3. Mai 2008
Der Österreicher als solcher …
Seit den Verbrechen von Amstetten scheint es wieder einmal klar zu sein: der Österreicher als solcher ist obrigkeitshörig, hat eine sture Mentalität der Realitätsverweigerung und ist grundsätzlich verkniffen. Ein prominenter A-Blogger kennt sich in Österreich bestens aus, ist deshalb prinzipiell nicht überrascht vom Geschehen und schreibt zum Fall Amstetten:
Der Fall Amstetten ist furchtbar, aber ich bin nicht überrascht, dass es sowas in Österreich gibt. Auch hier wieder: Etwas von der Obrigkeitsdenke, die in Deutschland kaum mehr vorstellbar ist. Es gibt da so eine bockige, sture, unsagbar dumme Mentalität der Realitätsverweigerung von oben herab [...]
In den letzten Tagen wird viel über diesen Schwerverbrecher geredet, der seine eigenen Kinder in furchtbarer Gefangenschaft und Isolation hielt. Das Schreckliche lässt viele Menschen sprachlos zurück, andere schreien wieder einmal nach der Todesstrafe oder gehören eben zu den schon-immer-gewusst-Habern.
Manche Medien beklagen die »Hetzjagd auf die Opfer von Amstetten« und saugen doch zur gleichen Zeit selbst Honig aus dem Fall. Seitenweise wird Papier damit gefüllt, viele Gigabyte Daten werden erzeugt. Aber es geht um ein singuläres Verbrechen, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Könnte man auch nur ein Zehntel dieses Papiers mit einem anderen Thema aus Österreich bedrucken oder wenigstens ein Gigabyte Speicherplatz für einen anderen Zweck bereitstellen? Ich habe am Rand der deutschen Medienlandschaft ein solches Thema gefunden …
Es wird gern vergessen oder verdrängt, dass mitten in der deutschen und österreichischen Gesellschaft auch Kinder in relativer Freiheit leben und trotzdem isoliert sind. Reden wir deshalb über einen anderen Österreicher, der nichts von »Obrigkeitsdenke« hielt und viele Kinder vor der Isolation bewahrte: reden wir über Heinz Forcher.
Sein Kampf gegen die Obrig- und Hörigkeit begann vielleicht gerade zu der Zeit, als der Verbrecher von Amstetten mit dem Bau des Verlieses begann. Heinz Forchers Sohn ist heute knapp 30 Jahre alt. Er hat im Alter von wenigen Monaten einen dramatischen Sauerstoffmangel erlitten und ist seitdem mehrfach behindert. Der Weg eines solchen Kindes führte damals nach den Regeln der Obrigkeit über die Sonderschule in die Sonderwerkstatt — und mit dem Präfix »Sonder« ist hier wie dort nicht das Besondere, sondern das Abgesonderte gemeint.
Doch Heinz Forcher wollte das nicht hinnehmen. Wie wir oben gelernt haben, ist der Österreicher stur und verkniffen: Heinz Forcher arbeitete nun also mit all seiner Sturheit darauf hin, dass sein Sohn eine normale Grundschule besuchen sollte. Er nahm wirtschaftliche Verluste in Kauf, er war oft am Verzweifeln und Aufgeben, aber er erreichte schließlich sein Ziel: sein Sohn Ernst Forcher wurde als erstes behindertes Kind in eine normale Grundschule aufgenommen.
Wäre Heinz Forcher nun obrigkeitshörig genug gewesen, dann hätte er an dieser Stelle froh und dankbar sein müssen. Aber zu diesem Zeitpunkt begann eine Entwicklung, die es — nach den gängigen Vorurteilen — überhaupt nicht hätte geben dürfen: die Sonderschule in dieser Gegend wurde nämlich schrittweise überflüssig gemacht.
Denn der Rektor der Sonderschule, in die Ernst Forcher nicht eingeschult wurde, war selbst nicht so obrigkeitshörig, dass er sich mit der Absonderung seiner Schützlinge abgefunden hätte. Er kämpfte von diesem Zeitpunkt an ebenfalls darum, dass behinderte Kinder möglichst gemeinsam mit den anderen Kindern lernen sollten. Die Sonderschule wurde schrittweise überflüssig und ist heute temporär stillgelegt.
Aber damit nicht genug: weil die Behinderten mit den anderen Kindern gemeinsam lernten, konnten sie in manchen Fällen auch Ausbildungs- und Arbeitsplätze auf dem freien Arbeitsmarkt bekommen. Natürlich geht es dabei in vielen Fällen um Arbeitsplätze, auf die der normale österreichische oder deutsche Spießbürger von oben herabsieht. Aber was ist falsch daran, wenn ein Mensch mit einer leichten Behinderung nicht mehr auf stupide Weise Tüten faltet, sondern im Supermarkt Regale einräumt? — Wenn ihn ein Kundenkontakt überfordert, zeigt er eine Karte, auf der steht, dass der Kunde bitte einen anderen Mitarbeiter ansprechen sollte.
Die ganze Geschichte kann man in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift brandeins nachlesen und schon für diesen Artikel lohnt sich der Kauf. Der Artikel ist momentan bis auf eine kurze Zusammenfassung noch nicht online verfügbar, aber er dürfte ab Anfang Juni 2008 verfügbar sein.
Mein persönliches Fazit: mir als Liberalem kann das aus mehrfacher Sicht nur recht sein. Es gibt etwas weniger Bevormundung und Isolation, es gibt etwas mehr Selbstbestimmung und es kommen Menschen auf den freien Arbeitsmarkt, die sonst nie eine Chance gehabt hätten.
Sicher melden sich jetzt Libertäre und sagen mir, dass doch aber jegliche Staatsschule zu verurteilen sei. Sicher melden sich Österreich-Hasser und sagen mir, dass ich doch gerade in allem das Falsche sähe. Und die Anhänger des linkssozialen Bevormundungskartells werden sicher auf die geschützten Sonderräume verweisen, die man den Behinderten doch nicht nehmen dürfe. Aber weil es hier um Selbstbestimmung, um Grundrechte, um Bildung und um Wirtschaft geht, ist das ein Thema für unser liberales Blog. Auch wenn nun vielleicht wieder einige andere meinen, wir hätten ein Brett vor dem Kopf … damit muss man eben manchmal leben.
Verfasst von stefanolix um 20:37 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)