12. Mai 2008
Ich hab da mal eine Frage
Statler hat eine ganz bestimmte Sicht auf “die Befindlichkeit des Landes“, und wieder einmal dient ein Blogeintrag zum Positionieren durch Glaubensbekenntnisse.
Die einen wollen nichts anderes gelten lassen als ein Bild Deutschlands voller rechtsradikaler Gewalttaten und Ressentiments, denen durch staatliche Mittel in Form eines “Kampfes gegen rechts” zu begegnen sei.
Die anderen meinen noch ganz andere Befindlichkeiten in diesem Land betonen zu müssen und verweisen auf die “Migrantengewalt” (korrekter: Gewalt durch ausländische und deutsche Bürger mit Migrationshintergrund).
Und jeder fühlt sich durch den anderen bestätigt. Ziel erreicht, auf zum nächsten Mal.
Ich habe da aber noch eine Frage, die mir bislang in der Diskussion drüben nicht beantwortet wurde (wahrscheinlich, weil alle zu sehr mit ihren Schibboleths beschäftigt waren).
Als ich hier und woanders mit anderen zu Zeiten der Hessenwahl über die Gewalt durch Jugendliche mit Migrationshintergrund diskutierte, traf ich auf eine Argumentation, wonach diese vor allem ein soziales Problem sei und die jungen Männer mit Migrationshintergrund vor allem deshalb als Tätergruppe besonders auffällig werden, weil unter den Migranten viele der sozialen “Problemmerkmale”, die anfällig für solche Taten machen, überdurchschnittlich vertreten sind. Es gibt unter ihnen also z.B. mehr junge Männer, mehr schlecht Gebildete und mehr Arme. Hinzu kommt ein Gefühl, von der Mehrheitsgesellschaft ausgestoßen zu sein. Ich habe diese Argumentation immer für sehr schlüssig gehalten, obwohl sie m.E. nichts daran geändert hat, dass die Probleme eben doch mit der Einwanderung positiv korrelieren. Was natürlich, bevor sich jetzt wieder einer freut, eine “Stelle” gefunden zu haben, nichts damit zu tun hat, ob man für oder gegen Einwanderung ist, sondern ausschließlich damit, wie man auf Einwanderung reagiert. Und letztlich, so die Fortführung der Argumentation völlig richtig, seien auch Jugendliche mit Migrationshintergrund Deutsche.
Der Gegenentwurf zu dieser Schlussfolgerung ist der von bekannten Blogs vertretene angeblich koordinierte Einfluss des Islam als ideologischer Hintergrund. Mir schien das eher absurd zu sein, auch wenn vielleicht Worte fielen wie “Scheißdeutsche” oder “Schweinefresser” - das ist meist die nachgereichte Eigenrechtfertigung der Tat aus angebotenen Ingroup-Outgroup-Versatzstücken. Zumal bei den meisten Taten Alkohol im Spiel war…
Nun können wir bei vor allem bei denen, die im Osten dieses Landes als “rechte Gewalttäter” in Erscheinung treten, interessante Parallelen zu den oben genannten Fakten beobachten, was die soziale Klassifikation der Betreffenden angeht: Junge Männer, schlecht gebildet, arm, ohne Zugehörigkeitsgefühl. Ich würde jetzt also, gerade weil mich die entsprechende Argumentation im anderen Fall überzeugt, sie auch hier für angebracht halten. Es scheint geradezu, als sorgte die ehemalige innerdeutsche Grenzen für eine andere Etikettierung desselben grundlegenden Problems.
Aber weit gefehlt: Gerade jene, die die oben genannten Argumente eben noch besonders vehement vertreten haben, scheinen komplett den Modus zu wechseln. Kein Wort mehr über soziale Problemlagen, nur noch Worte über den ideologischen Hintergrund, den man den Taten zuordnet. Und als Erwiderung auf die eine Gruppe, die zur Relativierung gerne die Migrantengewalt ins Spiel bringen möchte, wird ins Feld geführt, dass Deutsche sich offensichtlich weigerten, auf inhärent deutsche Probleme einzugehen. Den jungen Männern mit Migrationshintergrund wird damit offensichtlich wieder die Identität als Deutsche abgesprochen, die vorhin noch wie selbstverständlich festgestellt wurde.
Die Frage ist jetzt ehrlich gemeint: Kann ich nicht mehr logisch denken oder wimmelt es hier nicht von Widersprüchen?
Ich habe bisher nur einen einzigen Weg gefunden, der beide Argumentationen gleichzeitig widerspruchsfrei bestehen lassen kann. Da er aber auf eine genetische Begründung hinausläuft, wage ich mir nicht ernsthaft vorzustellen, dass ihn irgendjemand wirklich vertritt. Oder irre ich gerade da?
P.S. Nochmal für die Freunde des Suchens nach “Stellen”: Gegen rechtsradikale Thesen und Parteien einzutreten, ist gut, richtig und wichtig. Denn über Gewalt brauchen wir nicht mehr zu reden, wenn solche Ideen je noch einmal die Mittel staatlicher Macht in die Hände bekommen. Hier geht es aber um die Frage, was die besondere Gewaltbereitschaft im Hier und Heute ausmacht.
Verfasst von Rayson um 18:44 Uhr in der Kategorie Innenpolitik, Politik (Trackback)