Zwei-Klassen-Journalismus

Wenn Sie am 1. April 2008 im Online-Medium SPON lesen: »Viele Patienten haben es geahnt - nun gibt es einen wissenschaftlichen Beleg: Kassenpatienten müssen im Durchschnitt dreimal so lange auf einen Termin beim Facharzt warten wie privat Versicherte.«, dann vermuten Sie sicher nicht, dass es sich um einen Aprilscherz handelt. Dass Kassenpatienten länger auf einen Termin warten, hatten Sie möglicherweise schon immer vermutet und dass SPON nur ganz aktuelle Meldungen bringt, setzen Sie als selbstverständlich voraus. In der SPON-Meldung wird aus einer Studie von Wissenschaftlern der Universitäten Köln und Hall zitiert. Der Leiter der Studie sagte gegenüber SPON:

“Wir können mit der Studie erstmals wissenschaftlich fundiert zeigen, was bisher nur vermutet werden konnte, von Ärzteseite aber abgestritten wird: dass Kassenpatienten sich bei der Terminvergabe in Facharztpraxen hinten anstellen müssen”, sagte der kommissarische Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und klinische Epidemiologie, Markus Lüngen.

Diese Studie (PDF) wurde am 09. Januar 2008 im »International Journal for Equity in Health« veröffentlicht. Das »Forum Gesundheitspolitik« hat diese Meldung am 14. Januar 2008 veröffentlicht. Und die eigentliche Untersuchung fand im Frühjahr 2006 statt. Das hält unseren alten Bekannten Karl Lauterbach nicht davon ab, unwidersprochen wilde (und ebenfalls wissenschaftliche?) Spekulationen in die Welt zu setzen:

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußerte die Vermutung, dass Privatpatienten neben einem früheren Termin auch eine bessere ärztliche Versorgung erhielten als Kassenpatienten. “Das ist nur die Spitze des Eisbergs eines Zwei-Klassen-Systems in der medizinischen Versorgung”, sagte Lauterbach dem “Kölner Stadt-Anzeiger”.

Wie er das beweisen will, möchte ich gern mal wissen. Die Ergebnisse der Studie beziehen sich im übrigen nicht auf 189 Praxen, denn dort heißt es:

A total of 61 of the 189 practices were excluded in line with the criteria listed above.

Unter anderem wurden dabei Praxen aussortiert, die nur Privatpatienten versorgen. Bis zur Seite 4 von 7 Seiten sollte doch auch der SPIEGEL noch lesen können?

Der SPIEGEL ist inzwischen kein Sturmgeschütz der Demokratie und auch keine Konfetti-Kanone des Boulevards mehr. Bewertet man den SPIEGEL nach seinem Online-Ableger, ist das ehemalige Nachrichtenmagazin ein altersschwacher Fön, der nur noch sporadisch heiße Luft hervorbringt – und diese Luft ist auch noch ziemlich alt.

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9 Kommentare zu “Zwei-Klassen-Journalismus”

  1. 1.04.2008 | 16:08

    Der erste Gedanke als ich die Meldung heute gelesen habe war: “die haben bestimmt auch reine Privatpraxen mit einbezogen um auf einen solchen Unterschied zu kommen”

    Ich war schon in beiden Systemen versichert und habe die Erfahrung gemacht, dass man in der Regel nicht viel schneller drankommt. Man hat aber klar den Vorteil die Praxen nutzen zu können die nur Privatpatienten nehmen bzw. eine explizite Privatsprechstunde haben. Da gehts meist recht schnell, das stimmt.

    Wird aber trotzdem Unterschiede geben. Angesichts der Organisation unseres Gesundheitssystems aber auch keine wirkliche Überraschung.

  2. FG
    1.04.2008 | 16:24

    Ich war nun auch schon sowohl als auch versichert und habe Erfahrungen gemacht, die sowohl als anekdotisches Indiz für das eine als auch das andere herhalten können. So habe ich bei der Terminabsprache schon den Satz gehört “ach privat, warum sagen sie das nicht gleich…”, andererseits war ich vergangenen Sommer Samstags Mittags in der Ambulanz einer Uni-Klinik und ich hoffe, dass Kassenpatienten nicht mit noch weniger Fingerspitzengefühl und Achtung behandelt werden.
    Als Kassenpatient habe ich allerdings einmal in einer erstklassigen Privatklinik eine sowohl organisatorisch als auch kommunikativ als auch (soweit ich das beurteilen kann) fachlich erstklassige Behandlung erhalten.
    Was die Wartezeiten bei Terminen angeht, da mag wohl was drann sein und auch die Möglichkeit von Nicht-Standard-Behandlungen sind wohl größer (ob die immer besser sind steht auf einem anderen Blatt), aber eine generelle Schlechterstellung, daran habe ich auch meine Zweifel.

  3. 1.04.2008 | 16:28

    Ich würde es nicht dramatisieren, aber manchmal hat Lauterbach halt doch recht.

    Wie er das beweisen will, möchte ich gern mal wissen.

    Privatpatienten werden nach meinen Erfahrungen im Gesundheitswesen besser behandelt. Nicht immer, aber immer öfter.

    Ich habe in einem Krankenhaus gearbeitet und dort war es so, dass die Privatpatientenabteilung praktisch immer Vorrang hatte. Das fängt beim Raussuchen von Patientenakten an und reicht ganz selbstverständlich bis hin zur Verfügbarkeit von Ärzten. Während sich der eine Patient mit großflächigen unbehandelten Verbrennungswunden in der Notaufnahme vor Schmerzen krümmt, weil seine Ärtzte Fußball gucken, gilt der vorbildlich private Patient bereits als bedeutsam, wenn er seine tägliche Beschwerdetirade beim Chefarzt vorbringen möchte.

    Nicht immer ist es so dramatisch, wie ich es hier beschrieben habe. Aber man muss das, was ich beschrieben habe und was Lauterbach eventuell gemeint hat, auch nicht unbedingt gut finden.

    Die liberale Lösung derartiger Probleme wäre es, das staatliche Gesundheitssystem komplett aufzulösen und zwar zugunsten einer rein privatwirtschaftlichen Alternative nach dem guten und effizienten Vorbild der USA, aber natürlich ohne sozialistische Schandtaten wie Medicair usw.

    Wenn alle Patienten gleich privat behandelt werden, haben es alle besser.

  4. 1.04.2008 | 16:52

    Meine Erfahrung ist ebenfalls nicht eindeutig. Vielleicht liegt es an der ländlichen Gegend, aber eigentlich reihte ich mich bislang immer in die Warteschlange ein. Und die bestand wohl meist zum größten Teil aus Kassenpatienten.

    Allerdings wäre das Problem, dessen Existenz wohl nicht ganz unwahrscheinlich ist, eine perfekte Illustration der Regel, dass sozialistische staatsbürokratische Lösungen eben meist die schlechteren sind.

  5. stefanolix
    1.04.2008 | 17:08

    Was mich dabei erschreckt, ist die unprofessionelle Arbeitsweise bei SPON: selbst im “Forum Gesundheitspolitik” stand ja schon fast seit drei Monaten, wieviel Praxen aus welchen Gründen aussortiert wurden. In der Studie steht es auch. Beides habe ich nach weniger als einer Minute per Google gefunden. Da hat doch SPON vermutlich irgendeine Pressemitteilung aufgeschnappt und nun als brandneu verkauft. Die haben doch die Studie nicht wirklich gelesen.

  6. 1.04.2008 | 17:26

    Mir scheint, dass “nicht wirklich lesen” zum Alltagsgeschäft vieler Journalisten gehört. Das Material wird von Agenturen geliefert, entweder gleich 1:1 reinkopiert oder kurz quergelesen und nach dem dadurch entstandenen Verständnis umformuliert und mit mehr oder weniger reißerischen Überschriften versehen.

  7. Lina
    1.04.2008 | 17:32

    @ stefanolix

    “Was mich dabei erschreckt, ist die unprofessionelle Arbeitsweise bei SPON.”

    Erschreckt mich auch. “Sturmgeschütz der Demokratie” - ja, das soll er mal gewesen sein, der Spiegel, zu Augsteins Zeiten vielleicht, aber die sind lange tot. Heute ist er (doch!) die “Bild” für Wissbegierige, mit Betonung auf Gier nach Wissensvorsprung, nach “wissenschaftlichem Beleg” - auch wenn der aus dem Fundus stammt. Zur Aktualitätsgewinnung kommt es nicht darauf an, wie alt eine Studie ist und wie man sie zu lesen hat, sondern wie gut sie in die Landschaft oder in ein Aktualitätenloch passt.

    Das hier scheint wieder so ein Fall (linker) “Landschaftspflege” zu sein; anstatt gleichzeitig die Vor- und Nachteile beider Versicherungssysteme, privat und gesetzlich, vom Prinzip her zu vergleichen, wird nur wieder in die Kerbe der sog. sozialen Ungerechtigkeiten gehauen.

    Gut wäre es, wenn die Leute auf den Bericht hin, der übrigens durch viele Medien ging, sagen könnten: wenn das so ist, dann möchte ich auch privat versichert sein - wie geht das und zu welchen Konditionen? Aber so weit führt er die Debatte nicht, und genau das macht meiner Meinung nach inzwischen seine Zweitklassigkeit aus: dass er Luft ablässt und keine nachfüllt.

  8. stefanolix
    1.04.2008 | 17:34

    @Boche: Ja, aber welche Agentur liefert denn so steinalte Meldungen? Ich vermute, dass das alles nur auf eine Pressemitteilung zurückgeht, die eine interessierte Partei in die Welt geblasen hat.

    Was in dem SPON-Artikel auch nicht erwähnt wird, ist die besondere Beziehung des Herrn Lauterbach zum oben genannten Institut. Zitat:

    Direktor: Univ.-Prof. Dr. med. Dr. Sc. (Harvard) Karl Lauterbach

    Herr Professor Lauterbach ist als Mitglied des Deutschen Bundestages an der Universität beurlaubt. Die kommissarische Leitung des Institutes obliegt Herrn Priv.-Doz. Dr. rer. pol. M. Lüngen.

  9. stefanolix
    1.04.2008 | 17:39

    @Lina: Danke für die Ergänzung, das Bonmot »linke Landschaftspflege« werde ich mir merken ;-)

    Was Du ansprichst wäre allein noch mal einen ganzen Artikel wert. Es wird z.B. überhaupt nicht hinterfragt, welche Rolle die Budgetierung spielt und ob sie in der Studie berücksichtigt wurde.

    Mir ist auch nicht klar, warum man beispielsweise einen Hörtest unbedingt nach zwei Tagen haben muss. Geht die Welt unter, wenn’s eine Woche dauert und dann ordentlich gemacht wird? Beim Optiker sind inzwischen alle Kunden privat und auf einen qualifizierten Sehtest mit einer Optikermeisterin warte ich auch einige Tage.

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