Stabwechsel

Auf Marginal Revolution ruft Fabio Rojas das Ende der Ökonomie aus:

What’s the point? It’s this: Economics, as understood for hundreds of years, has played out. The major problems of econ 101 have been solved. We know about supply and demand, marginal utility, choice under uncertainty, and budget constraints. We have a wide variety of tools, ranging from game theory to econometrics, that help us identify these processes in situations ranging from war, to car sales, to dating. We are also seeing how these processes plug into classic macroeconomic issues, such as growth and international trade.

However, the market system itself, as indicated by Tim’s concluding chapter, depends on population, innovation, and liberal economic institutions. These, in turn, depend on psychology, group culture, and networks, the domain of sociologists, psychologists, historians, and anthropologists. Economists have shown how the market system processes the inputs, but there’s still much, much more to be said about where the inputs come from. That’s what’s going to be exciting in the decades to come, and I can’t wait to see it.

Ich teile zwar Rojas’ Neugier, bezweifle aber, ob wirklich die wichtigsten wirtschaftswissenschaftlichen Probleme gelöst sind. Aber selbst wenn dies so sein sollte (viel hängt vom Begriff “wichtig” ab), gilt das nur für die Welt der Wissenschaft, nicht für die des Alltags. Denn die weitgehende Ignoranz schon grundsätzlicher ökonomischer Erkenntnisse in Politik und Gesellschaft ist eklatant. Die Ökonomie braucht keine neue, bahnbrechende Theorie, sondern befähigte Publizisten und Politiker, die das Bekannte allgemeinverständlich vermitteln können. Also keinen Smith, Keynes oder Friedman, sondern einen Bastiat.

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23 Kommentare zu “Stabwechsel”

  1. AM
    4.03.2008 | 13:58

    So um 1900 hat ein berühmter Physiker verkündet, dass alle wesentlichen Probleme gelöst seien. Es gäbe nur noch ein paar Detailprobleme und die Physik sei damit an ihr Ende gekommen. 1905 kam die spezielle Relativitätstheorie, um ein “Detailproblem” zu lösen. Es sollte nicht das letzte sein…

  2. jopa
    4.03.2008 | 14:00

    Ohnehin ist das genuin ökonomische an der Ökonomik seit Gary S. Becker nicht das Lösen ökonomischer Fragestellungen, sondern die Anwendung ökonomischer Methoden, egal auf welche Fragestellungen - und da gibt es doch noch einiges zu behandeln…

  3. Lina
    4.03.2008 | 19:31

    “Denn die weitgehende Ignoranz schon grundsätzlicher ökonomischer Erkenntnisse in Politik und Gesellschaft ist eklatant.”

    Wenn ökonomische Erkenntnisse nicht beachtet und anerkannt werden wollen, wenn man sie also weitgehend ignoriert, dann stehen wohl zum weit überwiegenden Teil persönlich enttäuschende praktische Erfahrungen mit dem Kapitalismus dahinter. Der benachteiligte, nicht profitierende Teil der Gesellschaft wird somit Gründe haben, sich abzuwenden, und die Politik reagiert darauf, weil es ihr um Zustimmung breiter Wählerschichten geht. Wen sollten ökonomische Theorien interessieren, wenn Erfolge in der Praxis (zugunsten weniger statt vieler) die Gesellschaft zunehmend spalten? Ein Jenaer Professor, Dr.Hartmut Rosa, spricht inzwischen gar von einer Verselbstständigung des Systems, wie kürzlich (via 3sat) zu hören war:

    “Ich denke, ein Grundversprechen des Kapitalismus, das man von Adam Smith bis Ludwig Erhard wiederholt findet, ist, dass er so effizient ist, dass es uns entlastet vom Existenzkampf, vom Druck der ökonomischen Sphäre, dass wir die Freiheit gewinnen, ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Dieser Wettbewerb, der diesem effizienten System zugrunde liegt, hat sich jetzt allerdings so verselbständigt, dass diese Freiheiten wieder wegzubrechen drohen, dass sie erodieren, weil wir immer mehr unserer Energien in die Aufrechterhaltung unserer Wettbewerbsfähigkeit investieren müssen.”

    Wenn das so ist, führt sich die zugrunde liegende Ökonomie ad absurdum - das jedenfalls schliesse ich als Laie daraus. Meine Erwartung an ein Übergreifen anderer Diszplinen auf das Feld der Ökonomie ist deshalb gross, d. h. ich wäre sehr neugierig darauf. Vielleicht braucht es ja tatsächlich ein erweitertes Koordinatensystem?

  4. 4.03.2008 | 19:45

    Wenn der Herr mir erklären kann, was den Wert von Fiat Money ausmacht, werde ich dies als Indiz für seine These werten. Auch wenn er (in der realen Welt und nicht als Residuum einer Regression) definieren kann, was ein “Schock” ist, der in den modernen Makromodellen vorkommt.

  5. 4.03.2008 | 20:18

    Ich verstehe nicht, warum der Wettbewerb sich “verselbständigt” hat und warum das zur Erosion von Freiheiten führen soll. Der Wettbewerb ist durch die Globalisierung vielleicht intensiver geworden, wird aber von staatlichem Einfluß mehr gegängelt als je zuvor. Ich befürchte, der Professor Rosa verwechselt die Freiheit, Verantwortung für sich selbst zu tragen mit der Freiheit, auf Kosten anderer zu leben.

    Im Übrigen teile ich nicht die Meinung, dass die Ökonomie schon alle Fragen beantwortet habe. Der Markt stellt uns vielmehr täglich vor neue Fragen, auf die keineswegs immer die alten Antworten passen.

  6. 4.03.2008 | 20:29

    @Lina

    Hilf mir auf die Sprünge: Die Ökonomie taugt nichts, weil die Leute sie nicht verstehen und lieber sozialistischen Sprüchen glauben?

    Was gäbe es eigentlich Absurderes als eine Gesellschaft, die in einem solchen Wohlstand lebt wie die unsere, in der der “weit überwiegende Teil persönlich enttäuschende praktische Erfahrungen” meint gemacht zu haben? Und dann auch noch mit “dem Kapitalismus”, wo doch hierzulande Vater Staat überall so furchtbar wohlmeinend mitmischt.

    Ich weiß auch nicht, was du mit “zugrunde liegende Ökonomie” meinst. Der Kapitalismus ist keine Schöpfung der Ökonomie, sondern letztere beschäftigt sich mit ersterem. Sie begründet keine Wirtschaftsformen, sondern befasst sich mit dem Wirtschaften schlechthin. Ja, ich gebe zu: Gemessen am Schlaraffenland, das in dem von dir gebrachten Zitat des Politologen und Soziologen Rosa anklingt, versagt der Kapitalismus auf allen Ebenen. Aber im Hier und Heute versagen nur die Alternativen.

    Der sinnvolle Umgang mit knappen Ressourcen ist eine aus der Not geborene Tugend und sollte nicht zu einem Heilsversprechen umgedeutet werden.

  7. 4.03.2008 | 20:52

    Eine Aussage im Zitat von Herrn Rosa ist eine mehr unglückliche Politikerrhetorik: Wir müssen keineswegs unsere Wettbewerbsfähigkeit aufrecht erhalten (und sind damit frei). Wir können uns auch komplett vom Weltmarkt abschotten. Wir haben die freie Wahl. Aber es gibt gute, verdammt gute, Gründe dagegen.

    Genauso müssen wir nicht die Sozialsysteme reformieren. Wir müssten dann nur bereit sein die Kosten zu übernehmen.

    Es ist eine verdammt schlechte und schädliche Argumentatiom Maßnahmen durch irgendeine äußere, nicht debattierbare, Notwendigkeit zu rechtfertigen (Globalisierung, EU, Klimawandel etc.). Da muss man sich nicht wundern, wenn Menschen in Opposition dazu gehen.

  8. Lina
    4.03.2008 | 22:00

    @ Rayson

    “Die Ökonomie taugt nichts, weil die Leute sie nicht verstehen und lieber sozialistischen Sprüchen glauben?”

    Ich helfe Dir grundsätzlich sehr gern, Rayson, aber wer hat diesen (Kurz-)Schluss gezogen? Ich nicht - also will ich Dir auch nicht aus Deiner eigenmächtigen Interpretation meiner Worte heraus- oder gar auf die Sprünge helfen; die machst Du schon selbst…

    Ich nehme mir die Freiheit, als Nichtfachfrau einfach hinzuschauen und zu beobachten, und wenn Du von eklatanter Ignoranz in Politik und Gesellschaft gegenüber der Ökonomie sprichst, dann suche ich, weil es mich interessiert, nach möglichen Gründen - und werde für mein Teil fündig.

    Dass ich den Fund hier offenbar unzulänglich ausbreite, scheint mir auf Dauer angesichts des überwältigenden theoretischen Wissens doch ein wenig naiv zu sein; deshalb werde ich mich, um nicht weiter (absichtlich?) missverstanden zu werden, in nur unter Fachleuten zu diskutierenden Fachfragen in Zukunft heraushalten. Mit anderen Worten: ich bin jetzt beleidigt.

    (Das unerfüllte, ja, sogar auf der Kippe stehende “Grundversprechen des Kapitalismus” behalte ich aber weiter im Auge; irgendwo muss es ja herkommen, dass der Sozialismus wieder so “trendy” wird…)

  9. stefanolix
    4.03.2008 | 23:37

    Lina schrieb:

    Wenn ökonomische Erkenntnisse nicht beachtet und anerkannt werden wollen, wenn man sie also weitgehend ignoriert, dann stehen wohl zum weit überwiegenden Teil persönlich enttäuschende praktische Erfahrungen mit dem Kapitalismus dahinter.

    Lina, verzeih’ mir bitte die Korrektur: Wenn manche Menschen ökonomische Erkenntnisse nicht anerkennen oder weitgehend ignorieren, dann kann das mit enttäuschenden Erfahrungen zusammenhängen. Einige machen auch in der Schule enttäuschende Erfahrungen mit bestimmten Fächern und werden ihr Leben lang nicht mehr froh damit.

    Das ändert aber nichts daran, dass bestimmte ökonomische Zusammenhänge bestehen. Es ändert auch nichts daran, dass ökonomische Entscheidungen dieser enttäuschten Menschen wiederum ökonomische Folgen haben. Also ist es immer besser, die Zusammenhänge in Betracht zu ziehen.

    Bastiat hat in kluge und verständliche Worte gekleidet, was wir an anderer Stelle »gesunden Menschenverstand« nennen. Und es wird wohl niemand bestreiten, dass es sehr schmerzhaft enden kann, wenn man lange Zeit gegen den gesunden Menschenverstand handelt … genau das täte man, wenn man die Ökonomie über Bord werfen würde.

    Würden wir uns abschotten, könnten wir unser Sozialsystem eine kurze Zeit lang von der Substanz zehren lassen und dann käme der wirtschaftliche Ruin. Wenn wir uns weiterhin nicht abschotten, werden wir es auf andere Fundamente stellen müssen.

  10. stefanolix
    4.03.2008 | 23:44

    Lina zitierte Dr. Hartmut Rosa:

    “Ich denke, ein Grundversprechen des Kapitalismus, das man von Adam Smith bis Ludwig Erhard wiederholt findet, ist, dass er so effizient ist, dass es uns entlastet vom Existenzkampf, vom Druck der ökonomischen Sphäre, dass wir die Freiheit gewinnen, ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Dieser Wettbewerb, der diesem effizienten System zugrunde liegt, hat sich jetzt allerdings so verselbständigt, dass diese Freiheiten wieder wegzubrechen drohen, dass sie erodieren, weil wir immer mehr unserer Energien in die Aufrechterhaltung unserer Wettbewerbsfähigkeit investieren müssen.”

    Hast Du eventuell ein Link zu diesen Aussagen? — Mir hat der Kapitalismus übrigens nichts versprochen;-)

    Es trifft zu, dass »wir« als Land im Verlauf der europäischen Einigung und im Verlauf der Globalisierung mehr als früher für unsere Wettbewerbsfähigkeit tun müssen. Es trifft auch zu, dass »wir« als Bürger mehr als früher für unsere Wettbewerbsfähigkeit tun müssen.

    Aber nachdem wir das nun wissen: was bleibt uns anderes übrig?

  11. F.Alfonzo
    5.03.2008 | 5:13

    Stimme AM zu:

    Auch wenn Rojas anderer Meinung ist: Für mich persönlich ist die Ökonomie frühestens dann obsolet, wenn sie das Risikoprämienrätsel gelöst hat. Ist bisher noch nicht passiert und kann auch noch dauern.

    Oder fällt sowas auch in die Schublade “unwichtig”?
    Was ist dann wichtig?

    Seltsamer Vogel… oder: Visionär…
    Man weiss ja nie.

  12. Lina
    5.03.2008 | 8:54

    @ stefanolix

    “… wenn man die Ökonomie über Bord werfen würde…”

    …dann wäre man tatsächlich ganz schön blöde. Aber wer hat das verlangt, wer kann das wollen? Im Artikel von Fabio Rojas ging es meiner Auffassung nach auch darum, dass die Ökonomie gut daran täte, ergänzend Erkenntnisse aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen miteinzubeziehen, um ihren Grundwert anzupassen und ihren Gebrauchswert zu erhöhen. Das hat mich angesprochen, weil ich sehen kann, dass ihr Image in der Gesellschaft (z.B. durch persönliche Erfahrungen des wirtschaftlichen Zurückbleibens oder der sozialen Ausgrenzung) nicht das Beste und Ignoranz ihr gegenüber eine Folge ist; viel mehr war nicht.

    Dass man mir diesen Eindruck ankreidet und umdeutet, erkläre ich mir daraus, dass Theoretiker es grundsätzlich nicht gerne sehen, mit möglicherweise ungünstigen Auswirkungen in der Praxis (des Kapitalismus, des sog. “Neoliberalismus’”) konfrontiert zu werden.

    “Kapitalismus ade” war der (Such-)Titel des Beitrags, aus dem ich Dr. Rosa zitiert habe; der Link ist leider nicht spezifiziert:

    http://www.3sat.de/kulturzeit/

  13. 5.03.2008 | 9:49

    @Lina

    Dass man mir diesen Eindruck ankreidet und umdeutet, erkläre ich mir daraus, dass Theoretiker es grundsätzlich nicht gerne sehen, mit möglicherweise ungünstigen Auswirkungen in der Praxis (des Kapitalismus, des sog. “Neoliberalismus’”) konfrontiert zu werden.

    Du meinst, Physiker werden nicht gern mit Beulen am Kopf kleiner, vom bekletterten Baum gefallener Kinder konfrontiert? Und sollten sich überlegen, in die Gravitationstheorie pädagogische Konzepte einzubeziehen?

  14. Lina
    5.03.2008 | 10:46

    @ Boche

    Ein Bonmot, lieber Boche! Unschwer schliesse ich daraus, dass die Ökonomie in ihrer Anwendung einem unveränderlichen Naturgesetz entspricht.

    Pass’ bloss auf, dass Dir der dicke Ordner zur Beweislage nicht auf den Kopf fällt, wenn Du ihn eines Tages zwecks Ergänzung von ganz oben aus dem Regal ziehst! Das würde mir Leid tun, wirklich!

  15. 5.03.2008 | 10:54

    Von Naturgesetz oder gar Unveränderlichkeit muss man nicht sprechen. Wissenschaftliches Vorgehen reicht doch schon aus, liebe Lina. Und dieses wirst du den Ökonomen schwerlich absprechen können, oder?

  16. Lina
    5.03.2008 | 14:40

    @ Boche:

    Habe ich den Ökonomen etwas abgesprochen? Ich wüsste nicht.

    Aber ich hätte da noch ein Bonmot für Dich. Zum Kapitalismus, der auf die reine Lehre der Ökonomie baut, habe ich nämlich einen Ausspruch des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten Balladur gelesen: “Kapitalismus ist Dschungel, ist Naturgesetz - Zivilisation ist der Verstoss dagegen.” Er benennt hier, jedenfalls verstehe ich ihn so, Unvereinbarkeiten des wettbewerbsfixierten Kapitalismus mit einer zivilisierten menschlichen Exististenz.

    Demnach, habe ich gefolgert (und übertreibe masslos!), verstossen die Menschen, indem sie den Dschungel in ihnen per Religion und Ideologie gerodet und zivilisiert haben, gegen ein Naturgesetz, dessen lebender Bestandteil sie doch (geblieben) sind. Erst heute, zu Zeiten eines weithin geschmähten “Neokapitalismus”, fällt ihnen auf, dass es die Mühe nicht wert gewesen ist, etwas Artfremdes, Zivilisiertes, aus sich machen zu wollen - weshalb sie nun bereit sind, sich unter der Ägide ökonomischer Vernunft und Vorherrschaft wissentlich und mit Genuss zu Dschungelbewohnern zurückzubilden. Sie, die das tun können, weil Verstand plus Glück sie dazu befähigen, sind die Gewinner des Systems.

    Gleichzeitig formieren sich die materiell Zurückgebliebenen neu, wollen auch profitieren können, nennen es aber anders, nämlich “nur gerecht”, am “Grundversprechen des Kapitalismus” (Rosa) teilhaben zu wollen, und lügen sich gelegentlich neidvoll in die Tasche dabei. Auch werden sie nicht müde, auf ihre zivilisatorisch-kompensatorische, also moralische Massgabe hinzuweisen, nach der auch im Kapitalismus, im Dschungel also (!), Verteilungsgerechtigkeit zu herrschen habe. Deshalb holen sie das Gegenstück, den Sozialismus, wieder heraus, bestehen auf moralisch ausgelegten Regeln des wirtschaftlichen und sozialen Miteinanders und Füreinanders und auf einer gemeinsam erarbeiteten politischen Hausordnung, die für alle zu gelten hat. Diejenigen, die es so haben wollen, sind die Verlierer des Systems.

    Ich hänge grundliberal zwischen den Lagern. Ist es da nicht folgerichtig, dass ich die Ökonomie gern durch interdisziplinäre Einsichten bereichert sähe, die nicht nur wissenschaftlich unterscheidend, sondern der Ignoranz entgegen auch vermittelnd wirken könnten?

  17. 5.03.2008 | 15:26

    @Lina

    Habe ich den Ökonomen etwas abgesprochen? Ich wüsste nicht.

    Stimmt, du hast ihnen nur Ratschläge gegeben.

    Zum Kapitalismus, der auf die reine Lehre der Ökonomie baut …

    Ich übersetze das mal wieder für mich, weil mich Begriffe verwirren, die offensichtlich so unterschiedlich benutzt werden:
    “Die Luftfahrt, die auf die reine Lehre der Physik baut…”

    Was den Rest, also den vermeintlichen Gegensatz zwischen Kapitalismus, verstanden als Dschungel auf der einen und Zivilisation auf der anderen Seite und was all die Schlussfolgerungen angeht, die du aus diesem gedanklichen Bild ziehst - da kann ich nur sagen, das ist mir zu konstruiert. Oder es beruht auf merkwürdigen begrifflichen Definitionen.
    Kapitalismus ist sehr wohl bereits Zivilisation bzw. beruht auf dieser. Denn er hat einige sehr zivilisatorische Prinzipien zur Grundlage: Vertragsfreiheit, Schutz des Eigentums und mit beidem: Rechtsstaatliche Strukturen.
    Alles was über diese Grundlagen hinausgeht, berührt den Kapitalismus nicht oder kann ihm zumindest nicht als Opposition gegenübergesetzt werden. Sondern es ist, meinetwegen Zivilisation schaffende, Vereinbarung zwischen den Menschen.

    Und was “das Versprechen des Kapitalismus” sein soll - da teile ich die Ratlosigkeit von stefanolix.

    Ist es [...] nicht folgerichtig, dass ich die Ökonomie gern durch interdisziplinäre Einsichten bereichert sähe, die nicht nur wissenschaftlich unterscheidend, sondern der Ignoranz entgegen auch vermittelnd wirken könnten?

    Das Vermittelnkönnen ist sicher eine hierzulande noch zu selten zu beobachtende Eigenschaft von Wissenschaftlern. Aber dass es am Einbeziehen der Erkenntnisse anderer Wissenschaftsbereiche mangeln soll bringe ich gedanklich nicht mit dem zusammen, was du sonst geschrieben hast.

  18. Lina
    5.03.2008 | 18:49

    @ Boche

    Okay, war ein zweiter Versuch, mich in meinem laienhaften Interesse an den praktischen Auswirkungen der “reinen Lehre” verständlich zu machen: ich gebe zu, es war ein “Schmarrn”, wie man in Bayern sagt, es so versucht zu haben…

    Balladurs Bonmot behält trotz Deiner bedenkenswerten Vorbehalte im Wesentlichen Gültigkeit für mich: es erklärt mir ohne mir fremde Begrifflichkeiten, warum die Erfahrungen mit der kapitalistischen Praxis so unterschiedlich ausfallen und warum sie eine Gesellschaft krass in Gewinner und Verlierer spalten kann - wäre da nicht die Variante einer “sozialen Marktwirtschaft” (die hier immer wieder energisch zur Disposition gestellt wird), als Element des Ausgleichs.

    Danke, Boche, dass Du Dich an meiner persönlichen Standortsuche beteiligt hast. Dass ich Dich (und stefanolix) bezüglich eines “Grundversprechens des Kapitalismus” in Ratlosigkeit zurücklasse, bedaure ich aufrichtig! (Komisch, ich selbst habe immer eines drin sehen können ;-)…)

  19. 5.03.2008 | 20:24

    geht es jetzt hier um die ergebnisse der ökonomischen forschung oder um die ökonomische forschung an sich?

    ich sehe nicht, dass die ökonomie “neoliberal”, “kapitalistisch” oder sonst irgendwas ist, was sich mit einem politischen stempel ausdrücken lässt. 99 % der ökonomischen forschung beschäftigt sich marktversagen…

    irgendwie erinnert mich der mr-beitrag an herrn fukuyama.

  20. Gomez Davila
    6.03.2008 | 13:34

    Interdisziplinär war die Ökonomie doch schon mal, ich denke da an Pareto und Max Weber. Zu Raysons Originalbeitrag: Die Klage, daß ökonomische Einsichten politisch nicht beherzigt werden, stellt sich doch in der Praxis immer als die Klage gewisser ökonomischer Schulen heraus, daß ihre Lehren nicht in ihrer Reinheit angewandt werden. Und da wäre diesen Schulen schon zu raten, sich mal die Gründe anzusehen, also politologische und soziologische Erkenntnisse einzubeziehen, zu schauen, warum die Umsetzung dieser Lehren im politischen Geschäft so schwierig ist. Das einzige, was ich dazu immer von Ökonomen lese, ist die Klage vom korrupten Politiker und vom dummen, ökonomisch nicht aufgeklärten Bürger. Nicht besonders wissenschaftlich.
    Lina hat völlig Recht: In einer “Gesellschaft, die in einem solchen Wohlstand lebt wie die unsere” (Rayson), der aber momentan die Mittelschicht wegbröckelt und in der sich zunehmend Armut ausbreitet, muß die Ökonomie mehr leisten, als die Massen aufzuklären. Die Akzeptanz der Marktwirtschaft selbst steht auf dem Spiel, wie die Erfolge der Linkspartei zeigen. Politik und Journaille verschlimmern die Lage noch, wenn sie diese ganzen negativen Effekte der Globalisierung in die Schuhe schieben, um von ihrem eigenen Mist abzulenken. Das gilt leider auch für viele Sozio- und Politologen: Obwohl in Wirtschaftsfragen eher unbedarft, hindert sie das nicht daran, “dem” Kapitalismus (also nicht den existierenden, vielfältigen Einflüssen unterworfenen Kapitalismen) ständig irgendwelchen immanenten Widersprüche und Krisentendenzen einzuschreiben. Auch von daher wäre eine “Ökonomisierung” der Soziologie und eine “Soziologisierung” der Ökonomie wünschenswert.

  21. 6.03.2008 | 14:22

    Interdisziplinär war die Ökonomie doch schon mal

    Und ist sie heute selbstverständlich auch. Dafür sorgt schon der akademische Wettbewerb.

    Die Klage, daß ökonomische Einsichten politisch nicht beherzigt werden, stellt sich doch in der Praxis immer als die Klage gewisser ökonomischer Schulen heraus, daß ihre Lehren nicht in ihrer Reinheit angewandt werden.

    Das wäre das Argument, das man bringen müsste, wenn einem die ökonomischen Einsichten politisch nicht in den Kram passen. Aber zumindest ich rede keinesfalls von irgendwelchen Schulen, sondern von den ganz zwar im Grunde ganz logisch-simplen, aber dennoch der allgemein herrschenden Meinung zuwiderlaufenden Einsichten im Sinne eines Bastiats. Dass die herrschende Meinung so ist, wie sie ist, liegt natürlich selbst wieder an politischem Handeln.

    Das einzige, was ich dazu immer von Ökonomen lese, ist die Klage vom korrupten Politiker und vom dummen, ökonomisch nicht aufgeklärten Bürger.

    Ökonomen werden natürlich zur Kenntnis nehmen müssen, dass es in der Politik mehr um die Durchsetzung von Interessen geht als um die Durchsetzung des als richtig Erkannten. Aber das tun sie auch, spätestens seit “Public Choice”. Der “korrupte Politiker” wird vielmehr von denen benötigt, die den Staat als allmächtigen und wohlmeinenden “deus ex machina” betrachten, denn ein systematisches Scheitern (gemessen an den übertragenen Aufgaben) des Staates passte nicht in diese Welt. Und so finden wir diese Sichtweise ja auch bei manch enttäuschten Sozialisten, die das Scheitern ihres Modells in der Realität am liebsten der Schwäche des Führungspersonals anlasten möchten.

    “Der” Bürger ist sicher nicht dumm, aber dass grundlegendes volkswirtschaftliches Wissen nicht gerade weit verbreitet ist, dürfte eine empirische Tatsache sein. Wenn ich endlich “The Myth of the Rational Voter” zu Ende gelesen habe (kommt immer was dazwischen), werde ich dazu und zu den die politischen Handlungen des Einzelnen bestimmenden Motiven vielleicht mal etwas mehr schreiben.

    In einer “Gesellschaft, die in einem solchen Wohlstand lebt wie die unsere” (Rayson), der aber momentan die Mittelschicht wegbröckelt und in der sich zunehmend Armut ausbreitet, muß die Ökonomie mehr leisten, als die Massen aufzuklären.

    Zunächst mal würde ich nicht jede Vorabmeldung von wissenschaftlichen Studien ungeprüft und unreflektiert als feststehende Tatsache hinnehmen, und auch die leichtfertige Verwendung von Begriffen wie “Armut” gehört sicher zu den beliebtesten von der Politik verwendeten Methoden. Die eigentliche Frage wäre aber, einfach mal angenommen, die Annahmen träfen zu: Warum sollte das Anlass für die Ökonomie sein, mehr zu leisten? Was mehr als Aufklärung über die Zusammenhänge?

    Die Akzeptanz der Marktwirtschaft selbst steht auf dem Spiel, wie die Erfolge der Linkspartei zeigen.

    Warum ist das ein Problem der Ökonomie? Über die mangelnde Vermittlung der eigenen Erkenntnisse hinaus jedenfalls?

    Politik und Journaille verschlimmern die Lage noch, wenn sie diese ganzen negativen Effekte der Globalisierung in die Schuhe schieben, um von ihrem eigenen Mist abzulenken.

    Globalisierung ist tatsächlich aus europäischer Sicht eine Erfolgsgeschichte und taugt überhaupt nicht als Sündenbock. Allerdings ist es keine pareto-optimale, denn obwohl die Vorteile die Nachteile überwiegen, gibt es Gewinner und Verlierer. Politik und Medien konzentrieren sich dabei fast ausschließlich auf letztere und erzeugen somit ein verzerrtes Bild. Das Phänomen kennen wir auch aus der außenpolitischen Berichterstattung: Normalerweise erkennt man sein eigenes Land in der Darstellung ausländischer Medien kaum noch wieder.

    Auch von daher wäre eine “Ökonomisierung” der Soziologie und eine “Soziologisierung” der Ökonomie wünschenswert.

    Wie gesagt, ich bin ein Fan interdisziplinären Arbeitens. Allerdings besteht jede Wissenschaft aus Menschen, und das macht die Sache schwierig, denn im Schnitt scheint mir die Wahl des Studiengangs und der späteren Profession keine Zufallsauswahl zu sein.

  22. Gomez Davila
    6.03.2008 | 20:06

    @Rayson: “Und ist sie heute selbstverständlich auch.”

    Ich meinte das eher im dem Sinne Rojas: “but there’s still much, much more to be said about where the inputs come from.”

    “mehr um die Durchsetzung von Interessen geht als um die Durchsetzung des als richtig Erkannten.”

    Auch die politische Umsetzung der eigenen Lehrmeinung durchzudrücken ist ein politisches Interesse - gerade in der Ökonomie, wo bestimmte Partikularinteressen gesellschaftlicher Gruppen automatisch eine Präferenz bestimmter Schulen herstellt. Diese mangelnde Verwurzelung im Elfenbeinturm birgt m.E. auch die Gefahr der Verunreinigung des reinen Interesses an der Wissenschaft. Das führt mich zu:

    “würde ich nicht jede Vorabmeldung von wissenschaftlichen Studien ungeprüft und unreflektiert als feststehende Tatsache hinnehmen”

    Das ist ja gerade die Crux. Man wird von Ifo-Studien wohl nie die Verteidigung von Mindestlöhnen, von der Boeckler-Stiftung wohl nie gewerkschaftsskeptische Töne, von der Bundesregierung wohl nie zutreffende Arbeitsmarktzahlen zu hören bekommen, was wohl an den genannten Zusammenhängen liegt. (Weshalb ich der erwähnten Studie dennoch glaube: weil sie nicht die einzige ist, die zu derartigen Ergebnissen kommt.) Und deshalb bezweifle ich, daß es “logisch-simple” Einsichten gibt, über die in der Ökonomenzunft Konsens herrscht (kann mich irren, nicht mein Metier).

    “denn obwohl die Vorteile die Nachteile überwiegen, gibt es Gewinner und Verlierer”

    Das ist in der Dynamik des marktwirtschaftlichen Systems die Regel. Dazu ist Wirtschafts- und Sozialpolitik da, das aufzufangen, es ist also gar nix der Globalisierung anzulasten.

    “aber dass grundlegendes volkswirtschaftliches Wissen nicht gerade weit verbreitet ist, dürfte eine empirische Tatsache sein”

    Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, daß es um Volksaufklärung gar nicht gehen sollte. Was sollte es auch bringen, einen Hartz4ler darüber aufzuklären, daß sein Schicksal ökonomisch gesehen leider zwingend ist? Die Leute dürfen das diffuse Angstgefühl, welches sie Linkspartei oder gar nichts wählen lässt, gar nicht erst bekommen. Dafür ist Politik da. Diese ökonomischen Einsichten in der Politik zu verbreiten dürfte jedoch wegen der schon angesprochenen dort anzutreffenden Fixiertheit auf Partikularinteressen kaum fruchten. Meinen Pessimismus lass ich mir nicht so leicht nehmen.

  23. 6.03.2008 | 20:22

    Auch die politische Umsetzung der eigenen Lehrmeinung durchzudrücken ist ein politisches Interesse

    Nochmal: Um strittige Lehrmeinungen geht es mir gar nicht. Nur um das kleine ökonomische 1×1.

    Und deshalb bezweifle ich, daß es “logisch-simple” Einsichten gibt, über die in der Ökonomenzunft Konsens herrscht (kann mich irren, nicht mein Metier).

    Oh doch, die gibt es zuhauf. Du würdest dich wahrscheinlich wundern, auf welch abgehobener Ebene der ökonomische Dissenz erst einsetzt. Bastiats “broken-window fallacy” wäre ein eklatantes Beispiel für das, was ich meine. Oder gerne auch Ricardos komparativer Wettbewerbsvorteil. Oder der Zusammenhang von Produktivität und Lohn.

    es ist also gar nix der Globalisierung anzulasten

    Eine Zunahme der Dynamik schon. Wenn man das als Last ansieht.

    Was sollte es auch bringen, einen Hartz4ler darüber aufzuklären, daß sein Schicksal ökonomisch gesehen leider zwingend ist?

    Einen solchen Versuch würde ich auch als völlig unsinnig betrachten. Niemandes Schicksal sollte zwingend sein. Es gibt einen großen Teil, den der Einzelne zur Besserung der Lage beitragen. Und wo der nicht reicht, kann gesellschaftliche Solidarität das Mittel der Wahl sein.

    Ja - der Verlust des Arbeitsplatzes X in der Firma Y, der kann tatsächlich so gut wie zwingend sein. Aber das muss für den, der ihn “inne hatte”, noch lange nichts bedeuten. Jedenfalls, wenn wir von ein paar Gewohnheiten Abschied nehmen, die ich mit zum ökonomischen Analphabetismus zählen würde.

    Meinen Pessimismus lass ich mir nicht so leicht nehmen.

    Ich will dir nichts nehmen, sondern allerhöchstens dir was geben ;-)

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