vor dem Untergang sehe, oder Manager pauschal für Nieten halte, habt ihr mich missverstanden. Ich habe auf die Aussage von SteffenH “So tun, als würden Verkäufe und Aufgabenauslagerungen Werksschließungen entsprechen. Keine Ahnung wer so etwas ernst nimmt.” reagiert, die mir arg einseitig und überzogen vorkam.

    Man darf die Augen doch nicht vor den Schattenseiten verschließen. Zwischen Theorie und praktischem Erleben ist der Unterschied, dass Menschen das erleben - dass im Einzelfall ihr Schicksal an solchen Ereignissen hängt.

    Davon abgesehen bin ich ebenso wie ihr vollkommen davon überzeugt, dass es ein Entstehen und Vergehen ist und dass aus Vergangenem Neues entsteht - und dass es nicht sinnvoll ist, schlecht gehende Geschäfte künstlich am Leben zu erhalten.

  11. 29.02.2008 | 17:44

    @ SteffenH

    Das: ” dann bedeutet das nicht die Leute zu entlassen. Der Zweig wird dann von einem anderen Unternehmen erworben und bestenfalls umstrukturiert” möchte ich sogar als ziemlich naiv bezeichnen. :-/

  12. 29.02.2008 | 17:55

    Noch ein Nachwort: mein Satz “dass im Einzelfall ihr Schicksal an solchen Ereignissen hängt” - das wäre natürlich nicht so sehr der Fall wenn … siehe mein Eintrag von 26.02.2008 | 23:32 zweiter Absatz :-)

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