Close Encounters of the Left Kind

Beim Zappen bin ich neulich mal auf ein Streitgespräch zwischen Ottmar Schreiner und Hans Werner Sinn gestoßen, das im Rahmen der Reihe “Unter den Linden” auf PHOENIX gesendet wurde (Livestream hier).

Ich gestehe, dass meine Sympathien von Anfang an ungleich verteilt waren, und dass ich mich in der Argumentation Sinns ganz wiederfand. Aber mir fiel auf, wie mühsam nur Schreiner in der Diskussion (die strittigen Themen “Tarifkonflikt” und vor allem “Mindestlohn” folgen erst nach den einleitenden Fragen zur Bankenkrise) seine Erregung unter Kontrolle halten konnte. Ich habe das als ehrliche Gefühlsäußerung verstanden. Sie scheint mir ein Beispiel des Missverständnisses zu sein, das mir in Diskussionen mit den Vertretern “linker” Thesen immer wieder auffällt.

Da sieht jemand einen Missstand (z.B. dass es Menschen gibt, denen der Lohn einer Vollzeitstelle nicht zum Leben reicht), und ihm kommt auch eine Idee, wie dem abzuhelfen wäre (z.B. Einführung eines Mindestlohns). Irgendwo in diesem Prozess tritt das gewählte Mittel dann aber an Stelle des Ziels und erhält dessen moralischen Wert. Damit wird ein anderer, der diesen Missstand zwar auch sieht, das Mittel der Wahl aber für ungeeignet bis kontraproduktiv hält, nicht als einer empfunden, der in der Sache anderer Meinung ist, sondern als jemand, der sich gegen das moralisch Gebotene stellt. Was nun wiederum bei einem international anerkannten Professor der Ökonomie nicht mit Unkenntnis, sondern nur mit bösem Willen zu erklären ist. Sei es, weil derjenige selbst vom Missstand profitiert, sei es, dass er sich in den Dienst anderer Profiteure stellt. Aus dem Sachstreit wird also ein Kampf um Gut und Böse - kein Wunder, dass dieser Konflikt Erregungspotenzial hat.

Eine weitere interessante Beobachtung, jetzt nicht typisch für das angesprochene generelle Missverständnis, aber für den Verlauf der Mindestlohndiskussion: Sinn versuchte, den Konflikt dadurch aufzulösen, dass er Zwischenziele und letzte Ziele voneinander unterschied. So sei das eigentliche Ziel doch, jedem arbeitenden Menschen ein Einkommen zu ermöglichen, mit dem er in eigener Verantwortung seinen Lebensunterhalt bestreiten könne (was dann Kombilöhne u.ä. ermöglicht). Schreiner wollte sich darauf jedoch nicht einlassen. Für ihn war offensichtlich nicht der entscheidende Punkt, wie hoch das Einkommen des Menschen ist, sondern dass es vollständig aus einem einzigen Arbeitsentgelt finanziert werden müsse. So gesagt hat er es allerdings nicht, sondern eher so getan, als seien diese beiden Ziele deckungsgleich.

Aus beidem zusammen ergibt sich dann eine typische Frontstellung der Mindestlohndiskussion. Aus Sicht mancher Befürworter haben die Gegner aus irgendwelchen ideologischen oder eigennützigen Motiven etwas dagegen, dass Menschen, die heute zu sehr niedrigen Löhnen arbeiten, ein zum Leben ausreichendes Einkommen beziehen. Dabei übersehen sie, dass dieser Vorwurf auf zwei Fehlschlüssen beruht, die bei ausreichendem bösen Willen der Gegenseite ebenfalls als moralisch fragwürdig angesehen werden könnten.

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23 Kommentare zu “Close Encounters of the Left Kind”

  1. FG
    26.03.2008 | 13:18

    Sehr gut beobachtet. Es ist immer wieder erstaunlich, wie selbstverständlich manchen Personen niedere oder auch nur eigennützliche Motive unterstellt werden. Wenn ein Unternehmen wie PIN gegen Mindestlöhne argumentiert kann ich ja den Verdacht des Eigennutzes noch nachvollziehen. Welches Interesse ein Hans-Werner Sinn - grade Angesichts seiner Biographie* - haben sollte, der “Arbeiterklasse” zu schaden, das erschließt sich mir überhaupt nicht.

    Leider machen derartige moralische Vorsortierungen (die selbstredend nicht nur bei der Linken vorzufinden sind) viele Debatten so furchtbar anstrengend und unergiebig.

    *) interessant, welcher der beiden Diskutanten in der Phoenix-Runde den authentischeren Working-Class-Background hat.

  2. Lina
    26.03.2008 | 15:07

    Das gefällt mir am Artikel, Rayson: dass Du beiden Seiten mit Verständnis (auch “of the left kind”) begegnest.

    Aber ich muss nochmal nachfragen: was macht einen aus Steuergeldern aufgestockten Kombilohn gegenüber einem voll aus Arbeitgeberhand kommenden Mindestlohn ökonomisch gesehen attraktiver, so dass Du ihn mit Sinn (nomen est omen?) verteidigst?

    Bin ich zu skeptisch, wenn ich in der beidseitigen Entlastung durch staatliche Aufstockung eines Lohns auch die Gefahr der, sagen wir mal, unlauteren Vorteilsnahme durch den Arbeitgeber sehe, der dadurch seine Kosten mindern wollen wird? Das Geld dazu kommt aus beider Hand, aus beider Steuern, und von der rasanten Verbreitung dieser Vorteilsnahme und den möglichen ökonomischen und politischen Folgen (bis hin zur Staatswirtschaft) will ich erst gar nicht reden.

    Liegen also Sinn und Gewinn eines Kombilohns in erster Linie oder gar ausschliesslich darin, staatlicherseits für Arbeit statt für Nichtstun zu bezahlen? Ist es das?

  3. 26.03.2008 | 15:35

    @Lina

    Als Laie möchte ich mit Laienantwortvorschlägen dazwischenrufen:

    Der Mindestlohn vernichtet potentiell Arbeitskräfte, weil Nachfrage nach Arbeitskraft ab einem bestimmten Preisniveau nicht mehr existiert.
    Der Kombilohn, also die Bezuschussung von zu Marktpreisen verkaufter Arbeitskraft, behindert das Marktgeschehen dagegen nicht und dürfte tendenziell eine höhere Menge an Arbeitsplätzen zur Folge haben.
    Den Vorteil haben dann alle:
    Der Nachfrager (Unternehmer), der Arbeitskraft einkaufen und damit Produkte am Markt bereitstellen kann.
    Der Anbieter (Arbeiter), der seinen Unterhalt nicht zu 100% aus Almosen finanzieren muss.
    Der Steuerzahler, weil ihm der, zu Mindestpreisbedingungen sonst erfolglose, Anbieter nicht zu 100% auf der Tasche liegt.

    Die Kollegen Ökonomen dieses Blogs werden meine sicher schlichten Gedanken bestimmt korrigieren, ergänzen oder was auch immer. ;-)

  4. 26.03.2008 | 15:38

    @Lina

    Die Sachfrage, die mir hier nur als Beispiel dient, wollte ich eigentlich nicht behandeln, aber weil du es bist:

    Du kannst ein Unternehmen zwingen, einen bestimmten Mindestlohn zu zahlen. Du kannst sie aber nicht dazu zwingen, zu diesem Lohn auch jemanden einzustellen. Wie wir an anderer Stelle schon mal geklärt haben, ist der einzige Grund, warum Arbeit nachgefragt wird, die Geldgier der Nachfrager. Ist der Preis für die Arbeit zu hoch, ist es dieselbe Geldgier, die den Nachfrager Abstand nehmen lässt. Die Messlatte für “zu hoch” ist die (Grenz-)Produktivität.

    Der von dir skizzierte Vertrag zu Lasten Dritter ist unwahrscheinlich, da jedes Unternehmen sich besser stellt, wenn es beginnt einzustellen, sobald der Lohn unter die Produktivität fällt.

    Ich gehe hier von der Annahme aus, dass es eine Konkurrenz der Arbeitsnachfrage gibt. Gibt es keine, haben wir also dauerhaft Monopsone oder Kartelle vorliegen (was aus mehreren Gründen recht unwahrscheinlich ist), wirken beide Mechanismen so nicht. Aber dann wäre eher die Wettbewerbspolitik gefragt als eine gesetzliche Preisfestsetzung.

  5. N. Neumann
    26.03.2008 | 15:51

    @ Rayson

    Schreiners Emotionalität (ich hatte kurz draufgezappt) war in der Tat wenig erquicklich.

    Zum Kombilohn gab es in derselben Sendung schonmmal eine - vergleichsweise interessante, sachlichere - Diskussion, und zwar zwischen Hans-Werner Sinn und Gustav Horn.

    Ich meine, es war diese hier:

    http://www.phoenix.de/110285.htm#

    Video:

    http://www.phoenix.de/sixcms/detail.php?id=110271&template=d_ph_videostream_popup&format=3&transfer=2

  6. 26.03.2008 | 15:53

    Ich behaupte, dass liegt einfach an der Unfähigkeit mancher Leute, rational, also im Ursache-Wirkungsmechanismus, zu denken. Stattdessen argumentieren diejenigen dann (auch sich sebst gegenüber) mit Gefühlen. Höhere Löhne wären eine tolle Sache, lass den Staat sie beschließen. Im Extremfall kommt dann noch das Schlagwort “Primat der Politik”. Wo kämen wir denn dahin, wenn der Staat nicht mal mehr die Lohnhöhe beschliessen könne.

  7. Gomez Davila
    26.03.2008 | 16:18

    Sinns Vorzug, verständlich zu schreiben, obwohl er beileibe kein begnadeter Stilist ist, sowie seine Neigung, vom Stilmittel der paradoxen Überspitzung Gebrauch zu machen (”Autos kaufen Autos”, “Konsum ist schädlich für die Konjunktur”, “mit Ungerechtigkeit lebt es sich besser”), machen ihn leider auch anfällig für publizistische Diffamierung. Erinnert man sich nur an diese Schlagworte, fällt es leicht, ihm bösen Willen zu unterstellen, so daß seine Argumente dafür, daß sich das moralisch Gebotene auf diese Weise nicht erreichen lässt, für Argumente gegen das moralisch Gebotene selbst genommen werden.

    @FG: Ich würde den working-class-background nicht als Indiz für soziale Gesinnung nehmen. Der ab und an in der Zitatenkiste (hier oder im A-Team) auftauchende Ambrose Bierce bspw. hat seine Herkunft gehasst und eine Art sozialen Ekels entwickelt. Psychologisch ebenso verständlich wie das Gegenteil.

  8. 26.03.2008 | 16:29

    @GD

    Der Logik vermag ich nicht zu folgen. Warum soll die Verwendung von Schlagworten es nahelegen, bösen Willen anzunehmen?

  9. Gomez Davila
    26.03.2008 | 16:40

    @Rayson:

    Von paradox überspitzten Schlagworten. Natürlich kaufen Autos keine Autos, aber über den Umweg der Investition kann man das doch so sagen. Natürlich ist Konsum nicht schädlich für die Konjunktur, aber dann, wenn mit ihm auch Investitionen verfressen werden. Natürlich widerstrebt es jedem, Ungerechtigkeit zuzulassen, aber die wirtschaftlichen Folgen einer allgemeinen Nivellierung wären schlimm. Wenn man Sinn aber auf seine Schlagworte verkürzt, erhält man einen eiskalten Neoliberalen voller böser Absichten.

  10. Lina
    26.03.2008 | 16:53

    @ Merci, Boche,

    @ Danke, Rayson,

    ich meine, den Groschen fallen gehört zu haben! Wobei ich zugeben muss, dass er nach der sog. “laienhaften” Antwort lauter und nach der “professionellen” (im Auftreffen auf die anderen, die da schon liegen) etwas leiser geklimpert hat; muss an der jeweiligen Fallhöhe gelegen haben…

    @ Gomez Davila

    “Wenn man Sinn aber auf seine Schlagworte verkürzt, erhält man einen eiskalten Neoliberalen voller böser Absichten.”

    Das stimmt, und das ist auch bestimmt der Grund, dass in der Auseinandersetzung zwischen beiden Lagern Emotionen so leicht in den Vordergrund treten und die Fakten vernebeln. Schade drum.

  11. 26.03.2008 | 18:14

    @GD

    Ok, so verstehe ich es etwas besser (but I’m still not convinced, um mit den Worten eines großen Grünen zu sprechen).

    @Lina

    Das liegt vor allem daran, dass Boche ein viel besserer Kommunikator ist als ich. Was ihm an Voraussetzungen mir gegenüber fehlte, kriegt er durch seine Lektüre von Mankiw locker rein. Und ich freue mich drüber.

  12. 26.03.2008 | 18:19

    @Lina

    Ach ja, eins noch: Ich bin ebensowenig “professioneller” Volkswirt wie Boche. Der einzige Profi in unserer Runde, was das betrifft, ist SteffenH. Ich bin nur ein Betriebswirt mit überdurchschnittlichem Interesse für VWL.

  13. 26.03.2008 | 18:22

    Aber meine Welt ist eh happy: Hab gerade den PartyPoker-Bonus freigespielt und bin im Step-Turnier in meiner “Liga” geblieben ;-)

  14. 26.03.2008 | 19:46

    [...] Verfasst von califax am Mittwoch, 26. März 2008 Beobachtungen zur Mindestlohndebatte bei den Liberalen da drüben. [...]

  15. Lina
    26.03.2008 | 20:21

    @ Rayson

    Soso: “…nur ein Betriebswirt mit überdurchschnittlichem Interesse für VWL”…

    ..aber “eh happy”? So let’s sing and step all together, Pokerface:

    “Always look on the bright side of life…”

  16. 26.03.2008 | 20:35

    @Lina

    Unbedingt.

  17. 26.03.2008 | 21:18

    Pokern - das passt irgendwie zu einem eiskalten Neoliberalen. ;-)

  18. FG
    26.03.2008 | 21:24

    Ich bin nur ein Betriebswirt

    Das tut mir jetzt ehrlich leid.

  19. 26.03.2008 | 21:33

    Endlich mal einer.

  20. PG
    27.03.2008 | 13:20

    Die Finanzkrise ist zu Ende. Das ich nicht lache. Meiner Meinung ist das Einzige was im Moment läuft eine einzige Bilanzsäuberung um den Megagau zeitlich nach hinten zu verschieben. Es erschreckt mich zutiefst, dass Verluste vom Steuerzahler (den Landesbanken) getragen werden. Wenn jedoch Gewinne erzielt werden, hat keiner was davon. Im Gegentail: Arbeitnehmer werden einfach entlassen, um noch schönere Bilanzen zu haben. Ein Skandal!!!

  21. jopa
    27.03.2008 | 13:25

    Ich würde der Analyse oben nicht ganz zustimmen, sondern denke, daß bei Leuten à la Schreiner zwei Motive in der Argumentation zusammentreffen. Zum einen geht es sicherlich darum, den “Opfern der Verhältnisse” zu helfen, zum anderen aber auch darum, bestimmte eigene politische Vorstellungen zu bedienen. Will sagen: Die meisten Linken sind nicht nur Linke, weil sie den Armen helfen wollen, sondern eben auch Linke, weil sie bestimmte normative Vorstellungen hegen, die sie über den Verweis auf bestimmte Mißstände durchzusetzen versuchen. Diese Vorstellungen können praktisch überall her stammen, müssen aber nicht notwendigerweise Reaktionen auf echte Probleme darstellen. Es geht eben nicht nur darum, den Leuten irgendwie ein ausreichendes Einkommen zu verschaffen, sondern dies darf nur auf bestimmtem Wege geschehen - und deswegen sind liberale Vorschläge zur Problemlösung gar nicht erwünscht. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, daß zuerst der politisch erwünschte Eingriff feststeht, und dann erst das passende Problem gesucht (oder herbeigeredet) wird. Die “Opfer” sind dann nur noch Mittel zum Zweck.

  22. 27.03.2008 | 13:25

    Es erschreckt mich zutiefst, dass Verluste vom Steuerzahler (den Landesbanken) getragen werden.

    Da frage ich mich doch, wo du lebst. Es dürfte alltäglich sein, dass staatliche Versuche zu Wirtschaften durch des Steuerzahlers Geld über Wasser gehalten werden.

  23. F.Alfonzo
    28.03.2008 | 1:48

    Vielleicht liegt es ja an dem “Duell-Konzept” dieser und der meisten anderen politischen Talkshows, dass Herrn Sinn automatisch (gemessen an den Reaktionen auch vom Studiopublikum) automatisch eine moralische Gegenposition unterstellt wird.

    Eine Diskussion, in der 2 Leute mit völlig unterschiedlichen Herangehensweisen (wissenschaftlich vs. ideologisch) und, ich würde auch unterstellen, unterschiedlichen Zielen (Präsentation von Forschungsergebnissen vs. Wählerstimmenmaximierung) aufeinander losgelassen werden, muss ja zwangsläufig so enden wie diese.

    Ich persönlich wundere mich sowieso, dass Herr Sinn den öffentlichen Kampf gegen die Windmühlen so konsequent weiterführt. Als ich ihn diesbzgl. mal angesprochen habe, kam als lapidare Antwort: “Der stete Tropf höhlt den Stein”. Der Stein erweist sich nur leider als äußerst hartnäckig, was auch die Reaktion des Publikums (oder: Des Wähler-Samples) im Studio gezeigt hat.

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