Demokratie zugunsten Microsofts

Microsoft versucht, sein OOXML-Format zum ISO-Standard zu machen (Der Verzicht aufs Passiv ist ein erster Hinweis…).

Es sieht jetzt so aus, als werde die Sache nach dem ersten gescheiterten Anlauf endlich zum Erfolg. Normierungsorgane mehrerer Staaten haben ihre ehemals ablehnenden Stimmen in zustimmende umgewandelt. Wie das so abläuft, ist allerdings geeignet, als Damaskus-Erlebnis für Demokratiefundis zu dienen.

Die größte Leistung einer Demokratie ist, sich der alten Regierung unblutig entledigen zu können. Die meisten anderen ihr zugeschriebenen positiven Eigenschaften kommen von einem Wunschzettel und müssten in einer Checkliste unangekreuzt bleiben. Denn im Kern steckt auch das Entscheidungsverfahren “Demokratie” voller Möglichkeiten, den Prozess durch Ausübung von Macht zu unterlaufen. Wir dürfen und können davon ausgehen, dass es immer Menschen und Organisationen geben wird, die genau das auch vorhaben, denn der damit verbundene Preis ist das staatliche Gewaltmonopol und also ziemlich wertvoll. Als erfahrener demokratischer Zentralist ist einem z.B. natürlich die strategische Bedeutung von Antragskommissionen, Geschäftsordnungsdebatten und das berufsbedingte Nachtruhebedürfnis anderer Parteimitglieder in Fleisch und Blut übergegangen. Arrow hat darüber hinaus gezeigt, dass die Reihenfolge von Abstimmungen das endgültige Ergebnis beeinflusst.

Die Praxis wiederum führt uns vor Augen, dass auch die Zusammensetzung der Abstimmungsberechtigten eine beliebte Gestaltungsvariable zu sein scheint. Innerhalb des norwegischen Normierungskommittes scheinen nach dem bei Groklaw übersetzten Bericht einer dänischen Zeitung letztlich zwei Leute bei mindestens 21 Gegenstimmen das “Ja” durchgesetzt zu haben. Und in Deutschland wurde, um ein letztlich zur Ablehnung führendes Patt von 6:6 Stimmen zugunsten Microsofts umzubiegen, mal eben die Abstimmungspraxis geändert, indem der Vertreter des DIN entgegen der sonstigen Gewohnheit qua eigener Kompetenz mitstimmte (der Fairness halber sei gesagt, dass es sich hier nicht um die fachliche Abstimmung selbst, sondern um eine zur Bestätigung der Korrektheit des Ablaufs handelte). Für Demokratiefundis mag der folgende Absatz aus einer Pressemitteilung des DIN normal klingen, aber alle anderen müssten sich eigentlich an einen bekannten Witz[1] erinnert fühlen:

Mit einer Mehrheit von 7 zu 6 Stimmen bei 7 Enthaltungen hat das Lenkungsgremium den Prozessablauf als regelgerecht anerkannt und damit keinen Grund gesehen, das Ja-Votum des Arbeitsausschusses aufzuheben.

Obwohl also 6 Mitglieder offensichtlich jeweils mindestens einen Grund gesehen haben, konnte “das Gremium” keinen einzigen erkennen. So kommt wohl auch ein “Wählerwille” zustande…

Selbstverständlich wäre es naiv anzunehmen, ein Unternehmen wie Microsoft würde seine Vorschläge einfach nur einreichen und demütig das Ergebnis der Abstimmungen abwarten. Man geht dort davon aus, dass man solche Dinge nicht dem Zufall überlassen kann, wie wir aus einem vor Gericht verwerteten internen Memo erfahren dürfen.

[1] Ich wandele den Witz mal auf aktuelle Ereignisse ab: Steinmeier besucht den erkrankten Beck. “Kurt, das Parteipräsidium wünscht dir mit 9:7 Stimmen gute Genesung!”

Ähnliche Beiträge


Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.

Bad Behavior has blocked 1190 access attempts in the last 7 days.