7. April 2008
Die rot-grünen Jahre
So lautet das erste Buch, das der ehemalige Außenminister und halboffizielle Obergrüne Joschka Fischer über die Regierungszeit dieses “Projekts der 68er” (nicht meine Formulierung, sondern die Fischers!) geschrieben hat. Es war auch für mich eine Premiere, nämlich mein erstes “gehörtes Buch”. Wenige Stunden lang verfolgte mich im Precoriat der tiefe und leicht krächzende Singsang dieses “letzten Rock’n'Rollers” der deutschen Politik. Ein Hörbuch-Talent ist Fischer wirklich nicht. Die zurückgenommene, strenge Form passt nicht zu ihm, und er verfügt natürlich auch nicht über das Talent eines Hape Kerkeling, der dennoch durch geschickte Nuancierungen seiner Stimme und seines Sprechrhythmus “Ich bin dann mal weg” zu einem echten Hörbuch-Erlebnis macht, wovon ich mich auf meinen langen Autofahrten in den Norden und zurück überzeugen konnte. Aber immerhin: Der Bass ist authentisch, und selbstverständlich will man Fischer von niemandem anders hören als von Fischer selbst.
Ich habe aus der “Lektüre” viel erfahren über den Politiker Fischer, und dazu noch einiges über die Politik der Jahre, die er beschreibt. Dass der Mensch Fischer fast ganz hinter den Politiker zurücktritt, ist fast typisch. In seinem eigenen Buch zeichnet sich Fischer innen- und parteipolitisch vor allem als pragmatischer Stratege und Taktiker, für den Überzeugungen erst nach den Möglichkeiten kommen, sie in politisches Handeln umzusetzen. Nur außenpolitisch scheint hin und wieder grundsätzliche Motivation durch, und es beeindruckt schon, wie konsequent er versucht hat, diese auch umzusetzen. Nach diesem Buch kann ich Fischer eigentlich nicht mehr als “echten” Linken bezeichnen. Er war ganz sicher mal einer, aber was ihn mir so sympathisch macht, ist seine Bereitschaft, Grundüberzeugungen an Realitäten zu überprüfen, und die auf eine Konflikt zwischen beiden folgende Konsequenz, Handeln mehr an den Realitäten und weniger an den Überzeugungen festzumachen, ja sogar diese auch zu revidieren, wenn sie sich nicht mehr widerspruchsfrei aufrechterhalten lassen. Das betrifft nicht nur den Wandel in seiner Einstellung zur Bundesrepublik Deutschland, den er nach seiner Zeit in der Frankfurter Szene durchmachte, sondern auch parallel die Einstellung zum Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, in der das sein “Nie wieder Auschwitz”, das er auch zur Begründung des deutschen Engagements im Kosovo-Krieg anführte, von einer einseitigen Parteinahme für die Palästinenser sich zu einer Betonung der historischen Verantwortung Deutschlands wandelte, vor allem für das Überleben des Staates Israel einzutreten. Es ist schwer, so einen wie Fischer in Schubladen einzuordnen, und es ist auch überflüssig. Als Liberaler würde man, jedenfalls meiner Meinung nach, mit so jemandem jederzeit ohne Probleme können.
Nebenbei räumt Fischer noch mit einigen Mythen auf, z.B. indem er durch die Wiedergabe eines Gespräches mit Milosevic die Verantwortung für die Entstehung des Kosovo-Krieges klarstellt (ohne allerdings die Komplexität des Konfliktes selbst zu reduzieren - die Kosovaren sind auch bei Fischer keine Waisenknaben), und indem er (übrigens konsistent zu anderen Quellen) andeutet, wie sehr und für alle anderen überraschend der Irak auf der außenpolitischen Agenda der Regierung Bush bereits seit Amtsantritt eine dominierende Rolle einnahm (und dass - für wie dämlich soll man eine US-Regierung auch halten - natürlich das Thema “Öl” dabei eine Rolle spielte).
Ich möchte hiermit dieses Buch allen empfehlen, die politisch interessiert sind, sich für die jüngste deutsche Geschichte interessieren und die Überlegungen eines Politikers kennenlernen möchten, der diese maßgeblich mitgestaltet hat, und zwar nicht nur als Regierungspolitiker, sondern auch in der Ausrichtung einer der heute maßgeblichen deutschen Parteien. Für alle, die in der heutigen Politik den O-Ton Fischers vermissen (”Schreiben Sie, Fischer ist schuld…”), ist das Hörbuch eine gute Wahl.
Verfasst von Rayson um 18:05 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)