25. Mai 2008
Schwant was?
Die beiden größeren Parteien, die früher mal “Volksparteien” genannt wurden, geben unterschiedliche Präferenzen dafür zu erkennen, wer denn demnächst den Grüß-Gott-August für ausländische Staatsgäste spielen darf. Aber wollen wir die Rolle des formellen Staatsoberhaupts nicht zu gering schätzen: Jemand wie “Richie” hat z.B. sehr viel zum für diesen Sozialstaat unverzichtbaren Gemeinschaftsgefühl beigetragen.
Wenn es um die Frage “Köhler oder Schwan” geht, habe ich, ganz ehrlich, keinerlei Präferenz. Aber aus den Präferenzen der anderen kann man was ablesen. Christian Geyer, einer dieser Salonlinken, die sich im F.A.Z.-Feuilleton tummeln, hat eine Rezension zu einem Buch von Gesine Schwan verfasst, aus der man Interessantes in Erfahrung bringen kann.
Ein grundsätzlicher Gegensatz von liberaler und linken Gesellschaftsentwürfen wird hier dankenswerterweise allgemein offensichtlich: Linke Gesellschaften müssen normativen Grundsätzen genügen, liberale nur formellen. Linke brauchen die Vorstellung von einem “Minimum des Lebens”, die Liberale gerne dem Verfahren überlassen würden.
Der Unterschied ist aber noch subtiler: Auch Liberale haben, ganz individuell, Wertmaßstäbe. Sie finden sich nur nicht in ihren Politikentwürfen wieder, weil aus liberaler Sicht Wertung nur dann gut ist, wenn es sich um eine individuelle handelt. Solidarität kann also nichts sein, was eine Mehrheit einer Minderheit aufdrückt, aber sie hat ihre Berechtigung, wenn genug Menschen solidarisch handeln.
Eine Aussage von Schwan finde ich bemerkenswert, und ich stimme ihr auch zu: “Überall dort, wo der Markt zur Weltanschauung wird, tut das auch dem Markt nicht gut.” Der Markt an sich kann keine Weltanschauung sein. Er ist eine Regel, aber er bietet keine Letztziele. Im Gegenteil, der Vorteil des Marktes ist es gerade, dass er die Letztziele nicht vorschreibt. Um Handel zu treiben, muss ich nicht in die Glaubensgeheimnisse meines Gegenüber eintreten. Ich kann ich so leben lassen, wie er das möchte, so lange sein Glaube nicht in meine Freiheiten eingreift. Auch ich finde, dass über den Markt hinaus jeder Mensch eine Zielvorstellung braucht, und zwar möglichst eine gründlich reflektierte, die auch spirituelle Optionen einschließt. Wenn dieser Mensch dann die Spiritualität für sich als Möglichkeit ausschließt, ist das immer noch ok, nur die Gedanken sollte er sich möglichst mal gemacht haben. Die Reduktion auf Marktergebnisse taugt als großartiger Kompromiss, aber für die Fülle menschlicher Möglichkeiten wäre sie eine Verflachung. Die Gefahr besteht in liberalen Entwürfen zum Glück nicht, denn was sonst sollte der “Fülle menschlicher Möglichkeiten” Raum verschaffen, wenn nicht die spontane Initiative der Vielen, auch Markt gennannt.
Und da wird es für mich problematisch: Wann immer jemand zu der Überzeugung gelangt, es sei Aufgabe der Politik, das meiner Meinung nach nicht nur als richtig, sondern auch als notwendig erkannte Vakuum liberalen Denkens zu füllen, bereitet der den Weg zur Knechtschaft. Der Ausruf “Laissez faire” ist eigentlich unvollständig: Richtig und universell hieße er “Laissez nous faire!”.
Verfasst von Rayson um 20:07 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)