18. März 2008
Und denen soll man glauben…
Schlechte Krisen-PR scheint mehr die Regel als die Ausnahme zu sein. Als gestern bei der Ineos in Dormagen ein Feuer ausbrach, saß man in unserem Wohnzimmer sozusagen auf einem Logenplatz - weit genug weg, um angesichts der Windrichtung keine Sorgen haben zu müssen, aber nahe genug dran, um ständig die Entwicklung des Feuers beobachten zu können. Da kleinere Feuer und Explosionen bei den Betrieben des Chemieparks häufiger auftreten, waren wir zunächst nicht sehr besorgt, sondern hielten den Brand für einen der typischen “Abfackelvorgänge”, bei denen Chemikalien unter Überdruck durch kontrollierte Verbrennung unschädlich gemacht werden.
Als aber nach einer guten Stunde die Intensität der Flammen nicht zurückgehen wollte, wunderte ich mich schon und schaltete um 15 Uhr den lokalen Radiosender ein, um herauszufinden, ob man dort etwas über den Vorfall berichten würde. Und tatsächlich: Ein Unternehmenssprecher der Ineos war zu hören, der berichtete, es habe ein kleines Problem mit einer Rohrleitung gegeben, die in Brand geraten sei. Der Brand sei allerdings mittlerweile unter Kontrolle, eine Gefährdung für die Bevölkerung habe es nie gegeben.
Die sich mittlerweile schwarz verfärbende Rauchwolke, die ich bei einem Blick aus dem Fenster erkennen konnte, ließ mich an dieser Darstellung allerdings zweifeln. Wie konnte der Brand denn unter Kontrolle sein, wenn er deutlich sichtbar immer intensiver wurde? Gut, dass das brennende Ethylen keine Bedrohung darstellte, konnte ich ja einsehen, aber warum gab es dann falsche Informationen über den Stand der Brandbekämpfung?
Um sechs Uhr brannte das Feuer immer noch fröhlich weiter, der dichte schwarze Rauch hatte mittlerweile eine große Wolke über Dormagen gebildet (glücklicherweise immer noch vom Wind in die andere Richtung getrieben). Nun war auch ein Bekannter bei uns, der früher im Chemiepark Dormagen gearbeitet hat und sich Sorgen um seinen Bruder machte, der immer noch dort beschäftigt ist. Schließlich sahen wir im Fernsehen, dass der Brand nun auch die nationalen Nachrichtensender erreicht hatte: RTL gab eine kurze Meldung ab.
“In einem Chemiebetrieb in der Nähe von Köln hat es heute Nachmittag einen Brand an einer Ethylen-Rohrleitung gegeben. Einige Hundert Feuerwehrleute waren im Einsatz, der Brand ist mittlerweile unter Kontrolle. Eine Gefährdung für die Bevölkerung hat es nie gegeben”. Unter Kontrolle war erkennbar nichts - noch einmal waren die Flammen und der Rauch intensiver geworden, die A57 war gesperrt und wir konnten dichte Fahrzeugkolonnen sehen, die über Feld- und Waldwege den Heinweg suchten.
Gleichzeitig erfuhren wir von einem Mitarbeiter der Ford-Werke auf der gegenüberliegenden Rheinseite, dass man dort sicherheitshalber die Lüftung abgeschaltet hatte; offenbar wurde auch überlegt, die Mitarbeiter der Nachtschicht vorsorglich aufzufordern, das Werk nach Schichtende nicht zu verlassen. In Köln-Worringen wurden die Bewohner (jetzt endlich!) aufgerufen, Fenster und Türen geschlossen zu halten und ihre Häuser nicht zu verlassen.
Die nächsten Nachrichten, die nächste Überraschung: Der WDR wusste zu berichten, dass der Brand noch in vollem Gange war (endlich mal die Wahrheit), und auch, dass nach der Rohrleitung nun auch ein Tank in Brand geraten war. Aber: “Eine Gefährdung der Bevölkerung besteht nicht”, wurde auch hier wieder ein Unternehmenssprecher zitiert. Nicht nur die Reporterin vor Ort war skeptisch, sondern auch unser Bekannter. Als er hörte, welche Chemikalie im entsprechenden Silo gelagert wurde, wusste er direkt zu berichten, dass Acrylnitril nicht etwa eine harmlose, sondern vielmehr eine durchaus giftige Substanz ist - und dass die umliegenden Tanks auch explosive Gefahrenstoffe enthalten.
Gegen Mitternacht gelang es dann zwar in einem nicht ganz risikolosen Manöver, den Brand mit einem Schaumteppich zu ersticken, doch noch Stunden später mussten die explosiven Tanks gekühlt werden, und am heutigen Vormittag war die Warnung an die Bürger von Worringen, ihre Fenster und Türen geschlossen zu halten, noch akut: Denn tatsächlich wurden Konzentrationen von Acrylnitril in der Luft gemessen, die gesundheitsgefährdend sein konnten. Zwei Supermarktmitarbeiterinnen sind mit Haut- und Augenreizungen im Krankenhaus gelandet - ernsthafte Schädigungen scheint es aber nicht gegeben zu haben.
Fazit: Zwar kann man festhalten, dass der Vorfall tatsächlich sehr glimpflich abgegangen ist. Doch der größte Schaden ist - jedenfalls aus meiner Sicht und der der meisten Menschen, mit denen ich heute gesprochen habe - bei der Glaubwürdigkeit der Ineos entstanden. Schon kurz nach dem Vorfall zu behaupten, der Brand sei unter Kontrolle, während das erkennbar nicht so war (und auch die Feuerwehr im Nachhinein von einer “gefährlichen Situation” spricht), war mehr als dämlich. Auch die gebetsmühlenartig vorgetragene Behauptung, die Bevölkerung sein keinesfalls gefährdet, war ein echtes Kommunikationsdesaster. Wenn ein Tank mit einer giftigen Flüssigkeit direkt neben hochexplosiven Tanks fröhlich vor sich hin fackelt und niemand genau weiß, wie man das Feuer nun eigentlich löschen kann, dann besteht eben doch eine ernsthafte Gefährdung für die Bevölkerung. Da hätte man wesentlich früher eine Warnung an die Anwohner ausgeben und ehrlich informieren müssen. So, wie die Angelegenheit gelaufen ist, werde ich jedenfalls ähnlichen Beteuerungen in Zukunft nicht mehr glauben können.
Und auf solchem Dung gedeihen die Pflänzchen des Misstrauens, die immer wieder zu (oft auch unberechtigten) Klagen gegen Industriekonzerne führen, die für allerlei Erkrankungen bei Kindern und Erwachsenen verantwortlich gemacht werden. Wo so kommuniziert wird, da wundert es auch nicht, wenn breite Bevölkerungsteile sich sicher sind, dass Atomkraftwerke, Chemiebetriebe und allgemein alle Industrieanlagen Krebs auslösen - auch, wenn die Wissenschaft keine Belege dafür liefert. Denn: “Die lügen ja eh’ alle und kaufen sich die Gutachten”.
Verfasst von Karsten um 17:09 Uhr in der Kategorie Rochus, Wirtschaft (Trackback)