Fruchtfliegen

Woran denken Sie, wenn Sie in der Zeitung das Wort »Fruchtfliege« lesen? Vielleicht an den Biologieunterricht, in dem die Fruchtfliege als Modellorganismus in der Genetik vorgestellt wurde? Vielleicht an die gelben Klebstofffallen, mit denen man die ungebetenen Gäste vom sommerlich gefüllten Obstkorb fernhalten möchte? An das kurze Leben dieser Tiere? Oder an die Schäden, die man im Obstanbau befürchtet, wenn mal wieder eine Fruchtfliegenplage erwartet wird?

Wenn ich von solchen Schädlingen lese, dann denke ich manchmal auch an Professor Dietrich Dörner und sein Buch »Die Logik des Misslingens«. Dörner befasst sich darin mit Modellen für das Handeln in komplexen Situationen und erklärt an vielen Beispielen das Versagen von Führungskräften, die sich an der Lösung komplexer Probleme versucht haben. Wenn solche Führungskräfte eine Fruchtfliegenplage voraussehen, dann haben sie immer eine ganz schnelle Lösung parat: man könnte doch richtig kräftige Insektizide einsetzen oder man könnte tausende Menschen zum Einsammeln der Insekten auf die Felder schicken …

Ein deutscher Umweltminister darf heute an den Einsatz von Insektiziden gegen Fruchtfliegen überhaupt nicht denken. Er weiß: »Gute« Insektizide gibt es nicht. Und er kann heute auch nicht mehr tausende Menschen auf die Felder schicken — zumindest solange man keinen Auftraggeber zwingen kann, ihnen einen protektionistisch wirksamen Mindestlohn dafür zu zahlen. Ein deutscher Umweltminister löst das Problem natürlich auf ganz natürliche Art und Weise.

Herr Gabriel hat gemeinsam mit zwei anderen Autoren für die gestrige Ausgabe der F.A.Z. einen Gastbeitrag geschrieben, in dem die Fruchtfliegen ein wichtiger Aufhänger sind. Eine Fruchtfliegenart hat sich von Kenia über den gesamten afrikanischen Kontinent ausgebreitet und bedroht nun die Mango-Ernten. In Sri Lanka soll es einen natürlichen Feind dieser Fruchtfliege geben, den man nun von dort importieren müsse.

Im weiteren Verlauf des Artikels geht es dann darum, dass man Sri Lanka diesen natürlichen Feind eigentlich im Rahmen eines Abkommens über die biologische Vielfalt abhandeln müsse, denn das Land habe momentan den Export dieser wichtigen Ressource gestoppt. Und es gibt natürlich wieder einmal Forscher und Berater, die ganz sicher sind, dass dieser natürliche Feind ganz gefahrlos »in Afrikas Ökosystem« ausgesetzt werden kann (»in Afrikas Ökosystem« ist ein wörtliches Zitat aus dem Artikel, das man sich genießerisch auf der Zunge zergehen lassen sollte).

Hätte sich Herr Gabriel von Professor Dörner beraten lassen, dann würde er solche Lösungen nicht im Brustton der Überzeugung verkünden. Dietrich Dörner hat sich eingehend mit Modellen befasst, in denen Räuber-Beute-Beziehungen eine wichtige Rolle spielen. Und wenn man eines aus seinem Buch lernen kann, dann das Misstrauen gegenüber solchen ganz einfachen Lösungsansätzen: ich importiere ein Tier aus einem ganz anderen Lebensraum, vermehre es, lasse es auf den Schädling los und alles wird gut.

Im Regelfall wird davon eben überhaupt nichts gut. Die Geschichte hat gezeigt, dass durch so »einfache« Maßnahmen manches scheinbar unbeteiligte Tier ausgerottet und mancher Lebensraum zerstört wurde. Die Wissenschaft stellt Modelle zu den Beziehungen zwischen Räuber- und Beutepopulationen zur Verfügung. Aber man müsste eben als Umweltminister und letztes politisches Talent der SPD erst mal darauf kommen, sich von mehreren Seiten beraten zu lassen.

Es überrascht andererseits nicht, dass ein deutscher Minister solche Lösungsansätze vertritt. Denn in der Innenpolitik machen sie es ja auch nicht anders: gegen »Armut« hilft »Mindestlohn« und gegen weiter bestehende Armut hilft dann wahrscheinlich ein höherer »Mindestlohn«. Dass ein Mindestlohn nach der geltenden Armutsformel überhaupt nicht gegen Armut helfen kann, weil er eben immer nur der Lohn der anspruchslosen Arbeit sein wird und weil ein bestimmter Teil aller Beschäftigten wirklich nur anspruchslose Arbeiten erledigen kann, wird schon bei der Zielsetzung übersehen.

Das strategische Denken in komplexen Situationen ist erlernbar. Und das Lernen beginnt meist in dem Augenblick, in dem man über die eigenen Fehler in der Computer- oder Spielsimulation erschrickt. Manchmal träume ich davon, den gesamten Bundestag für 14 Tage in Professor Dörners Versuchslabor zu schicken. Aber dann denke ich daran, dass die Abgeordneten viel zu viel mit ihren Mindestdiäten zu tun haben und so möchte ich sie lieber doch in Ruhe lassen. Es ist ja noch immer irgendwie gut gegangen …

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16 Kommentare zu “Fruchtfliegen”

  1. 21.05.2008 | 8:11

    Und nachdem er ein paar Tage im Labor verbracht hat, schicken wir Gabriel als nächstes in die Bibliothek und lassen ihn “Die Anmaßung von Wissen” vom guten, alten Hayek lesen…

  2. stefanolix
    21.05.2008 | 8:38

    Und dann noch die wichtigsten Abschnitte aus »Was man sieht und was man nicht sieht«;-)

    Ich hätte nie geglaubt, wie planlos diese Spitzenpolitiker in Wahrheit agieren. Und zur gleichen Zeit beschneiden sie die Freiheit der Bürger.

  3. Lina
    21.05.2008 | 9:42

    Zitat: “Manchmal träume ich davon, den gesamten Bundestag für 14 Tage in Professor Dörners Versuchslabor zu schicken.”

    Du hast vielleicht Träume (-;! Und was käme dabei heraus, wenn dieser eine sich realisieren liesse? Bestenfalls CHAOS, schlimmstenfalls nur IRRITATION - auf die sie sich in ihrer zwanghaften und kopflosen Regelwut erneut stürzen würden…

    Eindrucksvoller Text über natürliche Feinde und die politische Machbarkeit des längerfristig Machbaren, das nicht gemacht wird, weil es kurzfristigen Zielen zuwiderläuft.

    Wird wohl ein Traum bleiben, oder (-;?

  4. stefanolix
    21.05.2008 | 10:24

    @Lina: Anders konnte ich das nicht verarbeiten;-)

    Normalerweise müsste die F.A.Z. auch etliche Leserbriefe dazu bekommen, denn ausgerechnet das Problem »Bekämpfung eines natürlichen Schädlings in Entwicklungsländern« wird gern als Beispiel herangezogen. Mich erschreckt, dass Gabriel und seine Mitautoren so völlig unkritisch davon überzeugt sind, durch »Einbürgerung eines natürlichen Feindes« die Fruchtfliegen beseitigen zu können. Das zeigt doch, dass sie sich noch nie wirklich mit dem Thema befasst haben.

    Abgesehen vom Aufhänger: das Thema des Artikels ist eigentlich sehr spannend. Wie kann man den Entwicklungsländern einen Ausgleich für die natürlichen Ressourcen geben, die wir für neue Medikamente oder andere Zwecke dort herausholen? Müssen wir ihnen überhaupt einen Ausgleich geben? Muss es ein ökonomischer Ausgleich sein?

  5. 21.05.2008 | 11:37

    Wie kann man den Entwicklungsländern einen Ausgleich für die natürlichen Ressourcen geben, die wir für neue Medikamente oder andere Zwecke dort herausholen? Müssen wir ihnen überhaupt einen Ausgleich geben?

    Jede Seite hat zwei Medaillen ;-). Also denken wir bei der Gelegenheit darüber nach, welche Entschädigung die Entwicklungsländer für “natürliche Ressorucen” geben, die ungefragt in anderen Ländern ihre Wirkung entfalten, z.B. eben weil sie dort eingeschleppt das ganze Ökosystem durcheinanderbringen. Eigentum ist zwiespältig: Zum einen berechtigt es den Eigentümer, über es zu verfügen und von Nutzern eine Gebühr zu verlangen, zum anderen macht er sich für die Wirkungen seines Eigentums auf die Umwelt schadenersatzpflichtig…

  6. Lina
    21.05.2008 | 12:03

    @ stefanolix

    Du stellst vielleicht Fragen (-;! Und was Dich in letzter Zeit alles “erschreckt” (-;! Muss ich mir Sorgen um Dich machen (-;?

    Den Entwicklungsländern einen Ausgleich geben? Wir bezahlen doch dafür. Nein, wenn wir ihnen etwas nehmen würden, was sie nicht in irgendeiner Form von uns verarbeitet zurückbekämen (ob sie es wollen oder nicht…), dann würde ich darüber länger nachdenken. Sie schlucken ja auch unsere Medikamente, erlauben sich unfeine “Nachbauten”, die sie hemmungslos an uns zurückadressieren, was ich sehr unfair von ihnen finde. Aber der Markt, das sind wir alle, wie ich gelernt habe, und wir sind so…

    Nein, der ökonomische Ausgleich ist der einzige Ausgleich, den ich mir denken kann - und habe noch nicht mal meinen “natürlichen Feind”, ein schlechtes Gewissen, dabei (-;)

  7. 21.05.2008 | 12:43

    [...] darum soll es diesmal nicht gehen. Dass Politiker in komplexen Systemen herumpfuschen, von deren Dynamik sie keine Ahnung haben oder sie gekonnt ignorieren, ist schon schlimm genug. [...]

  8. R.A.
    21.05.2008 | 12:46

    Ich habe große Probleme mit der Idee, eine Tier- oder Pflanzenart wäre Eigentum des Heimatlandes und dieses könne groß kassieren, wenn diese Arten nun anderswo gezüchtet werden.

    Es geht hier immer noch um konkrete Tiere und Pflanzen mit konkreten Eigentümern, und es gibt m. E. keine Rechtfertigung, daß der Staat deren Verkauf ins Ausland verbietet oder monopolisiert.

  9. stefanolix
    21.05.2008 | 14:19

    Ich habe das ja auch absichtlich als Frage in den Raum gestellt. Diese Länder sehen ihre Pflanzen und Tiere wohl als eine Art Bodenschatz und wollen nun vielleicht Konzessionen für die Nutzung vergeben. Es kann ja auch einiges für Einschränkungen sprechen. Auch bisher ist es z.B. verboten, geschützte oder bedrohte Pflanzen und Tiere auszuführen.

    Meiner Meinung nach müssen alle Wissenschaftler auf der ganzen Welt an allen Tier- und Pflanzenarten der Erde forschen dürfen (wenn kein besonderes Artenschutzbedürfnis dagegen spricht). Die Ergebnisse der Grundlagenforschung sollten dann aber auch »public domain« und nicht patentierbar sein.

  10. R.A.
    21.05.2008 | 14:29

    Ich habe das ja auch absichtlich als Frage in den Raum gestellt.

    Klar, deswegen habe ich halt mal eine Antwort in denselben Raum gestellt ;-)

    Diese Länder sehen ihre Pflanzen und Tiere wohl als eine Art Bodenschatz

    Was natürlich Unsinn ist, weil diese Tiere oder Pflanzen ja nicht verbraucht werden.

    Auch bisher ist es z.B. verboten, geschützte oder bedrohte Pflanzen und Tiere auszuführen.

    Das ist in der Tat oft sinnvoll, aber natürlich eine ganz andere Thematik.

    Die Ergebnisse der Grundlagenforschung sollten dann aber auch »public domain« und nicht patentierbar sein.

  11. R.A.
    21.05.2008 | 14:31

    Da habe ich eben den falschen Knopf gedrückt.

    Es geht natürlich mit dem Zitat weiter:

    Die Ergebnisse der Grundlagenforschung sollten dann aber auch »public domain« und nicht patentierbar sein.

    Das ist eine Grundsatzfrage, ob man so etwas für patentierbar hält oder nicht.
    Die Patentierbarkeit kann auf jeden Fall nicht daran hängen, ob man einheimische oder importierte Tiere/Pflanzen untersucht hat.

    Absurd ist auf jeden Fall, daß ausgerechnet Linke den Drittweltstaaten solche Ausnutzungsrechte für deren Flora/Fauna zusprechen wollen - genau die Leute also, die ansonsten bei solchen Patenten sehr dagegen sind.

  12. stefanolix
    21.05.2008 | 14:35

    OK, wenn wir von nachwachsenden Rohstoffen reden, kann aber ein Land trotzdem auf die Idee kommen, die Waren bei der Ausfuhr mit bestimmten Abgaben zu belegen.

    Ich muss jetzt erst mal weiterarbeiten, aber mich würde Eure Meinung zur Patentierbarkeit (am Abend) dann wirklich mal interessieren. Ich meine, die Patentierbarkeit dürfte immer erst bei einem technischen Verfahren beginnen. Nur für einen extrahierten Wirkstoff dürfte es kein Patent geben.

  13. stefanolix
    21.05.2008 | 14:41

    Jetzt haben wir uns überschnitten. Ich will nicht, dass diese Länder dickes Geld kassieren, nur weil auf ihrem Boden zufällig irgendeine Pflanzenart wächst oder eine Tierart lebt. Freilich müssen sie das Recht haben, den Bestand zu schützen.

    Aber um die Balance zu wahren, müsste man dann der Chemie- oder Pharma-Industrie auch verbieten, einen natürlichen Wirkstoff zum Patent anzumelden. Denn der ist ja keine Erfindung. Selbstverständlich muss das Verfahren zum Gewinnen des Wirkstoffs patentierbar bleiben, denn darin steckt ja die Innovation. Aber alle anderen Unternehmen müssen mit einem eigenen Verfahren den selben Wirkstoff extrahieren können.

  14. 21.05.2008 | 14:50

    Nur für einen extrahierten Wirkstoff dürfte es kein Patent geben.

    Kommt drauf an, ob man diese Frage ethisch-moralisch oder ökonomisch beantworten möchte.

    Ökonomisch wäre eventuell zu klären, ob die Extraktion des Wirkstoffes (bzw. die Entwicklung des Verfahrens und ggf. die Suche nach passenden Pflanzen/Tieren) sonst unterbliebe, weil erwartete Kosten und Erlöse ohne Patentierbarkeit in keinem interessanten Verhältnis stehen.

  15. 21.05.2008 | 22:42

    In der Tat ein sehr empfehlenswertes Buch! Wobei Dörner ja primär das Phänomen der vermeintlichen (!), einfachen Kausalitäten und des “Übersteuerns” beschreibt. In der Politik wird diese Fehlerquelle jedoch so sehr von Populismus und Ideologien überlagert, dass Dörners Buch als Äquivalent eines feinkörnigen Schleifpapiers erscheint, wo man zunächst wohl eher mit einem ganz groben Hobel bei müßte. :o)

  16. stefanolix
    22.05.2008 | 7:46

    @peter: Eigentlich mit der Axt;-)

    Es ist die Frage, was hinter dem Populismus und hinter den Ideologien zum Vorschein kommt. Ich will ja nicht grundsätzlich bestreiten, dass es auch bessere Planungen und durchdachtere Lösungsansätze gibt. Aber man sieht leider kaum etwas davon.

    Ich wollte das Buch nicht im Grundsatz vorstellen, sonst wäre der Artikel zu lang geworden. Ich habe deshalb gleich über die Schlussfolgerungen in Bezug auf unsere Politik(er) geschrieben. Wer sich ein Bild machen möchte, findet hier die Angaben zu dem Buch in der Ausgabe, die ich gelesen habe:

    Die Logik des Mißlingens (Taschenbuch) von Dietrich Dörner

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