26. März 2008
Close Encounters of the Left Kind
Beim Zappen bin ich neulich mal auf ein Streitgespräch zwischen Ottmar Schreiner und Hans Werner Sinn gestoßen, das im Rahmen der Reihe “Unter den Linden” auf PHOENIX gesendet wurde (Livestream hier).
Ich gestehe, dass meine Sympathien von Anfang an ungleich verteilt waren, und dass ich mich in der Argumentation Sinns ganz wiederfand. Aber mir fiel auf, wie mühsam nur Schreiner in der Diskussion (die strittigen Themen “Tarifkonflikt” und vor allem “Mindestlohn” folgen erst nach den einleitenden Fragen zur Bankenkrise) seine Erregung unter Kontrolle halten konnte. Ich habe das als ehrliche Gefühlsäußerung verstanden. Sie scheint mir ein Beispiel des Missverständnisses zu sein, das mir in Diskussionen mit den Vertretern “linker” Thesen immer wieder auffällt.
Da sieht jemand einen Missstand (z.B. dass es Menschen gibt, denen der Lohn einer Vollzeitstelle nicht zum Leben reicht), und ihm kommt auch eine Idee, wie dem abzuhelfen wäre (z.B. Einführung eines Mindestlohns). Irgendwo in diesem Prozess tritt das gewählte Mittel dann aber an Stelle des Ziels und erhält dessen moralischen Wert. Damit wird ein anderer, der diesen Missstand zwar auch sieht, das Mittel der Wahl aber für ungeeignet bis kontraproduktiv hält, nicht als einer empfunden, der in der Sache anderer Meinung ist, sondern als jemand, der sich gegen das moralisch Gebotene stellt. Was nun wiederum bei einem international anerkannten Professor der Ökonomie nicht mit Unkenntnis, sondern nur mit bösem Willen zu erklären ist. Sei es, weil derjenige selbst vom Missstand profitiert, sei es, dass er sich in den Dienst anderer Profiteure stellt. Aus dem Sachstreit wird also ein Kampf um Gut und Böse - kein Wunder, dass dieser Konflikt Erregungspotenzial hat.
Eine weitere interessante Beobachtung, jetzt nicht typisch für das angesprochene generelle Missverständnis, aber für den Verlauf der Mindestlohndiskussion: Sinn versuchte, den Konflikt dadurch aufzulösen, dass er Zwischenziele und letzte Ziele voneinander unterschied. So sei das eigentliche Ziel doch, jedem arbeitenden Menschen ein Einkommen zu ermöglichen, mit dem er in eigener Verantwortung seinen Lebensunterhalt bestreiten könne (was dann Kombilöhne u.ä. ermöglicht). Schreiner wollte sich darauf jedoch nicht einlassen. Für ihn war offensichtlich nicht der entscheidende Punkt, wie hoch das Einkommen des Menschen ist, sondern dass es vollständig aus einem einzigen Arbeitsentgelt finanziert werden müsse. So gesagt hat er es allerdings nicht, sondern eher so getan, als seien diese beiden Ziele deckungsgleich.
Aus beidem zusammen ergibt sich dann eine typische Frontstellung der Mindestlohndiskussion. Aus Sicht mancher Befürworter haben die Gegner aus irgendwelchen ideologischen oder eigennützigen Motiven etwas dagegen, dass Menschen, die heute zu sehr niedrigen Löhnen arbeiten, ein zum Leben ausreichendes Einkommen beziehen. Dabei übersehen sie, dass dieser Vorwurf auf zwei Fehlschlüssen beruht, die bei ausreichendem bösen Willen der Gegenseite ebenfalls als moralisch fragwürdig angesehen werden könnten.
Verfasst von Rayson um 12:38 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik (Trackback)