19. Mai 2008
Unsolidarischer Sprachmüll
Ich habe gezögert. Soll ich auch noch die letzte Sau, die die Politik durchs Dorf treibt, durch Beachtung adeln? Im Kampf zwischen Klugheit und Brechreiz siegte aber letzterer. Deshalb:
„Wir brauchen eine neue Solidarität.”
Sagte laut z.B. FAZ der “Gesundheitsexperte” der Sozialdemokraten, Karl Lauterbach.
Würde man diese Aussage mit dem gesunden Sprachverständnis der deutschen Sprache Goethes und Schillers, Hesses und Benns oder auch nur der meiner alten Deutschlehrerin zu Abiturzeiten analysieren, würde man vermuten, Herr L. forderte seine Mitmenschen auf, Armen Gutes zu tun und zu helfen.
Leider kann man politische Aussagen nicht so einfach dekodieren. Oder besser: Man braucht andere als sprachliche Regeln, um Aussagen von Politikern zu verstehen. Bei den Sozen ist das recht einfach: Der Begriff “Solidarität” steht schlicht für das Erheben neuer oder das Erhöhen bestehender Steuern und Abgaben.
(Folgerichtig heißt es, dass der neue Armutsbericht, der Herrn L. zu dieser obskuren Forderung animierte, in der SPD Stimmen laut werden lässt, die die Wiedereinführung der Vermögenssteuer forderten.)
Nun könnte man sich zurücklehnen und sagen: “Ok, Prinzip verstanden. Politiker sprechen verschlüsselt. Aber mit ein wenig Mühe kann man das verstehen.”
Ich mag mich aber nicht zurücklehnen. Weil es mich (wiederholt) aufregt, wenn so mit Sprache umgegangen wird. Nicht, weil mich Herrn Lauterbachs sprachliche Demenz (oder Hinterhältigkeit) speziell ärgern würde. Sondern weil dieser Müll, dieses (wohl doch absichtliche) Verdrecken des Gedachten, medial massenhaft verbreitet wird. Und weil ich mich schon heute nicht mehr mit meinen Mitmenschen unterhalten kann, ohne den Schmutz solcher Begriffsverdrehung zu bedenken und im Gespräch als Voraussetzung zu beachten.
Solidarität, Herr Lauterbach, “impliziert ein Prinzip der Mitmenschlichkeit; Solidarität konstituiert sich aus freien Stücken” (Wikipedia).
Indem Sie diesen noblen Begriff für Ihre Enteignungs- und Sozialneidfantasien missbrauchen, ziehen Sie echte Solidarität in den Dreck, in dem Sie sich politisch suhlen. Wer sich solidarisch verhält, wird zukünftig mit Ihnen und Ihren Gesellen zusammengedacht. Sie sprachlicher Schmutzfink!
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Verfasst von Boche um 10:40 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)