Journalistische Armut

Vielleicht sollte man SpOn überhaupt nicht mehr lesen, anstatt sich täglich neu darüber zu ärgern.
Aber das ist nun mal DAS Leitmedium dieser Republik, was dort an Weltbild verbreitet wird, prägt direkt oder indirekt die Wahrnehmung von Millionen Menschen - und führt am Ende dann auch zu politischen Veränderungen.

Insbesondere wenn es um “soziale Probleme” geht.
Und da findet sich heute ein neues Beispiel unter dem schönen Titel “Meine Armut kotzt mich an”.

Da präsentiert also eine Berliner Studentin ihre “Armut”. Und das soll natürlich aus Spiegelsicht exemplarisch sein für die schlimmen Zustände im Lande, auch wenn Globalisierung / Neoliberalismus / Kapitalismus ausnahmsweise mal nicht explizit als Schuldige genannt werden.

Etwas problematisch für das “exemplarisch” ist natürlich, daß ein recht merkwürdiger Ausnahmefall präsentiert wird: Der Vater verdient genug Geld, also kein BaFöG-Anspruch, will aber nicht zahlen. Eine Klage ist angeblich nicht finanzierbar (obwohl es genau für diese Fälle staatliche Prozeßkostenunterstützung gibt). Die Mutter bekommt Hartz IV und zusätzlich das der Tochter zustehende Kindergeld (das kann man, wenns stimmt, recht großzügig von der Tochter finden - aber wenn man staatliche Transferzahlungen weiterverschenkt, ist man natürlich kein realistisches Beispiel mehr für mögliche Mängel bei diesen).

Insgesamt also eine bizarre Konstellation, da hat die Redaktion wohl lange suchen müssen.

Aber gut - wie viele andere Studenten auch lebt die Probandin also von ihren Nebenjobs.
Und das ist ihr angeblich merkwürdig peinlich. Obwohl es eigentlich auch für Studenten nicht unanständig ist, von der eigenen Arbeit zu leben.

Wichtiger scheint ihr aber, eine Fassade aufzubauen. Die große Sektrunde zu schmeißen im Edeletablissement, um die Freunde zu beeindrucken. Bloß nicht zugeben, daß irgend etwas auch mal zu teuer sein könnte.
Und sie leistet sich eine 32qm-Wohnung - schön, aber doch deutlich über dem studentischen Schnitt. Und das ständige Essengehen und Brunchen am Sonntag muß offenbar auch sein - obwohl sie es gar nicht genießt.

Insgesamt scheint mir das ein recht mißlungenes Beispiel für “Armut” zu sein.
Und man kann sich schon vorstellen, daß die Frau auch später im Leben nie so recht zufrieden sein wird.
Solange sie nicht Bill Gates heiratet (und der ist wohl schon vergeben), wird sie wohl nie erreichen, daß sie sich ohne Rücksicht auf Preise alles leisten kann, was ihr gerade einfällt und womit sie bei anderen Leuten Eindruck schinden kann.

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16 Kommentare zu “Journalistische Armut”

  1. 15.04.2008 | 13:31

    Insgesamt also eine bizarre Konstellation, da hat die Redaktion wohl lange suchen müssen.

    Genau das dachte ich auch, als ich diesen Sermon heute morgen las. Und ausgehend von den dort ebenfalls ständig zum Ausdruck gebrachten unterdrückten Aggressionen und der Haltung, lieber Liquidität vorzugeben als an der eigenen Misere etwas zu ändern, ist für das zukünftige Leben der Verfasserin auch nichts Gutes befürchten…

  2. Marcus
    15.04.2008 | 13:39

    Peinlich, peinlich. Das ist das Niveau von Anne Wills “Menschen-Sofa”. Da werden pseudoexemplarische Fallstudien exhibitioniert.
    Wer so blöd ist, nicht zu begreifen, dass ein Studium zuallererst eine Investition in die eigene Zukunft und das erhoffte höhere Lebenseinkommen bedeutet ist nicht mehr zu retten. Akademiker haben zudem eine verschwindend geringe “Chance”, arbeitslos zu werden - verglichen mit weniger qualifizierten Mitmenschen.
    Aber was hilft’s: Da werden fröhlich Transferleistungen verschenkt, die Absenz von Studiengebühren nicht als Suventionstatbestand wahr genommen und die eigene Konsumhaltung ignoriert.

  3. R.A.
    15.04.2008 | 14:25

    @Marcus:
    > die Absenz von
    > Studiengebühren
    > nicht als
    > Suventionstatbestand
    > wahr genommen
    Das würde ich ihr nicht einmal vorwerfen - das wissen doch nur die wenigsten (und von denen sitzt bestimmt keiner in der Spiegelredaktion).

    Und immerhin verdient sich das Mädel ihren Lebensunterhalt selber.

    Aber ansonsten ist das schon eine Lachnummer.

  4. 15.04.2008 | 14:34

    Vielleicht sollte man SpOn überhaupt nicht mehr lesen

    Eben. Seit ich diese Journaille in meinem Nachrichtenüberblick ganz weit nach unten geschoben habe (irgendwo zwischen Stern und Frankfurter Rundschau), ist das online Zeitungslesen viel schmerzfreier geworden. Auch, wenn sich Welt Online immer mehr Mühe gibt, den SPON-Stil zu kopieren.

  5. R.A.
    15.04.2008 | 14:48

    @Boche:

    ist das online Zeitungslesen viel schmerzfreier geworden.

    Schon.
    Aber wie heißt es so schön: Wenn man in meinen Alter morgens aufwacht und es tut nichts weh, ist man tot.

    Wenn es einem bei der Presseschau weniger um Schmerzfreiheit geht, als um Information, kommt man halt kaum darum herum, sich zu ärgern.
    Aber nur so kriegt man wohl eine Ahnung, warum die Sachen im Lande so laufen wie sie laufen.

    Aber vielleicht sollte ich mir darüber auch keine Gedanken mehr machen und mir lieber ein hübsches Hobby suchen …

  6. 15.04.2008 | 14:52

    @R.A.

    Wenn es einem bei der Presseschau weniger um Schmerzfreiheit geht, als um Information, kommt man halt kaum darum herum, sich zu ärgern.

    Ich habe nicht das Gefühl, ohne SPON weniger informiert zu sein. Vielleicht stürzt mir die neueste Neuigkeit eine Viertelstunde später und mit geringerer Großbuchstabendichte ins Auge. Aber das ist nichts, was ich als Mangel empfinde.

    Aber nur so kriegt man wohl eine Ahnung, warum die Sachen im Lande so laufen wie sie laufen.

    Man riskiert aber auch, zu pessimistisch zu werden. ;-)

    Aber vielleicht sollte ich mir darüber auch keine Gedanken mehr machen und mir lieber ein hübsches Hobby suchen …

    Das ist bestimmt gesünder.

  7. dagny
    15.04.2008 | 16:47

    Wenn bemaengelt wird, dass die SP0N-Alternativen (Welt Online) immer SP0N aehnlicher werden, dann ist das nur ein Hinweiss, dass es weniger die Meinungsmacher sind, die dem Leser eine meinung aufdruecken, sondern es ist der leser, der so eine zeitung haben will.

  8. 15.04.2008 | 17:14

    Oder, dass die Meinungsmacher dem gleichen Irrtum aufsitzen wie du. ;-)

    Auf längere Sicht wird es der Markt aber ans Licht bringen.

  9. FG
    15.04.2008 | 19:42

    Ich habe ja gewisse Sympathien für die in den Kommentaren genannte These, dass das ganze ein Fake ist und irgendeine Sozio-/Politologin die Kommentare für eine Diplomarbeit auswertet. Das ist so abgedreht, das kann nicht echt sein.

  10. 15.04.2008 | 19:48

    Aber das ist nun mal DAS Leitmedium dieser Republik

    Angeblich nicht mehr so sehr, aber die Ablösung ist auch nicht Dein Fall: Sueddeutsche.de

  11. stefanolix
    15.04.2008 | 22:48

    Das ist nicht abgedreht. Manche Leute sind in Berlin einfach so. Ich steige auf dem Berliner Hauptbahnhof aus dem Zug, laufe durch den Bahnhof oder fahre ein Stück S-Bahn … wenn ich dann die Leute beobachte, erkenne ich (auch) solche Persönlichkeiten. Es kann natürlich ein »Fake« sein, aber dann ist es ein Fake, das sich eng an die Realität anlehnt und in dem scharf beobachtete Tatsachen miteinander kombiniert wurden.

  12. 15.04.2008 | 23:47

    ich besuche spiegel.de nicht und fühle mich sehr gut informiert. es gibt genug richtige Zeitungen in deutscher Sprache. zum Beispiel faz.net oder zeit.de oder tagesspiegel.de

  13. stefanolix
    16.04.2008 | 10:20

    Es passt zwar nicht zum Thema »arme Studentin«, aber um so mehr zum Titel »journalistische Armut«, aber bevor SPON es vielleicht doch noch ändert, sei es hier festgehalten. Sie leiten einen Artikel über den Papstbesuch in den USA momentan mit

    Der eine betet, der andere bombt - doch US-Präsident George W. Bush und Papst Benedikt mögen sich.

    ein. Geht’s eigentlich noch dämlicher?

  14. R.A.
    16.04.2008 | 12:44

    @stefanolix:
    > Geht’s eigentlich
    > noch dämlicher?
    Aber ja doch.

    Ganz aktuell stellt der Spiegel fest:
    “An der Verfassungsfeindlichkeit der NPD besteht kein Zweifel.”

    Wenn auch das Bundesverfassungsgericht zu blöde ist, diesen Fakt zu verstehen - Spiegelreporter sind sofort zu 100% überzeugt.

  15. stefanolix
    16.04.2008 | 13:36

    Das kann ich übertreffen:

    SPD verrentet unzählige Staatsekretäre

    Die Posten sind begehrt - auch im Ruhestand: In den vergangenen drei Legislaturperioden wurden 45 verbeamtete Staatssekretäre der Bundesministerien ausgewechselt.

    Unzählig, in der Tat …

  16. Lina
    18.04.2008 | 11:00

    Noch ein Indiz. Welches Presseorgan ist “journalistisch ärmer”?

    SpOn:

    Treffen mit Pädophile-Opfern:
    Benedikt, der Wundenheiler

    faz.net:

    Geste der Versöhnung:
    Papst trifft Missbrauchsopfer

    Klarer Fall, oder?

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