Die eigene Nase

Vielleicht sollten wir hier in der Blogosphäre doch alle mal aufhören, andere wegen ihrer Kommentatoren zu kritisieren. Sehr unterhaltsames und aktuelles Beispiel:

momorulez kritisiert hier die Kommentare zu einem Artikel des A’Teams, und führt als Beispiel die Bezeichnung von Frau Ypsilanti als “machtgeile Schlampe” an. Sicher keine freundliche Bezeichnung, durchaus auch justiziabel, wie man so schön sagt, und tatsächlich ein treffendes Beispiel für die Art und Weise, wie die Dame in letzter Zeit so charakterisiert wird. Nicht ganz zu Unrecht merkt er an, dass Attacken dieser Art auch eine Bedrohung für die politische Kultur der Bundesrepublik darstellen.

Interessanterweise empfiehlt er im vorhergehenden Satz einen Artikel von “netbitch”, in dem diese selbst erst mal andere Blogger als “vorzeitlich” und “Machos” bezeichnet und mit Dinosauriern vergleicht. Und in den Kommentaren findet man dann herrliche Beispiele dafür, wie diese bedrohte politische Kultur aus Sicht mancher Gesinnungsgenossen von MR & Netbitch aussieht:

“Für mich ist Ypsilanti eher das Opfer von Kerlen, die keinen Arsch in der Hose haben.”

“Das Kohl in weiblich.” (Angela Merkel, der von Links oft kein Geschlecht mehr zugestanden wird)

“Und was Hochstirn Steinbrück (”der Hamburger Dummbabbeler”) von sich gibt, ist ja ohnehin nur noch für die verbale Mülltonne.”

Ich halte fest: Wenn Blogger über “politische Kultur” reden, ist das bei den meisten eher ein schlechter Witz. Immer auch an die eigene Nase fassen, kann man da nur empfehlen.

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22 Kommentare zu “Die eigene Nase”

  1. R.A.
    12.03.2008 | 13:52

    Finde ich auch nicht gut, die Yps als “Schlampe” zu bezeichnen.
    Über ihr Partnerwahlverhalten ist nichts Negatives bekannt und das wäre auch politisch irrelevant.

    Wenn schon, dann “machtgeile Saftschubse”.

    Ich bin zwar ansonsten auch nicht dafür, ehrenwerte Berufe zu verballhornen - aber diese Bezeichnung zeigt wenigstens auf, daß die Yps außerhalb der Politik keine Perspektive hat und sich deswegen in besonderer Weise der Realität außerhalb von SPD-Hinterzimmern entfernt hat.

  2. 12.03.2008 | 14:00

    Aber Karsten, weißt du denn nicht, daß das, was Linke dürfen, anderen deswegen noch lange nicht erlaubt ist und daß man zwar Männern alles erdenklich Schlechte nachsagen darf, über Frauen, egal was sie tun, hingegen nur Gutes?

    @R.A.

    “Schlampe” wird meines Wissens auch als allgemeines Schimpfwort im nichtsexuellen Sinne verwendet, als Pendant zu “Arschloch”.

  3. R.A.
    12.03.2008 | 14:05

    @Ingo:
    Mag schon sein, aber ich finde auch Beschimpfungen machen mehr Spaß, wenn sie treffsicher formuliert sind.
    Und wenn sich jemand als so multipel beleidigbar wie Yps erwiesen hat, sollte man das doch ausnutzen.

    Wobei man in diesem Kontext auch das “brutalstmöglich” unterbringen sollte, das würde sie wohl speziell ärgern.

  4. 12.03.2008 | 14:07

    Kann Karsten da nur zustimmen. Wenn ich mir überlege, wofür eine Merkel schon alles kritisiert worden ist, dann liegen Frisur, Kleidung und Herkunft mit weitem Abstand vorne. Und bei Westerwelle gipfelte der kritische Geist in der Nachahmung einer hellen Stimme - jedenfalls bis zu seinem Outing, was auch wieder Schlüsse zuließe.

    Ich klopfe mir dann mal stellvertretend für die Praxis bei uns pharisäerhaft virtuell selbst auf die Schulter, dass ich eine beleidigende Ypsilanti-Titulierung in unseren Kommentaren gelöscht habe.

    Von Personalisierung in der Politik halte ich generell nichts. Sie ist zwar, wie man sieht, sehr geeignet, Argumente durch Emotionen zu ersetzen und deshalb in Film, Funk und Fernsehen beliebt, verschleiert aber meist die eigentlichen Auseinandersetzungen. Ypsilanti z.B. fährt da in Hessen keinen Ego-Trip, sondern dürfte mit ihrem Kurs die große Mehrheit ihres Landesverbandes hinter sich haben.

    Auch Anspielungen auf den erlernten Beruf finde ich daneben. Meist transportieren diese nur bornierte Vorurteile.

    aber diese Bezeichnung zeigt wenigstens auf, daß die Yps außerhalb der Politik keine Perspektive hat und sich deswegen in besonderer Weise der Realität außerhalb von SPD-Hinterzimmern entfernt hat.

    Ach, R.A., sag mir doch mal lieber, auf welchen Politiker das heute *nicht* zutrifft (Namen als Platzhalter verstanden)?

  5. Carsten
    12.03.2008 | 14:33

    Und als besonders dünnhäutig erweisen sich “War-Blogger”, die wochenlang über andere herziehen können, dass kein Auge trocken bleibt. Rayson, Du weisst wen ich meine, der der Dich auch schon mit Dreck beworfen hat!

  6. 12.03.2008 | 14:51

    Da ich Momorules in Fragen der Diskussionskultur als nicht satisfaktionsfähig erachte, finde ich persönlich seine Meinung zum Thema irrelevant. Der Verweis auf entsprechende Parteilichkeiten der Bewertung ist mir nur zusätzlicher Beleg.

    Allgemein gesprochen denke ich aber, dass Attacken ad hominem schon einen besonderen Grad an Intelligenz brauchen, um den Sprung vom dummen Gepöbel zur gut gemachten Karikatur zu schaffen. “Machtgeile Schlampe” oder “das Merkel” sind dumm und schaffen den Sprung bei weitem nicht.

  7. 12.03.2008 | 15:03

    Lieber Boche,

    so sehe ich das auch. Wenn jemand mit Injurien wie “Schlampe” oder “das Merkel” operiert, dann zeigt das erstens ein bescheidenes intellektuelles Niveau und zweitens schlechten Geschmack.

    Eins von beiden sollte schon besser sein. Wer unbedingt seinem schlechten Geschmack freien Lauf lassen möchte, der sollte sich wenigestens um a bisserl intellektuelles Niveau bemühen. Und wer das nicht hat, der muß halt anständig bleiben ;-)

    Herzlich, Zettel

  8. 12.03.2008 | 15:22

    Lieber Zettel,

    Anstand als sicherer Rückzugsraum für die intellektuelle Mittelschicht (zu der ich mich - bescheiden oder unbescheiden? - zähle) - das ist ein origineller Gedanke. ;-)

  9. R.A.
    12.03.2008 | 16:34

    @Rayson:
    > sag mir doch mal
    > lieber, auf
    > welchen Politiker
    > das heute *nicht*
    > zutrifft
    Z. B. auf Dagmar Metzger - das macht die aktuelle Konfrontation so interessant.

    Die hat eine berufliche Karriere vorzuzeigen, die sie von der Politik unabhängig macht.
    Und die sie eben auch stabilisiert gegen die Pressionen der Parteiführung.

    Der Gegensatz Ypsilanti-Metzger ist eine hochinteressante Konstellation.

    Yps ist die höchste Übersteigerung des Trends, das Politiker nur noch im engsten Dunstkreis kommunizieren, die Welt außen und die dort üblichen Wertmaßstäbe nicht mehr verstehen. Yps ist ja nicht mehr fähig, mit Politikern außerhalb des linken Kerns vernünftig zu reden.

  10. 12.03.2008 | 16:37

    @R.A.

    Yps ist ja nicht mehr fähig, mit Politikern außerhalb des linken Kerns vernünftig zu reden.

    Ich habe die Frau, ehrlich gesagt, noch nie reden hören. Du?

  11. R.A.
    12.03.2008 | 16:56

    @Boche:
    Ich habe sie persönlich noch nicht erlebt.
    Aber in den letzten Monaten sehr viel über sie gehört - auch von Leuten, die sie aus dem Landtag kennen.

    Man hat diese Kommunikationsunfähigkeit übrigens auch bei ihren angeblichen Versuchen gemerkt, die FDP zu einer Koalition zu bringen.
    Da wäre es nun taktisch unbedingt nötig gewesen, wenigstens zum Schein ein bißchen auf die Liberalen zuzugehen - sie hat es nicht hingekriegt.

    Es ist ihr ein Rätsel, wie Leute anders denken können als im SPD-Bezirk Hessen-Süd üblich.
    Sie kann der FDP nicht einmal zum Schein ein Angebot machen, weil sie mit denen einfach nie redet und nicht weiß, was die interessieren könnte.

    Echter Polit-Autismus.

  12. Carsten
    12.03.2008 | 18:06

    Wobei die Hessen-FDP, die einst einen Heiner Kappel hervorgebracht hat, ja nun auch nicht meinem Verständnis von “liberal” entspricht.

  13. R.A.
    12.03.2008 | 18:25

    @Carsten:
    Och, immer noch traurig, weil die hessische FDP Kappel rausgeschmissen hat?

    Egal, hat sowieso nichts mit der Diskussion hier zu tun.

  14. 12.03.2008 | 18:58

    @Boche:
    Meine Kritik an den Umgangsformen bezog sich weniger auf Momo selbst - so hat er ja auch weniger jo@chim kritisiert als die Kommentatoren. Genau das Gleiche meine ich. Spinner und Leute mit schlechten Umgangsformen hat leider jeder unter seinen Kommentatoren. Auch wir hier. :)

  15. 12.03.2008 | 19:32

    @Ingo: Die Selbstgerechtigkeit warum man wen beschimpfen darf ist auf allen Seiten sehr groß, nicht nur bei der Linken. Wenn ich da an Diskussionen zur Bundestagswahl 2005 bei Stadler und Waldorf denke oder an den Ton der bei PI herrscht, sehe ich keine großen Unterschiede im schlechten Stil.

    Frage ist halt, was man erreichen will? Will ich andere überzeugen oder nur Gesinnungsgenossen anziehen? Letzters macht zwar ein heimeliges Klima, aber wenn alle das gleiche denken, wird auch weniger gedacht (ein Heiner Geißler-Zitat).

  16. 12.03.2008 | 19:52

    @Karsten

    Naja, MR hat sich schon im wesentlichen auf den Satz von jo@chim gestürzt, den dieser später wieder zurückgezogen hat. Und drüben kommentieren ja auch vor allem die Autoren.

    Aber generell ist es aus meiner Sicht natürlich das Gesprächsklima auch Aufgabe der Blogbesatzung. Das Problem ist nur (das auch @Marc): Wie setzt man das durch? Es gilt doch letztlich, den Punkt zu vermeiden, ab dem freie Meinungsäußerung ihren Gehalt verliert und durch Gepöbel ersetzt wird. Wir waren da vielleicht in der Vergangenheit auch etwas zu großzügig, aber ich glaube, die Versuche sind erkennbar, da etwas strengere Maßstäbe anzulegen. Wir haben da ein Instrumentarium zur Verfügung von der Ermahnung über die partielle bis zur vollständigen Löschung. Und zur Bitte an einige Leute, sich für ihre Art der Kommunikation eine andere Plattform zu suchen.

    Die “Broken Window”-Theorie scheint mir im übertragenen Sinn auch auf die Kommentarbereich von Blogs anwendbar zu sein.

  17. Carsten
    12.03.2008 | 19:53

    @R.A. Falsch verstanden: Ich meine, daß diese FDP schon sehr, sehr weit rechts steht, daß ein Kappel überhaupt MdL werden konnte. Traurig bin ich nur, weil durch den Rausschmiß das Offenkundige besser kaschiert werden kann!

  18. 12.03.2008 | 20:01

    @Marc:
    Der Heiner Geißler hat das Zitat zwar zitiert, erfunden hat’s aber Georg Christoph Lichtenberg. :)

  19. 12.03.2008 | 20:18

    weniger jo@chim kritisiert als die Kommentatoren

    Wobei der Wutausbruch hinsichtlich der mobbenden und wortbrüchigen Frau Ypsilanti ja in der Tat von mir war. Gut, dass ich das schnell wieder löschen konnte :-) Ein Glück, das manchem unseŕer Kommentatoren nicht leider beschieden ist… (hat aber auch noch nie jemand darum gebeten *g*)

  20. 12.03.2008 | 20:45

    Meine Herren, man soll ja schon Schlampen mit gutem Geschmack erlebt haben. So ein Gestelze. Herrlich.

    (bitte nicht so ernst nehmen, aber ich freue mich, dass ihr alle so stolz aufeinander seid ;)

  21. R.A.
    13.03.2008 | 10:46

    @Carsten:
    > Falsch verstanden:
    Nö, genau richtig.
    Durch den Rausschmiß von Kappel hat die hessische FDP Dich gehindert, weiterhin die hanebüchene These von einer angeblichen Rechtslastigkeit zu propagieren.

  22. R.A.
    13.03.2008 | 12:18

    @Marc:
    > Frage ist halt,
    > was man
    > erreichen will?
    Das ist in der Tat der zentrale Punkt.

    Die meisten BLogger wollen m. E. in erster Linie einfach mal ungeschminkt sagen, was sie denken.
    D.h. es geht nicht wirklich darum, “etwas zu erreichen”.
    Und der Charme vieler Blogs besteht eben auch darin, daß nicht fein abgewogen einer Verkaufstaktik folgend etwas angepriesen wird, sondern daß auch Widersprüche und wenig sachdienliche Übertreibungen und Einseitigkeiten vorkommen.

    Es sollte letztlich ein Mittelding sein: Kein primitiver Stammtisch, wo sich nur Gleichgesinnte gegenseitig bestärken, aber eben auch keine Werbeveranstaltung.

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