22. März 2008
Eine Wahl, ein Schibboleth
In den USA wird demnächst ein neuer Präsident gewählt. Da es sich hier um die größte militärische und wirtschftliche Macht der Welt handelt, beschäftigt diese Wahl natürlich auch die Einwohner von anderen Ländern. Und da die USA sich entschieden haben, vor den eigentlichen Wahlgang eine Vorwahl zu schalten, kommen die US-Bürger und wir in den Genuss, die jeweiligen Kandidaten schon sehr früh unter die Lupe nehmen zu können. Der Zwiespalt, zunächst dem Parteivolk und dann dem gesamten Land gefallen zu müssen, hat seine eigene Dynamik.
Da es nur wenig meinungsfreudigeres gibt als die Blogosphäre, stürzt diese sich in Ermangelung eines polarisierenden Bundestagswahlkampfs quasi als Ersatzhandlung auf die Wahlen zum US-Präsidenten. Dabei geht es natürlich nicht mehr darum, für einen bestimmten Ausgang der Wahl zu werben. Schließlich sind sowohl die Blogautoren als auch deren Leser qua Staatsbürgerschaft meist nicht in der Lage, daran etwas zu ändern. Aber es erfüllt den Zweck des Schibboleths: Durch das Bekenntnis zu einem Kandidaten soll der Einzelne dem Bedürfnis anderer genügen, ihn einordnen zu können. Extremnarzissten setzen sich dem Ritual sogar ungefragt aus, verbinden damit aber denselben Zweck: Indem sie durch ihr eigenes Bekenntnis eine Linie gezogen haben, überlassen sie allen anderen nur noch die Wahl, auf welche Seite der Linie sie sich zu stellen haben. Um den eigentlichen Kandidaten geht es da meist überhaupt nicht mehr - was wegen der Einflusslosigkeit auch rational ist -, sondern nur um das, was man in diesen Kandidaten hineinprojiziert und womit man hofft, die lästige Existenz von politisch Andersdenkenden moralisch erledigen zu können.
Für Linke, sofern sie sich für den US-Wahlkampf interessieren, ist es keine Frage, beim derzeitigen Stand Obama zu unterstützen. Zwar hatte Edwards die passendere Rhetorik, aber auch weniger Chancen von Anfang an. Obama ist allerdings wegen seines Abstimmungsverhaltens im Senat für US-Linke und ihre deutschen Freunde (so sehr diese sich auch tatsächlich in Ziel und Methode unterscheiden) glaubwürdig - weil das nicht ausreicht, hatte er sich zunächst entschieden, sich einer möglichst unverfänglichen und neutralen Rhetorik zu befleißigen. Die Kritik, es sei nicht klar, wofür Obama stehe, geht deswegen fehl. Denn es ist klar, wofür er steht: für den linken Flügel der demokratischen Partei. Also praktisch für etwas, das man hierzulande als sozialdemokratisch mitte-rechts einordnen würde. Kein Teufelswerk, keine Apokalypse, keine Aufregung. So einer kann Präsident werden und sich eher mühelos in die Galerie seiner Vorgänger einreihen.
Seine Konkurrentin hat - und das ist keine Kritik an Obama - kein glaubwürdiges Gegenprogramm entwickeln können. Ihr unbestreitbarer Vorteil der besseren politischen Erfahrung zerschellt am Willen zum Wechsel - wo alles anders werden soll. zählt Erfahrung nichts. Und die Frauenkarte wird durch die Schwarzenkarte neutralisiert - jeweils für die, die meinen, mit solchen Karten spielen zu müssen.
Soweit zu Obama. Halte ich ihn für eine Katastrophe? Quatsch. Würde ich ihn wählen? Kommt drauf an. Zum Beispiel auf den Gegenkandidaten.
Der Gegenkandidat ist John McCain. Und deswegen gilt: Ich bin nicht gegen Obama, ich bin für McCain. So ehrlich beeindruckend und respektvoll die Vita Obamas ist, die McCains fordert mir mehr Respekt ab. Im Folter-Loch bei Aussicht auf Befreiung zu den eigenen Kameraden zu stehen, das ist eine Leistung, die mir selbst kaum zutrauen würde. Der Mann ist bis ans Ende seiner Tage körperlich behindert, weil er den Dienst für sein Land, also praktisch die Gemeinschaft der Wähler, so ernst genommen hat. Und er hat sich in den wichtigen Fragen, die mir als Liberalem bei der Politik der Republikaner in den USA negativ erscheinen, über den Parteikonsens hinweggesetzt - vergleichbare Unabhängigkeitsbezeugungen sind von Obama bislang nicht überliefert.
Man könnte also mit Fug und Recht sagen, zumindest, was die Unabhängigkeit von Parteien angeht: Obama talks, McCain delivers.
Kommen wir also zur Kernfrage der Außenpolitik: Irak. Ich habe den Angriff der USA auf den Irak immer für einen Fehler gehalten, und ich kann keinen Anlass erkennen, daran etwas zu ändern. Aber dieser Angriff ist unvermeidliche historische Tatsache, und wir können nur noch in einer Welt handeln, in der dieser bereits geschehen ist. So sehr ich da jeden Reflex verstehen kann, die Tat dadurch ungeschehen machen zu wollen, indem man alle äußerliche Spuren beseitigt, so sehr muss der rational denkende Mensch sich dieser Versuchung entgegenstellen. Jetzt, wo die USA einmal “drin” sind, haben sie auch die Aufgabe, für Institutionen zu sorgen, die stabil genug sind, ihren Abzug zu überstehen. Alles andere wäre eine Fluch vor einer selbsterzeugten Verantwortung.
Vor allem deshalb bin ich für McCain. Stünden wir heute am Vorabend der Kriegsentscheidung, wäre ich für Obama. Ein Widerspruch ist das nur für Gläubige und Ideologen.
Meine Reaktion auf die Beiträge unseres Mitautors Marian unterteilt sich meist in drei Kategorien. Meistens nehme ich seine Ausführungen einfach zur Kenntnis, weil sie mir viel Neues berichten. Und sehr oft stimme ich seinen Wertungen zu. Einen mikroskopisch verschwindenden Teil seiner Aussagen kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen. Und dazu gehört u.a. dieser, auf “die liberalen deutschen Blogger bezogen:
Wenn in einer Wahl der Kandidat, der noch ehesten liberale Positionen vertritt, chancenlos ist, dann wird - von den Paxxis abgesehen, die in dieser Hinsicht konsequent sind - immer der rechte Kandidat unterstützt - und der linke gebasht. Besonders absurd finde ich das in Bezug auf Italien.
Zunächst mal sollten wir vielleicht festhalten, welche Hürde Marian da aufstellt: Erst, wenn es keinen Kandidaten mehr gibt, den man als liberalen bezeichnen kann, entscheiden sich die liberalen Blogger für den rechten. Immerhin. Das ist weniger, als manche Linke aus dieser Aussage herauslesen wollen,.
Aber stimmt sie auch dann?
Ok, es ist ein ziemlich naiver Versuch, gegen das Urbedürfnis der Schubladisierung, also der unzweifelhaften Freund-Feind-Erkennung, angehen zu wollen, aber ich begreife es noch immer nicht, wie eine derart falsche Aussage zum Glaubensbekenntnis bei anderen mutieren kann. In diesem Blog herrschen zu verschiedenen Themen verschiedene Ansichten. Marian hat sich z.B. für Obama ausgesprochen, und ich für McCain. Dass sich dann ein Blogger zu der Aussage versteifen kann, er würde hier und auf anderen liberalen Blogs wegen seiner Pro-Obama-Haltung verurteilt, kann ich demzufolge nur einem gewissen Bedürfnis zuschreiben, auch mal Märtyrer im “Dienst der gerechten Sache” sein zu dürfen.
Ich glaube, Marian hat da den Schritt von der einzelnen Beobachtung zur Verallgemeinerung etwas übertrieben. Auf diesem Blog hat sich bisher keiner für Berlusconi oder für Sarkozy ausgesprochen. Oder für andere dem vorgegebenen Raster entsprechenden Konstellationen. Und wir sind bei aller Bescheidenheit kein unmaßgeblicher Teil der kritisierten Gesamtheit.
Fakt ist: B.L.O.G. tut nichts, außer zu diskutieren. Wir sind nach außen kein Kollektiv. Wir haben keine einheitliche Meinung. Wir widersprechen uns oft. Wer das nicht begreift, den beglückwünschen wir zu der Fee, die ihm die Gabe des Lesens geschenkt hat.
Verfasst von Rayson um 22:19 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)